Test: Tube-Tech ME 1B, Midrange Equalizer

10. August 2020

Blaues EQ-Wunder

tube tech me 1 b eq test

Tube-Tech ME 1B, Midrange Equalizer

Jetzt wird es speziell: Der Tube-Tech ME 1B ist ein Mono-Midrange-Equalizer für den musikalisch wichtigen Mittenbereich. Das Produkt basiert auf dem Pultec MEQ5, dem in der Mastering-Szene gut etablierten Equalizer für Vocal und Gitarren. Ebenso wie das Vorbild arbeitet auch der Tube-Tech mit zwei Röhren (ECC 83 als Preamp und ECC 82 als Output-Stage), die im Push-Pull- (Gegentakt) Verfahren konfiguriert sind. Der Equalizer ist passiv ausgelegt, was aber missverstanden werden kann: Die Filtersektion ist passiv, gefolgt von dem röhrenbasierten Gegentaktverstärker zur Wiederherstellung der Verstärkung. Und bevor wir uns über die Vor- und Nachteile des Geräts auslassen, zuerst ein kleiner Exkurs zur Empfindlichkeit des menschlichen Gehörs

Technik: Wie wir hören

Zu diesem Thema gibt es mehr als genug Informationen im Internet. In aller Kürze: Menschen hören in mittleren Frequenzen wesentlich besser als bei sehr tiefen oder hohen Frequenzen. Der sensible Hörbereich reicht von 500 – 5.000 Hz – also im Wesentlichen dem der menschlichen Sprache. Interessanterweise werden die Messungen für Hörschwellen mit Sinustönen gemessen – was allerdings nichts mit einer „natürlichen“ Frequenzverteilung zu tun hat. Und hier kommen wir zum individuellen Hören, denn obwohl wir organisch alle sehr ähnlich aufgebaut sind, so ist doch die Wahrnehmung einzelner Schallereignisse, besonders im Kontext weiterer Schallquellen sehr individuell. So fällt es einem „geschulten Ohr“ viel leichter, ein einzelnes Instrument z. B. innerhalb eines Orchesters zu identifizieren als dem ungeübten Hörer (Quelle).

Tube-Tech_ME1B_front test

Diese gerne abfällig als „Goldohren“ benannten Personen sind üblicherweise Tontechniker, Mastering-Engineers und die Musiker, die sich intensiv mit der Materie und ihrem Instrument auseinandersetzen.

Aber wenn der überwiegende Teil der Menschheit nur eine schwach ausgeprägte „Gehörbildung“ hat, so liegt es doch an uns, diesen Menschen ein befriedigendes Hörerlebnis zu bieten. Und da kommt die Psychoakustik und unser Testgerät ins Spiel, denn mit dem Tube-Tech ME 1B sorgen Sie dafür, die menschliche Stimme und alle Instrumente, die sich im mittleren Frequenzbereich tummeln, bestmöglich in der Produktion zu platzieren.

Und wenn Sie sich die Frontplatte des ME 1B ansehen, dann erkennt man auch sehr schnell: Es kann offensichtlich nicht sehr kompliziert sein, den Midrange zu justieren, denn viele Bedienelemente findet man hier nicht!

Tube-Tech_ME1B_OnOff

Tube-Tech ME 1B: Die Ausstattung

Der ME 1B verstärkt tiefe (200 – 1.000 Hz) und hohe (1,5  – 5 kHz) um +10 bzw. +8 dB (= PEAK) und schwächt mittlere Frequenzen von 200 Hz bis 7 kHz um bis zu 10 dB ab (=DIP). Jeweils ein Frequenzwahlschalter und ein Pegelregler stehen dafür zur Verfügung. Neben dem On/Off-Schalter kann man ansonsten nur noch das Filter im Signalpfad ein- oder ausschalten. Die Verstärker-Sektion verbleit dabei aber im Pfad.

Tube-Tech_ME1B_Signature

Die Rückseite ist noch weniger spektakulär: Eine Buchse für das Stromkabel und je ein XLR-Anschluss für Eingang (female) und Ausgang (male). Das Netzteil ist im Gerät verbaut und das war es auch schon. Die Bedienungsanleitung umfasst ganze zwei (2!) Seiten. Die Verarbeitung ist sehr erfreulich. Alle Schalter und Regler sind massiv ausgeführt und vermitteln ein sehr sattes Feedback.

