Album Release: File Not Found, Daniel Wunder & Martin Pscherer

AMAZONA.de:
Welches sind euere liebsten Equipmentstücke?

MARTIN:
Eigentlich fast alle – das wechselt nur immer durch. Nicht das jemand noch eifersüchtig wird … (lacht). Mein Liebling ist nach wie vor der Jupiter 4. Liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich einfach so oft wegen ihm verarscht worden bin – „tolle Orgel hast du da“. Aber auch, weil er ein paar Sounds macht, die mich schon zu meinen Kinderzeiten 1981/82 geflasht haben – Gary Numan, Human League … da werden Erinnerungen wach.
Dann, ganz klar der ARP Odyssey. Tolle Sounds und die schrägsten Effekte, alles ganz dicht beieinander. Hinzu kommt: Als John Foxx/Metamatic Fan kommt man an dieser Kiste nicht vorbei!
Dann die CR-78 – gerade in Kombination und gesynct mit dem großen Bruder Jupiter 4 ein unschlagbares Team. Die CR-78 groovt allein schon höllisch. Aber mit einem JP-4 Arpeggio: Schöööööööööön. Auch die Korg MS-Serie ist mir mittlerweile ganz doll ans Herz gewachsen. Auch wenn es bei uns eine Liebe auf den zweiten oder dritten Blick war, dafür jetzt umso inniger. Ich hab ein ganze Weile gebraucht, um seinen typischen Sound wertzuschätzen. Erst 2002/2003 kam er ins Studio. Doch in Kombination mit dem SQ-10 Sequencer geht in Handumdrehen die Sonne auf, und schön was zum Verkabeln ist auch da – dafür haben wir ihn lieb.

DANIEL:

Alles, was Geräusche erzeugt und mit dem man kreativ sein kann.

AMAZONA.de:
Habt ihr Ausrüstung angeschafft, die ihr ganz toll fandet, aber nie wirklich benutzt habt?

MARTIN:
Es gab mal ein Nordlead 1 Keyboard Version. Obwohl ich den schon klasse fand und weiß, dass einige tolle Songs mit ihm gebastelt worden sind, bin ich trotzdem nie richtig mit ihm warm geworden. Irgendwie fand er auf keinem Song Verwendung. Ein paar Sachen haben auch immer gestört: LFOs ohne Status-LEDs geht gar nicht, dann auch diese Parameter-Sprünge, wenn man ein abgespeichertes Preset verändern wollte. Auch hab ich mir immer eingebildet, da doch noch einen Unterschied zwischen virtuell-analog und „richtig“ analog zu hören. Auch muss ich hier den Roland MC-4 Sequenzer nennen. Die Songs, in denen er benutzt wurde, kann ich an einer Hand abzählen. Für damalige Zeit war der schon ein Knüller, auch die Funktionen mit Kopieren und gleichzeitig Transponieren ist schon schick. Aber die Bedienung fand ich nie so prickelnd, dafür hat er einen tollen und großen Kühlkörper auf der Rückseite. Den er auch braucht, denn dass Teil wird irre heiß. Darum: wenn mal die Heizung ausfällt – kein Problem, nach einer halben Stunde ist die Bude mollig warm.

OmniBot bewacht Synthesizer

AMAZONA.de:
Wie sehen eure Studiotechniken aus?

DANIEL:
Unsere Kisten sind an ein Mackie 1604 Mischpult angeschlossen. Als MIDI-Sequencer dient ein PC mit der uralten Cubase VST 5.1 Version, welches dann natürlich auch fürs Recording hergenommen wird. Im PC verbaut ist eine einfache M-Audio Audiophile 24/96 Soundkarte. Als Abhöre dienen zwei passive 2-Wege-Boxen der Marke Eigenbau auf Dynaudio Basis.
Die Synths, die MIDI-fähig sind, steuern wir eben so an. Die älteren Kisten synchronisieren wir entweder mit CV/Gate Interface, mit einem getriggerten Korg SQ-10 Sequencer oder gar nicht. Dann wird die Melodie oder was auch immer einfach live eingespielt. Für Gesangsaufnahmen verwenden wir ein AKG C 3000 B oder auch mal das Shure SM 58. Klar, unser Equipment ist mittlerweile ziemlich antiquiert und recht schlicht gehalten. Vieles ist improvisiert und vielleicht recht seltsam bzw. ungewöhnlich. Aber genau das macht auch unsere Arbeitsweise und letztlich unseren Sound aus. Dennoch haben wir vor, demnächst etwas aufzurüsten, z.B. zeitgemäße Abhöre und ein ordentliches Audio-Interface.

