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Report: MTV VIVA, Die Geschichte der Kultsender

Musikvideos vor YouTube und TikTok

4. November 2023

Was haben Heike Makatsch, Stefan Raab, Markus Kavka und Joko Winterscheidt gemeinsam? Sie alle begannen ihre Karriere bei dem Musiksender VIVA.

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Gemeinsam mit Nilz Bokelberg und Mola Adebisi versprach Heike Makatsch am 01.Dezember 1993 den Zuschauern des gerade geborenen Musiksenders VIVA: „Wir sind mehr als nur ein Fernsehsender. Wir sind euer Sprachrohr und euer Freund.“ Beim Sendestart von VIVA war ich fast 11 Jahre alt und fand das dargebotene Programm recht unterhaltsam. Musikalisch war ich damals noch recht unentschlossen und zunächst noch von Heike Makatsch und ihrem Girlie-Style beeindruckt. Doch dann änderten sich meine musikalischen Vorlieben und Nilz Bokelberg wurde für mich zu einer der Ikonen des Grunge-orientierten Fernsehens.

mtviva liebt dich

Elmar Giglinger (links) und Markus Kavka nehmen die Leser mit auf eine spannende Zeitreise durch die Geschichte des Musikfernsehens (Quelle: CultureGuerillaz)

MTV und VIVA oder David gegen Goliath

Mit dem US-amerikanischen Musiksender MTV, der bereits am 01. August 1981 mit „Video killed the Radiostar“ seinen Sendebetrieb aufnahm, konnte ich aufgrund meines Alters damals noch nichts anfangen und auch MTV Deutschland (Sendestart 1987) gehörte noch nicht zu meinen Favoriten, da ich ja zu dieser Zeit höchstens mal die Sesamstraße schaute. Nach dem Sendestart von MTV Deutschland dauerte es allerdings auch noch 6 Jahre, bis der Journalist Elmar Giglinger vom Radio zum Fernsehen wechselte und 1993 Teil der Gründungsredaktion und Programmchef des neuen Musiksenders VIVA wurde. Der Ursprung des Namens war übrigens gar nicht so hip, wie man vermuten könnte, denn VIVA war einfach nur die ehemalige Abkürzung für Videoverwertungsanstalt. Anfangs von vielen noch belächelt und als Eintagsfliege abgetan, mauserte sich VIVA als erstzunehmender Konkurrent für MTV, der zwei Jahren nach Sendestart in Deutschland deutlich mehr Zuschauer hatte als MTV. Und genau das war auch das Ziel der kreativen Köpfe bei VIVA: MTV Konkurrenz zu machen.

Am 01. Dezember 1993 ging VIVA auf Sendung:

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VIVA Zwei: Mehr als nur ein Abklatsch von VIVA

Für mich ereignete sich 1998 die große Musik-TV-Revolution, als VIVA Zwei (bis 1996 VIVA II) ein Make-Over erfuhr. Der Sender, dessen Inhalte sich vormals an die Ü25-Zuschauer wendete, sollte sich fortan vor allem populären Subkulturen widmen und holte mich damit genau da ab, wo ich damals war. Markus Kavka und Charlotte Roche wurden zu den Helden meiner Jugend, während VIVA für mich zunehmend an Attraktivität verlor. An den Humor von Stefan Raab komme ich bis heute nicht heran. Es gab aber auch bei VIVA Zwei durchaus Moderatoren und Sendungen, die mir einfach nicht zusagten (ich gehörte vermutlich nicht wirklich zur Zielgruppe von Niels Ruf). Einige Inhalte finde ich bis heute nicht unterhaltsam, lustig oder was auch immer sie sein sollten. Andere hingegen sprachen mir aus der Seele und das nicht nur, weil viele Eltern derjenigen, die VIVA und VIVA Zwei regelmäßig schauten das Ganze als albernen Zirkus abtaten. Im Musikfernsehen flimmerte jugendliche Rebellion über den Bildschirm. Klar, das galt ganz sicher auch für MTV, aber ich muss gestehen, dass ich mit MTV und VH-1, später aber auch mit VIVA meinem nie eine so innige Beziehung eingegangen bin wie mit VIVA Zwei. Und ja, ich finde auch heute noch den depressiven kleinen Stoff-Grunge-Jörg aus Seattle ganz bezaubernd.

