Album Release: Martin Gerke – Groenalund

10. März 2018

Let's sound like ABBA

Nach Kurt Ader/ Priority und Moonbooter/Cosmosonic sollte das Format ALBUM RELEASE inzwischen bekannt sein. In unregelmäßigen Abständen wollen wir euch die Album- und Musikprojekte von Lesern vorstellen. Und wenn man sich die Quoten der ersten beiden Ausgaben ansieht, dann scheint dieses Vorhaben auch bei euch richtig gut anzukommen.

Martin Gerke haben wir tatsächlich schon einmal 2004 für AMAZONA.de interviewt, als er noch ganz am Anfang seiner Filmmusik-Karriere stand. Inzwischen hat sich viel bei ihm getan – vor allem frönt er nun mit einem neuen Projekt seiner Leidenschaft für die Kult-Produktionen der legendären Pop-Gruppe ABBA. Das hat schließlich mein ganz persönliches Interesse geweckt, denn auch bei mir gehört ABBA zu den absoluten Favoriten. Im Sommer 2017 besuchte uns Martin schließlich spontan in der Redaktion. Schließlich verschoben wir aber den Release des Interviews um einige Monate, um Martin noch die Chance zu geben, ein weiteres Stück seines GROENALUND-Projekts zu produzieren.

Martin Gerke Goenalund

Peter Grandl im Gespräch mit Martin Gerke

Peter:
Hallo Martin! Du arbeitest mit deiner Band Groenalund seit langer Zeit an einem neuen Album, mit welchem du u.a. den Sound von ABBA aufleben lassen willst. Wie kam es dazu, dass dich dieser Sound so reizt?

Martin:
ABBA hat mir mit den klassisch geprägten Arrangements und Melodien als Achtjährigem den Zugang zur Popmusik ermöglicht. Meine Verbindung zu diesen Songs ist tief und unzerstörbar. Und irgendwann musst du alles aus deiner Kindheit noch mal als Erwachsener durchleben. Vielleicht ist es auch das Gefühl, musikalisch wieder nach Hause kommen zu wollen. Oder die unsicheren Zeiten, in denen wir leben, bringt uns dazu, nach alten Maßstäben zu suchen, die so etwas wie Halt bieten.

Den Test der Zeit haben all diese wunderbaren Songs für mich bestanden. Wenn ich 1980 beim Lego Bauen „The winner takes it all“ gehört habe, fand ich den Song gut, später dachte ich bestimmt mal, „ach dieser alte Song“ – aber noch später, als ich wirklich verstanden hatte, wovon dieser Text eigentlich handelt, als ich nämlich selbst in einer schmerzhaften Trennung steckte, hat mich dieser Song wirklich noch mal bis ins Mark erschüttert.

Und das geht mir mit vielen Songs von Abba so. Ich habe begonnen, diese Songs zu analysieren und dabei eben festgestellt, dass oft ein unerklärbarer Zauber übrig bleibt, auch wenn ich verstanden habe, wie sie funktionieren.

Peter:
Du hast dich auch in die Musiktheorie vertieft – oder besser gesagt, richtig reingekniet. Wieso? Hatte das auch was mit ABBA zu tun?

Martin:
Ich frage mich, wie man das nicht tun kann? Irgendwann ist es nicht mehr lästig, sich mit Theorie zu beschäftigen, sondern richtig spannend. Das bringt dich viel weiter, als wenn du einen neuen Synthesizer kaufst!

Die Abba Mitglieder selbst konnten jetzt zwar nicht Noten lesen und hatten später sogar teilweise einen Arrangeur aus dem Musikerkreis, der auch für sie aufnahm. Sie hatten aber das Glück, ohne viel Ablenkung im Skandinavien der 50er und 60er sich voll auf die Musik konzentrieren zu können, als sie aufwuchsen. Dadurch hatten sie schon sehr viel praktische Erfahrung angesammelt, als es dann mit Abba ernst wurde. Wahrscheinlich hatten sie ihre eigene Theorie durch genaues Zuhören und Nachspielen. Dadurch entwickelt sich das Hörvermögen. Und dieses Hörvermögen in der anderen Richtung wieder kreativ in neue Musik umzusetzen, ist letztendlich das, was zählt. Theorie ohne Praxis macht bei Musik eh nicht so viel Sinn.

Martin in seinem Element

Peter:
Was sind für dich gute Songs?

Martin:
Schwer zu beantworten. Der erste Eindruck beim Hören ist ein emotionaler: Wenn es dich packt und Euphorie auslöst bzw. erschüttert. Bei mir geschieht das, wenn ich nicht durch lieblose Klischees ernüchtert werde, bzw. wenn es eine gelungene Mischung aus attraktivem Sound und ausreichend tiefer Form gibt. Sobald ich mich dabei erwische, wie ich analysiere: “Ah ja, das ist so und so gemacht worden“, ist der Song wahrscheinlich nicht so toll. Gute Songs behalten nach der Analyse immer noch ein Stück Geheimnis für sich. Sie lassen sich nicht restlos erklären.

