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Test: Industrialectric 4046-m, Effektpedal und Noise Generator

Der PLL Synthie - eine Entfesselung

30. November 2021

Als Industrialectric ihr für die Synthie-Gemeinde interessante System-46 vorstellten, wurde ich hellhörig. Industrialectric haben meine Liebe für die Pedalwelt maßgeblich mit entzündet – mit einem PLL-Fuzz, einem Phase Locked Loop Synthie, der eine ganz eigene, viel zu selten betrachtete Sparte von Gitarrenpedalen abdeckt und auf das Original von John Schumann aus dem Jahre 2003 zurückgeht. Das hier ist der Versuch, das Prinzip PLL-Klangkunst an den Leser näherzubringen. Es ist eine faszinierende Rubrik, die nur von wenigen Herstellern abgedeckt wird. Anhand des Industrialectric 4046-m, das isoliert betrachtet wird, werden wir die grundlegenden Aspekte des Phase Locked Loop-Prinzips untersuchen und schauen, was dabei in der Praxis mit Gitarre, Drum-Machine und Synthesizer rumkommt. Gleich vorweg – PLL Clones sind nicht leicht zu kriegen. Sie ähneln sich alle eine Stück weit und sind klanglich gar nicht so verschieden voneinander – Earthquaker Devices haben mit dem Data Corrupter die vielleicht bekannteste (und meines Erachtens auch leider schlechteste) PLL-Version auf den Markt gebracht. Die anderen Namen, auf die wir eingehen werden, sind schwerer zu bekommen.

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Ein paar Worte zu Industrialectric – die Firma ist eine Ein-Mann-Armee aus den Staaten, zu der es wenige Angaben gibt. Im Grunde genommen versteht man sich hier auf einen harten Touch Industrial und metallisch anmutende Klangästhetik. Zu den Geräten: Im Grunde sind sich der 4046-m und das angekündigte System 4046 über weite Teile ähnlich – im Herzen haben wir hier einen VCO, der die Phase des einkommenden Signals trackt – nur splittet das 4046-m die beiden Signale dann in zwei Voices, ehe es das Signal dann durch einen rudimentären Modulator schickt. Das System-46 besitzt zusätzlich noch einen Waveshaper mit LDR-Steuerung – das hat das 4046-m nicht. Aber klanglich ist man nahe beieinander. Doch als nächstes ein paar Worte zu dem Thema PLL.

Distortion und Verzerrung – die PLL-Legende

John Schumann von Schumann Electronics hat ein bisschen den Ruf eines „Mad Scientist“ – in der Garage eines Independent Stores in Brooklyn baute der Gute seine ersten Pedale. Er baute ein paar Double-Fuzzes, ehe er mit dem PLL wirklich Neuland betrat. Auf die Frage, was man unter einem PLL zu verstehen habe, antwortete John:

„It doesn’t sound like anything else. It’s 3-part harmony it’s all a square wave — it’s unique. Powerful. It can sound tubular, you can make it sound like a Theremin or an outrageous fuzz tone. It reacts and acts like no other pedal that exists.“

Seine Leistung hierbei ist vielleicht nicht per se das Klanggebilde, das in der Form sicher von dem einen oder anderen Synthesizer reproduziert werden kann. Es war das Tracking, mit dem er punktete – er schaffte es, die multiharmonische Square-Wave dem erratischen Gitarrensignal beizufügen und das ist der springende Punkt, weshalb der Circuit bis dato kopiert wurde.

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Vom MS-03 und dem Bandpass-Filter Prinzip wechselte er auf einen Pitch-to-Voltage-Converter, der es erlaubte, die Genauigkeit des Tracking einzupendeln. Dadurch entstehen zum Teil irrsinnige Sound-Eskapaden. Wenn das Signal beispielsweise aus dem Pitch rausfällt, verändert sich auch die Phase – es handelt sich wirklich um die Werwölfe unter den Fuzz-Synthies. Schwer zu zähmen und bisweilen nicht ganz ungefährlich für den Amp.

Aber sie haben eben ihre Daseinsberechtigung, wie das obere Video zeigt. Was genau aus John Schumann und seinen Unterfangen wurde, lässt sich nicht ganz so leicht rauszufinden. Aber die Idee hinter dem Schaltkreis inspirierte einige, sich an Clones heranzuwagen und speziell die plötzlichen Phasen-Switches des ursprünglichen PLL, die für euren Amp einen Stresstest darstellen können, zu entschärfen und mit ein paar zusätzlichen Ideen zu versehen. Clones gibt es nicht wie Sand am Meer – hier ein Überblick über die wichtigsten, die noch erhältlich sind.