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Moderation und Sendungen mit Ecken und Kanten

Allen VIVA- und VIVA II- (später VIVA Zwei) Moderatoren gemein war, dass sie alle Ecken und Kanten hatten. Wenn man Markus Kavka Glauben schenken kann, ging es den Verantwortlichen darum, Musikfernsehen von Freaks für Freaks zu machen. So nahm Charlotte Roche vor laufender Kamera, ihre Zahnprothese heraus (was sie später übrigens auch in anderen Sendungen wiederholt hat), Nilz Bokelberg hüpfte als Inbegriff der Grunge-liebenden Schwiegermutter-Schrecks ins Rampenlicht und Niels Ruf machte durch politisch bisweilen grenzwertige Moderationen von sich Reden. Eine weitere Besonderheit war, dass die Moderatoren immer maßgeblich an den Inhalten ihrer jeweiligen Sendungen beteiligt oder bisweilen sogar komplett verantwortlich waren. In den 1990er-Jahren fühlten meine Freunde und ich uns mit vor allem mit VIVA Zwei verwachsen. Man erkannte sich in den Moderatoren wieder, erlebte eine nie gefühlte Identifikationsmöglichkeit mit den Menschen vor der Kamera, die Musik so zu lieben schienen, wie man selbst. Klar war das naiv, aber das Konzept ging auf und holte uns genau da ab, wo wir waren. Es gab natürlich auch diejenigen, die VIVA einfach nur schlecht fanden, die MTV bevorzugten oder alles als Nonsens abgetan haben. Und wie bereits gesagt, auch ich mochte nicht alles, was so gezeigt wurde.

mtviva liebt dich

Der Anzug täuscht: Niels Ruf und seine Sendung Kamikaze befanden sich häufig absolut jenseits des guten Geschmacks und setzten eher auf totale Provokation

Oral History: MTVIVA liebt dich

Die große Rückschau auf 528 Seiten

Gemeinsam mit Musikjournalist Markus Kavka, der 1995 vom Metal Hammer zu VIVA Zwei (ehemals VIVA II) kam, hat sich Elmar Giglinger auf eine Zeitreise durch die Geschichte des Musikfernsehens begeben und lässt sage und schreibe 68 Protagonisten des Musikfernsehens in dem 528 starken Buch starken Buch: „MTVIVA liebt dich! Die elektrisierende Geschichte des deutschen Musikfernsehens“ zu Wort kommen.

mtviva liebt dich

Interview auf dem Friedhof: Charlotte Roche im Gespräch mit Hanin Elias von Atari Teenage Riot

Im Gespräch auf dem Friedhof: Charlotte Roche im Interview mit Hanin Elias von Atari Teenage Riot

Es handelt sich bei dem Werk um sogenannte Oral History. Zeitzeugen kommen hier zu Wort erzählen frei von der Leber weg von ihren Erfahrungen und Erlebnissen rund um die Glanzzeiten des Musikfernsehens. Neben den ehemaligen VIVA-Moderatoren wie beispielsweise Nora Tschirner, Matthias Opdenhövel und Oliver Pocher kommen auch Künstler wie die Ärzte, Fettes Brot und die Toten Hosen zu Wort. Wenn man den Autoren Glauben kann, verspricht es eine spannende und bisweilen schockierende Reise hinter die Kameras zu werden, die den Leser mitnimmt zu Drogenexperimenten und Klassenfahrt-ähnlichen Exzessen.

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Der Anfang vom Ende des deutschen Musikfernsehens

