Album Release: File Not Found, Daniel Wunder & Martin Pscherer

File Not Found – Martin Pscherer und Daniel Wunder (vlnr)

AMAZONA.de:
Wie hat alles angefangen?

DANIEL:
Es war wohl so um 1997. Martin und ich kannten uns bereits, da wir uns regelmäßig in unserer damaligen Stammdiskothek getroffen hatten. Da wir beide schon musikalische Gehversuche unternommen hatten, tauschten wir einfach mal Tapes mit unseren Aufnahmen aus. Vom Musikgeschmack her waren wir beide so ziemlich auf gleicher Wellenlänge, und da haben wir mal ein paar Songs zusammen aufgenommen. Wir hatten beide schon einiges an Equipment zu Hause, so dass wir da schon ganz gute Möglichkeiten hatten, musikalisch etwas auf die Beine zu stellen. Die ersten Nächte, in denen wir uns zum Musikmachen getroffen hatten, waren wirklich lustig – wir haben einfach mal munter darauflos geklimpert, ohne uns großartig Gedanken darüber zu machen, was wir eigentlich wollen bzw. ohne vorher einen Text geschweige denn einen ganzen Song geschrieben zu haben. Dabei kamen dann teilweise echte 1st-take Perlen raus, die wir dann aber doch lieber unter Verschluss hielten – zumindest die meisten (lacht).

MARTIN:
Wir kannten uns schon einige Zeit vom Sehen und liefen uns auch 1997 wieder zufällig in Augsburg auf dem S.P.O.C.K. Konzert über den Weg. Als wir uns kurz später über das Konzert unterhielten, stellten wir beide zu unserem Erstaunen fest, dass wir jeweils schon unabhängig voneinander Songs und Demos zuhause mit unserem sparsamen Equipment aufgenommen hatten. Also tauschten wir Kassetten aus. Da stellten wir beide schon fest, wo unsere jeweiligen
Schwerpunkte lagen. An Daniels Songs fielen mir sofort die tollen Melodien auf (da wären wir fast schon bei der nächsten Frage).

AMAZONA.de:
Gibt es eine Arbeitsaufteilung?

MARTIN:
Während Daniel ein Gespür für Melodien und schöne Stimmungen hat, kann ich mich meiner Leidenschaft hingeben: Knöpfchendrehen – für Klänge, Sounds und Effekte. Aus diesem Grund kommt auch diese Sammellust: neues Equipment, neues Spielzeug, das heißt neue Sounds. Was kommt aus dieser oder jener Kiste raus, das muss nichts „amtlich“ sein, es muss nur Spaß machen. Denn es gibt keinen schlechten Synthie, nur Synthies am falschen Platz, im falschen Song. Insofern gibt es schon eine Art „Arbeitsteilung“. Natürlich bestätigen auch hier die Ausnahmen die Regel. Das Arrangieren der Songs machen wir stets zusammen, und wer als erstes eine gute Idee für einen Text hat, darf (manchmal auch muss) ans Mikro und einsingen.

File Not Found Promo 1

AMAZONA.de:
Was und wer waren eure Vorbilder?

DANIEL:
Ehrlich gesagt, mich haben die üblichen Verdächtigen am meisten beeinflusst: Depeche Mode, The Cure, New Order, Visage, die ganzen 80er Ikonen halt. Aber auch wichtig zu erwähnen Martin Galway oder Rob Hubbard, die es mit ihren teilweise genialen Kompositionen für den C64 immer wieder geschafft haben, mich stundenlang vor den Fernseher zu bannen, nur um mir immer wieder die Musik reinzuziehen. Das prägt natürlich schon, und das hat mich dann letztendlich doch am meisten inspiriert.

MARTIN:
Prägend waren für mich ganz klar die späten 70er bis frühen 80er: Kraftwerk, J-M Jarre, Ultravox, Gary Numan, OMD, John Foxx, Human League, Yazoo … Plötzlich waren da diese völlig neuen Sounds, die hatte ich vorher noch nie gehört. Das hat mich auch nicht mehr losgelassen, und ich wollte schon damals wissen, wie und woher diese Klänge und Sounds kommen. Mein größerer Bruder ließ die Platten auch immer tagelang rauf und runter laufen, was sollte ich denn da machen? Viele dieser Songs haben mich auf ewig versaut (lacht), und da war dieses: „wenn ich groß bin will ich das auch machen“. Tja, wenn ich den Casio Sk-1 Sampler mal weglasse, den ich mir 1987 vom Munde abgespart hatte und von dem ich leider dann ziemlich enttäuscht war, als ich feststellte, dass da keine Blubber-Sounds wie bei Vince Clark rauskamen. Aber 1993 kam dann mein erster Synthesizer. Ein gebrauchter Jupiter 4 aus der Kleinanzeigen-Zeitung. Endlich konnte ich Sounds erzeugen wie Vince Clark und Human League zusammen. Was mich allerdings auch sehr beeindruckt hat, waren Minimal-Bands wie Ceramic Hello, Dark Day, Rational Youth, Moral, Absolute Body Control, Vice Versa, Nine Circles …, mit wenigen Mitteln gute Songs und viel Atmosphäre erreichen – das ist eine Kunst.

