Test: Harley Benton TE-20MN, E-Gitarre

1. März 2020

Eine Tele zum absoluten Kampfpreis!

Wen man denkt, es geht nicht mehr billiger – dann trudelt prompt die nächste E-Gitarre von Harley Benton bei uns zum Test ein. So geschehen in Form der Harley Benton TE-20MN, die für sage und schreibe 89,- Euro ihren Eigentümer wechseln möchte! Da fragt man sich mal wieder: Ein echtes Tool oder doch eher ein Toy, bzw. kann so etwas wirklich funktionieren? Und auf was muss man verzichten, wenn überhaupt? Dass so etwas sehr wohl funktioniert, durfte ich schon des Öfteren in Test von Instrumenten der Thomann-Hausmarke feststellen und auch in diesem Fall haben wir es wieder mit einem Preisbrecher zu tun, der den etablierten Companys ein weiteres Mal die Sorgenfalten auf die Stirn treiben dürfte. Doch alles der Reihe nach!

Harley Benton TE-20MN – Facts & Features

Wie man unschwer erkennen kann, haben wir es bei der Harley Benton TE-20MN ganz offensichtlich mit einer Telecaster-Kopie zu tun, die in einem satten Metallicblau lackiert wurde und einen eingeschraubten Hals aus Ahorn besitzt. Nicht nur auf den ersten Blick wurde hier sehr sauber gearbeitet, auch bei genauerem Hinsehen sind keinerlei Mängel in der Lackschicht oder etwa bei der Verarbeitung des Halses zu entdecken. Wie es unter dem Lack aussieht, kann man natürlich nicht genau sagen, dafür ist die Lackschicht einfach zu deckend aufgetragen. Als Tonholz gibt der Hersteller Linde an, es scheint ein recht leichtes Stück zu sein, denn insgesamt bringt die TE-20MN angenehm wenig Gewicht auf die Waage, was einer guten Performance nur dienlich sein kann. Zudem schwingt die Konstruktion insgesamt unerwartet freudig, aber dazu kommen wir später im Praxisteil noch genauer.

Harley Benton TE-20MN E-Gitarre Hals-Korpus

Sauber eingeschraubter One Piece Mapleneck bei der Harley Benton TE-20MN

One-Piece-Mapleneck an Bord!

Der Hals besteht aus einem Stück Ahorn, das eine durchaus attraktive Maserung aufweist. In dieser Preisklasse ist das schon mehr als ungewöhnlich, denn in aller Regel erwartet uns bei derart günstigen Gitarren eher eine Flickschusterei erster Güte. Das angenehm flache Modern-C Profil der Rückseite mit seiner nur satinierten Oberfläche bietet der Greifhand ein optimales Spielgefühl, auch wenn es mal etwas feuchter zugeht. Lob verdient zudem die Werkseinstellung – die Saitenlage könnte kaum besser sein, darüber hinaus wurde die Oktavreinheit unseres Testinstruments absolut sauber justiert. Akkorde und Voicings klingen auf der gesamten Länge des Halses stets rein und klar und auch von den gefürchteten Deadspots ist weit und breit keine Spur zu sehen bzw. zu hören.

Unglaublich, auch die Bundierung verdient Bestnoten, lediglich auf den Oberflächen hätte man ruhig noch mal sorgfältiger drüber schleifen können. Somit obliegt dieser finale Schliff in der Hand des neuen Eigentümers, der nach ein paar Stunden Bendings und Slides ganz bestimmt nichts mehr schleifen hört bzw. einen unangenehmen Widerstand bemerkt. Ansonsten sind die Kanten der 22 Jumbo-Bünde aber absolut sauber abgerichtet und bei all dem sollte man nie vergessen, dass für die Harley Benton TE-20MN ein Preis aufgerufen wird, der nicht höher liegt als die Tankfüllung eines Kleinwagens. Und dafür ist das Gebotene schon sehr beachtlich, ja fast schon unfassbar gut.

