Mixing Workshop: Gain, Equalizer, Kompressor und Analyzer beim Mix

19. Oktober 2018

Mit dem Equalizer Freiraum schaffen

workshop mixing

Gain, Equalizer, Compressor und Analyzer beim Mix

In unserem dreiteiligen Workshop Mixing erfahrt ihr alles über das Thema Mixing. Von Grund auf widmen wir uns dieser Aufgabe, geben Tipps und Tricks und zeigen euch, auf was ihr achten solltet.

Das Gain-Staging

Du kennst das sicher. Du lädst einen VST-Synth in deine DAW und wenn du den ersten Ton drückst, haut es dir fast die Lautsprecher um die Ohren. Der virtuelle Synthesizer ist auf 0 dBFS (0 Dezibel Full Scale – sprich digital Null) ausgesteuert und deine erste Reaktion ist es, den Lautstärkeregler herunter zu ziehen. Der Klang des VSTi ist nun moderat und du kannst deine Melodie einspielen. Bedenke jedoch, dass die Ursprungslautstärke immer noch voll ausgesteuert ist. Das bedeutet, wenn du ein Plugin nach dem Synth einfügst, wird dieses mit dem lauten Signal gespeist. Falls du danach beispielsweise mit einem Compressor den Output erhöhst, schiesst du intern über digital Null. Jedes weitere Plugin, das du in deiner Kette nach dem Compressor einsetzt, wird mit einem zu lauten Signal angefahren. Heutzutage sind 32 Bit Floating Point zwar der Standard, doch trotzdem gibt es noch viele Plugins, die mit zu lauten Signalen ein Problem haben. Sie verzerren und können nicht mehr wie gewünscht arbeiten. Bei Plugins ist es eh so, dass sie am besten bei moderaten Lautstärken arbeiten. Hast du gegen oben und unten mehr Spielraum, können die Effekte ihre Arbeit entspannter verrichten.

Senke die Lautstärke deshalb beim Output deines Instrumentes ab, damit dir genug Headroom für die Bearbeitungen zur Verfügung steht. Ich habe alle meine virtuellen Synthies in der Standardeinstellung auf -12 dB kalibriert.

TIPP: Gewisse DAWs besitzen die Möglichkeit, den Ausschlag des Audiosignals vor dem Fader anzuzeigen. Falls dein Sequencer diese Funktion enthält, mache beim Einpegeln deiner Signale Gebrauch davon.

Gain-Staging ist während des Recordings wie auch beim Mixing essentiell. Heutzutage brauchst du nicht mehr voll auszusteuern, da der Rauschabstand zischen Noise-Floor und Nutzsignal im Gegensatz zu Tonbändern ungleich geringer ist. Du kannst deine Instrumente locker auf -24 dB einpegeln und dir bleibt bei 24 Bit immer noch genug dynamische Information.

Bedenke, dass eine CD eine Auflösung von 16 Bit hat. Das bedeutet, dass du 65.596 Schritte zur Abbildung deiner Dynamik hast (216). Bei 24 Bit sind es 16.777.216 Schritte (224). Du siehst, 24 Bit ist sehr viel hochauflösender als 16 Bit, was dir erlaubt, die Pegel niedrig zu halten, ohne an dynamischer Qualität zu verlieren. Jedes Bit bildet einen Dynamikumfang von 6 dB ab. Somit kannst du dein 24 Bit File um satte 48 dB absenken und trotzdem noch die Qualität einer CD bekommen [(24-16)x6].

Hast du nun die Lautstärken angepasst, setzte die einzelnen Instrumente ins Panorama. Halte dir virtuell eine Bühne vor Augen und verteile die Instrumente so im Stereofeld, wie die Musiker auf der Bühne stehen. Den Gesang und die Bassdrum mittig, die Snare leicht rechts, die beiden Overheads des Schlagzeugs gleich weit von der Mitte entfernt und Gitarren und Synthies verteilt im Panorama. Einzig der Bass und die Lead-Sounds setzt du präsent in die Mitte, obwohl der Bassist selten zentral angeordnet ist. Mit der Platzierung des Basses in der Mitte vermeidest du eine seitliche Ungleichheit im Mix. Wie vorher mit der Fletcher Munson Kurve erklärt, brauchten Bassfrequenzen sehr viel mehr Energie, um gleich laut wie die Stimme zu klingen. Setzt du den Bass nur auf eine Seite, wirkt der Song nicht ausbalanciert. Zudem breiten sich Bassfrequenzen ringförmig aus. Somit ist eine Ortung des Basssignals schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Tiefe Frequenzen haben auch die Eigenschaft, durch dichte Materie, wie zum Beispiel Mauern oder deinen Kopf, zu dringen. Gehst du auf eine Party oder ein Konzert, hörst du als erstes den Bass. Lange bevor du erkennst, welches Lied gespielt wird, kannst du die Bassfrequenzen schon wahrnehmen. Deshalb ist es sinnlos, den Bass im Panorama zu verteilen.

