Test: Neunaber Immerse Reverberator, Effektgerät

31. Oktober 2017

Schweben in der ersten Klasse

Die Firma Neunaber dürfte unter den Pedalnerds wohl bekannt sein. Obwohl das Produktportfolio des amerikanischen Boutiquepedal-Herstellers nicht sehr groß ist, haben Geräte wie etwa das Hallpedal WET oder das universell einsetzbare Expanse den Weg auf viele unserer Pedalboards gefunden. Auch im Bereich der Lautsprechersimulation gibt es etwas im Angebot der Edelschmiede aus Orange/Kalifornien: Der Iconoclast konnte bereits in einem Test bei uns beweisen, dass Neunaber nicht nur hervorragende Effektpedale herstellt, sondern auch eine gehörige Portion Know-how in Sachen Signalbearbeitung mit bringt. Der Neunaber Immerse Reverberator sollte da keine Ausnahme machen, er bietet einen Querschnitt aus den Halleffekten von Neunaber, hält aber darüber hinaus noch ein paar gern genommene Extras bereit.


Facts & Features

Einen Augenblick dauert es schon, um feststellen zu können, ob das Gehäuse des Neunaber Immerse Reverberator nun aus Kunststoff oder aber aus Metall besteht. Die Frage tritt deshalb auf, da das Pedal mit nur knapp über 200 Gramm ungewöhnlich locker in der Hand liegt. Wie sich nach genauer Betrachtung herausstellt, handelt es sich bei der Konstruktion um eine schwarze, grob strukturierte Oberfläche, die auf ein Alugehäuse aufgebracht wurde. Im Gegensatz zu den editier- und erweiterbaren Pedalen der Expanse-Serie des Herstellers beschränkt sich das Immerse Reverberator lediglich auf acht fest vorgegebene Grundsounds, die einen Querschnitt durch den Klang der sündhaft teuren Boutiquepedale von Neunaber bieten. Die Namen der acht Presets wurden ebenfalls auf dem Gehäuse aufgedruckt, allerdings in so winziger Form, dass man hier schon verdammt gute Augen braucht, um überhaupt in einem Meter Entfernung noch etwas erkennen zu können.

— Die Bezeichnungen der acht Presets – nur für gute Augen zu erkennen —

Die acht Programme des Neunaber Immerse Reverberator

Das knackig einrastende Programmwahlpoti in der Mitte der fünf Regler erlaubt das Anwählen folgender Grundsounds:

  • WET – ein Update des Hallalgorithmus des Neunaber WET-Pedals, mit kürzerer Ansprache bei Verzögerung (Pre-Delay) und einer weiteren Verbesserung in der Tiefenstaffelung des Signals
  • HALL – Simulation einer Konzerthalle
  • PLATE – die wohlbekannte Hallplattensimulation
  • SPRING – Nachbildung des Federhalls eines Gitarrenamps
  • SHIMMER A & B – zwei verschiedene Shimmer-Algorithmen befinden sich mit an Bord
  • +ECHO – eine nette Dreingabe, der Echoeffekt!
  • +DETUNE – eine Kombination aus einem Chorus/Pitch Shifter und dem hauseigenen WET-Hallalgorithmus.

Jedes der acht Presets kann moduliert werden, das geschieht mithilfe des „Setting Specific“-Reglers. So steuert dieses Poti im PLATE-Modus beispielsweise das Pre-Delay des Hallsignals oder aber im Programm SPRING ein Lowcutfilter. Die Bezeichnungen der Zusatzfunktionen haben ebenso ihren Platz auf der aufgedruckten Matrix bekommen und machen das Ganze nicht gerade übersichtlicher. Nun gut, nach einer Weile der Bedienung wird man die winzige Beschriftung als Orientierung vermutlich nicht mehr zwingend brauchen und sind wir doch mal ehrlich – blind drauflos schrauben bietet ja auch einen gewissen Reiz.

Die übrigen Regler dürften uns allen in ihrer Funktion bekannt vorkommen, sind sie doch typisch für ein Hallpedal. So gibt es einen Regler für die Effektstärke, einen weiteren für das Mischverhältnis von Original- zu Effektsignal und zum Abschluss ein Tonepoti, um den Effekt in der Klangfarbe (zumindest rudimentär) beeinflussen zu können.

Sämtliche Potis hinterlassen einen hervorragenden Eindruck, sie laufen zart wie in Butter auf ihren Achsen, besitzen faktisch kein Spiel und sind durch ihre gummierten Potiknöpfe jederzeit zuverlässig mit zwei oder mehr Fingern zu umgreifen. Erfreulich ist ebenfalls, dass beim Metallschalter auf eine elektrische Variante zurückgegriffen wurde. Somit geschieht das An- bzw. Ausschalten des Neunaber Immerse Reverberator stets ohne ein nerviges Knacken im Raum. Dennoch ist das Feedback des Schalters groß genug, um den Schaltvorgang unter der Schuhsohle deutlich zu spüren und wenn das als Orientierung nicht hilft, dann hilft sicher die strahlend weiße LED direkt daneben. Hier hätte man ruhig in der Leuchtkraft ein paar Gänge runterschalten können, denn zusammen mit der bereits beschriebenen winzigen Beschriftung der Bedienelemente auf der Oberfläche erschwert dieses „Miniflutlicht“ das gezielte Einstellen von Sounds in dunkler Umgebung noch zusätzlich.

