Test: Tierra Audio Boreal FET Compressor TAKE 2, Kompressor

29. März 2021

Ein Fest für die Sinne

Tierra Audio Boreal FET Compressor TAKE 2 test

Tierra Audio Boreal FET Compressor TAKE 2, Kompressor

Also echt jetzt – das ist schon ziemlich gemein! Also, so kann man doch nicht arbeiten! Ich soll hier einen neutralen Testbericht schreiben, und dann das: der Tierra Audio Boreal FET Compressor Take 2 kommt nicht nur in einer Holzkiste, die auch ein perfektes Zuhause für feinste kubanische Zigarren wäre, sondern er hat auch ein ebenso edles Stück Holz auf der Frontplatte. Dazu dieser betörende Holzgeruch. Eigentlich braucht man doch so ein Gerät gar nicht anschließen, oder? Einfach mal ein „Best Buy“ vergeben und sich der optischen Anmut des schönen Studiogerätes hingeben inmitten der sonst so tristen Landschaft meines Geräteparks. Hach!

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Ernsthaft: Neutralität fällt einem da schon schwer – das Gerät MUSS doch gut sein, mit seinen satt laufenden Encodern, den hart rastenden Drehschaltern, der sauber klickenden Schaltern und dem kleinen, aber sehr feinen VU-Meter. Aber fangen wir vorne an.

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Welche Ausstattung bietet der Tierra Audio Kompressor?

Tierra Audio Boreal FET Compressor TAKE 2, Kompressor test

In der – wie unterschwellig erwähnt – sehr schönen Holzkiste (versehen mit einem TA-Siegel) finden wir ein händisch unterschriebenes Dankesschreiben von Javier Pascal Soriano, dem CEO von Tierra Audio, und von Esther Gutíerrez Romero, der COO im Unternehmen. Hier wird einem versichert, dass (um es kurz zu machen) alles am Boreal FET Compressor perfekt ist. Alles analog, keine Verzerrung, feinste Materialien, hand-selektierten Bauteilen und umweltfreundlichste Herstellung.

TA_Boreal_Kompressor_paper

Dazu ein mit einem Siegel versehenes und ebenfalls unterzeichnetes Zertifikat mit den Messwerten der erworbenen Einheit. Dazu findet man ein kleines, handverschnürtes Päckchen mit den Rackschrauben und ein zentrales, aus der Dämmung geschnittenes TA-Logo, das das Gerät sauber in der Kiste hält. Respekt. Ein kleines Manko gibt es aber leider: Eine Bedienungsanleitung sucht man vergebens… was aber für einen erfahrenen „Studioso“ kein Problem darstellen sollte.

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Rein von der Ausstattung her gesehen ist der TA ziemlich klassisch aufgebaut. Von links nach rechts finden wir den Input-Regler, die RATIO-Einstellung, die über die Einteilung 4:1, 8:1, 12:1, 20:1 und Oomph verfügt, wobei letzteres dem Signal eine ganz spezielle Färbung geben soll. Ich denke mal, das ist ähnlich dem „All Button Modus“ eines 1176 FET Kompressors von Universal Audio. Dann finden wir noch Attack, Release und den Outputregler. Ich finde es sehr charmant, dass Attack und Release jeweils mit einer Schildkröte und einem Hasen gekennzeichnet sind. So kann man unmittelbar auf die Zeit des Kompressors bei den Transienten und dem Sustain schließen.

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Dann haben wir noch zwei Schalter: Just Color umgeht die Kompression und das Signal durchläuft nur die Elektronik, um die TA typische Färbung zu erreichen, und schließlich das Side Chaining, das über den High Pass Filter reagiert. Ein Side Chaining über ein externes Signal wird nicht unterstützt.

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Die Rückseite ist noch einfacher: Strom, ein Input und ein Output (beides XLR) – fertig.

Verarbeitungsqualität

In Sachen Verarbeitung gibt es nichts zu mäkeln – ganz im Gegenteil. Das Gerät wurde in Madrid von Hand hergestellt, was mir tiefsten Respekt abnötigt. Das Gerät ist zwar nicht allzu schwer, aber wirklich fein gemacht, stabil und sehr wertig. Alle Bedienelemente und Buchsen sind von sehr hoher Qualität.  Tierra Audio Kompressor: bisher gefällst du mir wirklich gut….

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Die Umwelt

…und das liegt nicht zuletzt an der Umweltpolitik des spanischen Herstellers. Hier finden sich nicht nur leere Worte, sondern wirklich auch Taten. So wird die Holzkiste aus Paulownia bzw. Kiri Holz (Blauglockenbaum) gefertigt, das zu den schnellst wachsenden Holzarten der Welt gehört.

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Auch wurde im Gegensatz zur „Take 1“ Version Rohstoffe gespart und die Regler sind jetzt aus Metall und nicht mehr aus Kunststoff. Was mir aber ganz besonders gefällt: Für jedes verkaufte Tierra Audio Produkt wird ein Baum gepflanzt – dafür wurde im Norden Spaniens extra ein großes Grundstück angeschafft. Ich kann diese Unternehmenspolitik nur mit ganzem Herzen unterstützen und gutheißen. So geht moderne Produktion „Made in Europe“!

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Ein Gedanke sei mir aber erlaubt: Andere Hersteller packen ihre Geräte einfach in recyclebare Pappkartons. Das sieht vielleicht nicht ganz so edel aus, aber ich muss dann auch gar keinen Baum fällen, egal ob Eiche oder Kiri.

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Wie klingt der Tierra Audio Boreal FET Compressor?