studio workshop mix

Zudem würde es bei einer Vinyl-Pressung zu Problemen führen. Da die seitliche Bewegung der Nadel sehr groß wäre, könnte die Nadel aus der Rille springen. Bei schlecht gemischten und gemasterten Songs passiert das oft.

Trotzdem kommt es vor, dass manche Produktionen unkonventionelle Panorama-Einstellungen aufweisen. Ein klassisches Beispiel ist der Song «Up Tight» von Stevie Wonder, bei dem das Schlagzeug hart rechts gepannt ist. Deiner Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, solange es funktioniert.

Die Mixbus Bearbeitung

Den Fehler, den viele Newbies machen ist, dass sie nun jedes einzelne Instrument in den Solomodus schalten und dieses für sich alleine mischen. Der Gedanke dahinter: Wenn jedes Instrument perfekt klingt, dann wird auch der Mix gut klingen. Das ist leider nur bedingt richtig. Als Mixing Engineer darfst du das Ganze nie aus den Augen verlieren. Betrachte den gesamten Wald, nicht den einzelnen Baum.

Früher, während der analogen Ära, hatte man kein Geld für 48 Kompressoren, um einen auf jede Spur zu setzten. Auch waren und sind Hardware-Equalizer sehr teuer. Deshalb verbaute man in den großen Pulten einen Bus-Compressor und eventuell einen Equalizer auf der Summe. Der berühmte SSL G-Bus Compressor ist wohl der bekannteste Vertreter. Ich benutze für meine Mischungen den Crème der Tegeler Audio Manufaktur in Berlin. Dieser Bus-Compressor besitzt dieselben Einstellungswerte wie der G-Bus Compressor, hat jedoch noch einen eingebauten Pultec Equalizer mit an Bord.

studio workshop mix

Natürlich kannst du auch Plugins benutzen, um deinen Mixbus zu komprimieren und zu entzerren bzw. auszubalancieren. Typische Vertreter sind Plugins wie der API2500 oder den schon erwähnten G-Bus Compressor. Als Equalizer sind Emulationen von real existierender Hardware die erste Wahl. Zum Beispiel der Millenia NSEQ-2 oder der Manley Massive Passive.

Was du vermeiden solltest ist, in einen Limiter zu mischen. Das ist die Aufgabe des Mastering Engineers. Der Limiter verändert bei seiner Anwendung den Sound enorm und macht es dem Mastering Engineer unmöglich, einen transparenten und lauten Klang hinzubekommen.

Wie gehst du nun vor?

Setzte die Ratio des Compressors auf 1:4, den Attack-Regler auf die schnellste Position und den Release-Regler ebenfalls. Ziehe nun den Threshold so weit runter, dass er stark komprimiert. Du solltest deutlich hören, wie das gesamte Signal leiser wird.

Nun erhöhst du den Attack-Wert, bis du das Einschwingen der Bassdrum gut hörst. Das sind in der Regel zwischen 10 ms und 30 ms. Nun drehst du den Release-Regler aufs Maximum und fährst ihn langsam herunter, bis du wieder die Bassdrum gut und differenziert hören kannst.

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Als nächstes verringerst du die Ratio zu einem Wert von 1,5:1 oder 2:1 und fährst mit dem Threshold zurück, bis du dein Signal um Maximum 1-2 dB komprimierst. Beim Bypass-Schalten des Plugins merkst du, wie der Track dichter und homogener wird. Um nicht vom Lautstärkeunterschied beeinflusst zu werden, solltest du das komprimierte Signal mit dem Make-Up-Gain-Regler dem Original anpassen.