Im Jahr 2007 gab es einen Wechsel an der Spitze der Sender und plötzlich regierten Controller einen Kanal, der zuvor von Kreativen geführt wurde. Das Programm wurde grundlegend geändert und etliche Sendungen wurden eingestampft. Langsam aber sicher ging das Musikfernsehen dann zugrunde. Der Niedergang des Musikfernsehens machte auch vor MTV nicht Halt, denn während der Sender noch 2007 zu den 5 beliebtesten Jugendmarken weltweit, tauchte der Sender 2010 in dieser Liste nicht einmal mehr auf. Am Silvesterabend 2018 stellte VIVA den Sendebetrieb ein. Für mich endete meine Liaison mit dem Musikfernsehen schon ein bisschen früher. 2001 war es dann mit VIVA Zwei vorbei und damit endete auch meine Liebe zum Musikfernsehen. VIVA und MTV konnten diese Lücke nie füllen. Leider setzte man auch hier zunehmend auf Shows wie „Date My Mom“ oder ähnliche Formate, die mit Musikfernsehen nicht einmal im Entferntesten etwas zu tun hatten. Und lange bevor Leute wie JOKO und Claas zu VIVA kamen (2009), rückten diese Sender komplett aus meinem Sichtfeld. Und dann kamen YouTube und Musik-Streaming-Plattformen wie Ampaya, MyVideo und Vevo. Musikvideos on Demand ohne die endlos langen Nächte, in denen man hoffte, ein bestimmtes Musikvideo noch einmal zu sehen. Musikfernsehen hatte in den ausklingenden 1990er- und den beginnenden 2000er-Jahren für mich eine ganz besondere Magie. Es war in meinen Augen nicht besser oder schlechter als das, was wir heute haben – es war einfach anders.  Auch die Tagesthemen berichteten damals über das Ende von VIVA:

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Und was mich, als absoluten VIVA Zwei-Enthusiasten natürlich total interessiert: Welche Erfahrungen hast du mit MTV, VIVA und VIVA Zwei (VIVA II) gemacht? An welche besonderen Schnipsel aus den Sendungen erinnerst du dich noch heute gerne? Oder war dir das Ganze vielleicht damals schon zuwider?

Ach, und noch eine Anmerkung am Rande: Ja, die Qualität der Bilder ist ziemlich mau. Aber so war das Fernsehen in den 1990er-Jahren. Ohne HD und man hat es trotzdem geschaut.

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Fazit

Das Buch „MTVIVA liebt dich! Die elektrisierende Geschichte des deutschen Musikfernsehens“ dürfte für alle, die mit VIVA durch ihre Jugend gegangen sind, eine tolle Zeitreise sein und für alle, die vielleicht erst im 21. Jahrhundert geboren wurden, vermittelt dieses Werk sicherlich sehr lebendig , wie bekannte Gesichter wie Joko und Claas, Christian Ulmen und Stefan Raab ihre Karriere begannen. Denn ja, es gab auch schon vor YouTube und TikTok Musikvideos.

Und für all diejenigen, die nicht so gerne lesen, startet am 01. Dezember die dreiteilige Dokumentation mit dem Titel „VIVA – zu geil für diese Welt!“, zu sehen in der Mediathek und auf ardkultur.de.

Preis

  • 21,99 Euro
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Forum
  1. Profilbild
    Filterpad AHU 1

    Meine Sendung war Club Rotation. Eines Tages, 2003, bin ich dann Nachts in den Club gefahren um diese Sendung einmal live zu erleben. Auf dem Land ist das nicht Nebenan versteht sich. Die Bands, DJ’s und Songs habe bis heute Einfluss auf mein Produzieren. Eine Stunde nach der Sendung kam dann „Ritmo“, der lateinamerikanische Pendant. Beides hervorragend moderiert von Daisy Dee. Das hatte sie einfach drauf! Abends Shows wie The Dome, Bravo Supershow, Otto,- oder die Comet-Verleihung (letzten 3 auf RTL ll). Man hat geglotzt bis sich die Augen verbiegten. Der Witz daran: Man glotzt nicht weniger, nur die Medien haben sich geändert (z.B. Smartphone).

  2. Profilbild
    mfk AHU

    Gut, dass diese niveaulose lineare Berieselung Geschichte ist.
    Ein paar nette Videos waren dabei, aber die scheinwitzige krampfhafte Moderation hat zumindest bei mir nur zu viel Fremdscham geführt.

  3. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Das Bild von Roche und Elias ist sehr bezeichnend: beides gleichzeitig geht nicht, immer mehr Kommerz und gleichbleibend mutige Qualität der Musik. Ich fand es von jeher befremdlich, Smells like Teen Spirit oder Rage against the Machine „on rotation“ zu sehen. Richtig gemacht hat es bis zuletzt John Peel. Es gibt schon noch vereinzelte mutige Platten. Aber Angst oder zumindest echten Respekt muss niemand mehr vor Musik haben. Leider.