Die Anschlüsse des Neunaber Immerse Reverberator

Stereo rein und auch wieder raus geht es beim Neunaber Immerse Reverberator. Das dürfte nicht nur die Stereo-Rig-Spieler freuen, sondern auch die Tastenfraktion und die Bastler und Arbeiter im Studio. Zudem können sowohl die Eingänge als auch die Ausgänge ein Stereo-TRS-Kabel aufnehmen, das flexible Schaltdiagramm wird im folgenden Bild deutlich:

Normalerweise folgt an dieser Stelle wie üblich meine Kritik über die seitlich am Gehäuse angebrachten Anschlüsse, aber vier Buchsen an der Stirnseite anbringen, wäre doch wohl zu viel des Guten gewesen. Zumindest die Anschlussbuchse für das Netzteil hat es an die Stirnseite geschafft, einen passenden 9-Volt-Netzadapter darf man aber nicht im Lieferumfang erwarten. Zur Netzanschlussbuchse gesellen sich zwei weitere Schalter an der Stirn des Pedals – der eine sorgt für die Auswahl zwischen True- und Buffered-Bypass, der andere („Kill Dry“) entfernt das Originalsignal komplett. Das ist sinnvoll beim Einsatz des Pedals in einem parallelen Effektweg.

— Neunaber Immerse Reverberator Stirnseite mit Netzbuchse, Trails- und Kill Dry-Schalter —

Zwischenzeugnis

Hinsichtlich der Hardware hat man beim Neunaber Immerse Reverberator sofort nach dem Auspacken das Gefühl, sein Geld gut angelegt zu haben. Die fest mit dem Gehäuse verschraubten Potis sind ganz klar aus dem obersten Regal entnommen und auch der Rest der Bedienelemente kann sich sehen lassen, insofern man aufgrund der extrem hellen LED überhaupt etwas sieht. Das und die winzige, kaum lesbare Beschriftung auf der Oberfläche sind aber die einzigen Kritikpunkte, die bis hierher auftauchen. Hören wir uns den Kasten nun an.

Sound & Praxis mit dem Neunaber Immerse Reverberator

Der Ruf, den die Hallprozessoren von Neunaber genießen, ist nicht umsonst so hervorragend, das zeigt sich bereits nach wenigen Minuten Spielerei mit dem Immerse Reverberator. Was von Anfang an auffällig ist und sich wie ein roter Faden durch alle acht Presets zieht, ist die unglaubliche Dynamik und die Natürlichkeit im Signal. Das zeigt sich vor allem darin, dass das Hallsignal selbst bei nahezu voll aufgedrehtem Mix-Poti bei lockerem Anschlagen der Saiten nur ganz subtil wahrnehmbar ist, bei kräftigerem Picking dann aber regelrecht „aufplatzt“ und das Signal dann in eine dichte, sehr natürlich klingende Hallfahne einbettet. Von Nebengeräuschen ist weit und breit keine Spur zu hören, was die Kiste damit bestens für den Einsatz in einer Studioumgebung bzw. beim geräuschlosen Aufnehmen am Rechner qualifiziert!

Werfen wir nun einen Blick bzw. ein Ohr in die Sounds des Immerse Reverberator, für die ich die Stereoausgänge des Pedals in mein UAD Apollo Twin Interface eingeklinkt habe. Das Signal stammt aus der Vorstufe meines Orange Micro Dark, zum Einspielen wurde eine Music Man Silhouette Special benutzt.

Klangbeispiel 1 zeigt eine gepickte Linie mit dem Preset „Hall“. Einen natürlich klingenden und dichten Hall, wie man sich ihn nur wünschen kann.

In Klangbeispiel 2 nun das Preset „Detune“, einem Choruseffekt nicht unähnlich. Den Chorus muss man grundsätzlich mögen, dieser ist dagegen sogar nutzbar. Der „Setting Specific“-Regler bestimmt die Geschwindigkeit des LFOs und befindet sich hier in 12-Uhr-Position.

Im nächsten Klangbeispiel das Preset „Spring“, also die Emulation eines Federhalls. Vielen Herstellern gelingt solch eine Nachbildung nicht wirklich überzeugend und auch beim Immerse Reverberator klingt es nach allem anderen als nach einem Federhall eines Gitarrenverstärkers. Dafür ist es aber mit diesem Preset möglich, druckvoll und plastisch klingende Räume zu erzeugen, die ebenfalls von der grandiosen Dynamik profitieren.

