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Test: WES Audio Rhea, Stereo Vari-mu Kompressor

3. Januar 2022

Analog/Digital-Fusion im Vari-mu Sound!

wes audio rhea test

WES Audio Rhea, Stereo Vari-mu-Kompressor

Wir alle kennen das Problem. Im Prinzip lieben wir im Tonstudio aus optischen und akustischen Gründen das klanglich nahezu immer überlegene Outgear, benutzen aber überwiegend aus Bequemlichkeit die mitgelieferten oder dazugekauften Plug-ins der jeweiligen DAW. Um diesem Fakt entgegenzutreten, kombiniert die Firma WES Audio mit ihrem Sitz in Polen das Beste aus beiden Welten, indem man die Klangbearbeitung einem analogen Signalbearbeiter, die Verwaltung der Presets bzw. die Editierungsmöglichkeiten aber der typischen Plug-in Struktur überlässt. Zum Test liegt uns der Stereo-Röhrenkompressor WES Audio Rhea vor, der mit gleich mehreren Besonderheiten aufwartet.

WES Audio Rhea Test

WES Audio Rhea Profil Vorderseite

Der Aufbau des WES Audio Rhea

Ich kann mir nicht helfen, irgendwie erinnern mich die 500er Racks mit ihren Slots immer ein wenig an die die Expansion-Boards meines uralten Pro Tools III Systems, mit dem ich vor über 3 Dekaden meine ersten Gehversuche im HD-Recording umgesetzt habe. Allerdings waren die freien Slots mit einem massiven Deckel abgedeckt, während man bei den 500er Racks sich die entsprechenden Abdeckung dazukaufen oder aber ganz im Sinne des Anbieters alle Slots mit entsprechenden Komponenten bestücken muss. Die Bereitstellung eines Racks ist daher auch ein Punkt, den man bei den Anschaffungskosten berücksichtigen muss. Zu dem ambitionierten Preis von 1.419,- Euro gesellt sich dann auch noch der Rack-Preis von knapp 1.100,- Euro, was seine Kombinationsstärke in der Tat erst dann richtig ausspielen kann, wenn man mehrere Komponenten dieses Systems verwendet.

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Wie gerne im Röhrenbereich verwendet, basiert auch der WES Audio Rhea auf dem Schaltungsprinzip eines Vari-Mu-Kompressors (siehe auch hier), bei dem der Ratio-Regler ausgespart wird und der Kompressor mit einem erhöhten Reduzierungsverhältnis reagiert, je stärker der Pegel des anliegenden Signals ist und somit einen sehr charakteristischen Klang erzeugt. Bekanntermaßen eignet sich ein Vari-Mu-Kompressor sehr gut, um Summensignale zu „verkleben“, jedoch nicht um schnelle Impulsspitzen zu verarbeiten.

Anschluss des WES Audio Rhea

Die Installation des WES Audio Rhea ist vergleichsweise einfach zu erledigen. Mittels XLR-Buchsen wird das Rack über ein entsprechendes Interface eingeschleift, danach lädt man sich die dem Betriebssystem entsprechende Software auf der WES Audio Website herunter, danach verbindet man das Modul über USB oder Ethernet mit dem entsprechenden Port am Rechner und verwaltet das Ganze in der regulären Plug-in-Struktur. Als Abbildung erscheint dann im Display eine identische Kopie des analogen Einschubs, dessen Oberfläche gespiegelt wird. Aufgrund dieser Struktur verfügt dieses analoge Tool über Instant-Recall, was sich vor allem vorteilhaft gestaltet, wenn man an mehreren Mixen parallel arbeitet.

WES Audio Rhea Test

WES Audio Rhea Front

Der Kompressor hat eine rein analoge Schaltung, arbeitet mit High-Voltage-Tube-Operation und verfügt über einen Headroom von +24 dBu, was auch die Bearbeitung starker Pegelspitzen ermöglicht. Als Übertrager wurden Interstate Transformers der renommierten Firma Carnhill verwendet. Als Besonderheit besitzt der WES Audio Rhea 2 THD-Einstellungen, die den Harmonic-Distortion-Anteil in zwei Modi (Medium & High) beimischen lässt, die in dem Medium- 1 % und im High-Modus 3 % Beimischung ermöglicht. Des Weiteren gibt es ein schaltbares Hochpass-Filter, das bei Bedarf bei 60, 90 und 150 Hz eingreifen kann.

