Test: Positive Grid Bias Mini, Gitarrenverstärker

19. März 2019

Modeling bis, der Arzt kommt!

Positive Grid Bias Mini

Positive Grid Bias Mini

Der Markt der Klein- und Kleinstverstärker boomt wie kein anderer. Man könnte glauben, in Zeiten von Inear-Monitoring-Systemen und lautstärkenbeschränkten Clubgigs sei niemand mehr Willens, die 100 Watt Vollröhren-Boliden, die ihre Leistung lediglich nur noch auf großen Open-Air-Bühnen ausspielen können, zu schleppen, sofern man nicht über die nötigen Mittel verfügt, entsprechende Backliner zu bezahlen oder beim Veranstalter entsprechende Stage-Hands vertraglich zu verpflichten. Auch die Firma Positive Grid, die sich im Modeling-Amp-Bereich in den letzten Jahren einen beachtlichen Namen erarbeitet hat, möchte von dieser Strömung profitieren und bringt mit dem Positive Grid Bias Mini eine haptisch abgespeckte Version des Positive Grid Bias Rack auf den Markt, jeweils in einer Gitarren- und in einer Bassversion. Auf zum fröhlichen Editieren.

Positive Grid Bias Mini - Front

Positive Grid Bias Mini – Front

Positive Grid Bias Mini – Facts & Features

Die Welt der Gitarristen hat sich in den letzten Dekaden stark verändert. War bis zur Etablierung von YouTube der Live-Auftritt im Bandkontext das höchste aller Gefühle, gehen viele Musiker diesem steinigen Weg, der von geringen Gagen, ständigen Diskussionen mit den anderen Bandmitgliedern und großen Zeit- und Geldinvestitionen geprägt ist, aus dem Weg und zocken einem Videospiel gleich lieber alleine im heimischen Wohnzimmer vor sich hin.

Die andere Seite der Medaille: Professionelle oder semi-professionelle Musiker sehen sich unterhalb der Stadienbands mit immer prekäreren Kosten-Nutzen-Analysen konfrontiert, die den Transport von hochwertigem, aber auch schwerem und großem Equipment nicht mehr wirtschaftlich erscheinen lässt. Zudem ist eine klassische Rockband in Sachen Bühnenlautstärke faktisch IMMER zu laut, so dass Verstärker der 20-Watt- oder weniger Klasse gerade in Clubs zumindest vom FOH her sehr gerne gesehen werden.

Von daher stehen Amps mit minimalen Abmessungen einem „echten“ Speaker-Out für Live-Shows und einem USB-Port für virtuelle Soundverwaltung am Rechner oder Mobile-Device sehr hoch im Kurs. Eben um einen solchen Verstärker handelt es sich auch bei dem Positive Grid Bias Mini, der zudem über die aktuell wohl mit Abstand optisch ansprechendste App in Sachen Klangeditierung verfügt.

Positive Grid Bias Mini - Rueckseite

Positive Grid Bias Mini – Rückseite

Die Konstruktion des Positive Grid Bias Mini

Mit einem Gewicht von nur 2,5 kg und den Abmessungen von 26,6 x 4,6 x 24,8 cm (B x H x T) erfüllt der Positive Grid Bias Mini die Erwartungen des „Traveling Musician“ zum größten Teil. Das mit 1 HE und etwas mehr als halben 19“-Rack-Breite ausgewiesene Produkt passt in jeden Reisekoffer oder Rucksack und kann somit bequem zu jeder Flugshow mitgenommen werden. Allerdings stehen die 7 Potis ohne jeden Schutz nach vorne ab und laufen Gefahr, ohne weiteres Softbag oder Rack bei unsachgemäßer Handhabung abgeknickt zu werden. Seitlich am Gehäuse sind bereits pro Seite vier Bohrungen für entsprechende Rack-Flügel vorgesehen, ich konnte aber leider nirgends entsprechendes käuflich zu erwerbendes Zubehör entdecken.