ELTA Music – PLL 4046

Der PLL 4046 von ELTA Music, einer russischen Schmiede, ist ein sehr naher und klanglich sehr originalgetreuer PLL-Synth-Fuzz. Es orientiert sich also stark am Original – nicht nur in Sachen Panel und Optionen, sondern auch im Design und dem Format. Die Drone-Funktion des originalen PLL ist ein bisschen überarbeitet worden, ansonsten ist man hier aber besonders nahe am Original.

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Montreal Assembly – PURPLL

Montreal Assembly haben eins meiner liebsten Pedale aller Zeiten gebaut – das Count to 5, das eigentlich eine eigene Betrachtung verdient und endlich mal in einem deutschsprachigen Magazin ausführlich besprochen werden sollte. Aber auch beim Thema PLL hat die Firma in den Augen vieler die moderne Referenz erschaffen – das PURPLL. Es ist leider auch das komplexeste PLL-Pedal auf dem Markt – seine LFOs und Timbre-Funktionen für den Phase-Shift bringt sonst kein anderes Pedal mit sich.

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Glou Glou – Moutarde PLL

Der Moutarde PLL ist der vielleicht vielseitigste der aktuell erhältlichen PLL-Clones und kommt mit ganzen vier Voices daher, die allesamt ihre eigene Modulationssparte haben, LFO sowie noch einen integrierten, separaten Fuzz-Schaltkreis. Die Transpose-Funktion der Voices funktioniert hier über eingerastete Regler und die Geschwindigkeit des LFO kann mithilfe der Envelope-Funktion auf die Spielintensität und -sensitivität abgepasst werden. Von allen modernen PLLs der wahrscheinlich vollständigste.

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Industrialectric – 4046-m

Kommen wir zum Testgerät – das 4046-m. Nun sollte erwähnt werden, dass es einige Exemplare des 4046-m da draußen gibt, die aber nicht allzu leicht zu besorgen sind. Es bedarf einer näheren Betrachtung des Panels, um zu verstehen, was hier passiert. Die Beschriftung ist bei Weitem nicht so leserlich, wie sie es sein sollte und das Pedal schreit förmlich Independent Boutique-Anfertigung. Aber kurz überflogen, passiert hier Folgendes:

Auf der linken Seite befindet sich das Panel für den VCO bzw. seine zwei Synthie-Voices, auf der rechten Seite ein Modulator mit drei Modi. Mit dem Kippschalter oben lässt sich für die Modulation zwischen Arpeggiator, Bitcrusher und Ring-Modulator wählen, während der Kippschalter darunter es den Synthie-Voices erlaubt, die Modulation zu umgehen. Die Loop-Länge, die getrackt wird, lässt sich mit dem Kippschalter in der Mitte einstellen. Ach so – auch die Synthie-Voices können übergangen werden, in dem der zweite Input von links genutzt wird. Der Regler rechts oben erlaubt es, zwischen drei Arbeitsmodi der jeweiligen Modulationen zu wählen und die mittleren zwei Regler stellen den Pitch der Voice-Harmonie ein.

Jetzt ist das Klangbild natürlich harsch. Sehr harsch bisweilen. Doch um dem PLL-Spirit treu zu bleiben, werden wir neben der Gitarre mithilfe einer Drum-Machine zeigen, was der Reiz der PLL-Pedale ist: Die erratischen Phasensprünge sorgen sehr häufig für großartige Klangunfälle. Doch zunächst zur Nutzung des Industrialectric 4046-m mit einer Gitarre.

