Test: Native Instruments Absynth 5

18. Oktober 2009

Organische Chemie

Einführung

Keine Geringeren als Vincent van Gogh und Ernest Hemingway soll der Absinth in den Wahn und letztendlich in den Freitod getrieben haben. Ob es der hohe Gehalt des Nervengifts Thujon im organisch-grünlich fluoreszierenden Wermut war, welcher Psyche und Körper der beiden Genies nach und nach zerstörte, ist bis heute ungeklärt. Abhängig machte das sagenumwobene Gesöff sicherlich vor allem durch den nicht zu knappen Alkoholanteil, der bis zu 85 Volumenprozent betragen konnte.

In vielerlei Hinsicht lassen sich die Eigenschaften des berüchtigten Absinths auf den (fast) gleichnamigen Synthesizer von Native Instruments übertragen. Die etwas surreal halbtransparent schimmernde Erscheinung ist auch dem Software-Synth eigen, ebenso wie das hohe Abhängigkeitspotenzial. Allerdings waren die bislang erschienenen vier Absynth-Versionen der Berliner Software-Schmiede genau wie der hochprozentige Namensgeber auch dem Durchblick ihrer User nicht immer zuträglich. Eine etwas verkopfte Bedienung mit konsequent numerischen Parameter-Feldern, extrem komplexe Hüllkurven und eine dezentrale Modulationszuweisung erwiesen sich in der Vergangenheit als absolut geeignet, so manchem selbst hart gesottenen Synthese-Guru die Hirnwindungen zu verknoten. Trotzdem gehört der Absynth zu den beliebtesten Klangerzeugern überhaupt – und vor allem Filmkomponisten und Sounddesigner würden wegen der paar Widrigkeiten niemals auf ihre liebste virtuelle Giftmischanlage verzichten wollen.

Giftmischen für Fortgeschrittene - Teil 5

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Eines gleich vorweg: Niedliche, fotorealistische Drehknopf-Abbildungen im Vintage-Design hat der Absynth auch in der aktuellen, hier vorliegenden Version 5 nicht erhalten – und das wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch bei den nächsten fünf Versionen so bleiben. Dennoch ist die Bedienung des Klangerzeugers bei näherer Betrachtung kaum halb so wild wie ihr Ruf. Wenn man sich ein wenig genauer mit seiner Struktur auseinandersetzt, wird einem schnell klar, dass es sich bei dem berüchtigten Klangmonster letztendlich auch nur um eine virtuelle VCO-VCF-VCA-Maschine handelt, wenngleich um eine mit ein paar mächtigen Extras und einer bis ins letzte Detail durchdachten semimodularen Bauweise. Für all jene, die mit dem Absynth bislang keine oder wenig Berührungen hatten, eine kurze Beschreibung der wichtigsten Eingeweide des Spezialisten für organische Klänge.

Etwas Wiederholung

Absynth ist ein Software-Synthesizer für die gängigen Plug-in Formate VSTi, AU und RTAS der Plattformen Windows (32 und 64 Bit) sowie OSX. Auch eine Standalone-Version wird bei der Installation mit auf Festplatte geschrieben. Absynths User-Interface verfügt über die sechs verschiedenen Synthesefunktions-Fenster „Patch“, „Wave“, „Envelope“, „LFO“, „Effect“ und „Perform“ sowie über einen Sound-Browser mit einer hilfreichen Suchfunktion nach Attributen. Beginnen wir einmal mit kurzen Beschreibungen der Synthesefenster und -Funktionen:

Das „Patch“-Fenster

Im Patchfenster befindet sich die eigentliche Klangerzeugung des Absynths. Drei parallel verlaufende Kanal-Stränge verrichten hier ihren Dienst. Jeder Strang besteht aus einem Oszillator-Modul und zwei Kombi-Modulen. Jedes Modul lässt sich einzeln zu- und abschalten. Die Kombi-Module verfügen über mehrere alternative Filter, Modulationseffekte, Waveshaping und einen Frequency-Shifter.