Das Problem bei vielen populären Stilen heutzutage ist, dass sie einerseits durch die demokratisierten Produktionsmittel eine Tendenz zu standardisiertem Sound aufweisen, weil jeder in Logic die selben paar Dutzend Presets benutzt und dass dieses massive Vorhandensein von Produktionsmitteln dir gleichzeitig vorgaukelt „du hast es drauf“. Das sind aber zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe.

Die sozialen Medien im Internet sind deswegen voll mit halbgaren bis unfertigen Sachen, die insgesamt ein bedeutungsloses Rauschen erzeugen. Die guten Sachen, die es auch noch gibt, ragen qualitativ daraus hervor, müssen aber trotzdem unter erschwerten Bedingungen um Aufmerksamkeit kämpfen.

Blick in Martins Studio

Peter:
Würdest du ABBA Songs als große Kunst bezeichnen?

Martin:
Man hat Abba oft vorgeworfen, ihre Songs wären zu konstruiert oder zu berechnend oder sie wären zu kommerziell. Das erklärt sich durch die stark linksorientierte Musikkritik der 70er und 80er, die nicht unbedingt nach musikalischen Parametern ihr Urteil gefällt hat.

Für mich persönlich ist Abba unbedingt Kunst! Das avancierte Songwriting, die Fähigkeit, musikalisch auf den Punkt zu kommen, die Nutzung des Studios als eigenes Instrument, die gleichzeitige Präsenz von Melancholie und Leichtigkeit, das zunehmend Metaphysische, das sich von Album zu Album immer mehr Platz schafft, das kommt für mich alles zusammen zu einem großen Gesamtkunstwerk.

Natürlich gibt es auch kommerzielle Aspekte, das gilt für Popmusik doch immer. Aber letztendlich kommen die wirklich guten Songs, die Generationen überdauern können, von Herzen und das kann man glaube ich über fast alle Abba Songs sagen.

Die großen Abba Momente entstehen aus dem Schmerz, durch den die Bandmitglieder gegangen sind. Wenn man sich wirklich mit dieser Band beschäftigt, bleibt nicht allzu viel übrig von den vier gutgelaunten Strahle-Schweden und trotzdem haben alle Songs auch immer eine Leichtigkeit, eine tiefe Liebe zur Musik, die das alles zu einem großen Trost für gepeinigte Herzen machen kann!

Forum
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    dilux  AHU

    etwas ot, aber seid wann hat den herr grandl einen elka synthex? und wieso steht der nicht im studio?

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      Tyrell  RED 1

      Du wirst es nicht glauben, aber in meinem winzigen Keller-Studio hat keine einzige Tastatur mehr Platz. Und so habe ich hin und wieder die Gelegenheit während der Arbeit mal ein wenig an Sounds zu schrauben :-)

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        dilux  AHU

        ja, nein, ich meine blos, ein synthex! eine wahre rarität, im gegensatz dazu wird man in der bucht mit jupitern, prophets und oberheims regelrecht zugeschmissen; ich meine mich auch zu erinnern, das du im blue box artikel zum synthex die „muss man nicht haben“-seite vertreten hast…
        egal, auf jedenfall glückwunsch zu diesem boliden, ein toller synth!

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    TobyB  RED

    Klasse Typ! Und Klasse Prjojekt! Zwischen den EHXen würd ich sehr wohl fühlen.
    Ich kann ihn verstehen, ich hab auch so ein Faible für Nordic und Northern Soul. Die Visitors LP hab ich auch schon so dermaßen oft gehört und noch nie überhört. Meine ABBA Favoriten sind
    The Day before you came
    http://bit.ly/2Hnh8ty
    und nicht von ABBA gesungen
    I know him so well
    http://bit.ly/2HmIRL0

    Was Bands wie ABBA und andere immer auszeichnete sind die Verweise auf aktuelle Themen und der Einsatz von Technik im Dienste der Musik. Nicht andersrum. Musikalisch bin ich zwar näher dran an Secret Service
    http://bit.ly/2zKBtpi
    aber seine anderen Ansichten über Youtube, Spotify und Co kann ich absolut nachvollziehen. Ironischerweise kommt Spotify aus Schweden.

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      Martin Gerke

      Hallo Toby, danke fürs Durchlesen.
      Ja, diese beiden Songs mag ich auch sehr gerne. Mir ist nicht ganz klar, was Du mit EHXen meinst…?

      lg,
      Martin

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        TobyB  RED

        Hallo Martin,

        ich hab ne ganze Kiste voll mit EHXen und mein Outboard ist auch voll damit. :) Ich liebe die Dinger. Was ich sehr gut finde das viele Pedale mit CVs über den Expression In angesteuert werden können, Und den Sound somit drastisch beeinflußen können. Deswegen fühlte ich mich wohl ;)

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    costello  RED

    Sympathisches Interview. Ja, das „Metaphysische“ bei ABBA. Mich hat Waterloo damals förmlich elektrisiert, diese Piano-Akkorde musste ich sofort nachspielen. Und später ging’s mir halt so, dass ich als bekennender ProgRock-Fan mir nicht eingestehen wollte, dass ABBA perfekte Pop-Musik produzierten. The Visitors war dann der Wiedereinstieg und inzwischen mag ich die anderen Platten auch. Gefreut hat mich im Interview auch die Erwähnung des SY-2, der Nachfolger des Yamaha SY-1, den ich selbst spiele. Der Filtersound ist einfach nur genial!