Durch die Kompression des gesamten Mixes sind nun gewisse Frequenzen stärker in den Vordergrund getreten. Diese kannst du mit dem Equalizer ausgleichen. Du senkst die Überbetonungen ab und hebst zu unterpräsente Bänder an. Betrachte dieses Equalizing wie das Malen mit einem breiten Pinsel. Flankensteilheiten (Q) von über 1 sind sehr selten der Fall. Eher darunter und nicht mehr als 1-2 dB anheben/absenken. Hier geht es nicht ums Mastering, sondern um ein breites Ausgleichen von gewissen Bergen und Tälern im Frequenzspektrum.

Ein Frequenzanalyser kann dir dabei gute Dienste leisten. Es gibt verschiedene Software-Analyser in jeder Preisklasse. Wichtig jedoch ist, dass der Analyser ein rosa Rauschen analysiert.

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Klangbeispiele
Forum
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    arnimhandschlag  

    super tutorial. das hättest du mir mal vor 10 jahren schreiben müssen :)
    finde es gut, dass du eher moderat an die ganze sache ran gehst, da gibts ja auch die anti-dynamik fraktion, insbesondere bei pop und elektro…

    Voxengo bietet mit SPAN einen top analyzer für umme.

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      Thom Wettstein  RED 1

      Vielen Dank. Ja, der Voxengo ist ein Analyser, den ich vergessen habe zu erwähnen. Kommt vor…
      Für mich ist es bei einem Analyser wichtig, dass ich auf einen Blick erkenne, was vor sich geht. Er muss farbig sein aber nicht zu fancy und muss einwandfrei funktionieren. Ich habe mal einen Video-Artikel über meinen Analyser geschrieben: https://thomwettstein.com/pinguin-audio-meter/

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      Coin  AHU

      Statt dem SPAN würde ich den Seven Phases Spectrum Analyzer empfehlen.
      Der ist nicht so mit Einstellungen überladen.
      .
      Probleme mit der Lautstärke von Instrumenten hatte ich noch nie.
      Die Mixerfader sind schon im Start-Template so runter geregelt,
      wie sie ungefähr am Ende des Mischens stehen.
      Ich weiss wie laut es am Ende ungefähr wird.
      Postiv bei Lautheit hat sich das Xfer Serum gezeigt.
      Das ist lauter als alle anderen Synths.
      .
      Gruppenspuren und Effekte wie Comps, Eq´s und Sends
      sind zum Start bereits eingerichtet.
      Die wichtigsten Instrumente auch.
      Ich brauch nur Ableton starten und kann loskomponieren,
      ohne mich erst auf die Suche nach nem geeigneten Instrument zu begeben.
      .
      Habe derzeit zwei Start-Templates mit 94 Bpm und 111 Bpm.
      Darin sind die Delay-Racks für die Bpm´s eingerichtet.
      .
      Mit nem Multibandcompressor komprimiere ich noch
      höhenlastige Signale (z.B. Hihats) ab 11 Khz aufwärts.

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        Thom Wettstein  RED 1

        Ja, klar. Beim Produzieren sind Templates sehr massgebend. Doch beim reinen Mix, wenn ich einfach die Spuren von einem Kunden bekomme, da beginne ich gerne mit einem leeren Blatt.

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    division  

    Super Tutorial!
    Ich möchte auch noch den apQualizer2 apulSoft in den Ring werfen. Der findet merkwürdiger Weise nie Erwähnung, hat aber einen super Funktionsumfang und ist trotzdem sehr Resourcen schonend!

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      Thom Wettstein  RED 1

      Ja, der ist gut. Ein Schweizer Produkt. Mit dem einen Entwickler habe ich studiert. Sehr feine Leute und gute Musiker.

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    janschneider  

    Zum gainstaging mal eine Frage: welches sind die „vielen plugins“, die mit zu lauten Signalen ein Problem haben und nicht wie gewünscht arbeiten können? Diese These schwirrt ja immer wieder durchs Internet, aber mich würden da mal konkrete Beispiele interessieren…
    Mir fielen da höchstens die analog Emulationen ein, die bei zu lautem Input natürlich zerren, aber das ist ja Absicht, und wenn man das nicht will, haben die meisten dieser plugins ja auch einen Input Regler.
    Die allermeisten modernen „neutralen“ plugins, die mit 32 oder intern sogar 64 Bit arbeiten, sollten mit Pegeln bis 0dBFS und sogar darüber kein Problem haben.