Wie immer ist die Bewertung des Klangs eines Kompressors ein vergleichsweise kompliziertes Unterfangen. Dies kann und soll für Sie, verehrter Leser, auch immer nur ein Anhaltspunkt sein, um herauszufinden, ob das Gerät – neben seiner technischen Ausstattung – auch charakterlich zu Ihren Projekten passt. Als FET Kompressor ist der Boreal von Tierra Audio natürlich ein ganz besonders schneller Kandidat; wir reden hier von Attack Zeiten von 20 Mikrosekunden bis 20 Millisekunden und Release Zeiten von 20 Millisekunden bis 1 Sekunde. Die allgemein anerkannte Referenz bei FET Kompressoren ist natürlich der oft kopierte 1176 von Universal Audio.

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Und genau mit diesem Speed legt sich der Tierra Audio auch ins Zeug. Blitzschnell kann man feinste Transienten über den Attack-Regler justieren. Sie wünschen es scharf und aggressiv? Dann lassen Sie den Impuls in den Hi Hats durch und wenn es sanfter gehen soll, dann muss die Schildkröte ran. FET-Kompressoren sind in dieser Hinsicht wahre Klanglupen und werden deswegen auch gerne als Transienten Designer eingesetzt, obwohl es auch hier mittlerweile noch weiter spezialisierte Geräte gibt (wie den Elysia nvelope).

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In unseren ersten Klangbeispielen haben wir ein paar harte Anschläge eines German Grand Pianos aus meinem Korg Grandstage, das mit seinen Gigabyte fressenden Samples eine anerkannt gute Nachbildung des Originals liefert. Hier hört man gut, wie man den Charakter mit den Attack- und Release-Reglern des Tierra Audio sehr feinsinnig beeinflussen kann.

Dafür habe ich den schönen Holzkompressor an meinen SSL Six Analogmixer angeschlossen und erstmal ohne Kompression spielen lassen, so dass man die Färbung des T A hören – oder besser wahrnehmen – kann. Sehr auffällig ist der Effekt natürlich nicht, aber dennoch vermag man die harmonischen Oberwellen der analogen Schaltungen deutlich zu vernehmen. Dann die Beispiele mit veränderten Attack- und Release-Pegeln, bei denen man sehr gut die Veränderung im Anschlag und dem Ausklang hören kann: Einmal Release in Mittelstellung und Attack auf Minimum und Maximum. Das gleich das mit festem Attack und variiertem Release.

Kompressor-Einsatz im Studio

Bei meinem Test entpuppte sich der Tierra Audio bei mir als ziemliches Mimöschen. Anders als viele seiner Mitbewerber ist der Boreal sehr empfindlich, was die Pegel angeht. Es dauerte bei mir im Studio ewig, bis ich die perfekte Mischung aus Instrumentenpegel, Gain, Input, Output und Inputpegel des Wandlers gefunden habe.

So empfindlich seine Holzfront gegen Kratzer ist, so reagiert der Tierra Audio auch auf zu heißes Anfahren. Da sind die Vintage Kompressoren von Universal Audio viel gleichgültiger. Allenfalls ein leichtes Andicken des Klanges ist hier wahrzunehmen. Der Tierra Audio hingegen fängt sehr schnell an, etwas zu rauschen und zickt dann bei geringster Übersteuerung mit einem harten Klirr ziemlich herum. Das kann schon sehr nerven, denn gerade, wenn man versucht, sehr dynamisch zu spielen, ist das dann schon ein ganz schöner Tanz mit den Reglern.

TA_Boreal_Kompressor_front_right

Ein Beispiel aus der Praxis: Beim Korg Grandstage kann man über den „Dynamic“-Regler dem Spiel etwas mehr Ausdruck verleihen – was gerade in ruhigen Passagen dem Spiel mehr Lebendigkeit gibt.  Wenn an diesem Dynamikregler gedreht wird, führt das dann aber wieder zu minutenlangen Nachkorrigieren am Tierra Audio! Madame fordert beim Mix somit immer eine gewisse Aufmerksamkeit ein, was manchem Toningenieur schnell auf die Nerven gehen kann. Ist der Sweetspot aber einmal gefunden, dann gefällt der Kompressor durch einen sehr dynamischen, anspringenden Klang, der das Ergebnis zumeist auch sehr positiv verändert.

Fazit

Ein wunderschönes Gerät, toll verarbeitet und mit klassischer Ausstattung. Schon beim Auspackprozedere stimuliert der Tierra Audio Boreal FET Kompressor alle Sinne: Optisch, haptisch und auch olfaktorisch (Geruch) ist das Gerät ein Genuss. Eingebunden im Studio benötigt er aber oft mehr Aufmerksamkeit als nötig: Der sehr schmale Grat zwischen Sweetspot und Übersteuerung ist ein Tanz auf Messers Schneide und kann auch zur Verzweiflung führen. Ist aber alles einmal perfekt eingestellt, dann gefällt der Kompressor mit gutem Klang und einer anspringenden Dynamik.

Plus

  • Tolle Verarbeitung
  • Praxisgerechte Ausstattung
  • Gut fürs grüne Gewissen
  • Guter Klang

Minus

  • Reagiert sehr sensibel auf hohe Pegel
  • Etwas Klippingneigung
  • Schmaler Sweetspot

Preis

  • 1.599,- Euro
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    Eibensang  

    Optisch ja wirklich ein Traum – da könnte ich ganz schnell schwach werden! Aber dem beschriebenen Verhalten nach wär so ein Mimöschen nix für mich. Mal abgesehen davon, dass ich mir grad nicht leisten könnte, eine vierstellige Summe für einen Monoquetscher auszugeben. Aber danke für den hochinteressanten Test!

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