  4. Profilbild
    Flowwater AHU

    Ich habe früher oftmals sehr gerne »VIVA II« einfach so im Hintergrund laufen lassen. Das war für mich ein Musiksender, der auch abgefahrenere Sachen gezeigt hat. So bin ich zum Beispiel auf folgende Videos gestoßen, die ich als Gesamtkunstwerk bezeichne, bei denen Bild und Ton hervorragend zusammen passen:

    Faithless
    We Come 1
    (Gänsehaut, was sich da in dem Zimmer abspielt)

    My Vitriol
    Grounded
    (mit Vincent Gallo in der Hauptrolle, das Musikvideo könnte fast von David Lynch sein)

    Auch die Interviews von Charlotte Roche fand ich damals recht unterhaltsam. Unvergessen das Interview mit Robbie Williams, in dem er gelangweilt sagt, er höre nur seine eigene Musik und sie ihm entgegnet »Die eigene Musik hören ist wie das eigene Sperma schlucken.« (LOL)

    Das war damals alles noch sehr roh und ungeschliffen und deswegen stellenweise saugut. MTV und VIVA (1) waren mir dagegen immer zu kommerziell. Das habe ich deswegen nie gesehen.

    • Profilbild
      Filterpad AHU 1

      @Flowwater Faithless waren auch die Hymnen schlechthin dieser Zeit. Eine Sendung die mir in Erinnerung geblieben war: MTV Ibiza 99. Da hatten die auch einen Auftritt und ich war wirklich perplex. Apropos: Die Redaktion hat glaub neben VIVA 2 noch nen Sender vergessen: MTV 2 Pop. 😂

  5. Profilbild
    Filterspiel AHU

    Musik-TV (MTV, VIVAs) lief bei mir gerne im Hintergrund. Und es starb innerhalb von ein paar Tagen, als diese unsäglichen Handy-Klingeltöne in einer vorher unbekannten Art von penetranter Heavyrotation gesendet wurden.

    • Profilbild
      Filterpad AHU 1

      @Filterspiel Ja das war echt schrecklich und so penetrant, dass Dinge regelrecht berühmt wurden. Crazy Frog, die sprechenden Tassen, so’n Kücken u.s.w. Ganz ganz furchtbar!

      • Profilbild
        Sonja (Team DelayDude) RED

        @Filterpad In einem Interview sagte Elmar Giglinger, dass genau diese Klingeltöne (vor allem Crazy Frog) auch für ihn das Anfang vom Ende waren.

    • Profilbild
      KleinKlang

      @Filterspiel Daran sind unter Anderen die Samwer Brüder schuld. Die sind für das Jamba Sparabo verantwortlich. Heute klauen die beiden Geschäftsideen aus aller Welt („Rocket Internet“), wer also bei Home24, Delivery Hero, Hello Fresh und einigen weiteren bestellt sendet seim Geld an die gleiche Familie

  6. Profilbild
    Jens Hecht RED

    Hatte mir letztes Wochenende erst alte Musikvideos aus den 80ern/90ern angeschaut…teils zur Inspiriation und teils aus nostalgischen Gründen. Es gab natürlich viel Müll aber auch paar ganz geile Sendungen. Hat mich zumindest gut durch meine Jugend begleitet. Schöner Artikel, vielen Dank dafür :)

  7. Profilbild
    SoundForger2000

    Bei sowas werden Erinnerungen wach an die „gute alte Zeit“, die wie wir wissen, natürlich so gut nie war. Dennoch, musikalisch und „videotechnisch“ gab es damals in den 1990ern schon prima Sachen. Mit Viva wurde ich nie so recht warm. Die Moderation schien mir oftmals zu bemüht cool zu sein. MTV aber habe ich quasi täglich geguckt. Als Aficionado von Funk & Soul war natürlich „The Soul of MTV“ für mich des nächtens stets erste Anlaufadresse in Sachen Videos, welche ich auch öfter mal auf VHS aufgenommen und dann teilweise abgespielt habe bis die Kassette quietschte. 😜
    Ich kann mich noch gut erinnern, als ich in den 1980ern beim Oberpollinger in Minga zum allerersten mal was von MTV gesehen habe, nämlich Michael Jackson’s „Thriller“ in voller Länge ! Als ich mich umdrehte bemerkte ich, daß sich inzwischen hinter mir eine 20m lange Schlange gebildet hatte. Werde ich niemals vergessen.

