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Test: Rossum Electro Music Linnaeus Filter, Eurorack

20. Februar 2021

Vocaloide Klänge, Digitales und ein Osterei

Rossum Electro Music Linnaeus Filter, Eurorack

Rossum Electro Music Linnaeus Filter, Eurorack

Das Rossum Electro Music Linnaeus ist schon eine Weile erhältlich, aber wie konnte das passieren? Irgendwie ist das an mir vorbeigerauscht, obwohl Mr. Rossum ihn mir noch auf der Superbooth 2018 vorgeführt hatte. Sei‘s drum – nach den üblichen Zollkalamitäten ist es jetzt hier und wird auf Alle Herz- und Filternieren getestet. Und auch das nicht ganz so versteckte Easter-Egg wollen wir uns anschauen.

Digitaler State-Variable-Filter fürs Eurorack

Zunächst einmal ist das Rossum Electro Music Linnaeus ein digitales State-Variable-Filter für das Eurorack – in Stereo! Mit einer Breite von 16 Hp und einer Einbautiefe von 25 mm liegt er im mittleren Größenbereich. Der Stromverbrauch ist mit 155 mA bei +12 V und 36 mA bei 12 V auch im mittleren Bereich. Neben den üblichen Verdächtigen Low,- High- und Band-Pass, bietet Rossum Electro Music Linnaeus auch noch Notch, Low- und High-Shelf. Alle Filtertypen können mit einem Poti durchfahren werden und es entstehen dabei auch Mischformen, die nahtlos ineinander übergehen. Ein erster Eingriff in das Stereobild ist hier schon möglich: Man kann nämlich erstens zwei verschiedene Filter für die Stereoseiten wählen (rechtes Enable-Pärchen) und/oder zweitens die Polarität des Cutoff-Frequenzsteuerung umdrehen (linkes Enable-Pärchen). Anstatt aufzugehen beim Aufdrehen z. B. des Low-Pass-Filters, geht dieses dann zu.

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Rossum Electro Music Linnaeus Filter, Eurorack

Bleiben wir bei den beiden Enable-Buttons für die Stereofunktionalität. Die rechts liegenden Enable-Buttons haben noch eine wichtige zweite Funktion: die Einstellung des Q-Comp. Dieser sorgt dafür, dass bei hohen Resonanzwerten einem nicht das ganze Nutzsignal flöten geht – denn das Rossum Electro Music Linnaeus ist zu sagenhaften 60 dB Resonanz fähig (zum Vergleich, das Evolution-Filter bringt es „gerade mal“ auf 24 dB). Da Linnaeus ein State-Variable-Filter ist, besitzt es keine Selbstoszillation. Wenn man allerdings die Resonanz voll aufdrehe und die Quelle am Eingang stummschaltet, kann man deutlich eine Sinus-Oszillation hören, die ca. 10 Sekunden lang ausklingt.

Deswegen ist es sinnvoll, die Resonanz zähmen zu können und so bestimmt die Q-Comp eben die Absenkung des Eingangssignals, bezogen auf die Lautstärke der Resonanz. Wird die Eingangslautstärke von der Q-Comp heruntergeregelt, kann eben auch die Resonanz nicht mehr so zuschlagen. Diese Einstellung hat eine profunde Wirkung auf den Gesamtklang.

Alles modulierbar beim Rossum Electro Music Linnaeus

Rossum Electro Music Linnaeus Filter, Eurorack

Rossum Electro Music Linnaeus – Audio-I/O und CV-Eingaenge – und ein Ei!

Am Rossum Electro Music Linnaeus ist wirklich alles modulierbar. Die Filterfrequenz besitzt zwei Eingänge zur exponentiellen Modulation. Einer ist fest auf einer 1 V/Okt-Charakteristik festgelegt, der zweite besitzt über einen Eingang mit Attenuverter; beide Steuersignale werden addiert. Gleiches gilt für die Resonanz: Entweder wird sie gesteuert über den 6 dB/V-Eingang oder/und über den Attenuverter-Eingang. Bemerkenswert auch der Response-CV-Eingang, hier kann die Filtercharakteristik gesteuert werden. Legt man hier einen Oszillator im Hörbereich an, kann man erstaunliche vocaloide Klänge erzeugen.

Was soll eigentlich Thru-Zero heißen?

Da ist wohl ein kleiner Einschub fällig – denn was genau bedeutet denn nun Thru-Zero-Filter? Nun diesen Begriff kennt man eigentlich aus der linearen Oszillator-FM. Laut dem (wieder mal) sehr guten PDF-Handbuch ist nämlich das Rossum Electro Music Linnaeus überhaupt das erste Filter, das Thru-Zero-FM erlaubt. Thru-Zero bedeutet in der FM genau das: Würde die Frequenz eines Seitenbandes unterhalb von 0 Hz fallen, tut sie eben genau das. Aber Moment mal, Schwingungen unterhalb von 1 Hz sind ja noch klar – das sind einfach Schwingungen die länger als eine Sekunde pro Zyklus brauchen. (Ein Jahr hat übrigens eine Frequenz von etwa 3,17 * 10^-8 Hz – also 0,0000000317 Hz). Thru-Zero würde ja eine negative Frequenz bedeuten und das ergibt erst mal keinen Sinn, außer vielleicht im Zusammenhang mit Zeitreisen.

