Black Box: Roland R-70 Drumcomputer – View

22. September 2018

Der Roland R8 Nachfolger

VIEW – eine Sub-Kategorie unserer Vintage-Reihe

Mit VIEW führen wir eine neue Serie ein, die sich mit Vintage-Klangerzeugern beschäftigt, die wir allerdings während der Erstellung des Artikels nicht parallel testen können. Vielmehr entstehen diese Artikel aus eigenen Erinnerungen sowie Daten und Fakten, die wir in unseren Archiven haben.

Wir würden uns aber freuen, wenn der ein oder andere Leser zu einem View-Artikel seine persönlichen Erfahrungen, Fotos oder Klangbeispiele beisteuren würde. Wir würden diese direkt am Ende des Artikels einfügen. Wer also aktuell selbst einen Roland R-7o sein Eigen nennt, könnte die Community mit seinen Ergänzungen wunderbar bereichern. Einfach eine E-Mail an die AMAZONA.de-Redaktion schicken (siehe Impressum). Klar gibt’s als Belohnung auch ein kleines Goodie. Nun aber los:

Roland R-70, MORE HUMAN THAN HUMAN?

Zumindest war das der Wahlspruch der berühmten Tyrell Corporation, an die der Prospekt des Roland R-70, der 1992 auf den Markt kam, nicht nur im Wording erinnert. Replikantenartige Humanoide sind da im Hintergrund zu sehen, nicht ohne Grund lautet die vollständige Produktbezeichnung des Roland R-70 „Human Rhythm Composer“.

1989 hatte Roland mit dem Vorgänger Roland R-8 den MIDI- und Samplesound-Nerv der Zeit getroffen. Die Roland R-8 wurde zum meistverkauften Drumcomputer seiner Ära.

Drei Jahre lang setzte Roland ohne Nachfolger auf den Klassiker, dann brachte man die Roland R-8MKII, die hochpreisig eine Kopie der R-8 war, nur mit mehr Sounds und einem glänzend schwarzen Gehäuse – und man brachte eine Budget-Variante, die bei genauerem Hinsehen jedoch ihrem berühmten Geschwistern in manchen Punkten überlegen war, die Rede ist vom Roland R-70.

Zwitterwesen zwischen Homestudio und Profi-Features

Die Roland R-70 war deutlich kleiner als die Roland R-8MKII, verfügte nur über 4 Audioausgänge und auch das Display war geschrumpft. In Sachen Sound lag sie aber mit der Roland R-8MKII gleichauf mit ca. 200 16 Bit Samplesounds. Allerdings konnte man die Roland R-70 nicht durch Soundkarten erweitern, aber bei der Menge an Sounds war dies auch nicht unbedingt notwendig.

Die Auswahl der Klänge war gegenüber der R-8 nochmals deutlich modernisiert und auf TR getrimmt worden. Neben vielen Bekannten aus der R-8 Library strotzt die Sample-Liste nur geradezu von TR-606, TR-808, TR-909 und CR-78 Klängen. Was allerdings auch damals befremdlich erschien, war das Fehlen der markanten HiHats der TR-909, die gerade Anfang der 90er praktisch unentbehrlich für die angesagte Pop-Musik erschienen. Eine krasse Fehlentscheidung von Roland – derer noch einige mehr in den Jahren darauf folgen sollten.

Wiederum ein Bonus gegenüber Roland R-8 ist die Möglichkeit, bis zu zwei Samples in einem Sound zu layern. Dabei können beide Parts unterschiedliche Parameter beinhalten wie Tonhöhe, Decay oder Panorama. Ein schönes Feature, mit dem man mit einfachen Mitteln tatsächlich vollkommen neue Klänge kreieren konnte.

Im Single-Modus erlaubt die Roland R-70 bis zu 14 Stimmen gleichzeitig. Je nachdem wie viele Layer-Sounds in einem Pattern abgefeuert werden, reduziert sich die Polyphonie auf minimal 7 Stimmen.

Das Ding mit dem Positional-Pad

Auf den Abbildungen zur Roland R-70 sticht einem vor allem ein Pad ins Auge, das sich quer unter den klassischen Drumpads breitmacht.

Wie die Grafik verdeutlicht, lassen sich hiermit vor allem bei Becken nuanciertere Variationen beim Anspielen erreichen. Diese können auch im Nachhinein noch eingegeben werden.

Das einzige Probelm, die Klangeditierung der Roland R-70 ist sehr eingeschränkt und somit gibt es auch nur 4 Parameter, die sich auf dieses Pad legen lassen: Pitch, Nuance, Decay und Panorama.

Allerdings ist das Panorama hier einer besonderen Erwähnung wert, denn es erlaubt 15 Abstufungen innerhalb des Stereobildes. Das ist deutlich mehr, als die meisten Drumcomputer dieser Zeit zu bieten hatten.

