Test: Solid State Logic Alpha VHD Pre, 4-Kanal-Mikrofonvorverstärker

28. August 2020

Ein Klassiker im Viererpack

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Solid State Logic Alpha VHD Pre, 4-Kanal-Mikrofonvorverstärker

Solid State Logic, kurz SSL, ist einer der ganz großen Namen im Business. Nun bringt der englische Hersteller einen 4-Kanal-Preamp für ca. 400,- Euro/Kanal auf den Markt. Das lässt aufhorchen, wie wird sich der Vorverstärker schlagen?

In the box und technische Werte

Neben dem Preamp, der vier Kanäle auf einer Höheneinheit unterbringt, ist das externe Netzteil mit im Karton. Dieses liefert 15 Volt und wird  über einen 5-poligen Stecker ohne Verriegelung mit der Einheit verbunden. Mit dabei sind drei Netzkabel mit verschiedenen Anschlusssteckern.

Das Installationshandbuch führt in sechs Sprachen in das Gerät ein. Etwas zu kurz kommen sind hier die technischen Daten – das ist für mich aber verschmerzbar, ich beurteile gerne nach dem Höreindruck.

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Allerdings hat es die interessante Sparte „Umfeld“ in die Anleitung geschafft. Und diese Angaben möchte ich dem geneigten Leser keinesfalls vorenthalten (ein kleines Augenzwinkern gehört zum nächsten Abschnitt dazu).

Los geht es mit der Temperatur. Im Betrieb sind hier +5 bis 30 Grad C angegeben. Unproblematisch, bei Werten außerhalb dieses Rahmens weigere ich mich das Studio zu betreten. Im Ruhezustand darf es übrigens -20 bis 50 Grad kalt oder heiß sein, aber Obacht: Die maximale Schwankung sollte pro Stunde nicht mehr als 15 Grad C betragen.

Weiter geht es mit der Luftfeuchtigkeit, die im Betrieb 20 – 80 %, im Ruhezustand 5 – 90 % betragen darf. Ganz wichtig ist der „Max. wet bulb“, übersetzt die Kühlgrenztemperatur, die ab 29 Grad Celcius nicht mehr zuträglich ist. Was es damit auf sich hat, mag ich als Nicht-Klimatechniker nur schwer verstehen, noch weniger zu erklären. Deshalb für Interessierte hier der Link zu Wikipedia.

Die Vibrationen, denen das Gerät im Betrieb ausgesetzt wird, sollten kleiner 0,2 G gehalten werden, ausgeschaltet darf man den Preamp immerhin mit der doppelten Fliehkraft belastet werden. In beiden Fällen sind die Vibrationen im Rahmen von 3 -100 Hz zu halten.

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Deutlich mehr kann das 19“ Teil im Falle eines Stoßes ab. Bis zu 2 G steckt es im Betrieb weg, ausgeschaltet sind sogar bis zu 10 G drin. Die Länge des Stoßes sollte 10 ms aber nicht überschreiten.

Auch die Höhe (über Meeresspiegel) ist eine Angabe, die in keiner Anleitung fehlen darf. So erfahren wir, dass von 0 bis 3.000 Meter der Preamp in Betrieb gehen darf. Da sind wir hier in Deutschland fein raus, so können wir selbst auf der Zugspitze mit 2.962 Metern noch in den Genuss eines SSL Recordings kommen. Schwieriger wird es, wenn das Teil per Flugzeug ins nicht-europäische Ausland verschickt werden soll. Maximal 12.000 Meter erlaubt der Hersteller. Da muss man sich schon vorab sehr detailliert beim Transportunternehmen erkundigen, wie hoch die denn zu fliegen gedenken, nicht dass da noch was kaputtgeht.

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Wichtige Hinweise!

Der Alpha VHD Pre, Aufbau

Kommen wir nun zum Wesentlichen zurück, was bietet der 4-Kanäler? Zunächst einmal vier identische Kanäle, die auf einer Höheneinheit untergebracht sind. Mit 23 cm ist das Gehäuse nicht sonderlich tief, auch das Gewicht hält sich mit 2,6 kg in Grenzen.

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Vier identische Kanäle

Pro Kanal verfügt der Alpha VHD Pre über die Potis Input, Output und VHD. Dazu gesellen sich die drei Druckknöpfe Hi-Z, PAD und 48V.

Der Input-Regler bietet einen Wertebereich von +20 bis +75 dB. Das so verstärkte Signal lässt sich mit dem Output um -20 bis +20 dB anpassen. Eine Abschwächung des Gains, z. B. für laute Line Signale, gelingt mit dem PAD-Button, der 20 dB herunterpegelt.