      • Profilbild
        SoundForger2000

        @Filterpad Ja, Beavis & Butthead waren cool. 😀

        Damals gab’s bei uns auch noch nicht diese dümmliche Political Correctness.

        • Profilbild
          AMAZONA Archiv

          @SoundForger2000 Ich vermute, daß Beavis & Butthead eine subversive Antwort auf die Political Correctness Initiative waren, die seinerzeit federführend von Tipper Gore (allein der Name ist schon ein Hammer…) geleitet wurde. Zusammen mit ihrem Gatten Al wohl das moderne Pendant zu Grant Woods „American Gothic“.

          Schon zu Beginn der 1990er mußte sich Frank Zappa vor einem Gericht verantworten für sein ungebührliches, unsittliches und gänzlich unamerikanisches Verhalten. Was er sehr elegant gemacht hat, wie ich finde.

          Will sagen: Die Puritaner und Sprachfaschisten bildeten damals schon ihre Basis aus und gingen dann zum Ende der 1990er Jahre in die Offensive. Da hier in diesem unseren Land prinzipiell alle unreflektiert nachmachen, was aus dem Land unserer Befreier kommt, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich diese von Grund auf antidemokratische Haltung auch bei uns einnisten würde.

          Denn merke: „Wenn der Sheriff reiten geht, reiten alle mit.“ (DAF)

          • Profilbild
            susuexp

            Da ist jetzt aber einiges in den Mixer geraten und als Geschwurbel rausgekommen. Das PMRC hatte nichts mit political corectness zu tun, Frank Zappa musste sich in dem Zusammenhang nicht vor Gericht verantworten, sondern wurde zu einer Anhörung im Kongress geladen (neben John Denver und Dee Snyder). Das Ende von diesem Lied war, dass in den USA eine Steuer auf Leerkasetten eingeführt wurde, deren Einnahmen an die Major Labels ausgeschüttet wurden, im Gegenzug packten die dann den „Parental advisory“ Aufkleber auf diverse Veröffentlichungen. War auch nicht in den 90ern, sondern Mitte der 80er.

            • Profilbild
              AMAZONA Archiv

              @susuexp Das will ich jetzt gar nicht in Abrede stellen, aber den Fall mit Zappa, an den ich denke, hat etwas damit zu tun, daß er eben genau gegen diese „Parental Advice — Explicit Lyrics“ Nummer argumentiert hat (vor Gericht).

              Wenn Du mir da etwas Näheres nennen kannst — gerne. Ich meine mich nur erinnern zu können, daß diesem Hearing Tipper Gore als treibende Kraft vorsaß und auf ihr Bestreben hin diese Kennzeichnung eingeführt wurde.

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          TobyB RED

          @SoundForger2000 Der Evangelikale Puritanismus und pc fing in den USA und Kanada schon wesentlich früher an. Ich empfehle Anvil die Geschichte einer Freundschaft. Judas Priest, Ozzy durften sich wegen „satanischer Verse“ und angeblicher Rückwärtsbotschaften verantworten. HipHop und Rap dürften ähnlich unter Beschuss stehen. Ich glaube nicht das pc nun ein neues Phänomen ist. Damals nannte man es vielleicht anders. Ich glaub ich möchte mich nicht in den damaligen deutschen Bibelgürtel versetzen lassen. In den amerikanischen noch weniger. Ich find solche Filme wie Footloose gruselig. Das Wort des Reverend ist Gesetz.

          Beavis und Butthead sind sowas wie die Antwort auf den Puritanismus amerikanischer Prägung.

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            SoundForger2000

            @TobyB Man sollte auch erwähnen, daß die ersten beiden Jahre nach Gründung von MTV 1981, außschließlich weiße Musiker gespielt wurden. Jacko und Marvin Gaye waren glaub‘ ich die allerersten black artists die gespielt werden MUSSTEN, da sich ihr enormer Erfolg nicht mehr leugnen lies.
            Die von Dir zurecht genannten „Kreise“ in den USA empörten sich damals über Marvin Gaye’s „Sexual Healing“. Dies führe zu einer Sexualisierung der Jugend und womöglich zu zahlreichen ungewollten Schwangerschaften. Au Backe !

