Test: IGS Audio Tilt n Bands, Stereo-Equalizer

17. Juli 2020

Tubes, Tilt and more!

igs audio tilt n bands test

Das polnische Unternehmen IGS Audio hatte ich bislang überhaupt nicht auf dem Schirm. Seit 2003 aktiv, wuchs es vor allem dadurch, dass man eigenes Equipment für das eigene Studio konstruieren wollte, um das beste Preis-Leistungs-Verhältnis für den besten Sound zu generieren. Im Katalog findet sich mittlerweile so ziemlich alles, was das Herz begehrt: Kompressoren, Equalizer, Vorverstärker unterschiedlicher Auslegungsarten, 500er Module sowie das eigene Rack mit Power-Supply. Selbst ein großartig aussehendes Spring-Reverb begegnet dem Betrachter der Website.

Igor Sobczyk, Gründer und CEO der Marke, gilt als einer der größten Hip Hop Produzenten Polens und als maßgeblicher Verbreiter des Genres seit den 90ern. Seit Kurzem hat sich der Hersteller neue Vertriebswege erschlossen. Erstaunlich sind die im Vergleich zu anderen Herstellern des Segments beinahe unfassbar günstigen Anschaffungspreise. Wir widmen uns heute allerdings dem Produkt des Unternehmens, das für Analog- und Röhrenfetischisten augenscheinlich bei Weitem das „sexieste“ ist, dem IGS Audio Tilt n Bands Equalizer.

Inspiration und äußerliches

IGS Audio Tilt n Bands

Blick auf den roten Leuchtdiamant als Status/Betriebsanzeige

Erbauer Igor Sobczyk beschreibt das alte Röhrenradio seines Onkels als maßgebliche Inspiration – dessen Sound ließ ihn seit seiner Kindheit nicht kalt und inspirierte ihn maßgeblich dazu, den Weg als Ingenieur der Elektronik zu beschreiten. Laut seiner Ausführungen fragte er ihn nach dessen Schaltplan, den er ihm mit einem Bleistift auf ein Stück Papier zeichnete – woraufhin er Zeit seines Lebens dessen Topologie nachbaute und immer mehr verfeinerte. Nach dem Einstieg in den Pro-Audio-Sektor einige Jahre später entschied er sich dafür, die Schaltung etwas zu professionalisieren und ihr einiges an Extras anzudichten, um sie auf den „Mastering Grade“-Stand zu bringen.

IGS Audio Tilt n Bands

Macht sich gut im Sonnenlicht: Der IGS Audio Tilt n Bands

So baute er noch eine zusätzliche symmetrische Röhrenstufe als Aufholer ein sowie neben der Klangregelung für Bass, Mitten und Höhen auch noch einen Tilt, wie man ihn von Konkurrenten à la Gyraf Audio kennt.

Ich weiß, hiervon sollte man sich in diesem Sektor absolut nicht beeinflussen lassen – aber das Design inspiriert unfassbar und holt ab. Kennt ihr noch die alten Nixie-Röhrenbausätze? Magic Eye? Die, die im Takt zur Musik pulsieren? Die alten Radios, die nur dann grün glühen, wenn der Sender genau richtig eingestellt ist? Erbauer Igor hat vorne anstelle eines klassischen VU-Meters ein paar NOS-Röhren verwendet (eigentlich aber ganz neue 6e2, sehr zuverlässig und günstig), die genau das, hinter einer dicken Plexiglasscheibe sicher verstaut, tun. Auch hier wieder eine großartige Referenz zum alten Röhrenradio – als VU-Meter aber natürlich relativ unbrauchbar.

IGS Audio Tilt n Bands

Oben in der Mitte: Kippschalter für den Hard-Wired Bypass

Das Gehäuse ist solide drei Höheneinheiten hoch und mit einer dicken Frontplatte, die noch dicker belackt wurde, versehen! Die „Pultechy“ und retro-artig anmutenden Potis sehen zwar schick aus, muten jedoch in der Haptik etwas kunststoffmäßig an. Durch die präzise Rasterung ist das allerdings zu vernachlässigen. Ansonsten sprechen wir hier von einer äußerlichen Verarbeitung auf dem Niveau der Big Player.

Klangregelung und Aufbau des IGS Audio Tilt n Bands

IGS Audio Tilt n Bands

Überblick über die Frequenzauswahl am IGS Audio Tilt n Bands

Schafft man es einmal, den Blick von den Nixies zu lösen und ganz links anzufangen, so begegnet einem hier zunächst das Tilt-Band, mit dem sich das gesamte Signal jeweils 5 dB in den Bässen und 5 dB in den Höhen (und umgekehrt) „kippen“ lässt, so dass die gesamte Differenz von hoch zu tief am Ende rund 10 dB beträgt. Beim Betrachten der Messkurven des Tilt-Bandes wird ersichtlich, dass der Großteil der Klangregelung hier in den Mitten passiert, die Höhen und Bässe „wandern mit“. Das wird sich später auch noch im Praxisteil widerspiegeln.