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Einfach und logisch aufgebaut

Gleichzeitig dient er als einzige Aussteuerungsanzeige, indem er in diesem Fall rot aufleuchtet. Das ist wohl auch der Grund, warum alle drei Taster bei Bedienung grün illuminiert sind. Gerade beim Phantompower hätte ich mir da schon eine andere Farbe gewünscht.

Der Hi-Z Button ändert die Impedanz von 1 kOhm auf 10 kOhm und wirkt auf beide Eingänge. Der Instrumenteneingang als Klinke befindet sich übrigens auf der Vorderseite, die XLR-Mikrofonein- und Ausgänge liegen auf der Rückseite. Bei Belegung des Klinkeneingangs wird der XLR-Anschluss automatisch abgeschaltet, das ist praxisorientiert.

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Die Rückseite

Als dritten Regler verfügt jeder Kanal über das VHD-Poti. Dieses fügt bei Linksanschlag harmonische Obertöne der 2ten Ordnung hinzu, die als röhrenähnliche Verzerrung wahrgenommen werden. Bei Rechtsanschlag werden Harmonische der 3ten Ordnung erzielt. Diese werden eher als härtere Transistorverzerrungen empfunden. Zwischenpositionen fügen weitere Mischsound zu. Ausschalten lässt sich die Verzerrfunktion … gar nicht.

Wie bitte, ein von Natur aus supercleaner trafoloser Preamp, der permanent durch einen Verzerrer gejagt wird? Nein, so einfach ist die Sache natürlich nicht. Die Stärke des VHD, Variable Harmonic Drive, hängt vom Gain ab. Erst mit zunehmender Verstärkung und Anschlagen der Übersteuerungs-LED im PAD-Schalter tritt die Verzerrung auf den Plan. Das ist Teil des Konzepts und damit kann gespielt werden. Über den Output-Regler lässt sich der erhöhte Pegel dann wieder an die weitere Verwertungskette anpassen.

Ich bin gespannt, wie gut das in der Praxis funktioniert, aber zunächst möchte ich die

Alternativen mit VHD

kurz vorstellen.

Da bietet SSL aus der Alpha Reihe den Alpha Channel, einen einkanaligen 19“ Channelstrip, den Kollege Chris Pfeil erst kürzlich hier auf AMAZONA.de vorgestellt hat.

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Der Alpha Channel

Hier wird eine 3-Band-Klangregelung, Low-Cut in 3 Stufen und ein Limiter im Ausgang geboten. Zudem verfügt der Alpha Channel über einen Phasendreher und einen bordeigenen A/D-Wandler. Die VHD-Implementierung ist wie beim Alpha VHD Pre gelöst. Mit ca. 1.200,- Euro ist man bei dem Channelstrip mit dabei.

Auch für die API 500 Racks bietet SSL eine Reihe von Modulen. Hier ist der VHD Pre 500 ganz ähnlich einem Kanal des Alpha VHD Pre aufgebaut.

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Die VHD-Schaltung kann hier allerdings komplett aus dem Signalweg genommen werden. Das Signal wird mit einer dreifarbigen LED überwacht. Der VHD Pre 500 hat ein durchstimmbares LowCut-Filter von 15 – 500 Hz bei einer Flankensteilheit von 18 dB/Oct erhalten. Auch ein Phasendreher ist mit an Bord. Auf einen Instrumenteneingang wurde verzichtet. Mit um die 600,- Euro ist die 500er Version recht günstig.

SSL hat auch ein eigenes Rack-Format, das X-Rack. Neben dem großen Rack mit 8 Slots wird auch das kleine Mynx mit 2 Slots angeboten. Auch hier gibt es mit dem XR627 einen VHD-Vertreter.

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Der XR627, 4. von links

Wie beim VHD Pre 500 gibt es keinen Instrumenteneingang, aber ein eigener Line-In mit Umschalter wurde verbaut, auch den Phasendreher gibt es. Der VHD Schaltkreis ist abschaltbar.

Der XR627 verfügt über zwei Filter, die separat schaltbar sind. Das LowCut arbeitet mit 18 dB Steilheit von 15 – 350 Hz, mit dem HighCut können die Frequenzen von 20 kHz bis runter zu 3 kHz bei 12 dB/Oct beschnitten werden.

Auch ein einfacher Ein-Knopf Kompressor ist vorhanden, dessen Einsatzbereich schlicht mit „less“ bis „more“ angegeben ist.

In der Ausgangssektion zeigt eine Tri-Color LED den Pegel des Ausgangssignals an, der schaltbare Record-Bus ist nur in Verbindung mit dem XR622 Master Modul nutzbar. Für den XR627 werden aktuell ca. 900,- Euro aufgerufen.

Der XR627 im Mynx ist Teil meines Studios, wird also als direkter Vergleich zum Alpha VHD Pre herangezogen.