Harley Benton TE-20MN backside

Harley Benton TE-20MN Rückseite

Die Hardware der HB Telecaster

Beim genauen Blick auf die Hardware der HB-Tele fällt zum ersten Mal auf, dass man es hier nicht mit einem Instrument der Premiumliga zu tun hat. Die Verchromung ist nicht sehr füllig geraten, sodass man unter der Chromschicht die Struktur bzw. Schleifspuren des Metalls erkennt. Das könnte dazu führen, dass aggressiver Handschweiß oder andere äußere Einflüsse hier früher oder später ihre Spuren hinterlassen. Die Harley Benton TE-20MN besitzt, wie das Original aus ganz früher Zeit, den klassischen „Aschenbecher“, in dem der Steg-Pickup sowie die drei Saitenreiter ihren Platz finden. Wie bereits erwähnt, steht unser Testinstrument bezüglich der Oktavreinheit voll im Saft, wenn es jedoch mal an der Zeit ist, die Oktavreinheit nachzujustieren, ist das mit den nur drei Reitern keine ganz einfache Sache.

Die ebenfalls verchromten Mechaniken an der Kopfplatte sind jetzt auch nicht das Gelbe vom Ei, sie verrichten ihren Job aber weitgehend zufriedenstellend und verhielten sich während der Testdauer unauffällig. Es sind einfache No-Name-Mechaniken, die Harley Benton dort an die Kopfplatte angeschraubt hat und trotz des spürbaren Spiels auf ihren Achsen lässt sich die Gitarre jederzeit schnell und problemlos stimmen.

Harley Benton TE-20MN Tuner Mechaniken

Harley Benton TE-20MN Tuner

Die Pickups – 2 x TE-Style Singlecoils

Ein Singlecoil am Steg und einer am Hals – auch an dieser Stelle gibt es keinen Unterschied zum berühmten Original aus dem Hause Fender. Über die Tonabnehmer ist nicht viel rauszubekommen, bei vielen Gitarren von Harley Benton werden ja seit einiger Zeit Tonabnehmer von Roswell eingesetzt, hier jedoch haben wir es mit fernöstlichen No-Name-Pickups zu tun, die der Hersteller ganz simpel als „2 TE-Style Singlecoils“ bezeichnet.

Geschaltet und verwaltet wird wie eh und je über einen Dreiwegeschalter und je einen Regler für Lautstärke und Klang, alle drei Bedienelemente sitzen natürlich auf der bekannten Chromblende und sind von durchaus akzeptabler Qualität, auch wenn die Potis mit ihren verchromten Metallknöpfen gerne etwas leichter auf den Achsen laufen dürften.

In der Praxis!

Bereits trocken angespielt bietet unsere HB-Tele ein erstaunlich freudiges Schwingungsverhalten, das man einer Gitarre in dieser extrem niedrigen Preisklasse nie und nimmer zutrauen würde – ich würde zumindest nicht tun, wurde aber direkt nach dem Anspielen „Straight out of the Box“ eines Besseren belehrt. Der Grundsound ist typisch für eine Telecaster mittig bis spitz und mit einem guten Sustain ausgerüstet, zudem verfügt der entstehende Ton über ein spritzigen, knackigen Attack und eine überraschende Dynamikbreite.

Nicht viel anders klingt es am Verstärker, obwohl man sagen muss, dass der Front-Pickup alleine betrieben nicht ganz so viel Dampf macht wie sein Kollege am Steg. Der bietet den berühmten und gewünschten „Twang“ einer Telecaster E-Gitarre, manchmal sogar etwas zu scharf. Das lässt sich jedoch prima durch das Zuschalten des Front-Singlecoils ausgleichen, dann entsteht ein sehr ausgewogener Klang, der sich zudem gut im Bandgefüge durchzusetzen weiß.

Erfreulicherweise halten sich die Tonabnehmer mit Nebengeräuschen sehr zurück, das gilt auch und ganz besonders bei Overdrive-Sounds, bei denen man es aber mit der Zerrung nicht zu sehr übertreiben sollte. Denn dann geht es auch hier mal wieder Richtung Matsch, doch wer kauft sich eine Telecaster, um damit High-Gain zuspielen? Für die angepeilte Zielgruppe der Rock ’n‘ Roller ist der Sound weit mehr, als man überhaupt je erwarten würde!

Klangbeispiele

Jetzt aber genug der Worte, lassen wir die Töne sprechen! Wie immer, so habe ich auch bei der Harley Benton TE-20MN mein Referenz-Setup mit dem Orange Micro Dark und der angeschlossenen 1×12″ Celestion Vintage 30 Box benutzt. Vor der Box wurde ein AKG C3000 Mikrofon platziert, als Effekt dient ein ganz schwaches Delay meines Catalinbread Echorec. Weitere Effekte wurden nicht benutzt, es fand nur eine Pegelangleichung mit einem sanft eingesetzten Limiter in Logic Audio statt. Kein EQing, kein fetter Kompressor, der Sound gelangt also nahezu pur an unsere Ohren!