Für die Daten-Nerds, hier noch ein paar Infos bzgl. der Messwerte:

  • Frequency response: 10 Hz – 150 kHz (-3 dB)
  • THD+N < 0,03 % (1 kHz, 0 dBu) – no compression
  • THD+N >= 1 % – at maximum compression level
  • Input impedance: 20 kohm
  • Output impedance: < 100 ohm
  • Crosstalk:< -80 dB
  • Power consumption: 190 mA per rail
  • Dimensions : 76 mm x 133 mm x 158 mm
WES Audio Rhea Test

WES Audio Rhea Seitenansicht

Wie bereits erwähnt, verfügt der Kompressor über keinen Ratio-Regler, jedoch ermöglichen 6 Endlosregler in Kombination mit einem hell beleuchteten VU-Meter umfangreiche Einstellmöglichkeiten. Die Einstellungen der Regler können sowohl am Plug-in als auch am analogen Device getätigt werden. Die Regelung ist extrem feingängig und ermöglicht sehr detaillierte Regelwege. Wie jeder Kompressor besitzt auch der WES Audio Rhea einen Attack- und einen Release-Regler, wobei der Attack-Regler die Werte 0,5 ms,1 ms, 3 ms, 10 ms, 30 ms, und 50 ms, der Release-Regler hingegen 0,1 Sek., 0,3 Sek., 0,6 Sek., 0,9 Sek., 1,8 Sek. und 3,6 Sek. beinhaltet.

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WES Audio Rhea Test

WES Audio Rhea Innenleben

Eine sehr sinnvolle Erweiterung zu vielen anderen Kompressoren ist der Mix-Regler, der das parallele Komprimieren extrem vereinfacht. Ob man die parallele Kompression auf der Summe oder auf einem einzelnen Kanal verwendet, bleibt dabei dem persönlichen Einsatz geschuldet, Fakt ist jedoch, dass die Verwendung der Latenz freien Analogtechnik einiges an Phasenproblemen vorbeugt, die gerne einmal innerhalb des Bus-Systems auftreten können. Was man sich ebenfalls immer vor Augen halten sollte, ist das Eigenleben eines Röhrengerätes. Echte Linearität ist bei dieser Bauweise nicht möglich und auch gar nicht gewollt. Selbst die einzelnen Regler haben eine gewisse Interaktion untereinander, was das Suchen und Probieren zu einem sehr spannenden Unterfangen macht, zumal Einstellungen, die bei Signal A die Wirkung A hatten, bei Signal B zu einem völlig anderen Ergebnis kommen können.

WES Audio Rhea Test

WES Audio Rhea Profil Rückseite

WES Audio Vari-Mu-Kompressor Rhea im Tonstudio

OK, ich gebe es zu, ich war schon immer ein großer Vari-mu Fan. Natürlich ist die Flexibilität weit hinter einem VCA-Kompressor anzusiedeln, aber das „musikalische Verleimen“, das nahezu allen Vari-mu-Kompressoren gemein ist, ermöglicht in unschlagbar kurzer Zeit einen Sound, der in Zusammenarbeit mit der Röhrenschaltung dem Ohr ungemein schmeichelt. Der Fakt, dass bei der Erhöhung des Eingangspegels der Kompressor nahezu automatisch das richtige Verdichtungsverhältnis wählt, ist mir immer wieder eine große Freude. Von daher hatte der WES Audio Rhea eine sehr gute Basis am Start.

WES Audio Rhea Test

WES Audio Rhea Rückseite

Was soll ich sagen, die erhoffte Wirkung lies nicht lange auf sich warten. Der Grundklang des Kompressors entsprach exakt dem, was ich im Vorfeld erwartet hatte. Die Einheit klingt wirklich sehr, sehr gut! Angefangen bei einer extrem unaufgeregten Arbeitsweise, das jedes Signal mit einem entspannten Grundklang versorgt, denn eins dürfte jedem klar sein, der schon einmal mit Röhren gearbeitet hat: Sobald diese in einem analogen Signalweg liegt, wird das Signal auf jeden Fall eingefärbt. Das Schöne ist jedoch, dass die Färbung vom überwiegenden Teil der Zuhörer als angenehm empfunden werden dürfte. Ich schenke mir jetzt mal das ganze „warmer Klang“ Gesülze, was einem mittlerweile wahrlich aus den Ohren herausquillt, sondern beschränke mich auf die praxisgerechte Wirkungsweise des Gerätes.

