Test: SPL Crescendo, 8-Kanal Mikrofonvorverstärker

16. März 2020

8-Kanal-Preamp - Made in Germany

test spl crescendo

SPL Crescendo, 8-Kanal Mikrofonvorverstärker

Ich freue mich – vor mir steht der brandneue SPL Crescendo! Das letzte Mal, als ich mich in das Design eines Verstärkers „verguckt“ hatte, war beim Grace Design FELiX, der nicht nur gut aussieht, sondern auch klanglich voll überzeugen konnte. Wir werden sehen, ob das auch dem Crescendo gelingt.

Auch wenn das professionelle Design und das Look & Feel eher auf einen Hersteller in Übersee schließen lässt: Sound Performance Labs, kurz SPL, wurde 1983 von Wolfgang Neumann gegründet und hat sich seit dem einen exzellenten Ruf in der Studioszene erarbeitet. Deswegen werden die Geräte auch schon lange nicht mehr als Geheimtipp gehandelt, sondern werden gerne in etablierten Studios auf der ganzen Welt eingesetzt. Ein Grund dafür ist die innovative Technologie, mit der der Hersteller aus der Nähe von Mönchengladbach immer wieder aufhorchen lässt. Im Jahre 2011 war es zum Beispiel der 24 Kanal Mixer mit Namen „NEOS“, der in der Szene viel Beachtung fand: Denn es wurden erstmals eigens gefertigte Operationsverstärker verbaut, die mit einer Betriebsspannung von 120V (+/- 60V) arbeiten.

Und genau diese 120V Technik hat nun bei SPL Einzug in einen neuen Mikrofonvorverstärker gefunden, dem SPL Crescendo.

test spl crescendo

SPL Crescendo: Die Technik

Gleich acht dieser Mikrofon-Preamps sind im SPL verbaut: Alle brav nebeneinander in einem 2 HE Rack-Gehäuse, das eigentlich auf ein beleuchtetes Podest gehört. Klar, übersichtlich und sehr ansprechend gestaltet sich demnach auch die Front.

Jeder Preamp verfügt über ein in schöneM Gelb illuminiertes VU-Meter, das in seiner Empfindlichkeit umschaltbar ist (VU -10). Darunter die Aktivierung der Phantomspannung (48V), der Phasenumkehr und eine Pad-Funktion, die den Pegel um 20 dB absenkt. Unten an jedem Kanal haben wir noch einen sehr cremig laufenden Gain-Regler mit exakter Skalierung. Das war es tatsächlich auch schon mit den Einstellungsmöglichkeiten – meiner Meinung nach ist das für einen guten Preamp auch völlig ausreichend.

Auf der Rückseite dann für jeden der 8 Kanäle die Ein- und Ausgänge im XLR-Format und dazu noch die Möglichkeit, die Ausgänge 1-8 über einen DB25 abzugreifen. Die Beschriftung der Ein- und Ausgänge ist übrigens auch kopfüber lesbar – eine Kleinigkeit, für die ich immer dankbar bin. Eine Kaltgerätebuchse für das interne 150 Watt Netzteil und ein Ein/Aus-Schalter vervollständigen die Bedienung des Crescendo. Ach ja: Unten rechts, ganz klein auf der Rückseite steht: „Made in Germany“.

SPL_Cres-Rear

Der Crescendo wurde von Anfang an vollständig symmetrisch mit gematchten PNP-Transistoren aufgebaut. Die von SPL selbst entworfenen Operationsverstärker arbeiten mit 120 Volt (plus / minus 60V). Im Gegensatz zum Neos arbeiten beim Crescendo nicht nur einige Stages mit 120V, sondern das komplette Gerät wurde für diese Versorgungsspannung konzipiert.

Kein(!) Technikspecial: 120V

Der Hauptpunkt mit 120 Volt: Je mehr Energie wir für die Signalverarbeitung haben, desto höher ist die dynamische Bandbreite. Diese einfache Tatsache bedeutet nicht, dass ein Gerät gut klingt, nur weil es mit 120V betrieben wird, aber es ist eine anständige Basis, auf der man aufbauen kann.