In der Praxis

Also darf es gleich mit dem ersten Vergleich der beiden losgehen. Eine Gesangsaufnahme mit dem AKG C414 B-ULS wird auf beide Preamps geschickt, der Pegel angeglichen und auf 0,3 dB normalisiert. Hierbei wurde auf ausgeglichenes Gain geachtet, das den VHD-Schaltkreis nicht anspringen lässt.

Wenn überhaupt, dann sind nur minimale Unterschiede zu hören. Der XR627 scheint ein wenig gelassener in den Mitten zu agieren, der Alpha ist in den Höhen etwas prägnanter. Meine beliebte Nachkontrolle mit der Phasendrehung einer Aufnahme offenbart genau dies: 100 % identisch sind die Aufnahmen nicht, aber auch nicht weit voneinander entfernt. 39 dB werden bei diesem Beispiel ausgelöscht.

Nun werden zwei Kanäle beim Alpha VHD pre belegt und einer davon mit der Harmonischen 2ter Ordnung beschickt. Die Pegelanzeige leuchtet nicht dauerhaft, nimmt die Pegelspitzen aber mit.

Deutlich nehmen wir im zweiten Beispiel die Betonung der Obertöne wahr, die den Sound luftiger und direkter macht. Durchaus eine gute Option bei entsprechender Musik.

Im nächsten Beispiel lasse ich den VHD fast dauerhaft in den roten Bereich.

Da ist schon an der Wellenform zu sehen, dass hier sehr stark komprimiert wird.

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Das Limiting unten ist deutlich zu sehen

Das ist auch zu hören, diese Aufnahme klingt deutlich verzerrt.

Wieder deutlich dezenter wird VHD im Rechtsanschlag, d. h. 3te Ordnung im nächsten Beispiel eingesetzt.

Hier tritt schon bei geringerer Dosierung eine Kompression ein, der Sound klingt angezerrt, aber noch nicht unangenehm verzerrt. Für Indie-Rock Aufnahmen sicher so zu gebrauchen.

Nun soll es nochmals einen Vergleich zwischen dem X-Rack Modul und dem 19“ Gerät geben. Beide sind dabei auf die VHD 3te Harmonische eingestellt.

Grundsätzlich agieren beide Preamps hier etwas unterschiedlich. Der XR627 komprimiert nicht, sondern fügt die harmonischen Verzerrungen einfach hinzu. Das ist beim Alpha VHD Pre so nicht möglich, da der VHD-Schaltkreis nicht ausgeschaltet werden kann. Hier muss man die Peak-LED also immer gut im Auge behalten. Brauchbar sind beide Aufnahmen, eleganter und für die weitere Bearbeitung geeigneter dürfte hier das Recording aus dem X-Rack Modul sein.

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Hier nochmals Alpha VHD Pre und XR627 im Mynx Rack

Nun möchte ich noch die Umschaltung der Eingangsimpedanz prüfen. Hier kann ich bei mehreren Mikros keinen Unterschied heraushören, ich bin mir also unsicher, ob diese Funktion überhaupt, wie im Installationshandbuch angegeben, hier auch wirkt.

Also schließen wir die Mikrofonseite ab und widmen uns dem Instrumenteneingang.

Da möchte ich mit E-Bass noch ein paar Phrasen einspielen. In den ersten beiden Beispielen schalte ich von 1 kOhm auf 10 kOhm um.

Beide Lines klingen drahtig und nach vorn gerichtet, Der VHD auf Linksanschlag darf dabei gerne gelegentlich anspringen. Die 10 kOhm klingt ein wenig nasaler, fast so, als hätte ich von Preci auf Rickenbacker gewechselt. Hier springt auch VHD schneller an, um Verzerrungen zu vermeiden, habe ich also das Gain ein wenig zurückgefahren.

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Zum Vergleich möchte ich noch einen anderen Preamp einsetzen und entscheide mich für den Warm Audio WA-73EQ. Der Equalizer bleibt natürlich ausgeschaltet.

Die WA-Spur klingt deutlich matter und wird sich im Mix nicht so gut durchsetzen. Damit hat für mich der Alpha VHD Pre auch seine Eignung für Instrumente unter Beweis gestellt.

Fazit

Der Traditionshersteller SSL aus England bietet mit dem Alpha VHD Pre einen 4-Kanal-Preamp, der für Mikrofon- wie auch für Instrumentenaufnahmen zu gefallen weiß.

Dabei steht der klassische SSL Sound im Mittelpunkt, der hier mit VHD noch ordentlich angereichert werden kann.

Der Alpha VHD Pre bietet die günstigste Möglichkeit, an die begehrten SSL Tugenden zu gelangen.

Plus

  • klassischer SSL-Sound
  • recht flexible VHD-Schaltung
  • guter Instrumenteneingang
  • gutes Preis-Leistungs-Verhältnis pro Kanal

Minus

  • VHD nicht abschaltbar

Preis

  • 1.609,- Euro
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