    Bei welchen Pegeln Plugins „am besten arbeiten“ kann man meiner Erfahrung nach auch nicht pauschalisieren. Das ist höchst unterschiedlich, auch bei Emulationen.
    Anstatt sklavisch irgendwelchen Regeln zum Pegel zu folgen (von denen es ja mehrere gibt), muss man das meiner Ansicht nach von Fall zu Fall entscheiden und vor allem seine Werkzeuge kennen!

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      Thom Wettstein  RED 1

      Vor allem die älteren Plugins von Waves sind für zu laute Signale anfällig. Auch der Oxford EQ von Sonnox ist heikel gegenüber Übersteuerungen. Dieser besitzt sogar eine Warnlampe. Die Plugins von Kush Audio arbeiten laut dem Entwickler Gregory Scott am akkuratesten bei einem Input von -16dBFS. Obwohl heute intern alles mit 32bit Floating Point berechnet wird, heisst das nicht, dass man sich keine Gedanken übers Gain Staging mache sollte. 32 bit Floating Point ist einfach eine zusätzliche Sicherheit, muss man aber nicht unbedingt ausreizen. Die Plugins arbeiten entspannter bei moderaten Pegeln. Vor allem Kompressoren.

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        janschneider  

        Alte Waves kann ich mir vorstellen, die kommen ja auch von Protools…
        Ich sag auch nicht, dass man gainstaging komplett ignorieren sollte (ich mache es ja auch), man sollte es im Ernstfall abhängig vom Plugin machen. UBKs „analoge“ plugins mögen am besten bei -16db arbeiten, aber zB viele Plugins von IK Multimedia tun da oft so gut wie nichts, meiner Erfahrung nach.
        Mir kommt einfach diese pauschale, oft gelesene „auf keinen Fall im Mixer clippen“ und „bloß nicht zu hohe Pegel über -18/-10/-6 dbFS/RMS/was auch immer“ ein bisschen vor wie Omas Weisheiten, die von Generation zu Generation weitergegeben werde, aber die man ja auch gerne mal kritisch hinterfragen darf :)

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          Thom Wettstein  RED 1

          Auf jeden Fall! Der Oxford Inflator verlangt sogar eine Übersteuerung beim Eingang des Plugins, damit er schön sättigen kann. Dieser kann man mit einem Input-Regler anpassen und danach wieder absenken. Auch jeder Brickwall Limiter braucht Übersteuerungen um seinen Job zu machen. Ich sage einfach: seit ich aufs Gainstaging achte, habe ich keine böse Überraschungen mehr im Mix.

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      janschneider  

      Ich das jetzt aus purer Neugier mal selber getestet. Setup: ein 993 Hz Sinus mit Minimum +10dBfs (teils auch mal 24) durch verschiedene plugins geschickt und mit SPAN analysiert.
      Ergebnis: abgesehen von Plugins, wo Verzerrungen zum Prinzip gehören (emulationen, saturation, compressor) habe ich nur ein Plugin gefunden, was definitiv kaputt ist: Eventide Ultrachannel. Ich nehme an, das ist 1:1 vom alten Protools 24bit portiert worden, sobald man das mit über 0dbFS füttert, bricht es komplett zusammen.
      Die Standard-plugins von Cubase, und viele andere ‚digitale‘ plugins wie EQs, Gates, reverbs, delays und Modulationseffekte hatten kein Problem, mit Pegeln von teils +24dBFS umzugehen, zumindest konnte ich keine auffälligen, d.h. Pegel von über -96dbFS, Artefakte erkennen.

      Es war aber eindeutig zu erkennen, dass Plugins mit beabsichtigten Nonlinearitäten bei gleichem Pegel unterschiedlich arbeiten. Logisch, Hardware verzerrt ja auch unterschiedlich.
      mein Fazit: man sollte keine panische Angst haben vor hohen Pegeln und gelegentlichem digitalen Clipping im Mixbus, das ist zum allergrößten Teil unproblematisch. Im Ernstfall gilt wie immer: Wenn es gut klingt, ist es gut, und hinhören ist die Devise :)
      Anders sieht das natürlich am Masterbus aus, der sollte natürlich auf keinen Fall clippen.

  4. Profilbild
    TobyB  RED

    Kleine Ergänzung, Logic muss man unter Menüleiste Mix erstmal sagen ob das Metering Pre oder Post ist. Ich würde innerhalb von Logic immer alles mit 64 Bit Summieren. Bei entsprechend dynamischer Musik hört man da schon Unterschiede. Mein Empfehlung für einen kostenlosen Spektrum Analyzer Specan 32.

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