SPL_Cres_Detail_right

Der Vorteil dieser hohen dynamischen Bandbreite ist prinzipiell ein geringeres und späteres Maß an Verzerrung. Bei einer Standard-Schaltung von beispielsweise +/- 15 V kann die Überlastfestigkeit bei etwa 20 dB liegen. Mit dem Crescendo liegt man deutlich über 30 dB. Eine hohe dynamische Bandbreite hilft dabei in zweierlei Hinsicht: Nach oben haben wir mehr Headroom, nach unten haben wir mehr Abstand zum Rauschen (= ein besseres Signal-Rausch-Verhältnis).

Wenn ein Wandler (im Audiointerface) nun 24 dB liefert, müssen Sie sein Ausgangssignal nicht verringern (was die Bit-Auflösung reduzieren würde). Intern läuft der hohe Pegel weiter und wenn man (bis zu) 6 dB addiert, hat man immer noch einen guten Headroom. Was immer Sie also einspeisen, was immer Sie hinzufügen – keine Verzerrung. Und es erlaubt, die dynamischen Pegel und ihre Unterschiede in der maximal verfügbaren Bandbreite zu halten, die Sie verarbeiten können. SPL hat dies in einem Video sehr anschaulich dargestellt:

 

Die Verarbeitung

Makellos! Ein sehr feines Stück Technik hat SPL da gebaut. Selbst im Detail sieht das Gerät sehr akkurat und hochwertig aus. Die Regler, die Schalter und die tollen VU-Meter – das ist alles sehr liebevoll gemacht. Wenn man ein klitzekleines bisschen kleinkariert sein will, dann könnten die Kanten der vorderen Rillen auf der Frontplatte etwas weniger scharf sein, aber das ist nicht mal ein Minuspunkt im Fazit wert. Auch die Qualität der Stecker und Buchsen und die sauber aufgebaute Technik lassen einen mit der Zunge schnalzen und bewundernd nicken.

Ja, werden Sie jetzt sagen. Für knappe 5.000,- Euro ist das doch kein Wunder. Faktisch reden wir aber von 625,- Euro pro Vorverstärker – und das ist für das Gebotene außerordentlich günstig. Ich gehe sogar so weit, dass der Crescendo klanglich den drei Preamps aus meinem Vorverstärker Vergleichstest überlegen ist. Dazu gleich mehr in der klanglichen Beurteilung.

Kritikpunkte

Da gibt es, wie Sie sich sicher denken können, nicht viel. Ich hätte mir für die einzelnen Kanäle noch jeweils einen Mute-Schalter zur Stummschaltung gewünscht, das ist schon alles. Ich habe nach weiteren Kritikpunkten gesucht, aber nichts gefunden. Der Regelbereich des Gain-Reglers ist nicht zuletzt durch die Pad-Funktion sehr praxisgerecht und es gibt auch kein Knacksen oder Brummen am Gerät. Auch die Wärmeentwicklung ist im grünen Bereich.

SPL_Cres_MikTop01

Und ebenfalls kein Kritikpunkt: Der SPL Crescendo ist kein Line- oder Hi-Z Preamplifier. Hier geht es nur um die Verstärkung von Mikrofonsignalen. Wer hier mehr benötigt, sollte sich zum Beispiel mal den formidablen SPL Frontliner ansehen.

Der Klang

Schon bei den ersten Testtönen mit angeschlossenem Mikrofon merkt man, dass dieses 120 Volt Ding kein leeres Versprechen ist. Die abgebildete Dynamik des Systems ist wirklich beeindruckend. So habe ich für den Test ein „Feld-Wald-und-Wiesen-Mikrofon“ verwendet, das Shure SM58S und dazu noch das AKG C214 als hochwertiges Kondensator-Mikro, das unser Autor w.dammeier auch schon sehr positiv für AMAZONA.de getestet hat.

