Test: Drawmer 1974, Equalizer

9. September 2019

Britischer Equalizer mit Vintage-Sound?

drawmer 1974

Drawmer 1974, Equalizer

Nachdem es für eine Weile eher ruhig um das britische Unternehmen Drawmer geworden war, meldete es sich auf der 2019er Musikmesse regelrecht mit einem Knall zurück. Zwei vollgepackte 1 HE hohe 19-Zoll-Units stellten die Briten vor, den 1976, einen Multiband-Saturator sowie den hier getesteten vollparametrischen 4-Band Stereo-EQ mit Hi- und Lowcuts Drawmer 1974.

Die verwendete Schaltung sei inspiriert durch die Geräte der 70er Jahre und solle jeglichem Signal zu Transparenz, analoger Wärme und Tiefe verhelfen, die kein Plugin zu emulieren im Stande wäre, so wirbt der Hersteller. Alleine daraus wird ersichtlich, dass der Hersteller sich mit dem Gerät wohl eher an den semi-professionellen Kundenstamm richtet, das zeigt auch der Preis: Beide neuen Geräte sollen unter 1.000,- Euro zu erwerben sein, was einen gerade im Bezug auf den Funktionsumfang des Equalizers schon aufmerken lässt. So viel, für so wenig? Für ein Gerät, das sich laut Hersteller auch für Mastering-Aufgaben und sämtliche Mixdown-Prozesse eignet?

Laut Drawmer könne man das Gerät getrost auf dem 2-Bus verwenden. Ein Satz gerasterter Regler kontrolliert hier beide Kanäle, diese seien präzise und ließen, wenn überhaupt, minimale Toleranzen zwischen linkem und rechtem Kanal zu. Kann das etwas sein? Finden wir es heraus.

Drawmer 1974

Ein Überblick über den Funktionsumfang des Drawmer 1974

Vier Bänder, fast volle Parametrik, Hi- und Low-Cuts, Aufholverstärker. All das findet sich komplett in Stereo im 1974, kontrolliert per komplett gerasterten Drehreglern. Die vollparametrischen Mitten- und Low-Mid-Glockenbänder verfügen über breit gefächerte Bandbreitenregelung, hiermit lassen sich schmale Peaks oder mehrere Oktavlagen (etwas über drei Oktaven Breite) zugleich anheben oder absenken. Die Auswahlfrequenzen der Bänder sind ebenfalls extrem variabel gestaltet: Die Mittenfrequenz des Lo-Mid-Bandes reicht von 55 Hz bis zu 2,1 kHz, die des Mittenbandes von 400 Hz bis zu 14 kHz.

Das höhere Mittenband des Drawmer 1974 reicht von 400 Hz bis 14 kHz!

Das Gerät arbeitet also demnach mit extrem überlappenden Frequenzen, was auf dem Papier beispielsweise das Herauspegeln einer Störfrequenz per schmalem Q und das anschließende Anheben des jeweiligen Bereiches mit einer großen Bandbreite ermöglicht.

Aufholverstärker und Locut am Drawmer 1974

Low- und Hi-Band sind Shelving- (Kuhschwanz) Filter, deren Flankensteilheit sich neben der frei wählbaren Mittenfrequenz per Tasterkombination verschiedenpolig anpassen und modifizieren lässt. Im Bassbereich lässt sie sich auf 6, 9 und 12 dB pro Oktave einstellen, während im Höhenbereich 6 oder 12 dB/Oktave zur Auswahl stehen.

Als kleiner Zusatz lässt sich das Shelving-Band im Bassbereich zudem zu einem Peak-Band umstellen, dieses entsteht aus einem 12 dB/Oktave Hochpassfilter und einem schmalen Glockenfilter. Hiermit soll sich der Bassbereich extrem punktuell und chirurgisch verstärken oder beschneiden lassen. Die Mittenfrequenz des Bass-Kuhschwanzes ist von 35 Hz bin 700 Hz einstellbar, die des Höhenbandes reicht von 1,2 kHz bis 20 kHz. Generell lassen sich alle vier Bänder um bis zu jeweils 12 dB abschwächen oder verstärken.