Klangbeispiel 4 – der Shimmer. Auch an diesem zurzeit sehr populären Sound beißen sich viele Hersteller die Zähne aus, der Immerse Reverberator zeigt hier hingegen, was auf diesem Gebiet möglich ist. Es klingt einfach unglaublich gut und kommt der eigentlichen Idee des Shimmers, nämlich dem Nachbilden eines keyboardähnlichen Padsounds, schon verdammt nahe! Das gilt im Übrigen für beide Shimmer-Presets, die sich nur durch ihre Intensität unterscheiden.

In Klangbeispiel 5 nun der Sound des Echos. Mit einer Verzögerungszeit von 20 bis hinauf zu 750 ms dürfte dieses Digital Delay vielen Ansprüchen genügen. Eine rhythmische Unterteilung („Divide“) gibt es nicht, dafür aber kann hier der Hall mit zugemischt werden, was im folgenden Klangbeispiel auch getan wurde. Aber nur ganz subtil.

Abschließend in Klangbeispiel 6 das WET-Hallpreset mit etwas hinzugefügter Modulation, einem ganz sanften „Eiern“ also.

Fazit

Der Neunaber Immerse Reverberator reiht sich nahtlos in die Reihe hochwertiger Signalprozessoren des US-Boutiquepedalherstellers ein und lässt mit seinen acht Presets kaum Wünsche in der Raumgestaltung offen. Angefangen von den kurzen und räumlichen Presets, über die wunderbar dichten und plastischen Hallfahnen, dem Detune-Effekt zum „Breitmachen“ bis hin zu den zwei Shimmer-Effekten glänzt der Immerse Reverberator mit einer Soundqualität, die nur noch durch die hervorragende lebendige Dynamik getoppt wird.

Bei solch einer Qualität des Gebotenen ist es fast schon peinlich, als Minuspunkte die extrem kleinen Beschriftungen der Bedienelemente aufzuführen. Das soll aber kein Grund sein, dem Neunaber Immerse Reverberator nicht unsere Bestbewertung zu geben – denn dafür klingt er einfach viel zu gut!

Plus

  • vielseitige Hallsounds
  • hervorragende Signalqualität
  • grandioser Shimmer-Effekt
  • Echo und Detune/Chorus als Bonuseffekte
  • Rauschabstand
  • Stereo-Signalführung
  • Preis-Leistungs-Verhältnis

Minus

  • Bezeichnung der Bedienelemente schlecht ablesbar

Preis

  • Ladenpreis: 259,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Wow! Der klingt ja richtig geil. Wenn er jetzt noch eine Tap-Möglichkeit fürs Echo hätte, könnte ich 3 andere Pedale rausschmeißen und durch dieses eine ersetzen. Das schwebt mir nämlich schon lange vor. Der Hall klingt im Tonbeispiel um Klassen besser, als alles, was ich bis jetzt auf dem Board hatte. Hab allerdings auch noch nie mehr als 200 EURO für Hall ausgegeben. Hall mit Verzerrung wäre vielleicht noch interessant gewesen. Aber bei der Klangdichte wird es wohl eher nicht matschen, schätze ich.

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      Stephan Güte  RED

      Absolut nicht, zumal, wie im Text beschrieben, das Signal so unglaublich dynamisch auf Attack reagiert und daher nur dann voll da ist, wenn der Spieler es will. Echt klasse! Ich bin ja jetzt echt angefixt und Neunaber hat ja echt noch ein paar andere, sehr lecker klingende Sachen im Repertoire …

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    psv-ddv  AHU

    Klingt echt interessant, das Teil. Das sage ich als ausgewiesener Effekt Snob. Bisher hat mich noch kein Hall Pedal richtig vom Hocker gerissen. Strymon eingeschlossen. Habe im Studio auch die Geräte am Start, auf denen Eno/Lanois damals den Shimmer Effekt erfunden haben (AMS DMX und Lex 224). Deine Soundbeispiele klingen wirklich gut. Muss ich wohl mal bestellen, das Kästchen…

  3. Profilbild
    HanSolo

    Ich hatte dieses Pedal für ein Studio-Projekt Anfang des Jahres bei einem US-amerikanischen Händler gekauft. Das Gerät war aber leider offenbar defekt, denn das Ausgangssignal war nur sehr leise ausgegeben, so dass man praktisch nur den Verstärker mit einem Hauch Reverb hörte. Da der Umtausch sehr umständlich gewesen wäre, kaufte ich schnell ein Boss RV-6, damit waren die Aufnahmen gerettet, obwohl der Immerse einen für meinen Geschmack schöneren Klang hat.

  4. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    @ HanSolo

    Sollst ja auch nicht mukken, sondern gegen das Imperium klampfen, äh… kämpfen. ;-)

  5. Profilbild
    psv-ddv  AHU

    Nachdem ich es jetzt auch mal zu hause ausprobiert habe: Das beste Hallpedal, das ich kenne!! Unbedingte Empfehlung. Klingt meiner Meinung nach auch musikalischer als die Strymon Kisten.

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