Fazit

Nicht nur angesichts des unfassbar niedrigen Verkaufspreises von läppischen 89,- Euro komme ich erneut nicht drum herum, einem Instrument von Harley Benton unsere Bestnote zu verpassen. Die Harley Benton TE-20MN bietet echtes Telecaster-Feeling und braucht den Vergleich zum Original in vielen Punkten nicht zu scheuen, zumindest dann nicht, wenn es sich um eine Gitarre aus mexikanischer Produktion von Fender handelt. Nie war die Gelegenheit günstiger, in die Telecaster-Klasse einzusteigen. Ein echter Low-Budget-Knaller und dazu gibt es noch ein  dickes Kompliment Richtung Treppendorf, wie doch die Qualität der Instrumente der Thomann-Hausmarke kontinuierlich steigt!

Plus

  • sehr gute Verarbeitung
  • optimale Bespielbarkeit des Testinstruments
  • typischer Tele-Sound mit "Twang"
  • tolle Optik
  • Werkseinstellung
  • mal wieder ein unfassbares Preis-Leistungs-Verhältnis (!)

Minus

  • Bundstäbchen nur ungenügend poliert

Preis

  • 89,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    ArvinG  

    Das „Anfixen“ mit diesen erbarmungslos Billigheimer Klampfen scheint ja wohl gut zu funktionieren. Eines Tages werden die Dinger nochmal verschenkt, wenn man sich dafür in der „Thom.-HarleyB Rockschool“ oder so für ein Jahr anmeldet und dort lernt wie man No. 1 Hits schreibt und alle gängigen Telecaster Klischees bedienen kann ;-)

    Wenn ich da noch an meine erste Ibanez Akustik denke, die kostete 1978 DM 450 glaub ich (plus Koffer für 150) und dafür musste das Sparbuch geplündert werden…herrje. Was für Zeiten heutzutage.

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      Stephan Güte  RED

      Meine erste E-Gitarre war auch eine IBZ, die habe ich am 9.05.1983 gekauft, für 850,- Mark. Das war so viel, wie mein Vater im Monat verdient hat. Ich finde es großartig, dass es heutzutage möglich ist, jungen Musikern den Einstieg zu erleichtern und sie so von der Playstation und dem Gammeln abzuhalten. btw, ich habe die Tele nach dem Test behalten, ist schlichtweg unglaublich, was die kann.

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        Willemstrohm  

        So isses. So aus’m Bauch raus mal, hält die wohl mit der aktuellen Squier CV50s mit? Spiele auch seít einigen Monaten mit dem Gedanken, mir ’ne Tele zuzulegen.
        Aber vorerst isses jetzt ’ne Epiphone Les Paul Muse geworden, die ich bestellt habe.

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          camarillobrillo  

          Ich kann zwar die TE-20MN nicht beurteielen, habe aber 2016 bei Thomann etwa 2 Stunden lang eine Fender Squier Classic Vibe 50 „gegen“ eine HB TE-52 NA – zu dem Zeitpunkt noch mit Wilkinson PUs – getestet. Ich bin da damals eigentlich mit dem festen Vorsatz heran gegangen, für eine bessere Gitarre auch mal etwas mehr Geld auszugeben. Ergebnis: Der Steg-PU der Squier klang zwar geringfügig besser, dafür lag mir die HB einfach besser in der Hand. Die Hals-PUs waren nahezu ununterscheidbar, ggf. die HB etwas besser für meinen Geschmack. Insgesamt war die HB die bessere Gitarre. Sie macht mir immer noch eine Menge Spaß.

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            Willemstrohm  

            Denke mal, die Klampfe nehme ich nächsten Monat noch mit – und dann ist erstmal Schluss mit Gitarren GAS. Geht ja allmählich auf keine Kuhhaut mehr, meine aktuelle Schlagzahl an Gitarrenkäufen.

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              camarillobrillo  

              @Willemstrohm: Ich habe erst bei deiner Antwort gemerkt, dass du das bist – haben wir uns doch gerade noch über Human League „unterhalten“ ;- ) Gibt ja wohl doch einige hier, die sowohl Synthesizer als auch Gitarren mögen.

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                Willemstrohm  

                Jo, kam bei mir erst gaaaanz spät, die Liebe zur Gitarre – und ich dilettiere immer noch dran. Aber egal, ist ein absolut sinnliches Instrument.

