Der EQ mit dem blauen Wunder
Warm Audio hat mit dem EQP-WA nun den nächsten Ableger eines begehrten Klassikers aufgelegt. Der EQP-WA ist eine „Rekreation“ (O-Ton Warm Audio Website) des bekannten Pultec EQP-1A.
Wie im Original sorgen hier Übertrager am Ein- und Ausgang sowie eine symmetrische Röhrenschaltung mit Gegenkopplung in Hochvoltausführung für angenehme Färbung des Klanges – und meist feuchte Augen des Benutzers. Dabei ist der Preis erstaunlich, da es z.B. Nachbau-Kits gibt, die bestehend aus Einzelteilen schon 1600$ kosten. Aufgrund der Devisenlage mehr als unerschwinglich im Vergleich. Schauen wir also mal, was Warm Audio, deren Produkte bisher nie enttäuschten, mit dem EQP-WA auf die Beine gestellt hat.
Der Vater des Warm Audio EQP-WA
Der Pulse Techniques (PulTec) EQP-1A ist eine Legende unter den EQs. Ihm wird schon seit jeher eine „musikalische“ Entzerrung nachgesagt. Denn obwohl es sich nicht um einen voll-parametrischen EQ mit X-Bändern handelt, ist das Filterdesign vor allem eins: intuitiv zu bedienen. Anstatt bis auf das Hertz genau an einem Signal zu modellieren, geht man beim EQP schnell nach Gehör und Intuition vor und genau das ist es was diesen EQ und seine Abkömmlinge so besonders und legendär macht.
Kein echter Klon
Schaut man sich im Web der DIY-Enthusiasten um, so merkt man schnell, der EQP ist ein begehrtes Gerät. Der EQP-WA ist nun allerdings kein exakter Klon des Originals. Wie auf der unten verlinkten Website zu sehen ist, gibt es dort einen Bausatz, der exakt das Original kopiert, also tatsächlich klont. Und das sogar bis hin zur Aufbauweise als Punkt-Zu-Punkt Verdrahtung.
Warm Audio hat nun, ausgehend vom Original-Design, versucht, alle entscheidenden klangfärbenden Komponenten und Schaltungen zu behalten und den Rest auf moderne Weise umzusetzen. Dabei bedient man sich natürlich Platinen, Standard-Kondensatoren und Steckverbindungen. Wo jedoch das Audiosignal betroffen ist, wurde auf sehr exzellente Komponenten zurückgegriffen. Das betrifft hauptsächlich die Übertrager am Ein- und Ausgang, die Filterspulen (alle von Cinemag) und die Röhren (vom renommierten Tungsol-Werk). Ebenso die Signalführung in extra geschirmten Kabeln.
Simpel ist Trumpf am Warm Audio EQP-WA
Technisch gesehen ist der EQP ein recht einfache Sache. Das Eingangssignal wird durch einen Übertrager an die Impedanz des nachfolgenden passiven EQ-Netzwerks angepasst. Danach bringt ein symmetrischer Aufholverstärker mit einer ECC83 das Signal wieder auf Vordermann. Zuletzt sitzt eine ECC82 als symmetrischer Treiber vor dem Ausgangsübertrager. Die EQ-Sektion selber ist dabei wie auch beim Original nicht symmetrisch, denn das würde gleich die doppelte Anzahl an Widerständen, Kondensatoren und Spulen notwendig machen.
Haptik des Warm Audio EQP-WA
Ich merke, ich muss mich mit dem technischen Mojo echt zurückhalten. Nehmen wir die Kiste also mal in die Hand. Durch die Auswahl der Komponenten ist der EQP-WA wesentlich leichter als sein Vorbild. Es fehlt z.B. der wuchtige Netztrafo. Warm Audio setzt hier einen simplen Ringkerntrafo ein (der übrigens auch weniger EM-Interferenzen produziert). Und dadurch dass Trafo und Röhren nicht hinten herausragen, hat er auch eine wesentlich flachere Einbautiefe. Ebenfalls kommt die Warm Audio Version mit 2- anstatt 3-HE aus. An der hellblauen Frontseite erkennt man natürlich den Vater des EQP-WA.
Die Potis und Schalter sind dick und wuchtig und erinnern an die Zeiten, in denen Tonmenschen noch Ingenieure sein mussten. Die Frequenzwahl rastet satt und im Audio unhörbar ein, die Potis besitzen eine feine Rasterung. Allerdings wurden beim EQP-WA die Bedienelemente etwas auseinander gezogen, so dass sich mehr Platz für die Hand findet. Eine erste gute Abweichung vom Original und auch aller mir bekannter Klone. Die zweite Abweichung fällt danach ins Auge und erfreut das „Hertz“ (verzeihen Sie mir bitte den Kalauer) des Testers sehr:
Im LF-Bereich gibt es beim Original vier Bänder (20, 30, 60 und 100 Hz), beim EQP-WA sind es sechs (20, 30, 60, 100, 200, 400, 800). Im HF-Cut-Bereich gibt es beim Original drei Bänder (5, 10 und 20 kHz), beim EQP-WA sind es fünf (3, 4, 5, 10, 20 kHz). Damit eröffnen sich natürlich Filterkurven, die mit dem Original so nicht machbar sind. Ansonsten ist das Gerät solide verarbeitet und bietet neben einem Kaltgerätesteckereingang eben symmetrische Ein- und Ausgänge im XLR- und TRS-Format. Es können beide Ausgangsbuchsen gleichzeitig genutzt werden, auf der Rückseite des Gerätes steht aber ausdrücklich, dass das nicht empfohlen wird.