Das Oszillator-Modul kann diverse analoge und digitale Grundwellenformen laden. Neben dem Hauptoszillator lässt sich im selben Modul ein weiterer Oszillator aktivieren, der FM und Ringmodulation beherrscht. Darüber hinaus kann er den Hauptoszillator synchronisieren und so die typischen obertonreich kreischenden Sync-Sounds hervorrufen. Die Oszillator-Synchronisation hört auf den Namen „Granular Sync“, weil sie um besondere Granular-Effekte erweitert wurde, die den Sound bei Bedarf weicher und diffuser klingen lassen. Eine weitere exotische Funktion mit der mystischen Bezeichnung „Fractalize“ scheint dem Signal zusätzliche körnig klingende Obertöne aufzuprägen.

Außer den Wellenformen lassen sich auch Samples in die Oszillator-Module laden, von denen bei der Installation fast ein Gigabyte auf die Festplatte geschrieben wird. Sie können auf Wunsch geloopt und in einem speziellen Granular-Modus stark verfremdet werden.

Innerhalb des Strangs folgen dem Oszillator-Modul gleich zwei hintereinander geschaltete Kombi-Module, die nicht nur diverse Lowpass-, Highpass-, Bandpass-, Allpass-, Notch- und Comb-Filtervarianten beherrschen, sondern alternativ auch für Granularsynthese, Waveshaping, Ringmodulation oder Frequency-Shifting herhalten können. Wenn beide Kombi-Module hintereinander aktiviert sind, ergeben sich äußerst interessante Kombinationsmöglichkeiten für die Filter und Modulationen. So kann zum Beispiel schrilles Waveshaping mit einem dahinter liegenden Filter entschärft  – oder andersherum – eine starke Tiefpass-Filterung über Waveshaping wieder aufgefrischt werden.

Drei parallel angeordnete Stränge mit folglich jeweils einem Oszillator- und zwei Kombi-Modulen vereinen sich zu einem Masterstrang, in dem nochmals zwei Kombi-Module gerade beschriebener Bauart sowie ein Effektmodul aktiviert werden können. Der Masterkanal und seine ersten beiden Kombi-Module verarbeiten auf Wunsch Stereo-Signale. Die einzelnen Stränge können zwecks Erzeugung breiter Stereosounds auseinander gepannt werden.

Das Patch-Fenster mit den drei Oszillator-Strängen und dem Master-Strang

Das Patch-Fenster mit den drei Oszillator-Strängen und dem Master-Strang

Das „Wave“-Fenster

Im unscheinbaren, aber sehr effektiven „Wave“-Fenster können Wellenformen gezeichnet oder editiert werden, um den Grundklang des Synthesizers selbst zu bestimmen – frei nach dem Motto – mein Sound braucht etwas mehr Präsenz im Mix, da male ich noch einfach noch ein paar Obertönchen dazu. Das funktioniert tatsächlich und ist leichter, als man denkt. Für nimmersatte Soundfreaks gibt es hier darüber hinaus noch eine Morph-Wave-Funktion, bei der man zwei Wellenformen ineinander überblenden lassen kann, wodurch sehr lebendige Klänge entstehen.

Obertöne malen: das Wave-Fenster

Obertöne malen: das Wave-Fenster

Das „Envelope“-Fenster

Die Bezeichnung „Envelope“ („Hüllkurve“) ist bei diesen sehr besonderen Vertretern des Absynths eigentlich maßlos untertrieben. Schließlich handelt es sich weniger um „Kurven“ denn um höchst komplexe Gebilde, die mit so genanten Breakpoints aufwändig modelliert werden können. Mithilfe dieser Breakpoints, welche sich auf einem Taktraster (Grid) präzise ausrichten lassen, können komplexe rhythmische Verläufe programmiert werden, deren Klangästhetik bei geschickter Vorgehensweise jener eines Stepsequencers ähnelt.

Klangbeispiele
Forum
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    AMAZONA Archiv

    Ich hatte mir von der Version 5 schon mehr erwartet. Der Mutator ist auch nicht das gelbe vom Ei. Auch ich hatte einen Virus (Snow) und dessen Lockedfunktion bringt ungleich mehr Ergebnisse. Wer Absynth 4 hat braucht nicht die 5 er.