IGS Audio Tilt n Bands

Überblick über das Tilt-Band

Mein erster Gedanke, als ich von der Inspiration des Radio Equalizers las, lag nahe: Es macht Klick, „Bandaxall Kurven“, jubilierte ich innerlich bereits.

Sowohl für Bass als auch die Höhen gibt es drei verschiedene Auswahlmöglichkeiten für die Grenzfrequenz der Klangregelung, die Höhen lassen sich ab 5 kHz, 10 kHz oder 12,5 kHz justieren, der Bass ab 50 Hz, 100 Hz oder 250 Hz. Beim Testen der Klangregelung warf das unterschiedliche Ansprechverhalten der verschiedenen Bänder bereits einige Fragen auf – ich hatte das Gefühl, dass die jeweils tiefste Grenzfrequenz für den Bass und die höchste für die Höhen völlig anders – und vor allem auch deutlich subtiler – wirkten als sämtliche anderen.

Ein Blick auf die Messkurven bestätigt meinen Verdacht: Hier gibt es tatsächlich mehr oder weniger beides! Das 50 Hz Band, wie auch das 12,5 kHz Band, wirkt wie ein „phasenlineares“ Bandaxall-Band à la BAX EQ oder Gyraf, alle anderen Bänder wirken eher wie klassische Shelfing-Bänder. Hier gibt es sozusagen beides in einem Gerät.

IGS Audio Tilt n Bands

Hier die Shelfing-Kurven im Überblick

Zu guter Letzt gibt es auch noch ein Band für die Mitten, das genau wie die anderen Bänder im Übrigen auch extrem weich ist. Dieses kann eine Center-Frequenz von 500 Hz, 1 kHz oder 2,5 kHz haben und hat einen dermaßen breiten Q-Faktor, dass es sich fast über das gesamte hörbare Frequenzspektrum erstreckt – gut für die Phase!

Die Mitten lassen sich um 5 dB entweder anheben oder absenken, bei den Höhen und Bässen sind es jeweils 10 dB. Schlussendlich findet sich hier am Ende noch ein Trimmpoti zum Aufholen oder Absenken um jeweils 5 dB. Mit diesem lässt sich der durch die Klangregelung herbeigeführte Lautstärkeunterschied kompensieren. Darüber noch der Kippschalter für den hard-wired Bypass.

IGS Audio Tilt n Bands

Ein Blick auf die Messungen des Mittenbandes

Die Anschlüsse des Tilt n Bands

IGS Audio Tilt n Bands

Ein kurzer Blick auf die Rückseite des schönen IGS Audio Tilt n Bands

Beim Blick auf die Rückseite wird einem noch mal kurz etwas wärmer: Hier gucken sechs sowjetische 6N1P-Röhren aus dem Gehäuse heraus! Ähnlich dem, was man sonst so kennt (ECC88 und Co.) wurden diese aber tatsächlich früher in Röhrenradios verwendet – vielleicht – oder wahrscheinlich sogar in jenem, das Igors Sobczyks Onkel Chris behütete. Das Herausstehen der Röhren sollte den eventuell irgendwann anstehenden Austausch zum Kinderspiel machen. Ansonsten findet man hier nicht viel: Spannungswechsler, symmetrische XLR-Ein- und Ausgänge sowie den Eingang für das Kaltgerätekabel. Doch nun ran an die Regler – hören wir rein.

Praxis – Klang und Nutzbarkeit

Beim reinen Insertieren dieses Gerätes (für den Test schleife ich es durch den Insert meines Dangerous Music 2-Bus+) passiert deutlich weniger, als ich gedacht hätte. Und doch: Dieser texturgebende, ganz leichte Mantel, beinahe à la Massive Passive, macht sich nach dem Lernen des Gerätes bemerkbar – abzüglich der Ausgangsübertrager – die gibt’s hier nicht.