Von 35 bis 700 Hz: Das Tiefenband am Drawmer 1974

Am Anfang der Kette sitzt noch ein Operationsverstärker, dieser kann das Eingangssignal um bis zu 15 dB aufholen oder absenken. Die Hi- und Locuts sind in den wählbaren Frequenzen angenehm breit gestaffelt und separat deaktivierbar. Das Hochpassfilter (Low Cut) hat einen Einsatzbereich zwischen 10 und 225 Hz, die Einsatzfrequenz des Tiefpassfilters (High Cut) liegt zwischen 4 und 32 kHz. Per Bypass-Schalter ist das Gerät komplett aus der Signalkette entfernbar. Dass es sich um einen vernünftigen Hardwired-Bypass handelt, wird daraus ersichtlich, dass auch der Aufholverstärker am Anfang der Kette inaktiv geschaltet wird. Leider sind hier keine Bypass-Relais verbaut worden, das wäre unter Berücksichtigung des Anschaffungspreises aber auch recht hoch gegriffen gewesen.

Das Höhenband am Drawmer 1974 – es reicht von 1,2 kHz bis 20 kHz

Generelle Verarbeitung und ein Blick ins Innere des Drawmer 1974

Ein Blick ins Innere des Drawmer 1974

Hinten am Gerät befinden sich die Stereo-Ein- und Ausgänge, diese sind in XLR ausgeführt. Außerdem ist hier der Ein/Ausschalter untergebracht und der Eingang für das Kaltgerätekabel (mit samt Sicherungsbuchse befindet sich hier ebenfalls auf der linken Seite).

Das recht leichte Gerät mutet aufgrund seines Stahlblechgehäuses recht robust an. Die Frontplatte ist aus recht dickem Aluminium gefertigt, die Potikappen sitzen bündig auf dieser und besitzen einen vertretbaren Drehwiderstand. Einzig und alleine störend ist, dass diese (fairerweise wie bei vielen anderen hochpreisigeren Geräten auch) nicht komplett bündig auf der aufgedruckten Legende sitzen. Würden sie das tun, wären sie aufgrund der gelben Bepfeilung extrem gut ablesbar.

So wie es ist, fällt es leider bei einigen Potis etwas schwer, genaue Schlüsse ziehen zu können. Die Potis sitzen immer leicht neben der Bedruckung, daher ist man sich häufig unsicher, welcher der beiden Werte, zwischen denen der Poti sitzt, denn nun der eingestellte ist.

Von den Bauteilen abgesehen: Zusammengebaut wurde hier vernünftig

Im Bezug auf das Innenleben des Gerätes war ich sehr gespannt, es wird beim Betrieb nämlich wärmer als ein Sack voll Class-A Operationsverstärker. Und da das hier getestete Gerät brandneu ist, riecht es leider aufgrund dessen auch ziemlich „analog“. Schauen wir also mal rein in das Gerät.

Nach dem Aufschrauben fällt zunächst einmal die extrem saubere Bestückung der durchkontaktierten Platinen auf, die Fertigung und Montage des Gerätes ist, was das Innere anbelangt, wirklich über jeden Zweifel erhaben. Der zweite Blick offenbart jedoch genauso schnell, dass hier, neben dem vernünftig aussehenden Toroidal Netzteil, das Günstigste vom Günstigen an Komponenten verwendet wurde, was der Markt gerade so zu bieten hat.

Die Realität: Die vier oder fünf Relaisteile, die man hier findet, stammen von Hongfa, ein Mini-JFET OP-Amp in der Ecke, B20K Potentiometer für die Klangregelung. Sämtliche genannten Einzelbauteile liegen preislich im VK zwischen 80 Cent und 1,30 Euro. Und Übertrager gibt es auch keine.

Hier steht Verarbeitungsqualität im direkten Kontrast zur Bauteilqualität: Das Netzteil ist auf einer separaten Platine untergebracht, die generelle Bestückung ist in absoluter Perfektion gelungen, aber die verbauten Komponenten sind, um es vorsichtig auszudrücken, Stangenware. Im Bezug auf den Klang muss das nicht unbedingt etwas Schlechtes heißen, im Bezug auf den Preis aber wird einem hier einiges klar. Zudem: Ich denke nicht, dass auch nur eine einzige Komponente des Innenlebens in-house gefertigt wurde. Nun hängt es also komplett an Drawmers Schaltungstopologie, ob und was hier rauszuholen ist, also schleifen wir das Gerät mal ein und hören ein wenig.

Der Toroidal Transformator des Drawmer 1974

Praxis: Klang und Nutzbarkeit des Drawmer 1974

Ich probiere das Gerät zunächst auf einigen Mixen verschiedenster Art, los geht es mit House, Techno-Produktionen und Electronica aller Art. Hier fällt mir sofort auf: Der verbaute Locut ist ausgezeichnet. Er ist, gemessen an anderen Geräten, extrem wirkungsvoll und packt ordentlich zu, fürs Mastering vielleicht etwas zu aggressiv geraten, aber für Busse oder Einzelspuren, eine Bassgitarre oder Vocals, vielleicht sogar der Drumbus, wirklich extrem vernünftig. Was sich auch nach dem Ausprobieren auf den solchen Spuren noch einmal bestätigt.