Zurück zu unseren Seitenbändern. Ein kleines Beispiel: Wir haben einen Oszillator, der lustig bei 440 Hz schwingt. Über einen linearen FM-Eingang kommt nun eine Steuerspannung von +/-1 V in Form einer symmetrischen Rechteckschwingung. Dabei haben wir den Attenuator des linearen FM-Eingangs so eingestellt, dass diese Steuerspannung eine Modulation 600 Hz bewirkt. Das ergibt für das eine Seitenband eine Frequenz von (440 Hz + 600 Hz =) 1040 Hz und für das zweite Seitenband eine Frequenz von (440 Hz-600 Hz =) -160 Hz. Haaalt stopp! Wie soll das eigentlich gehen, negative Frequenz? Nun, die recht simple Lösung ist: Es geht eigentlich nicht, denn so etwas wie negative Frequenz existiert nicht (nun zumindest oberhalb der Quantenebene, denn darunter ist irgendwie alles möglich). Stattdessen wird einfach die Phase der Oszillatorschwingung umgedreht. Es kommt also eine Frequenz von 160 Hz heraus, jedoch mit 180 Grad gedrehter Phase – der Oszillator läuft „rückwärts“.

Rossum Electro Music Linnaeus Filter, Eurorack

Rossum Electro Music Linnaeus – Konfigurationen des State-Variable-Filters

Ok, und wozu jetzt dieses Thru-Zero überhaupt? Es ist interessanterweise so, dass unser Ohr bei der linearen FM sozusagen einen Mittelwert nimmt. Eine Modulation des Grundtons 440 Hz um 200 Hz nach oben und unten ergibt für die Seitenbänder eine Frequenz von 640 Hz und 240 Hz. Das gibt zusammen 880 Hz und gemittelt eben wieder 440 Hz – was schlussendlich bedeutet, und jetzt komm es, dass sich die wahrgenommene Tonhöhe des Carrier-Oszillators (also dem der moduliert wird) nicht ändert. Spielt der Oszillator eine Sequenz, so wird eben nur die Klangfarbe verändert und nicht, die wahrgenommene Tonhöhe – die Sequenz eiert also nicht irgendwie herum.

Damit wird auch klar, warum Thru-Zero so wichtig ist: Ohne gedrehte Phase ist unser Mittelwert im Eimer und die wahrgenommene Tonhöhe verändert sich. Dreht sich jedoch die Phase, so mittelt unser Ohr interessanterweise wieder richtig, das wurde in Perzeptionsexperimenten festgestellt – kling komisch, ist aber so. Schlussendlich bedeutet das für das Rossum Electro Music Linnaeus, dass die lineare FM stabilere und vorhersagbare Ergebnisse liefert, da sie eben Thru-Zero geht.

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Die lineare FM des Rossum Electro Music Linnaeus

Mit diesem Rüstzeug können wir nun zum linearen FM-Eingang des Rossum Electro Music Linnaeus kommen. Auch hier gibt es zwei Eingänge, nun eigentlich drei, wenn man den eigenen internen Oszillator des Linnaeus mitzählt. Der erste Eingang EXT LIN CV bekommt die eigentliche Modulator-CV, also wie im Beispiel oben eine Rechteckschwingung im Audiobereich. Über den INDEX CV Eingang bestimmt man dann die Stärke der Modulation (via Attenuverter), zusammen mit der manuellen Einstellung über das MOD INDEX Poti.

Rossum Electro Music Linnaeus Filter, Eurorack

Rossum Electro Music Linnaeus – ein Filtertyp pro Seite

Hat man keinen externen Oszillator zur Hand, bietet der Rossum Electro Music Linnaeus einen internen Oszillator an, der stufenlos von Sinus- über Dreieck-, Sägezahn- und schließlich Rechteckschwingung eingestellt werden kann. Dessen Frequenz kann wieder direkt über ein Poti und über externe CV und Attenuverter eingestellt werden. Der TRACK-Button sorgt dafür, dass der interne Oszillator der Frequenz der Filter-Cutoff folgt. Das Ergebnis ist auch hier ein stabileres Timbre.

What‘s with the egg?