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      a.rothenberg  

      Ich kann Dir empfehlen, mal ein bisschen am Aetherizer herumzuschrauben. Das ist ein echt geiler Effekt irgendwo zwischen Hall, Delay und Stereo-Psychoakustik. Den bekommst Du nirgendwo sonst serviert. Vielleicht kommt dann doch noch Freude über Absynth 5 bei Dir auf :-).

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        AMAZONA Archiv

        Auf Grund Deines Tests habe ich mal versucht ein bischen am Absynth herumzutüfteln doch die von NI bringen es nicht fertig eine Deutsche Anleitung zu verfassen. Da sich die 5er Version nicht sonderlich von der 4er unterscheidet frag ich mich wo da das Problem ist.

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          a.rothenberg  

          Die Übersetzung ist, wenn ich das richtig verstanden habe, bald fertig. Denk positiv – ich muss hier eigentlich immer mit englischen Manuals testen, weil die deutschen noch nie fertig sind ;-).

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    Dreitagebart

    Ich frage mich wirklich, warum dieser Synth von Euch 3 Sterne bekommt ! Eine überragende Klangqualität kann ich nicht feststellen, ähnlich umfangreiche Syntheseformen findet man anderswo günstiger, dazu kommt die „nicht in jeder Hinsicht repräsentative Sound-Library“ und der hohe RAM-Bedarf. Ich finde die 3 Sterne sind nicht gerechtfertigt. So großzügig seid ihr ja bei anderen Synths oft nicht !

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    El Blindo

    Schöner Test. Die Klangbeispiele waren außer dem ersten…naja…
    Mich würde nur eins interessieren.
    Ist es möglich, mit den Pfeiltasten durch den Soundbrowser zu steppen, oder mit Tab zu anderen Elementen zu springen? Auch hörte sich die Beschreibung der Parameter ziemlich nach Eingabefeldern an.
    Lg

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      a.rothenberg  

      Ja, das erste Klangbeispiel ist echt cool.

      Es gibt numerische Parameterfelder, die aber über Hoch- und Runtertziehen mit der Maus bedient werden können. Das ist nicht jedermanns Sache, aber man gewöhnt sich daran, finde ich.

      Für den Soundbrowser gibt es zum Glück zwei Pfeiltasten zum Weitersteppen der Sounds. Die Sounds sind untereinander angeodnet, also nicht in einer Matrix. Was aussieht wie eine Matrix, sind die Attribute, um die Suche einzugrenzen.

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        El Blindo

        Also widermal kein Windows Standartbrowser der von einem Screenreader ausgelesen werden kann. Tja schade.
        Denn ich meinte eigentlich die Pfeiltasten auf der Tastatur.
        Da sieht man mal wieder, dass man sich auf die Versprechen von Herstellern nicht verlassen sollte.
        DAnke für die Info.

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          a.rothenberg  

          Doch, Du kannst mit den Pfeiltasten auf der Tastatur durch die Sounds nach oben und unten navigieren und aktivierst den Sound über [ENTER].

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            El Blindo

            Ach tatsächlich?
            Dann werde ich mir die Demo doch mal anschaffen.
            Danke nochmal.
            Wenn mein Screenreader den Text lesen kann, nehme ich alles zurück.

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    AMAZONA Archiv

    Anscheinend stehe ich nicht allein da mit meiner Meinung den es sieht so aus als werde ich meinen Absynth 5 nicht los. Zumindest nicht bei Ebay.

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    GeorgK

    Der Absatz mit dem Speicherbedarf ist wohl etwas missverständlich geraten. 80 MB für ein VSTi sind zwar üppig, aber „mehrere Instanzen“ sind deswegen noch lange kein Problem, weil pro zusätzlicher Absynth-Instanz eben nur ein paar MB dazukommen (es wird NICHT der komplette Synthesizer mehrmals gelade; ein leider unausrottbarer Irrtum). Und bei Absynth kann man wegen seiner Universalität und (relativen) CPU-Effizienz durchaus mehrere Instanzen laufen lassen, während so manches andere „Klangmonster“ da im praktischen Einsatz recht schnell scheitert.
    Wenn der Computerspeicher w.o. gibt, dann sicher nicht wegen Absynth.
    RAM ist billig, und mit weniger als 2GB läuft heute eh kein DAW-Computer mehr. Der Bottleneck liegt üblicherweise bei der Prozessorleistung (v.a. bei Laptops), und da gehört Absynth zu den effizientesten unter den „komplexen“ VSTis.