Zurück zum 2-Bus: Hier rühre ich einfach mal ein wenig mit den parametrischen Bändern im Spektrum herum und schaue, was passiert. Beeindruckenderweise bleibt das Signal auch bei extremen, aber breitbandigen Einstellungen intakt und die Phasenstabilität leidet dem Höreindruck nach zu urteilen kaum bis gar nicht. Dennoch, wenn man die Bandbreite verkleinert und gerade mit schmalem Q Boosts durchführt, treibt man das Gerät schnell zum „Mudden“.

Drawmer 1974

Übrigens entsteht dasselbe Problem auch mit der angepriesenen „Peak“-Schaltung des Bass-Bandes, abseits von Material, das vielleicht „muddy“ oder „vintage“ klingen soll, ist diese absolut nicht zu empfehlen.

Negativbeispiel auf dem 2-Bus: Der Mix leidet mir zu sehr, der Preis für die Eingriffsmöglichkeiten ist mir hier zu hoch:

Hier zerschießt man sich die Stabilität der Kickdrum, gerade bei diesen elektronischen Musikstücken. Das funktioniert höchstens noch auf Kickdrums mit langen Sweeps à la 909.

Das, was er dafür oben herum leistet, ist dann doch wieder beeindruckend. Die Boosts per Shelvingband sind eine wahre Freude und man kann wirklich beherzt zugreifen, es klingt fast ein wenig nach Bandaxall.

Drawmer 1974

Tatsächlich bekommt man hier ein extrem brauchbares Airband, das auch auf Stimmen oder auch Bläsern seine Wirkung tut. Der Versuch, mit dem Gerät einen Rock-Gitarrenbus zu EQen, war ebenfalls erfolgreich, das könnte man so auf einer Produktion sehr gut verwenden. Auch das Aufräumen der hochfrequenten Anteile eines Drumbusses stellte eine Freude dar. Hier den Bassbereich anzupacken führt allerdings unmittelbar zum „vintage-mudd“. Der Versuch, Streicher oder Klavier zu EQen, glich gelinde gesagt eher einer Katastrophe.

Positivbeispiel Rock-Roughmix: Hier entsteht ein Mehrwert.

Es wird schnell klar: Das Gerät macht halt auf die simpelste Art und Weise, was ein Equalizer macht. Phasen schieben. Die dadurch entstehenden Artefakte als analoge Wärme, geschweige denn als charaktervoll zu bezeichnen, halte ich für fragwürdig. Sich damit an einen Kundenstamm zu richten, für den der Kauf eines solchen Gerätes realistisch wäre, der sich über die Wirkungsweise eines solchen aber wahrscheinlich nicht mal hundertprozentig im Klaren ist, für fahrlässig.

Man erhält mit dem Drawmer 1974 einen in vielen Lebenslagen brauchbaren und vielseitigen Equalizer für recht kleines Geld, aber Charakter- oder Vintage-Sound bekommt man hier ohne Übertrager und fette Aufholverstärker sowie der generell ziemlich leeren Kiste ohne „70er-mäßigen“ Induktionsspulen oder andere diskrete Bauelemente (sondern mit ICs) nicht.

Genauso wenig wie eine qualitätsvolle oder bereichernde Färbung des Materials. Man erhält ein Gerät, mit dem sich Einzelspuren vernünftig aufräumen lassen und mit dem man auch auf Bussen gewisse Frequenzbereiche sehr gut betonen kann, aber bei Weitem keine charaktervolle Allzweckwaffe.

Gemessen am Preis-Leistungs-Umfeld steht man vor der Qual der Wahl. Entweder die diversen Eingriffsmöglichkeiten des Drawmer oder für 100,- bis 200,- Euro mehr zum Elysia x-Filter greifen, das auf einer 100%igen Class-A Topologie aufbaut und ebenfalls über vier Stereo-Bänder verfügt. Für 500,- Euro mehr bekommt man bereits an hübsche Spulenfilter aus dem Hause SPL oder Carnhill-Transformatoren verbaut bei WES-Audio, hier bekommt man dann auch etwas Charakter geliefert.

Für eine fantastische Kontrolle des Bassbereiches bei elektronischen Produktionen lohnt sich ein Blick auf den TK-lyzer von TK-Audio in ähnlicher Preisregion, hier sind Bandaxall Filter verbaut und das Gerät ist sogar von Haus aus in MS matriziert.