So steht die Frage im Handbuch und dahinter verbirgt sich nichts weniger als quasi ein zweites Modul! Im sogenannten Ping-Modus wird aus dem Filter ein Percussion-Modul, das ohne externen Audio-Input funktioniert. Chris Meyer, der Erfinder dieses speziellen Modus, sagt ganz einfach: „Wenn jemand Buchla Bongos mag – hier sind sie alle in einem Modul.“

Über einen langen Druck auf den Track-Button gelangt man in den Ping-Mode; Grundeinstellungen werden vorgenommen, solange man den Track-Button gedrückt hält. Eine ausführliche Beschreibung findet man im Handbuch, hier interessiert mich, was klanglich möglich ist. Deswegen wähle ich die Option Manual-Ping, bei der dient ein Signal am Audioeingang als Trigger-Signal. Zunächst also zu einem ganz einfachem Trigger-Impuls am Eingang. Dieser löst nun, bei aufgedrehter Resonanz einen Percussion-artigen Sound aus, dessen Timbre über die Wahl der Schwingung des internen Oszillators gewählt werden kann. Natürlich hat auch die Wahl der Frequenz des internen Oszillators eine Auswirkung auf das Timbre.

Rossum Electro Music Linnaeus Filter, Eurorack

Rossum Electro Music Linnaeus – robuste Qualität

Als nächstes lege ich am Audioeingang des Rossum Electro Music Linnaeus eine Hüllkurve an, deren Verlauf im Beispiel langsam beschleunigt wird und dieselbe Hüllkurve lege ich am CV-Eingang für die Filterfrequenz an – das hat den Effekt, dass sich auch das Timbre mit dem Hüllkurvenverlauf ändert. Hier kann man deutlich hören, dass aus dem Eingangssignal ein Trigger abgeleitet wird, egal was man nun reinsendet. Bei den beiden Beispielen hatte jede Seite des Stereobildes ein anderes Filter eingestellt, um einen netten Stereoeffekt zu erzeugen.

Alles in allem eine unglaublich gute Dreingabe, die man auch als eigenes Modul hätte herausbringen können. Und damit nicht genug, es gibt noch mehr Möglichkeiten, den Klang dieser Percussion zu beeinflussen. Wer alles wissen möchte, sollte sich in der Anleitung kundig machen.

Rossum Electro Music Linnaeus Filter, Eurorack

Rossum Electro Music Linnaeus – der Stereoeffekt ist aktiv

Aber, das war doch ein Filter …

Wie vielleicht schon aufgefallen, habe ich den Klang des eigentlichen Filters bisher noch nicht erwähnt – und das aus gutem Grund. So unglaublich vielseitig das Rossum Electro Music Linnaeus wegen seiner mannigfaltigen Modulationsmöglichkeiten ist, so unspektakulär klingt das eigentliche State-Variable-Filter für mich. Es klingt nicht schlecht – aber irgendwie nicht aufregend mit einem Hang zur übermäßigen Resonanz.

Nach einiger Zeit mit dem Modul stelle ich fest, dass ich bisher noch kein Modul erlebt habe, das besser für den Effekt Sample- oder Bit-Reduction geeignet wäre. Von ganz leicht angeraut bis ganz zerstört habe ich da alles raushauen können.

Nur wegen des Filters würde ich das Rossum Electro Music Linnaeus niemandem empfehlen – aber wegen der angesprochenen Möglichkeiten und Klang der Modulation und nicht zuletzt wegen des alternativen Ping-Modus komme ich nicht umher, wieder einmal begeistert zu sein, was Dave Rossum da in seinem Labor mit seinen Mitstreitern entwickelt hat.

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Fazit

Am Anfang war ich ein wenig enttäuscht vom Klang des Rossum Electro Music Linnaeus an sich. Gut für ein digitales Filter, aber nicht herausragend. Erst bei der Erkundung der vielen Modulationsmöglichkeiten, deren Klang im FM-Bereich und der Optionen für die Stereoverarbeitung dämmerte es mir langsam – hier liegt wieder ein mächtiges Sounddesign-Tool vor. Durch die verschiedenen Optionen gelingen prominente vocaloide Klänge genauso wie unleugbar digitales Noise. Wer sanft und cremig will, ist hier wohl falsch. Der absolute Bringer aber ist die „nette Dreingabe“ des Ping-Modus, das das Rossum Electro Music Linnaeus in ein FM-Percussion-Modul verwandelt – kauf eins, bekomm eins umsonst, sozusagen. Wieder ein sehr gutes Modul von Rossum Electro Music.

Plus

  • volle Modulationsmöglichkeit aller Parameter
  • Stereobetrieb mit verschiedenen Filtertypen
  • Ping-Modus mit FM-Drums (Buchla Bongos)

Minus

  • manche Patches/Modulationen im FM-Bereich klingen sehr zerstört
  • Eingewöhnungszeit beim Hantieren mit den Stereokanälen

Preis

  • 418,- Euro
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Dirk E. aka Xsample  RED

    Danke für den tollen Test! Ich liebe die Rossum-Electro-Music–Module und habe sie alle. Die Ideen dahinter und auch die tolle Verarbeitungsqualität beeindrucken immer wieder.

    • Profilbild
      D-Joe  

      … die Rossums würde ich mal gerne testen…!!!
      den Morpheus hab ich auch, ist echt was feines!!!

  2. Profilbild
    hejasa  AHU

    zunächst einmal Danke für den guten Test. Was fehlt ist, dass über das Ei nicht nur perkussives möglich ist, sondern dahinter auch ein waschechter Oszillator steckt und der klingt sehr fett.

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