IGS Audio Tilt n Bands

Blick auf „VU-Röhre“ und Trimmpoti des IGS Audio Tilt n Bands

Dennoch, hier erhält man keinen begrenzt einsetzbaren „Färber“, sondern einen universal nutzbaren „Former“. Die sich durch die unterschiedlichen Equalizer-Bänder Arten ergebende Varianz ist sehr interessant und prädestiniert den EQ für unterschiedlichste Einsatzzwecke. Er ist fürs Grobere (zumindest im Mastering-Kontext) da, eignet sich aber auch dazu, seine Summe in die spektrale Richtung zu formen, die einem dann im Nachhinein die Mehrarbeit erspart. Braucht man oben oder unten wirklich mehr Substanz, entscheidet man sich für die klassischen Kuhschwänze. Möchte man „Top end Sheen“,oder einfach nur etwas mehr „Wumms“ von ganz unten, nimmt man die „Bandaxalls“. Simpel wie effektiv.

igs audio tilt n bands test

Allerdings überzeugen klanglich sämtliche verbauten Shelfing-Optionen durch die Bank weg. Auch die klassischeren Shelfs muss man schon gehörig ins Schwitzen bringen, als dass man hier von einer wahrnehmbaren Färbung oder gar Phasenschiebung sprechen könnte. Ähnlich gutmütig agiert das Mittenband, hier kann man ruhig beherzt reingreifen.

Ich hätte gerne einmal reingeschaut. Da das Testgerät fabrikneu und mit einer regelrechten Armada an Torx verschraubt war, wollte ich dem Gerät aber keine unnötigen Gebrauchsspuren verpassen. Das Gerät ist nicht besonders flexibel oder gar präzise einsetzbar wie ein Bax oder Gyraf, dennoch kommt man immer zu einem bereichernden Ergebnis.

IGS Audio Tilt n Bands

Das Gerät kommt auch kleinen Gummifüßchen daher – auf diesen steht es hier gerade nach dem Ausbau für die Fotos.

Trotz der breitbandigen Überlappung aller Bänder sind deren Grenzfrequenzen absolut sinnvoll gewählt und eigentlich vermisst man aufgrund der Auslegung des Equalizers keinen Eingriffspunkt. Leider stellt aber jenes, worauf ich mich am meisten freute, das größte Problem an dem Gerät dar. Kurz: Das Shelfing-Band affektiert die Mitten meines Höreindrucks nach auf sehr negative Art und Weise – greift man hier beherzt ein, wird es leider etwas dreckig. Damit würde ich vielleicht an meinen Drumbus rangehen – aber auf jeglichen Summensignalen war ich mit der Art des Tiltings unzufrieden. Sollte doch hier in der Regel, eben durch ein ganz gerades, phasenlineares Tilt-Band, genau das vermieden werden.

igs audio tilt n bands test

Zu guter Letzt wie immer noch ein paar Klangbeispiele. Zuerst ein Sweepen sämtlicher Optionen auf statischem Material, um einen Überblick über das Gesamtvermögen des Gerätes geben zu können, angefangen mit dem Tilt-Band.

Danach folgen einige subtile Beispiele der Klangregelung, wie ich sie auch im Produktionskontext einstellen würde. Zuerst ist das Signal trocken, danach insertiere ich den Equalizer „live“.

Fazit

Ein sehr interessantes Gerät von einem Hersteller, von dem wir bislang wenig hörten! Die Mischung aus Funktionalität und Emotionen hat mich sehr überzeugt und die Klangregelung ist eigentlich, bis auf das Tilt Band, über jeden Zweifel erhaben.

Der Charakter der Klangregelung ist als sehr subtil und dennoch merkbar zu bezeichnen, da die Bänder alle über mehrere Oktaven wirken und sich stark überlappen. Farblich erinnert er meiner Meinung nach etwas an den Massive Passive – natürlich nicht, was die Wirkung der Bänder anbelangt.

Jedoch: Zwei so grundlegend verschiedene Bänder-Arten in einem Gerät vorzufinden, begegnet mir persönlich zum ersten Mal und da alle Eckfrequenzen sinnvoll gewählt wurden, erscheint mir das Konzept als sehr gelungen. Ich könnte den IGS Audio Tilt n Bands auf so gut wie jeder Produktion gewinnbringend einsetzen, lediglich der Klang des Tilt Bandes überzeugte nicht durchweg. Gerade gemessen am Preis bekommt man hier einiges geboten. Wer auf der Suche nach etwas Feinem für seinen Mixbus oder seine Mastering-Kette ist, sollte sich den Tilt n Bands unbedingt anschauen!

Plus

  • Klang
  • Design
  • Verarbeitung

Minus

  • Tilt Band überzeugte nicht durchweg

Preis

  • 2.589,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    SynergyMan  

    Schöner Artikel Vincent, danke. Vom Tilt Band abgesehen scheint das doch eine sehr brauchbare und vor allem servicefreundliche Maschine zu einem guten Kurs zu sein.

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