            Eierlikör nur ab 21, dafür Ballermänner im Supermarkt für Jedermann.
            Nun ja, das Ergebnis dessen sieht man ja nun wöchentlich. 😠

            • Profilbild
              TobyB RED

              @SoundForger2000 , das ist richtig. MTV hatte sich ja wachsweich aus der Affäre stehlen wollen, mit der Begründung das sie ein Rocksender wären. Bei Hip Hop war es wohl so, dass es erst die Fílme „Wild Style!“, „Beat Street“ und „Krush Groove“ brauchte damit MTV sich dieser Musik annahm.

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            AMAZONA Archiv

            @TobyB „Der Evangelikale Puritanismus und pc fing in den USA und Kanada schon wesentlich früher an.“

            Das stimmt — im Grunde ist der Puritanismus des 17. Jahrhunderts nie ausgeräumt worden in den USA, sondern ein integraler Bestandteil der amerikanischen Volksseele — was sicherlich auch zu extremen Ausbrüchen aus diesem Korsett führte und führt (und vor diesen Hintergrund zeigt, wie harmlos eigentlich das wilde Gezappel von Elvis war und wie sehr es aufgebauscht wurde). Aus dieser bigotten Haltung heraus entstand dann die amerikanische Populärkultur, und es kommt sicher nicht von ungefähr, daß die USA der größte Markt für Pornographie ist. Alles, was unterdrückt wird, verschafft sich anderweitig Luft.

            Als sich die Puritaner aus Holland und England Anfang des 17. Jahrhunderts auf den Weg in die neue Welt machten, um dort ihren Gottesstaat zu gründen, hat denen hier in Europa keiner auch nur eine Träne nachgeweint.

            • Profilbild
              TobyB RED

              ,womit du Recht hast. Aber wir schielen mal nicht so schadenfroh über den grossen Teich. In Deutschland gibts auch einen Bibelgürtel. Der mag vielleicht nicht so breit sein, ist aber dennoch sehr laut und wirkmächtig. Der ist immer vorne dabei, von Abtreibungsgegnern, Coronaleugern, Impfgegner, Aldebaranern für Deutschland. Alles dabei.

              • Profilbild
                AMAZONA Archiv

                @TobyB Das stimmt, wir sollten uns da auch nicht so weit aus dem Fenster lehnen — Bekloppte haben wir selbst zu Genüge.

                Das kann einem schon den Schlaf rauben.

  8. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Viva. Plötzlich saß da Mate Galic und erzählte was von Techno. Hatten wir in den 80ern nicht schon Mixtapes mit Acid House, der wesentlich besser klang als dieses bumbum? Anfang der 90er war dann Acid, 303 und Important Records angesagt. Das erste Mal MTV war ca. 1984 im italienischen Fernsehprogramm. Da sprangen bunt gekleidete Acts mit weiten Hosen und viel Schminke rum, von denen ich nie was gehört hatte. Offensichtlich hatte ich noch keine Rezeptoren für sowas. Mal Sondocks Hitparade gefiel mir zu dem Zeitpunkt besser. Viva hat bestimmt auch dazu beigetragen, daß heute in Dokus so getan wird, als ob Berlin die Keimzelle von allem ist. Die Love Parade hatte ich nie besucht, erst als sie nach Duisburg kam und ich plötzlich mit Freundin in diesem Tunnel stand. Manchmal denke ich Kurt hat das richtige getan, nur hat keiner die Konsequenzen daraus gezogen. Jetzt tönt John Lennon dank KI aus dem Radio und ich werde mir bewußt wie entmenschlicht wir schon sind. Mich eingeschlossen. Momentan flashen mich Der Feuervogel, Peter und der Wolf und Hänsel und Gretel im Theater für Kinder mehr als das was wir heute Musik nennen.

    • Profilbild
      AMAZONA Archiv

      Als VIVA Ende 1993 an den Start ging, hatte ich große Hoffnungen auf einen Spartensender, der nicht ins selbe Horn stoßen würde wie MTV.