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                  Joerg  

                  Und bei mir genau umgekehrt: ab 14 die Gitarre(n) und mit 49 den ersten Synthi plus DAW :-)

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    Codeman1965  

    Ich habe selbst schon ein paar HB in Gebrauch, die sind bisher immer ihr Geld mehr als wert gewesen.
    Dazu muss ich aber anmerken, daß ich eigentlich immer etwas zu ändern habe, sei es Tuner, Pickups, was auch immer.
    Für solche Upgrades sind die HB’s sehr gut zu gebrauchen, weil die Basis, nämlich Fertigung und Finish bei denen in der Regel nahezu makellos sind. Der Rest sind eher Kleinigkeiten.
    Und wer diesen Aufwand scheut, bekommt für einen schmalen Kurs immer noch ein sehr gut zu gebrauchendes Instrument.

    Und zu diesem geradezu lächerlichen Preis etwas in Richtung Tele? Da braucht man wohl nicht lange überlegen…

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      Joerg  

      War auch mein erster Gedanke !
      Für den Preis mitnehmen und dann nach Lust und Laune pimpen

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        Codeman1965  

        Ich habe aktuell noch 2 HB’s hier.
        Die zuletzt gekaufte war ’ne Jazzmaster-Kopie mit einer makellosen Sunburst-Lackierung und ’nem schnurgeraden Hals. Die P-90 Pickups können auf jeden Fall drinbleiben, die Tuner sind 1b bis 2a.
        Ich bin noch nicht dazu gekommen, sie zu pimpen, aber sie spielt sich auch so schon sehr gut.
        Das Pickguard ist leider nix geworden, aber es ist schwierig, da Ersatz zu bekommen. Ist aber auch nicht so wild. Außerdem habe ich mal in ’nem YT-Clip gesehen, daß da Einer ein LesTrem verbaut hatte. Das kommt auf jeden Fall noch drauf!
        Die ganze Nummer hat mich jetzt 130 Euronen, ordentlich Fret-Oil und eine Stunde Fret-Ends nachfeilen gekostet.
        Da meckere ich bestimmt nicht ‚rum… :-)
        Die TE-20 hier hat lt. Stephan eine ähnliche Basis. Das wäre sicherlich einen Versuch wert…

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    Uli Ringhausen  

    Danke für den informativen Test . Macht es aber nicht mehr Sinn , sich eine HB Tele für 150 € zu kaufen ( zB. TE 52 Vintage ) ? ?

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      Stephan Güte  RED

      Check es aus! Schüler von mir haben sich, angesteckt von meiner Begeisterung, die 89-Euro-Tele ebenfalls geholt … von drei war eine ein Ausrutscher, die anderen sind genau so gut gelungen, wie meine. Auch Instrumente von der Stange sind nie gleich, denn Gitarren haben Seelen – anders, als die nach vorgefertigten Elektroteilen hergestellten Synthies :D

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    S_Hennig  

    Ist erstaunlich, wie HB immer noch an der Qualitätsschraube dreht. Ich habe vor 3-4 Jahren meine E-Gitarrenkarriere (ha! Wunschtraum!) mit einer TE-20 mit dunklem sieht-aus-wie-Ebenholz Griffbrett begonnen. Im Vergleich zum aktuellen Modell liegen Welten dazwischen.
    Damals war die Gitarre spielbar. Punkt. Das Sunburst Finish war ein auflaminierter Print, die Bünde mussten erst mal zurecht gefeilt werden, die Pickups waren erwartungsgemäß, etc.
    Aber: Die Gitarre war leicht oktavrein zu bekommen und auch gut bundrein, der Hals war grade, alles war präzis verarbeitet. Ein absolut brauchbarer Startpunkt.
    Später habe ich meine Vorliebe für Ahorngriffbretter entdeckt und mir eine gebrauchte SX Tele geholt. Ich mag das Paddel sehr gern, aber die Bünde sind jetzt völlig runter und weil der Wert des Instruments professionelle Arbeit nicht rechtfertigt, wollte ich die Gitarre selbst neu bundieren.
    Jetzt sehe ich, dass eine neue TE-20 mit Ahorngriffbrett ungefähr dasselbe kostet, wie ich allein für Werkzeuge ausgeben müsste, und ich werde sehr nachdenklich… evtl. werde ich nur die Elektronik umziehen, oder die SX einfach in Rente schicken…
    Mal schauen, ob das Gehalt schon da ist…

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