Ein Jahr zuvor hatte Yamaha den Yamaha RY-30 in die Läden gebracht. Dieser hatte zwar nur 95 Samples , aber ein resonanzfähiges Filter, das sich über ein Data-Wheel in Echtzeit kontrollieren ließ – oder wahlweise ebenfalls Pan, Decay, Pitch und Balance. Damit hatte er die Nase eindeutig vorn, denn an der R-70 ließen sich nur über einen „Brilliance“-Parameter die Höhen einzelner Sounds dämpfen. Außerdem bot Yamaha Erweiterungskarten für seinen RY-30 an, die nicht nur neue Samples enthielten, sondern auch eingespielte Schlagzeug-Grooves bekannter Drummer.

Roland R-70

Sequencer

Mit einer Auflösung von 96 Beats pro Viertelnote (384stel) ermöglicht der Roland R-70 eine für Drumcomputer feine Auflösung, die den Anspruch des Namens HUMAN Rhythm Composer durchaus unterstreicht. Editier-Junkies konnten mit dem R-70 wirklich jedes Event auch im Nachhinein verändern, da Velocity, Pitch, Decay, Nuance, Pan, Timing Shift und Flame On/Off für jedes Event in einem einzelnen Pattern geschrieben und verändert werden können. Dazu kommt, wie bereits beim Roland R-8M der Parameter „Feel“, der abhängig von einem zuvor gewählten Groove-Typ Variationen auf ein eingespieltes Pattern programmiert. Die Intensität dieses maschinellen Eingriffs lässt sich zuvor ebenfalls festlegen. Tatsächlich gewinnen viel zu grob gerasterte Rhythmen dadurch deutlich an Dynamik und Lebendigkeit.

Die Geschwindigkeit der Sequenz ließ sich variieren von 30 bis 250 BPM.

Roland R-70

Roland R-70 Prospekt

Effekte

Der Roland R-70 war tatsächlich der erste Roland Drumcomputer mit eingebauten Digitaleffekten.

Zwei Effekte lassen sich gleichzeitig pro Sound durch zwei Send-Kanäle für jeden Sound individuell ansteuern. Der Effektblock 1 bietet Hall und Delay, der zweite Effektblock Chorus und Flanger.

In Kombination mit dem in 15 Positionen unterteilte Stereopanorama und Sample-Layer-Funktion, lassen sich da schon nette Sachen machen. Leider lassen sich die Delays nicht mit dem MIDI-Timing des Sequencers synchronisieren. Hier muss man selbst Hand anlegen.

Die Effekte klingen nicht umwerfend – und im Zweifelsfall wird man sich wohl externe Effekte einsetzen, aber sparsam dosiert ergeben sie durchaus Sinn und machen Spaß. Beim Live-Einsatz im Club hauchen sie den Grooves nochmals mehr Leben ein.

Speicher

210 Instrumentenspeicherplätze waren von Werk aus fest ins ROM gebrannt. 32 weitere Instrumente konnte man sich selbst zusammenschrauben und im RAM ablegen.

Roland R-70 Rückseite mit Speicherkarten-Einschub

Über eine Speicherkarte ließen sich die 32 User-Plätze extern abspeichern und auch erweitern. 100 überschreibbare Pattern-Plätze gab’s zusätzlich im Speicher und auch auf der Karte.

Bedienung und Sound

Trotz des kleineren Displays lässt sich die R-70 relativ schnell erlernen und bedienen. Allerdings muss man sich schon durch einen Display-Seite-Dschungel kämpfen, um so manchen Parameter zu erreichen. Hier hat die Roland R-8 deutlich die besseren Karten.

Der Sound ist druckvoll und lebendig. Obwohl hier nur Samples zum Einsatz kommen, hat Roland durch geschickte neue Parameter wie Layering und den Einsatz des Positional-Pads die Lebendigkeit der Patterns gegenüber den großen Geschwistern tatsächlich verbessert. Auch die Effekte tragen dazu bei, dass so manche Patterns deutlich besser klingen als aus einer Roland R-8.

Der Grundklangcharakter bleibt aber 80er-Roland und ist immer noch dem Pop-Sound dieser Epoche geschuldet. Klar lässt sich da einiges verbiegen, aber wer den Techno- und House-Sound der 90er mit der R-70 hinbekommen möchte, sieht sich lieber bei den Roland MC-Grooveboxen um.

Erwähnenswert sind auch die 4 tonal spielbaren Bässe unter den Samples, die durchaus ihre Qualitäten haben, da sie je nach Anschlagdynamik ihre Klangfarbe leicht verändern.