Besagte sieben Regler sind sehr intuitiv zu bedienen, sieht man von dem Preset- und Output-Regler einmal ab. Die restlichen fünf Regler generieren einen handelsüblichen Head, der einen Gain-Regler, eine Dreiband-Klangregelung und einen Mastervolume-Regler sein Eigen nennt. Besagter Output-Regler ist nicht mit dem Mastervolume-Regler zu verwechseln. Je nach Modeling-Amp hat der Mastervolume-Regler neben der Lautstärke auch massive klangliche Auswirkungen auf den Sound, während der Output-Regler lediglich „laut“ macht.

Der Preset-Regler hingegen, der als Endlosregler ausgelegt wurde, ermöglicht den Zugriff auf 16 Presets, die je nach voreingestelltem Verzerrungsgrad zwischen grün und rot wechseln. Die Presets können später auch mit eigenen Sounds belegt werden. Zudem befinden sich auf der Vorderseite ein leider aus Platzgründen nur in Miniklinke gehaltener Kopfhörerausgang und ein An/Aus-Schalter.

Rückseitig befindet sich neben dem Kaltgerätestecker ein FX-Loop, eine TRS-Fußschalterbuchse, mit der man den nicht im Lieferumfang enthaltenen Positive Grid Fußschalter anschließen kann, ein USB-Port zwecks Anschluss an den Rechner, ein Bluetooth-Schalter für die Verwaltung über iOS und ein XLR-Line-Ausgang, um zum Beispiel live ohne Box spielen zu können. Der Amp verfügt ebenfalls über MIDI In / Out, beide Buchsen sind aber leider ebenfalls als Miniklinke ausgeführt. Zwar liegen die passen Adapter bei, allerdings ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Miniklinken-Buchsen bei herunterhängenden MIDI-Kabeln aufgrund der Hebelwirkung erste Wackler in der Signalübertragung verursachen. Ich weiß, es kommt auf jeden Millimeter bei den Lunchbox-Amps an, aber diese Lösung ist zumindest für den Live-Betrieb nicht praxisgerecht.

Kleine Amps werden natürlich auch gerne mit kleineren Boxen aus dem 1×12“ oder 2×12“ Lager betrieben, womit wir bei der Ausgangsleistung des Positive Grid Bias Mini sind. Ja, Class-D-Endstufen kosten nahezu nichts mehr und verfügen über riesige Leistungsmengen, aber was im Basssektor u. U. noch einigermaßen Sinn ergibt (wobei, wer zur Hölle braucht einen 1000 Watt Bassverstärker?), ist bei der Gitarre im ungünstigsten Fall sogar noch kontraproduktiv. Der Positive Grid Bias Mini liefert bei 4 Ohm 300 Watt, was nicht nur eine unerträgliche Lautstärke im Gitarrenbereich ist, sie kann auch nur von wenigen 4×12 Cabinets mit mind. 75 Watt Speaker oder mehr ohne Schaden abgegeben werden.

Aufgrund der Transitorbauweise sind dies selbst bei Boxen mit 8 Ohm immer noch ca. 200 Watt, bei 16 Ohm knapp 150 Watt. Man stelle sich eine 8 Ohm 1×12“ Box mit einem 60 Watt Lautsprecher vor, selbiges schießt der Verstärker bei unsachgemäßer Handhabung in Sekunden durch. Von daher, höchste Vorsicht bei der Verwendung von kleinen Boxentypen und immer auf die „Pappzerre“ achten!

Positive Grid Bias Mini - Profil

Positive Grid Bias Mini – Profil

Die Bias Amp Pro 2 Software für den Bias Mini

Nur selten bekommt man eine optisch so ansprechende Software zu einem Modeling-Amp wie bei Positive Grid. Die Bias Amp Pro 2 Software kann von der Positive Grid Website geladen werden, ein entsprechender Download-Code liegt dem Verstärker bei.

Wohl kaum eine andere Software bietet so umfangreiche Gestaltungsmöglichkeiten wie die Bias Amp Pro 2. Vorstufenröhren, Endröhren, Bias-Einstellungen und selbst Transformatoren können nach Belieben getauscht werden und ja, der Sound ändert sich entsprechend. ABER, selbst der optimistischste Nutzer wird es insgeheim wissen, das klangliche Ergebnis ist nicht mit einer entsprechenden Hardware-Lösung zu vergleichen, es ist lediglich eine Emulation derselben.