Die Beschriftung ist gut ablesbar und ermöglicht z. B. auch sehbehinderten Anwendern nach kurzer Eingewöhnung ein intuitives Arbeiten. Der funktionelle Aufbau orientiert sich fast 1:1 am Vorbild von Pultec – nur die für Tube-Tech typische Farbgebung identifiziert das Gerät als ein Mitglied der dänischen Manufaktur „Lydkraft ApS“ rund um Gründer und Designer John G. Petersen. Übrigens hat man früher noch eine „ME 1A“ benannte Variante angeboten, deren Elektronik freiverdrahtet war und nicht auf Platinen basierte.

Tube-Tech_ME1B_back

Hier die technischen Daten im Überblick:

  • Tube based push-pull amplifier
  • Frequency response @ -3 dB: 5 Hz to 40 kHz
  • Low Noise: < -80 dBU @ 0 dB gain
  • CMRR: > 60 dB @ 10 kHz
  • 5 LF peaks: 0.2, 0.3, 0.5, 0.7, and 1 kHz (0 to +10 dB)
  • 11 MF dips: 0.2, 0.3, 0.5, 0.7, 1, 1.5, 2, 3, 4, 5 and 7 kHz (0 to -10 dB)
  • 5 HF peaks: 1.5, 2, 3, 4, 5 kHz (0 to +8 dB)
  • Input impedance: 600Ω
  • In- and output are transformer balanced and fully floating

Tube-Tech_ME1B_front_left

Der Klang

Der Hersteller verwendet in seinem (eher dürftigen) Marketing den Ausdruck „Motown Sound“ und interessanterweise haben die meisten von uns dazu auch eine Emotion parat, die wir gerne abrufen. Gedoppelte Instrumente (Drums und Gitarren), ein dickes und melodiöses Bassfundament und das Rhythmus-Pattern ist fast immer als Backbeat mit Betonung der 2 und der 4 ausgelegt. Motown ist immer warm, dick, groovy und schrill sind allenfalls das Tamburin auf dem Backbeat und die Background-Sängerinnen.

Tube-Tech_ME1B_Connect

Und schon das Einschleifen des Tube-Tech ME 1B sorgt für eine Andickung des Signals. Röhrentypisch werden harmonische Verzerrungen hinzugefügt und sorgen für ein „Wohlfühl-Feeling“ im Ohr, allerdings ohne dabei Informationen zu verschlucken.

Wenn dann der Equalizer zugeschaltet wird, dann sorgen die recht großen Pegelwege für mannigfaltige klangliche Einflussnahme. So ist das Hochziehen oder Zurücknehmen definierter Frequenzen auch sehr gut wahrnehmbar und behält über den gesamten Pegelbereich sein Timbre.

Zuerst hören wir eine Akkordfolge vom German Grand Piano aus dem Korg Grandstage ausschließlich mit etwas Reverb direkt vom KORG ohne weitere Filter, direkt in den Eingang des Apollo Twin X Quad:

Dann dieselbe Akkordfolge durch den Tube-Tuch ohne aktiviertem EQ geschleift. Die Anreicherung von harmonischen Verzerrungen fällt sofort auf: Das Piano klingt „schöner“ und „voller“ ohne dabei aber an Dynamik einzubüßen. Auch die Frequenzenden im Bass und in den Höhen bleiben unberührt und werden insbesondere im Pegel nicht beeinflusst:

Nun mit aktiviertem EQ, wobei ich die Bässe bei 300 Hz um 5 dB angehoben habe, die Höhen bei 5 kHz ebenfalls und 5 dB und die Mitten bei 1,5 kHz um 4 dB zurückgenommen habe. Diese Frequenz „Badewanne“ nimmt dem Piano das Aggressive in den Mitten. Diese Anpassung hilft z. B., wenn man einen Sänger präsent in die Mitte platzieren möchte und das Piano als zurückhaltende Begleitung wählt:

Im Folgenden habe ich eine Piano-Sequenz eines tendenziell dunklen Japan Pianos ausgewählt und dann in den Bässen und den Höhen nacheinander die Frequenzbänder ausgewählt und dann dort den Pegel auf das Maximum gedreht und dann wieder zurück auf Null. So kann man die Wirkung der einzelnen Frequenzbänder nachvollziehen:

Und zuletzt noch dieselbe Sequenz in den Mitten in jedem auswählbaren Frequenzbereich zurückgenommen („DIP“):

Bei allen Audiobeispielen ist die Veränderung deutlich und klar nachvollziehbar. Was der Tube-Teich ME 1B dabei sehr souverän zeigt: Jede Veränderung wirkt wirklich nur im gewählten Frequenzbereich und wirkt sich kaum auf die benachbarten Frequenzen aus. Leider konnte ich die Filtersteilheit nicht herausfinden, aber ich gehe von mindestens 12 oder eher 18 dB/Oktave aus. Vielleicht sogar 24 dB/Okt.

Tube-Tech_ME1B_schraeg

Aus den Audiobeispielen wird ebenfalls klar, dass der Tube-Tech ME 1B entweder direkt in den Signalpfad, für Sub-Gruppen oder im Mix Bus eingesetzt werden sollte. Für Mastering wäre er mir persönlich zu wenig subtil – da gibt es andere Geräte, die hier besser geeignet sind (Manley, Bettermaker, Elysia, Tegeler & Co.).

Kritik

Etwas verwirrend fand ich, dass die Skalierung des Drehreglers bei den höheren Frequenzen ebenfalls bis 10 reicht, obwohl hier die Verstärkung nur maximal 8 dB ist. So kann man hier nicht nach dem Motto „ein Strich ist ein dB“ arbeiten. Bei aller Nähe zum Pultec hätte man das anpassen können.

Tube-Tech_ME1B_mit JDK

Außerdem hätte man dem Gerät schon auch optional Klinkenstecker- und -buchsen spendieren können. Für das Geld wäre das sicher noch drin gewesen.

Ein kurzes Wort noch zum Preis von knapp 2.900,- Euro. Der Vorteil des Tube-Tech ME 1B ist, dass er kaum mit anderen Geräten vergleichbar ist, wenn man mal vom Vorbild, dem Pultec MEQ5 absieht (der aber noch mit über 3.500,- Euro gehandelt wird). Es gibt am Markt Geräte, die viel günstiger sind, aber nicht auf den wichtigen Mittenbereich optimiert sind (Klark Teknik EQP-KT für nur 218,- Euro) und es gibt EQ-Monster, die wesentlich mehr abdecken, als es der Tube-Tech kann (z. B. Elysia museq für stolze 4.500,- Euro).

Betrachtet man die Summer der Bauteile und die Tatsache, dass es sich ja um einen Nachbau handelt, dann müsste das Gerät schon deutlich günstiger sein. Berücksichtigt man aber, dass das nur 6 Mann starke Lydkraft Team die Geräte fast komplett in Handarbeit fertigt und man auch viel Energie in die akustische Abstimmung und die Feinabstimmung gesteckt hat, dann kann man den Preis schon rechtfertigen. Das haptische und klangliche Ergebnis entspricht der monetären Investition aber auf jeden Fall.

Fazit

Hohe Qualität – das sind die zwei Worte, die den Tube-Tech ME 1B gut beschreiben. Sowohl klanglich, haptisch und auch in Sachen Verarbeitung genügt der Mittenband Equalizer höchsten Ansprüchen. Trotzdem muss einem bewusst sein, dass der ME 1B ein „One-Trick-Pony“ ist und sich ausschließlich auf das Equalizing der mittleren Frequenzen konzentriert. Das macht er aber sehr musikalisch, homogen und dynamisch. Wer seine Vocals, die Gitarren oder das Klavier für seinen Mix optimieren will, dem sei der Tube-Tech wärmstens ans Herz gelegt!

Plus

  • sehr guter Klang
  • einfache Bedienung
  • sehr gute Verarbeitung

Minus

  • Skalierung nicht stringent
  • optionale Klinkenanschlüsse wären schön gewesen

Preis

  • 2.899,- Euro
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