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Test: Steinberg Model E Minimoog Clone

25. Mai 2000

Minimoog Clone als VST

Langsam stellt man sich die Frage, wozu noch platzfressende, monströse Hardwaresynthesizer ins heimische Studio stellen, wenn es mittlerweile eine umfassende Auswahl an Software Pendants gibt, die auf der Festplatte Ihres PC´s oder MAC´s Unterschlupf finden.
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Doch eins nach dem anderen…
Mit dem Model E haben Steinbergs Programmierer den waghalsigen Versuch unternommen, dem Mini-Moog als VST Instrument eine neue Daseinsberechtigung zu geben.

Die Installation war sowohl unter LOGIC als auch unter CUBASE problemlos möglich. Kompatibilitätsprobleme zu PC oder MACINTOSH sind mir nicht aufgefallen. Während der gesamten Session lief MODEL E absolut stabil.

Die Bedienung von Drehreglern mit der Maus ist zwar nicht so angenehm wie die Kontrolle von Schiebereglern, aber wenn´s nun mal aussehen soll wie ein Minimoog — OK. Das Vintage-Feeling ist jedenfalls im Look gelungen.
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Getreu dem Vorbild verfügt auch das Model E über drei Oszillatoren (mit je sechs Wellenformen), einen Mixer, der die Ausgangssignale der drei Oszillatorstränge mischt und an dieser Stelle die stufenlose Beigabe von Noise (White oder Pink) erlaubt, zwei Hüllkurvengenereatoren für Filter und Amplifier sowie einem Filtermodul mit Cutt Off, Resonanz und Amount, für den Anteil, den die Filterhüllkurve auf die Filterfrequenz hat. Glide, Modulation-Mix und Tune sowie einige Kippschalter für die Modulation von Filter und Amplifier vervollständigen die Kopie.

Wie bereits im Original, fehlt ein separater LFO. Möchte man entsprechende Modulationen verwirklichen, läßt sich allerdings OSC3 als LFO zweckentfremden. Ebenso vom Minimoog her bekannt ist die Einschränkung der beiden Hüllkurven, die über keinen Regler für die Release-Zeit verfügen. Lediglich ein Kippschalter ermöglich längere Releasezeiten, die dann aber über den Decay-Regler eingestellt werden müssen.
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Daß das MODEL E allerdings mehr als nur eine Kopie ist, zeigen die zusätzlichen Features, die Steinmbergs Ingenieure integriert haben.

Zunächst war der Minimoog monophon, während sich das Model E bei entsprechend schnellen Rechnern bis zu 64stimmige Polyphonie gestattet!!!! Model E ist selbstredend über Midi steuerbar und zwar auch im 16fachen Multimode. Sie können also getrost mit einem einzigen MODEL E und entsprechend schneller Hardware komplette Synthiearranegements kreieren.

Führte beim Minimoog der Veränderung der Regler noch zum unmittelbaren Verlust des eingestellten Sound, so lassen sich im Model E 128 Sounds im direkten Zugriff verwalten und weitere Bänke unkompliziert nachladen. Klar, ein Model E muß auch nicht alle Minuten getuned werden, was beim Minimoog teilweise zur nervtötenden Angelegenheit wurde.

Ebenso exotisch waren damals beim Minimoog folgende Features des Model E:

  • umschaltbare Flankensteilheit des Filters (12dB/24dB) — Positionierung im Stereopanorama — Modulation des Paning — Anschlagdynamik — Modulation von Filter/Amplifier durch die Anschlagdynamik.

Im direkten Featurevergleich schlägt das Model E den Minimoog also um Längen.
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Aber im Sound….?

Gleich eines vorweg — ich steh auf den Sound vom Model E. NEIN — er klingt natürlich nicht wie ein Minimoog — und die zur genüge strapazierte Aussage „aber verdammt nah dran“ wird dem Model E auch nicht gerecht, denn das MODEL E ist trotz der vielen Ähnlichkeiten ein eigenständiges Produkt mit einem lebendigen, eigenen Klangcharakter. Die Nähe zum Minimoog ist vorhanden, aber diese Aussage trifft auch auf viele andere analoge Synthesizerklänge zu, die durch die unterschiedlichsten Synthesizer erzeugt werden können. Die Lebendigkeit und Wärme eines echten analogen Klangerzeugers, bleibt eben dem Original vorbehalten.

Wesentlich ist jedoch — MODEL E macht kräftig DRUCK, sägt wie die Hölle und kann auch weich und anschmiegsam klingen. Die Programmierung geht extrem leicht. Von der Idee bis zur Realisierung eines Klanges vergehen nur wenige Minuten. Die Übersichtlichkeit ist kaum zu schlagen. Zuviel Lobduselei??

Ein bischen Kritik gibt es auch noch. Minimoog hin oder her, ich vermisse doch schmerzlich einige Features, die dem MODEL E sehr gut getan hätten. Das Argument „..dann wäre es ja keine Minimoog Kopie mehr…“ zählt nicht, denn Features wie umschaltbare Filter haben mit dem Minimoog auch nichts zu tun.

Auf meiner Wunschliste wäre also gestanden: Eigener LFO (warum immer auf den 3. OSC verzichten, wenn mal ein Vibrato gebraucht wird), Ring-Modulation, Sync von mindestens zwei Oszillatoren, komplette ADSR Hüllkurve und am allerliebsten auch Double-Sounds. Diese lassen sich zwar über Umwege ebenfalls realisieren (man aktiviert zweimal Model E auf verschiedenen Spuren mit unterschiedlichen Sounds), lassen sich aber als Double-Sounds nicht abspeichern und verwalten oder gar bequem editieren. Gerade durch die Features des Stereopanoramas hätte man so extrem lebendige Sounds erzeugen können.

Man kann eben nicht alles haben….

Fazit

MODEL E ist im heimischen VST Rack ein MUSS. Um nochmals auf die Einleitung zurückzukommen. Ich persönlich kann auf die Hardwareboliden verzichten, vor allem wenn diese auch nur virtuelle Plastikbomber sind. Die Knöpfchen und Regler vermisse ich kaum, nenne ich doch einen Hardware-Controller von COOPER mein eigen. Beim Anblick eines echten Minimoogs muß ich dennoch meine kribbelnden Finger mit Handschellen vom Geldbeutel fern halten — ich bin halt auch nur ein Mensch…

 

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