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      a.rothenberg  

      Hallo Georg,

      es kommen pro weitere Instanz Absynth 5 etwa 45 MB hinzu. Der CPU-Verbrauch ist hingegen völlig okay.

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        GeorgK

        Alexander,
        das überrascht mich jetzt einigermaßen. Bei Absynth4 (der m.E.n. so etwa 60MB frisst) sind es bei mir (WinXP) pro zusätzlicher Instanz gut 10MB – heutzutage also praktisch vernachlässigbar.
        Wie gesagt, VSTis werden bei mehrfachen Instanzen üblicherweise nicht mehrfach geladen. Kann das systemabhängig sein (Host, Mac/PC etc.)?

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          a.rothenberg  

          Vielleicht liegt es daran: Die PlugIns werden erst vollständig ins RAM geladen, wenn man sie öffnet. Aber dann ist das RAM futsch und wird erst wieder freigegeben, wenn der Host geschlossen und wieder geöffnet wird. Eine ungeöffnete zweite Instanz Absynth 5 belegt lediglich rund 13 MB (XP 32 Bit, Ableton 7.1.4)

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    japh

    Ich find’s sehr enttäuschend, dass Absynth5 nicht mehr PPC kompatibel ist (detto Kontakt4 und GuitarRig3), und das, obwohl die letzten G5 Quad gerade mal 3 Jahre alt sind und deren Rechenpower von NI Produkten nie auch nur annähernd ausgereizt wurde.

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    AMAZONA Archiv

    endlich mal vernünftige zeitgemäße Soundbeispiele, die echt mal nach was klingen (nach 2010)! Weiter so. Altbackene langweilige Sounds ala Zebra 2 für Bayern 3 technisches Bildungsfernsehen kann ich nicht mehr hören. ;-)

    So gute Sounds bin ich von meinem Absynth 4 zumindest nicht gewohnt.

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    4damind

    Einer meiner ersten Softsynth überhaupt. Hatte den gekauft als er von NI released wurde und weil er in vielen Magazinen damals sehr gelobt wurde. Es wurde zwar immer upgedated aber benutzt wurde er trotzdem nicht ;)
    Die Oberfläche war schon damals grausam und von der Benutztung schlecht. Die Presets sind allesamt sehr experimentell, wahrscheinlich ein Grund warum Absynth bei vielen eher mit Ambient Sounds oder zischenden und verwurstelten Minimalsounds verbunden wird.

    Ich habe den Absynth (mittlerweile in Version 5) seit paar Monaten wieder für mich entdeckt. Er kann sogar sehr vernünftiges Unison und die Sounds brauchen sich nicht hinter anderen zu verstecken. Es ist wirklich die eigenwillige Oberfläche und die zum Teil fummelige Bedienung was letztlich dem Absynth so ein Schattendasein beschert.
    Native Instruments versteht es zum einen nicht vernünftige Preset-Designer ins Boot zu holen und zum anderen hat man nicht den Mut sich von dieser Waldfee-Oberfläche zu verabschieden.

    Aber von den Features und dem Sound ist der Absynth durchaus auch noch heute nutzbar. Es gibt einige bekannte Künstler die den Absynth auch in ihren Produktionen benutzen (z.B. Schiller). Wenn man sich die Mühe macht mit der Oberfläche und der Funktionsweise auseinanderzusetzen, erhält man einen sehr schönen Synth der sich auch im Sound deutlich von den anderen unterscheidet.

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    AMAZONA Archiv

    hab mir kürzlich die demo der fünften version gezogen und war wirklich über diese tollen, insprierenden presets überrascht. man kann ja auch unglaublich viel selber mit machen.
    aber leider ist mir die gui echt zu klein. ansonsten ist das dingen super.

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