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      Martin Gerke

      Wenn man ehrlich ist, ist Abba mit den Produktionsmethoden und komplexen Songstrukturen nicht so weit weg vom Prog-Rock.
      Oh, ja, der SY2 ist ein unverzichtbares Instrument für mich geworden. Da ein GX1 wohl eher unerreichbar scheint, ist dieser kleine „Orgelaufsatz“ wirklich die Geheimwaffe, um in die Nähe des GX1 zu kommen.
      Der Grundsound der Filter und Oszillatoren ist tatsächlich identisch mit dem GX1, das merkt man, wenn man wie ich, den SY2 in Einzelstimmen samplet und dann anfängt, ihn mit sich selbst so oft zu layern, bis man ein mächtiges polyphones Pad auf dem EMU liegen hat. Dieses seidig, warme und für meine Ohren sonderbar emotionale Feeling, das nur der GX1 hat, stellt sich auch auf diese Weise ein. Natürlich hab ich den GX1 noch nicht in natura gehört, aber was ich so von den Alben runterhöre, werde ich mit meiner Methode adäquat für künftige Groenalund-Songs umsetzen können.
      Der CS 30 ist deswegen eine sehr gute Ergänzung dazu, weil er die brachiale Seite des GX1 gut darzustellen vermag (z.B.Basssound bei „does your mother know“). Der SY2 ist eher auf der eleganten und weichen Seite.
      Ich kann gern mal ein paar Klangbeispiele machen :-)

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        costello  RED

        Hallo Martin, ich hatte hier für amazona.de mal einen Blue Box-Artikel zum SY-1 produziert. Gerade auch das Hochpassfilter macht diesen eleganten, seidig-summenden Sound. http://bit.ly/2p3kFGS
        Einen SY-2 zu samplen und so einen polyphonen GX 1 nachzubauen, das ist natürlich genial. Dass der CS-30 so brachial daherkommt, erstaunt mich. Ich hatte den CS-40M und auch einen CS-15D. Ersterer war ein Modulationsmonster und hatte drei Filterarten plus Ringmodulation. Aber klanglich habe ich ihn als eher kultiviert in Erinnerung.

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          Martin Gerke

          Ja, schon kultiviert, aber wenn man ihn samplet und polyphon spielt, geht das eher in Richtung Hornsection, während der SY als Multisample selbst mit dem Trompetenpreset immer was streicherartiges hat. Klangbeispiele sind auf dem Weg…

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    Marko Ettlich  RED

    Schönes Interview. Sehr interessant und sympathisch. Ich bin auch mit der Musik von ABBA aufgewachsen. Die Platten liefen bei meinen Eltern damals hoch und runter. :D

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      Martin Gerke

      Hallo Marko, Dankeschön!
      Ich habe dein Polysix-Video auf YouTube glaube ich schon mindestens 50 mal gesehen, weil ich selbst noch kein geeignetes Exemplar gefunden habe. Wird Zeit, dass er sich zu meinem Mono/Poly gesellt ;-)

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        Marko Ettlich  RED

        Gerne. :) Das freut mich. Aber überleg es dir gut, der Polysix ist ein echtes Sensibelchen. Den aus dem Video gibt es schon nicht mehr. Schau ruhig weiter die Videos, das freut uns beide. :D ;)

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    solartron   1

    … und die analogen ESS-YPSILONE von Yamaha hat wohl auch noch keiner geschafft in ein VSTi zu gießen…

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    iggy_pop  AHU 1

    Ich kann mich erinnern, daß mir Martin Gerke in den 1990ern immer etwas schnöselig, klugscheißerisch und besserwisserisch vorkam („Der Klaus Schulze spielt da ja immer nur kleine Sekunden“), wenn er sich in Interviews äußerte — das hatte immer was von „ich bin Musikstudent und weiß es deshalb besser“. Das fand sich dann auch in der Musik wieder, die ich deswegen immer als irgendwie Etepetete und überkandidelt wahrgenommen habe. Das ist, zum Glück, einer — wie ich finde — recht differenzierten Sicht der Dinge gewichen, und mit diesem Statement spricht er mir aus der Seele:
    .
    „Die sozialen Medien im Internet sind deswegen voll mit halbgaren bis unfertigen Sachen, die insgesamt ein bedeutungsloses Rauschen erzeugen. Die guten Sachen, die es auch noch gibt, ragen qualitativ daraus hervor, müssen aber trotzdem unter erschwerten Bedingungen um Aufmerksamkeit kämpfen.“
    .
    Das bringt es auf den Punkt.

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