Generell kann der WES Audio Rhea nahezu jedem Signal eine Qualitätssteigerung zukommen lassen, seine wirklichen Stärken entfaltet er aber bei eher „belanglosen“ Signalen, denen es bei der Aufnahme etwas an Charakter gefehlt hat, wie zum Beispiel beim ersten Klangbeispiel, was einen sauber gespielten, aber klanglich sehr sterilen Naturdrums-Loop beinhaltet. Man erkennt sehr schön, wie subtil der WES Audio Rhea zu Werke geht und selbst bei starkem THD-Einsatz dem Signal immer noch genügend Luft zum Atmen lässt.

Apropos THD, gerade blasse Signale profitieren sehr von der Obertonanreicherung, was den Genuss jedoch schmälert, ist das sehr laute Knacken, das bei der Aktivierung und dem Umschalten von Medium auf High aus den Lautsprechern ballert. Hier sollte Wes Audio meines Erachtens Abhilfe schaffen, ich für meinen Teil habe mich sehr erschreckt, als ich den Schalter erstmals betätigt habe.

Bis auf dieses Manko kann man dem WES Audio Rhea allerdings nur beste Noten erteilen. Der Kompressor lässt sich sehr intuitiv bedienen, ist äußerst gutmütig, was den Regelweg und die damit verbundenen Einstellungen angeht und färbt das Signal in einer „runden“ Art, dass es eine Freude ist. Lediglich bei der Aktivierung des THD-Schalters muss man seine Freude etwas im Zaum halten. Die Schaltung klingt hervorragend, so dass man einem Solo-Signal gerne eine fette Sättigung aufschalten möchte, wer sich jedoch mit verzerrten Gitarren auskennt, hat garantiert auch schon diese Erfahrung gemacht. Je saturierter, verzerrter ein Signal an sich ist und im Solobetrieb an Druck gewinnt, umso schwieriger wird es später im Mix, das Signal gut zu separieren und mit der nötigen Durchsetzungskraft zu versehen.

WES Audio Rhea Test

WES Audio Rhea im Einsatz

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Fazit

Mit dem WES Audio Rhea führt das polnische Unternehmen einen sehr guten Vari-mu-Kompressor in seinem Portfolio. Die Kombination aus analoger Signalverarbeitung und (bei Bedarf) digitaler Steuerung mit Total-Recall verbindet den meist höherwertigen Klang eines Outgears mit der flexiblen Editierung des Digitalen.

Der Kompressor klingt hervorragend und bietet alles, was ein Vari-mu-Kompressor der Oberklasse zur Hand haben muss. Wer ein Freund des 500er Systems und auf der Suche nach eben so einem Kompressortyp ist, sollte sich den WES Audio Rhea unbedingt einmal ansehen.

Plus

  • Sound
  • Konzeption
  • Verarbeitung

Minus

  • Nebengeräusch Aktivierung/Umschaltung THD

Preis

  • 1.419,- Euro
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Marco Korda AHU

    Danke Axel, für den Test. Das Konzept, Hard- und Software zusammenzuführen, mag ich wirklich gern. Mein 500er Rack ist im Seitenrack platziert, weil die oberen beiden schon voll waren. Da kommt eine Plugin-Steuerung sehr gelegen, wenngleich ich auf der anderen Seite finde, dass gerade die Haptik ein Vorteil (neben der besseren Audioqualität) ist. Aber geschenkt, in meinem Fall verwende ich Bettermaker und liebäugle mit Wes Audio schon länger. Der Rhea ist zweifelsohne ein weiteres, wenngleich nicht grad günstiges, gelungenes Gear aus polnischer Fertigung.

    btw: Racks gibt’s auch günstiger als von WesAudio. Der Vorteil bei diesem Hersteller ist, dass man mit dem Titan mit einer USB- oder LAN-Verbindung die gesamte Hardware mit dem PC/Mac verbindet. Gilt natürlich nur für Wes Audio-Module, wenn ich das richtig verstanden habe.

    btw2: Frohes neues Jahr an alle!

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