AMAZONA.de:
Welches Equipment habt ihr zu Anfang benutzt?

MARTIN:

Im Großen und Ganzen das von heute auch. Natürlich gab es auch mal eine Fostex A8 Bandmaschine, Sony Dat-Recorder, einen E-mu ESI-32-Sampler, aber die haben mittlerweile ausgedient bzw. sind verkauft worden. Aber ansonsten bin ich sehr froh, dass wir immer sehr zurückhaltend waren wenn’s ums Equipment verkaufen ging. Doch den Sachen, die verkauft wurden, heul ich heut noch nach und wenn’s nur diese billige Fostex A8 Maschine war.

DANIEL:

Angefangen habe ich mit dem Waldorf Microwave und einem Kawai K4. Die wurden mir damals empfohlen, ich weiß aber nicht mehr vom wem … egal, … ich hatte von den Dingern so gut wie keine Ahnung, Hauptsache sie machen irgendwelche Geräusche. Dann kam noch ein kleines Mischpult von Soundcraft Spirit und ein Atari ST mit Cubase Lite dazu – und los ging’s. Als ich dann anfing, mit Martin zusammen zu musizieren, hat natürlich auch er seine Geräte beigesteuert, und wir waren dann schon mal ganz gut ausgestattet. Ich glaube, die ersten paar Recording-Sessions hatten wir mit dem K4, dem Microwave, dem ARP Odyssey, dem Roland Jupiter 4, dem Yamaha CS 15, der CR 78 und dem TMX Drummodule von Yamaha, das ich mir damals noch dazu gekauft habe.

Jupiter 4 und Kollegen

AMAZONA.de:
Was benutzt ihr heute, wie sieht euer Studio aus?

DANIEL:
Im Prinzip fahren wir da zweigleisig, jeder hat sein eigenes Studio. Wenn wir dann aber gemeinsam an den Songs arbeiten, sind wir dann hauptsächlich bei mir. Wir haben uns bei mir im Heizungskeller ein „Studio“ eingerichtet, das auch gleichzeitig als Proberaum fungiert. Darin stehen dann die meisten unserer Kisten. Die Decke ist sehr niedrig und manchmal ist’s auch etwas feucht und modrig drin … na ja, einen besseren Raum haben wir nicht zur Verfügung, und so machen wir halt das Beste draus. Blaue Neonröhren schaffen eine für uns angenehme Atmosphäre. Erwähnenswert wäre vielleicht noch der Heizkessel, der zur Litfasssäule umfunktioniert wurde. Synthesizer, die dort unten stehen und die wir heute auch noch verwenden, sind z.B. Roland Jupiter 4, Roland Juno 6, Roland Alpha Juno 2, Kawai K4, Access Virus A, Waldorf Microwave, Korg MS 20 (wenn Martin ihn mitbringt) Casio Pt-1 …, eine Gebläseorgel von Bontempi und auch sonst noch so allerhand Gimmicks. Wie das Ganze dann aussieht, kann man auf den Fotos sehen – zumindest einiges.

MARTIN:

Da wir eine knappe halbe Stunde von einander entfernt wohnen, hat jeder für sich selber die Möglichkeit Songs aufzunehmen. Während ich Computer-technisch mit meinem Apple Powerbook G3 266MHz alles andere als auf dem aktuellen Stand bin, nehme ich hauptsächlich nur kurze Phrasen, Sounds, Effekte oder Loops auf. Mit denen fahre ich dann zu Daniel oder schicke ihm die Daten per E-Mail. Am Wochenende ist dann basteln angesagt. Doch oft hat Daniel auch schon einige feine Song-Skizzen vorbereitet. Oder wir graben alte Geräte aus, die wir eine zeitlang nicht mehr benutzt haben, und sind dann wieder überrascht, was da noch so alles rauskommt, z.B. aus dem Waldorf Microwave. Dann kann es sein, dass ich auf dem Flohmarkt oder dem Wertstoffsammelhof irgendwelche Synthies, Rhythmusboxen oder anderes elektr. Spielzeug finde, die für den einen oder anderen Sound gut sind. Manchmal kann man genau diesen Sachen, weitab der üblichen Gerätschaften frische, kreative Sounds entlocken. Insofern sieht es des öfteren bei uns auch nicht nach Studio, sondern eher nach einem Kindergeburtstag in den 80ern aus, denn nach Hi-Tech. Nichtsdestotrotz gibt’s bei uns natürlich auch die üblichen Synthie-Verdächtigen (siehe Fotos).

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