Erst nutzen wir VCO- und Modulator-Sektion gemeinsam – und entfesseln einfach, was geht. Es ist schwer in Worte zu fassen, was der 4046-m da verbricht. Wenn sich klare Noten mal aus dem Schaum hervortun, grätscht die Phasenverschiebung wieder sofort rein und wer die Regler der Modulator-Sektion noch parallel bedient, entfesselt einen Höllenlärm. Zugegeben, nicht jeder braucht das. Aber das ist auch nicht der springende Punkt – es geht darum, dass das Gitarren-Tracking des PLL VCOs völlig einzigartig ist und einzigartige Sounds ergibt. Der Industrialectric 4046-m gehört unter den PLL Klonen zu den vielleicht chaotischsten, aber das ist zweifelsfrei der super-primitiven und beißenden Modularsektion zu verdanken. Das 4046-m verlangt also quasi danach, dass man direkt vor dem Board kniet und mit der einen Hand den VCO mit Anschlägen triggert und mit der anderen die Genauigkeit des Trackings immer wieder zugunsten erratischer Ausbrüche zurücknimmt.

Auch wenn es sehr für den 4046-m spezifisch ist und mit dem PLL-Prinzip per se nichts tun hat, habe ich die Modular-Sektion ebenfalls isoliert und mit meiner Strat angespielt. Raus kommt ein warmer, kaputter Noise- und Distortion-Rausch in feinster Lo-Fi-Manier.

Wirklich spannend wird es, wenn man eine Drum-Maschine mit dem 4046-m anschließt. Die Möglichkeit hier, den Loop stark zu verkürzen, besitzen die meisten anderen PLL-Clones ebenfalls. hier passiert also nichts für den 4046-m Spezifisches, sondern eher ein PLL-typischer Sound in Kombination mit Beats. Es ist die mit Abstand schlimmste Art und Weise, seine Beats in Lo-Fi-Knarzen zu verwandeln. Immer wieder begibt man sich auf die Suche nach Sounds, die irgendwie frisch anmuten. Ein verkürzter Loop bei einem PLL und eine schön drückende Drum-Maschine schaffen es gemeinsam, diese unvorhergesehene Frische reinzubringen. Klar, steht alles unter dem Industrial-Stern, ist aber mächtig inspirierend, wenn man sich erstmal drauf einlässt.

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Fazit

Das Experiment PLL lohnt. Es lohnt sich zu erforschen, was die Sounds im eigenen Soundkosmos anrichten können. Das 4046-m ist hier eher exemplarisch und soll demonstrieren, welche Vorzüge Phasen Locking Loop-Maschinen haben können. Ein Blick auf die Herstellerseite verrät auch, dass die neue Version des 4046-m nun bestellbar ist, das System 46 – eine Lo-Fi-Synthie-Krachmaschine, die einen Höllenlärm entfesseln kann und dabei stets inspirierend bleibt.

Plus

  • Tracking der VCOs sehr gut
  • Modulationssparte
  • Erratisch und inspirierend
  • Loop-Länge frei einstellbar

Minus

  • Gewöhnungsbedürftig
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    weinglas

    Dass ich das noch erleben darf: Ein Industrialectric-Testbericht auf Amazona. Herzlichen Dank dafür!

    Das ist ein ganz heißer Tipp für alle, die wirklich neue Sounds suchen, sei es zum Absamplen, für den ungehörten Krach oder einfach nur als Inspirationsquelle. Schade nur, dass es so schwer ist, an diese Teile zu kommen, außer man importiert sie.

    • Profilbild
      weinglas

      Aber wo ist eigentlich die Plus- und Minusliste und die Wertung?
      Wahrscheinlich kann man sie bei so etwas Speziellem aber auch nicht wirklich objektiv halten.

    • Profilbild
      Armin Bauer RED

      Ich hatte mal einen 4ms Noise Swash. Schau dir dazu mal die Youtube Videos an. Wenn du das hier schon abgefahren findest, wird der dir sicher gefallen.

  2. Profilbild
    krawallo

    hui….sehr angenehmer klang. wie würdet ihr diese kiste mit dem lyra 8 vergleichen können, falls noise freaks unter euch….wollte mir ne lyra 8 kaufen, aber nun bin ich top beeindruckt ,))))

    • Profilbild
      weinglas

      Da kann Dir keiner was raten. Dazu sind die beiden Geräte viel zu unterschiedlich. Die Lyra 8 ist definitiv leichter kontrollierbar. Eine (teurere) Option wäre eine Lyra 4 oder 8 plus ein Industrialectric RM-1N.

    • Profilbild
      Dimitri RED

      Lyra-8 steht auch auf meiner persönlichen Liste. Wie Weinglas schon meint – vergleichen kann man die beiden nicht wirklich, da die VCOs beim 4046-m auf eine externe Soundquelle angewiesen sind.

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