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Der SPL im Duett mit dem Dangerous Mastering Compressor

Sorgfältig vor meinem Röhrencombo VOX AC15 C1 mit Celestion Greenback Speaker platziert, hören Sie in meinen Audiobeispielen den Vergleich zu den ebenfalls sehr guten Preamps meines Allen & Heath QU16 Digitalmixers, der schon in einigen Vergleichen gezeigt hat, dass man sich bei A&H nicht vor teureren Kontrahenten verstecken muss. Der A&H klingt immer sehr natürlich, was auch seine größte Stärke ist. Die Übersteuerfestigkeit hat mich ebenso überzeugt wie der geringe Rauschpegel.

Rauschen und Verfärbungen sind beim SPL natürlich auch kein Thema und dazu setzt der Crescendo etwas drauf, was mit Worten nur ganz schwer zu beschreiben ist. Es ist diese unbändige Feindynamik – der SPL lauert wie eine Katze vor dem Sprung auf jede dynamische Herausforderung. Diese Schnelligkeit findet man nur selten und ich kann nur mutmaßen, dass dies ebenfalls eine Folge der großzügigen Versorgungsspannung ist. Selbst bei dauerhaft hohem Pegel hat man nie das Gefühl, der SPL müsste sich auf irgendeine Art anstrengen. Locker haut er jede Dynamikspitze aus dem Ärmel und wenn überhaupt, dann sollte man sich um die Impulsfestigkeit seiner Monitore sorgen.

Wer einen färbenden Channelstrip à la SSL 4000 erwartet, wird allerdings nicht glücklich. Maximale Neutralität ist beim SPL genau so ein Credo, wie beim Allen & Heath.

Klangbeispiele

Da die Unterschiede bei Preamps natürlich nicht riesig sind, habe ich folgende Klangbeispiele erstmals im WAV-Format mit 48 kHz/ 24 Bit aufgenommen. In der Bezeichnung des Soundfiles sehen Sie, welches Mikro zum Einsatz kam und am Ende, ob mit dem SPL („SPL“) oder dem Allen&Heath („QU16“) aufgenommen wurde.

Die ersten vier Beispiele wurden mit meiner Fender Stratocaster American Performer mit gesplittetem Humbucker in der Bridge-Position gemacht: Einmal mit dem AKG C214 und einmal mit dem Shure SM58S. Hier merkt man, dass der SPL Crescendo im Vergleich mehr strahlt und die Obertöne deutlicher zum Ausdruck bringt. Als Tipp: Beim Ausklingen der Töne auf die hellen Frequenzen achten.

Die nächsten vier Beispiele wurden mit einer B & G Little Sister Private Build gemacht, einer Gitarre im Parlor Style mit P90 Pickups. Auch hier hört man die „Luft“ über den einzelnen Tönen beim SPL. Der Allen&Heath macht seine Sache wahrlich nicht schlecht, aber die Feinheiten des Crescendo kann er nicht herausarbeiten.

Und zum Schluss habe ich noch aus „Der große Gatsby“ (F. Scott Fitzgerald, 1925) vorgelesen. Auch hier transportiert der SPL einfach mehr Informationen im Kontext. Die Stimmung des Vorlesenden, die Atemgeräusche und die Feindynamik der Stimme bieten dem Zuhörer einen echten Mehrwert, um in die Geschichte einzutauchen.

SPL_Cres_Top01

Fazit

Alles richtig gemacht, SPL. Der Crescendo ist für jeden Tontechniker eine Bereicherung seines Equipments. Ein toll verarbeiteter 8-Kanal Preamp für höchste klangliche Ansprüche, bei dem wieder einmal deutlich wird, dass sich ein hoher Entwicklungsaufwand und innovative Technik im Studiobereich durchaus lohnt.

Plus

  • sehr neutraler und dynamischer Klang
  • aufwendige Technik
  • hochwertige Verarbeitung

Minus

  • kein Channel-Mute am Gerät

Preis

  • 4.999,- Euro
Klangbeispiele
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