Cut und Boost im selben Band – musikalischer EQ?
Wie eingangs beschrieben, bezeichnet man den EQP seit jeher als musikalischen EQ. Das will heißen, man stellt mehr nach Ohr und Gefühl als nach Hertz-Zahlen ein. Um die Funktionsweise zu verstehen, habe ich einige Einstellungen des EQP-WA als Filterkurve sichtbar gemacht. Denn ich wollte hinter das Geheimnis der Musikalität kommen. Analytisch denkt man: Ich habe im LF-Bereich ein Frequenzband ausgewählt und kann dieses mit einem Regler nun anheben, um es dann mit dem anderen sofort wieder absenken zu können? Hebt sich das nicht auf? Wie die EQ-Kurven zeigen, ist das mitnichten der Fall. Durch gleichzeitiges Anheben und Absenken erreicht man komplexe Kurvenverläufe, für die man mit einem voll-parametrischen EQ lange schrauben müsste.
Dabei ist auch zu erwähnen, dass der EQP-WA eindeutig als Programm-EQ vermarktet wird. Das bedeutet, dass er am besten zum Schluss auf das Mastersignal oder auf ganze Subgruppen angewendet werden sollte. Nun ja, der EQP-WA ist aber ein Mono-Gerät und so wird es mit einer Stereobearbeitung in Echtzeit nichts. Es sei denn, man setzt ihn in einer MS-Matrix ein und bearbeitet nur das Mitten- bzw. Seiten-Signal. Es ist natürlich auch denkbar, dass man das Signal erst in Mono entzerrt und dann mit der DAW beide Stereospuren nacheinander aufnimmt. Allerdings muss man in beiden Fällen besonders auf die Phase achten.
Aber es sagt ja keiner, dass man mit dem Gerät keine Einzelspuren bearbeiten kann! Und so habe ich in den Beispielen auch Einzelsignale durch den EQP-WA geschickt.
Was soll ich sagen, was ich da an Klangformung erleben konnte, hat mich sofort süchtig gemacht. Ob ich jetzt einzelne Signale formen möchte oder das Mastersignal in einer MS-Matrix (oder in Mono): Es gibt kein langes Herumprobieren, denn man hat die richtige Einstellung schnell „erhört“.
Hallo Thilo, könnte man das Teil als Mitten-Booster für die Gitarre verwenden oder sind die Anhebungen dafür zu gering bzw. gibt es andere Gründe, die dagegen sprechen? Gruß Andreas
Hallo Andreas,
ja, der kann richtig zumachen oben und unten. Mit den richtigen Einstellungen wie eine variable Speaker Simulation, nur ohne Loadbox.
Hallo Thilo,
ich hatte nach deinem letzten Bericht über die WA 76 selbige mal angetestet und mir 2 davon zugelegt. Von meiner Seite gibt nur einen kleinen „Kritikpunkt“. Schade das die Dinger nicht Stereo sind.
@TobyB Hallo Tobi,
Matched Pairs wären fein!
@t.goldschmitz Hallo Thilo,
jepp, aber es geht auch so :)
Wow, bei dem Preis sind Cinemag Trafos drin?
@changeling Ja, die haben alle Warm Audio Geräte. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist unschlagbar. Nach dem Test wollte ich das Gerät am liebsten hier behalten, wenn nicht schon der nächste Tester sehnsüchtig darauf gewartet hätte. Stell Dir mal vor, was passiert, wenn Du einen Tone Beast, einen WA76 und einen EQP-WA hintereinander hast – so wie ich für meinen Test. Und wenn man dann sieht, dass das alles zusammen gerade mal bei 2000€ liegt, kauft man keine Plug-ins mehr. Mich haben die Warm Audio Sachen ähnlich wie Thilo schwer begeistert. So etwas bekommt man als Tester selten unter die Finger.
@Markus Galla Wenn ich nicht schon DIY Platinen dafür hätte, die ich auch schon fertig gelötet hab (mit Lundahl Trafos, die sind ja günstiger als Cinemags), aber so noch in der Schublade liegen, würde ich mir definitiv so ein Teil holen. Bei den Preisen lohnt DIY ja nicht mehr (alleine Gehäuse + Frontplatte kosten deutlich mehr als 100 €).