      Als ich dann die erste Sendung sah mit diesen grobmotorisch herumhüpfenden, schlecht moderierenden und ostentativ zappelig-strohdoof-pseudolustigen Moderatoren wie Heike Matschkopf, Molala Risibisi und Nies Popelberg (wie wir sie szeneintern nannten — die großen Sittenwächter hier werden das ganz schnell als „diskriminierend“ wegmoderieren, also macht ein Foto, dann habt Ihr länger was davon) — da wußte ich, daß die Zielgruppe Verhaltensoriginelle sein würde und nicht Leute, die sich für Musik interessieren. Also die Leute, die heute — 30 Jahre später — das Sagen haben würden.

      Ich wage sogar zu behaupten, daß ohne VIVA die Kelly Family niemals so groß geworden wäre, sondern immer noch über Weihnachtsmärkte in der Provinz tingeln müßte. Immer kleinere Kreise ziehend.

      Was ich Mate Galic zugute halten muß: Er hat 1996 den „Terminus“-Clip von NODE gespielt. Die Rosine zwischen all dem Kiffergedudel und Kirmestechno.

      Und nein, Heike Makatsch halte ich noch immer nicht für eine gute Schauspielerin. Alleine diese Sistrumstimme… (wenn ich aus Asterix zitieren darf). Sarah Kuttner, Charlotte Roche… unerträglich, aber stilbildend und prototypisch für das, was heute im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor das Mikrophon darf, um seinem Geltungsbedürfnis Rechnung zu tragen.

  9. Profilbild
    Anjin Sun

    MTV lief gerne mal im Hintergrund, wie Radiogedudel nur mit Bildern. Viva war eher für pickelige Teens, die Moderation unterirdisch schlecht. Ne … vermisse ich beides nicht! Erwähnt hingegen sei Videokunst ala Thriller von MJ, durchaus beeindruckend damals.

  10. Profilbild
    ollo AHU

    Ich mit Jahrgang 1985 habe davon irgendwie gar nicht so viel mitbekommen habe ich immer das Gefühl. Meine Highlights waren „Celebrity Deathmatch“ mit den ultrabrutalen Stopmotion Knetfigurkämpfen, das war damals Kult.

    Ansonsten war es ähnlich wie beim Radio, ich habe ewig gewartet bis gewisse Musikvideos kamen, die man unbedingt sehen wollte. In Zeiten von Youtube und Spotify heute unvorstellbar. Vorallem die 80er Jahre Videos spät in der Nacht waren sehr interessant. „Ultravox – Dancing With Tears In My Eyes“ ist mir da als sehr besonders in Erinnerung geblieben.

    Ich habe hier noch eine VHS-Aufnahme von MTV2Pop und deren Dance Charts Sendung, müsste ich jedenfalls mal wieder raussuchen. Das war eine Dance Classics Ausgabe von 2003 (?) und da waren dann Rave und Dance Videos aus den 90ern dabei. Ich weiß noch, wie ich bei meinen Eltern vor dem großen TV immer und immer wieder die Videos von „Charly Lownoise & Mental Theo – Wonderfull Days“ und „RMB – Experience“ angeschaut habe.

    Müsste ich eigentlich mal digitalisieren.

  11. Profilbild
    d_eric

    Wir hatten Zuhause kein Kabelfernsehen, so dass ich teilweise stundenlang im Plattenladen stand, um MTV zu schauen. Mich hat die Ästhetik der Musikvideos völlig in ihren Bann gezogen.
    Später war ich dann ein großer Fan von VIVA 2, der Sender hat meinen Musikgeschmack stark mitgeprägt.
    Bis heute weiß ich noch, wie ich nachts in meiner Studentenwohnung saß und „Come To Daddy“ von Aphex Twin lief. Es hat mich damals völlig unerwartet getroffen und mich richtig tatsächlich gegruselt. Als ich dann im Uni-Internet nach dem Regisseur recherchiert habe merkte ich, dass mir von Chris Cunningham schon andere Videos aufgefallen waren. All is full of love von Björk, Come On My Selector von Squarepusher und Afrika Shox von Leftfield um nur einige zu nennen.
    An das stundenlange Warten, um endlich ein Video noch einmal zu sehen, kann ich mich auch noch sehr gut erinnern.
    Was ich überhaupt nicht vermisse: Werbepausen. Die waren auch schon vor den Klingeltönen nervig, machen es mir heute fast unmöglich, noch free TV zu schauen.

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