Drawmer 1974

Es fällt mir recht schwer, bündige Schlüsse zum Drawmer 1974 zu ziehen, da man mit dem Gerät wirklich nicht das erhält, was angepriesen wurde. „Die analoge Wärme, die mit keinem Plugin dieser Welt zu erreichen ist“ ist laut Drawmer also lediglich ein Verlust der Signalstabilität den die Wirkungsweise des Geräts mit sich bringt? Da lobe ich mir den guten alten FabFilter Pro-Q, dahinter etwas schönes zum subtilen Färben von Plugin-Alliance/Elysia und sofort habe ich im Direktvergleich ein deutlich qualitätsvolleres Signal.

Man bekommt mit dem Drawmer 1974 einen Equalizer, der funktioniert wie ein Equalizer und zu verwenden (und mit Vorsicht zu genießen ist) ist wie ein klassischer Equalizer. Nicht mehr und nicht weniger.

Fazit

Der Drawmer 1974 stellt ein gut nutzbares Werkzeug im Studio dar, in manchen Bereichen funktioniert er ausgezeichnet, in anderen weniger gut. Vom angepriesenen Vintage-Charakter fehlt leider jede Spur, das spiegelt sich auch in den verbauten modernen und preiswerten Komponenten wider. Die Fertigungsqualität des Gerätes ist über jeden Zweifel erhaben und die Bedienbarkeit ist ebenfalls mehr als zufriedenstellend, ist man also auf der Suche nach einem erschwinglichen Allzweck-Equalizer, so lohnt sich ein Blick auf den Drawmer 1974. Da er robust konstruiert ist, wird er sicherlich auch im Live-Bereich gute Dienste leisten können. Ist man auf der Suche nach irgendeiner Form der charaktervollen Färbung, so sollte man besser woanders danach suchen. Bewertet man den Drawmer 1974 im Bezug auf dessen Bewerbung des Unternehmens als „charaktervoll und wärmespendend“, so ist man hier grandios am Ziel vorbeigeschossen. Was man hier bekommt, ist ein ganz simpler und recht gut nutzbarer Equalizer mit vielen Eingriffsmöglichkeiten, nicht mehr und nicht weniger. Zu guter Letzt: Ist der Preis gerechtfertigt? Bei entsprechendem Wissenstand ließe sich dieses Gerät mit Sicherheit für einen Bauteil- und Gehäusepreis von deutlich unter 300 Euro selbst realisieren. Wie viel Fertigungsqualität und Qualitätskontrolle wert sind, erlaube ich mir nicht zu beurteilen.

Plus

  • Preis
  • Eingriffsmöglichkeiten
  • Verabreitung

Minus

  • Komponenten

Preis

  • 999,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    tomk  AHU

    Gruß aus der Semi Ecke:

    WES Audio LC-EQP ist einkanalig, somit liegt der Preisunterschied bei 1799 €, beim SPL Qure 9738 sind es: 699 €, beim Elysia X sind es 167 € (falls du diese Geräte meinst?).

    Sag mal …
    wie ist deine persönliche Meinung zum Warm Audio EQP-WA?

    • Profilbild
      Vincent  RED

      Hi Tom,

      dummer Fehler meinerseits bzgl. des WES. Der Rest schlittert irgendwie kontinuierlich hoch- und wieder runter.

      Der Warm Audio ist meiner Meinung nach der beste erschwingliche Pultec Clone. Sehr gütiger Sound der aber eben auch ne Menge Charakter mit sich bringt – der Architektur entsprechend kann man richtig Gas geben was die Klangregelung anbelangt, die hört man an sich wenig – aber die Röhre macht sich schon extremst bemerkbar in den Teilen. Muss man mögen (ich mags). Die Dinger sind extrem gut gebaut und man muss sich auch beim Stereopäärchen keine großen Kalibrierungssorgen machen. Die Übertrager aus den Kisten mag ich auch sehr (CineMag). Für das Geld schon eine richtig geile Kiste.

  2. Profilbild
    Green Dino  AHU

    Hmm…einen schicken Stereo EQ könnt ich gut gebrauchen^^

    Du hast im Artikel übrigens „Bandaxall Filter“ geschrieben statt „Baxandall“. :)

    • Profilbild
      Vincent  RED

      Moin Green Dino,

      Da findet man ja auch schon einige schicke Sachen in dem Preissegment wenn man sich etwas umschaut. :)

      Hoppla, bitte um Verzeihung!!

      Vince

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