Wer also glaubt, bei einem Produkt im dreistelligen Preis beim JTM mal eben den Trafo wechseln zu können, mit einem Ergebnis wie in der „echten“ Welt, läuft wirklich sehr blauäugig durchs Leben. Dies soll nicht bedeuten, dass der Positive Grid Bias Mini in irgendeiner Form schlecht klingen muss, es klingt nur nicht identisch, als wenn man einen entsprechenden Baustein in haptischer Form geändert hätte.

Ich bin daher auch immer sehr skeptisch, was die Werksbezeichnungen der jeweiligen Presets angeht. Egal, wie oft man die Original-Bezeichnung aufgrund von Trademark-Rechten kunstvoll umschreibt, das Original ist klanglich immer noch mal um Welten entfernt. Und noch einmal zur Sicherheit, dies heißt NICHT, dass der Positive Grid Bias Mini auf irgendeine Art und Weise schlecht klingen muss, aber im direkten Vergleich zum Original verliert der Amp immer. Ich schreibe daher auch später im Praxisteil nicht den Namen des emulierten Verstärkers hinzu, sondern betrachte die Sounds als eigenständige Positive Grid Sounds.

Positive Grid Bias Mini - Zubehoer

Positive Grid Bias Mini – Zubehör

Der Bias Mini in der Praxis

Wie bereits erwähnt, liegen die großen Vorteile des Positive Grid Bias Mini in seiner Flexibilität. Der Amp bietet mit den drei großen Einsatzgebieten Live traditionell (Betrieb mit Cabinet und Mikrofonabnahme für P.A.), Live modern (Betrieb mit Cabinet und Sound-Emulation über Line-Out für P.A.) und Homerecording (Direkt über Line-Out oder USB in die DAW) jene Flexibilität, die viele Gitarristen sich heutzutage wünschen.

Um es dem Positive Grid Bias Mini etwas schwerer zu machen, habe ich als Ausgangsbasis die Line-Out-Sounds mit Speaker-Emulation genommen. Die gleichen Sounds über ein 412er 300 Watt Marshall Cabinet geschickt, klangen eine Spur frischer, direkter und dynamischer, unterschieden sich allerdings nicht in dem hohen Maß, wie man es von anderen Amps mit Speaker-Emulation her gewohnt ist.

In Sachen Klangvielfalt kann man Tage damit verbringen, seinen Lieblingssound mittels der Amp Pro 2 Software zu optimieren. Ein wirklich hübsches Spielzeug, was aber am Grundsound zum Teil nur winzige Details ändert. Nichtsdestotrotz eine schöne Sache, um seine Sounds zu personalisieren.

Klanglich bieten sowohl die cleanen als auch die verzerrten Sounds eine solide Basis an Klängen, die den Großteil eines normalen Gitarristenlebens abdecken. Allerdings leidet der Amp etwas unter dem Problem des latent „muffigen“ Grundsounds, den nahezu alle Modeling-Amps ihr Eigen nennen. Es fehlen die markanten Obertonschwingungen der Originale, was auf Kosten der Durchsichtigkeit des Sounds geht.

Hier zunächst 5 Beispiele mit cleanen Sounds:

Und noch 5 Beispiel von Crunch bis High-Gain:

Fazit

Mit dem Positive Grid Bias Mini erhält man einen sehr flexiblen und transportablen Kleinstverstärker, der insbesondere vielreisenden Working-Musicians sehr entgegen kommt. Der Amp bietet eine breite Auswahl an passablen Sounds, die zudem durch die sehr ansprechende Bias Amp Pro 2 Software personalisiert werden können. Sehr gut geeignet für Coverbands oder Projekte, die eine breite Auswahl an Sounds und Abnahmemöglichkeiten benötigen.

Plus

  • Flexibilität
  • Abmessungen
  • sehr geschmackvolle Software

Minus

  • -

Preis

  • Ladenpreis: 759,- Euro
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