MARTIN:
Wir versuchen, alles sehr spontan und unkompliziert zu halten. Manchmal entsteht ein Songs beim Rumjammen. Oft hat Daniel schon einen kleinen Take mit Melodie und Basslauf als MIDI-File im Kasten, manchmal komme ich mit den Sounds und Effekten zu Daniel, um die dann ein Song gestrickt wird. Auf Plug-ins wollen wir weitgehend verzichten. Gerade diejenigen, die versuchen einen alten Klassiker zu emulieren. Das hat für uns immer einen faden Beigeschmack. Denn es klingt nie zu 100% wie das Original, und es fehlt auch der Spaß beim Musikmachen und Rumschrauben. Mit der Maus virtuelle Regler bedienen, macht nicht richtig Spaß. Wenn wir Softsynths benutzen, dann muss ein Plug-in schon nach etwas neuem Klingen und nicht wie der tausendste Minimoog Klon. Lieber ein mega-schrottiges FreeWare Plug-in, das gerade durch seinen eigenen Klangcharakter besticht – das ist eher unser Ding. Auch bitte kein Trance-Gate (lacht). Lieber den Rechner als Bandmaschine benutzen und Audio-Files schneiden, arrangieren und abspielen.

AMAZONA.de:
Wie setzt ihr eure Songs im Live-Gig um?

MARTIN:

Natürlich können wir nicht alles komplett auf der Bühne umsetzen, dafür haben wir einfach nicht genügend Hände. Außerdem sind manche Synthies einfach mittlerweile zu anfällig und auch zu schade, um auf der Bühne kaputtzugehn.
Deshalb haben wir es so gelöst, dass unser musikalisches Grundgerüst aus dem CompactFlash-Player kommt und wir jeweils Basslines, Lead-Melodien und Flächen live dazu spielen. Der Gesang kommt immer komplett von uns – live. Damit unser Publikum noch was fürs Auge bekommt und etwas von uns ablenkt, haben wir immer noch kleine Gimmicks mit an Bord wie das Simmons-Drum, Stylophon, Casio Pt-1, TI Speak&Music oder auch unseren C-64, umgebaut zum Umhänge-Keyboard etc. Mit diesen Spielereien wird’s dann auch lebendiger auf der Bühne. Damit fahren wir eigentlich ganz gut, wir wollen ja auch auf der Bühne ein bisschen Party machen. Außerdem wollen wir live nicht klingen wie auf der CD. Denn wenn es live genauso klingt wie auf der CD, wird’s vielleicht auch so sein.

DANIEL: Wir versuchen, dass die Songs auf der Bühne nicht 1 zu 1 klingen wie die Versionen, die auf dem Album sind. Klar, ohne ein Grundplayback geht es bei elektronischer Musik nicht, und das kommt bei uns vom MP3-Player. Im Vergleich zu den Albumversion lassen wir aber die ein oder andere Melodie oder andere Elemente der Songs einfach weg und spielen diese live mit unseren Kisten auf der Bühne. Selbst unsere elektronischen Gimmicks, die wir immer wieder mit auf die Bühne nehmen, sind angeschlossen und nicht nur pure Show. Der ganze Kabelsalat nervt aber teilweise schon etwas (lacht).

Simmons und osteuropäische Bandmaschine

AMAZONA.de:
Macht ihr euer Mastering selbst oder beauftragt ihr ein kommerzielles Studio damit?

DANIEL:
Wir mischen und mastern unsere Songs grundsätzlich selbst. Das hat zum einen damit zu tun, dass der für uns typische „Ecken-und-Kanten-Sound“ ja unter anderem auch durch unser – im Vergleich zu einem professionellen Studio – relativ bescheidenes Equipment zu Stande kommt. Wir möchten einfach vermeiden, glattgebügelt und austauschbar zu klingen. Und wenn wir unsere Mixes aus der Hand geben würden, ist unserer Meinung nach die Gefahr groß, dass die Songs ihre „Seele“ verlieren und wie viele andere beliebige Elektro-Produktionen klingen. Denn vieles, was in den Ohren eines professionellen Mastering-Gurus vielleicht „schmutzig“ klingen und gegen sämtliche Regeln der Kunst verstoßen würde, ist ja von uns oft so gewollt! Den Trend, z.B. eine CD immer noch lauter zu mastern, finden wir absolut nicht gut, und den wollen wir auch nicht mitmachen. Wir schwimmen da gerne gegen den Strom. Man muss nicht jeden (Mastering-)Trend mitmachen. Das macht ja letztendlich auch unseren Charakter aus. Zum anderen haben wir auch nicht unbedingt das nötige Kleingeld, um uns ein professionelles Mastering zu leisten. Wir stecken die Kohle lieber in Synthesizer oder andere Geräte oder halt auch in die Produktion unserer Scheibe. Wir mastern da auf relativ überschaubarem technischen Niveau mit einer alten Version von Wavelab über unsere bereits beschriebene Abhöre. Und so abgedroschen das klingen mag: Wir halten uns kaum an gängige Standards bzw. Arbeitsabläufe. Entscheidend ist immer unser Gehöhr. Wie unser Sound letztendlich erreicht wird, ist uns egal. Hauptsache „es klingt“. Da darf durchaus schon mal eine alte Kompaktkassette herhalten, mit der eine Aufnahme schön in die Bandsättigung gefahren wird. Dann das Tape noch ein paar Tage im Sommer im Auto liegen lassen … dann klingt die Sache schon mal sehr cool (lacht). Das ist kein Witz! Das haben wir tatsächlich schon mal so gemacht! Aber das geht natürlich nicht mit jeder Aufnahme.

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