Gebrauchtmarkt

Vielleicht habe ich irgendetwas nicht mitbekommen, aber während eigentlich alle anderen Kult-Drumcomputer der 80er preislich abgestürzt sind, erholt sich als einziger davon die Roland R-70. Preise bis zu 250,- Euro am Gebrauchtmarkt sind für die R-70 schon keine Seltenheit mehr. Damit kostet sie praktisch doppelt so viel wie eine Roland R-8. Wer weiß, warum das so ist, sagt mir bitte Bescheid ;-)

Fazit

Der Roland R-70 Drumcomputer ist ein cooler kleiner Drumcomputer, der wunderbar geeignet ist, um die Beats der 80er wieder aufleben zu lassen. Dank umfangreicher Sample-Sammlung, Effekten und vor allem den dynamischen Spielmöglichkeiten ist er den meisten seiner 80er Kollegen überlegen. Wer hingegen nach einem Techno- und House-Tool sucht, um die 90er wieder aufleben zu lassen, der findet unter den MC-Grooveboxen von Roland geeignetere Geräte.

Plus

  • umfangreiche 80er Soundsammlung
  • dynamische Spielmöglichkeiten
  • nachträglich umfangreiche Editierung der Beats möglich
  • Positional-Pad
  • zwei Effekteinheiten
  • 4 Audioausgänge
  • Layersounds

Minus

  • geringer Soundspeicher für eigene Soundkreationen
  • keine Sample-Card-Erweiterung
  • externes Netzteil
  • bis auf Snare und Kice keine TR-909 Sounds
  • kleines Display
  • vergleichsweise hoher Gebrauchtmarktpreis

Preis

  • Lt. Syntacheles Stand 9/2018
  • ca. 250,- Euro
Forum
  1. Profilbild
    sEIGu

    „Wer weiß, warum das so ist, sagt mir bitte Bescheid“

    Das ist wohl einfach der Trend, jeder Schachtel aus dem letzten Jahrtausend plötzlich mystische Fähigkeiten zu attestieren und damit einfach den Preis zu verdoppeln. Getoppt wir das Theater dann, wenn Allerweltskisten das Attribut „selten“ (oder auch „rar“) verpasst wird. Gerade bei so seltenen Dingern wir M1, DX7 oder D50.

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      Robocob11  

      Das beantwortet aber nicht die Frage, warum ausgerechnet der R-70 am stärksten steigt. Rolands 505, Korgs DDDs oder Yamahas RX haben nicht annähernd diesen Wertzuwachs. Mit irreführenden Anzeigen lässt sich das nicht erklären. Ich weiß es allerdings auch nicht, was ausgerechnet denR70 gerade hipp macht.

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        till

        Es ist lange her, dass ich das Teil besessen habe, ich kann mich aber erinnern, dass ich als Anfänger das „Rythm Expert System“ ziemlich geil fand. Dies generierte sehr brauchbare Jazz-, Pop- und Latin-Rhythmen, welche man natürlich weiter bearbeiten konnte. Das war für mich damals ein Kaufargument….

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        BJack  

        Das müsste man gerade als Amazona Redakteur doch verstehen ;)
        Irgendjemand hat halt einen Artikel darüber geschrieben in dem er gut weg gekommen ist und schon schießen die Preise in die Höhe.
        Vielleicht wars dieser hier: https://www.soundandrecording.de/equipment/roland-r-70-1992-drumcomputer/ .
        Der Artikel hier wird sein übrigstes tun und den Wert noch sehr viel mehr steigern. Ich hoffe die Redakteure hier nutzen diese Macht nicht irgendwann aus, den „Börsenindex“ mit der Syntacheles-Liste verwalten Sie ja auch schon.

        Beim DX7 vermute ich übrigens dass zu erst der Volca FM den Fokus wieder auf seinen Urvater gebracht hat, genauso wie der D-05 Boutique beim D50.

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          AMAZONA Archiv

          Stimmt! Wirtschaft ist zu 50% Psychologie. Ein paar gutmeinende Artikel schön gestreut zu Maschine X veröffentlichen und schon werden auch neue Anreize geschaffen. Und wenn darauf dementsprechend reagiert wird, regeln sich dann auch die Preise danach. Da haben wir einen Parameter für Manipulation.
          Wäre ich ein Sammler, dann würde ich die Maschinen, die ich haben will, ordentlich herunterschreiben. Dann krieg ich das Dingen mit ein bissken Glück bald auch billiger.

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            BJack  

            Also ich finde ja diese Roland Jupiter total überbewertet, besonders den 8er. Dafür würde ich maximal 20 € zahlen wenn noch eine TR-909 dabei ist. Kann da ein Redakteur schnell mal einen Artikel drüber schreiben?

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              AMAZONA Archiv

              Wenn Du heute anfängst, zu schreiben und das täglich, dann dauert das ziemlich exakt bis zum St. Nimmerleinstag.

  2. Profilbild
    gaffer  AHU

    „bis zu zwei Samples in einem Sound zu lagern“

    Beim Verfassen eines Artikels Autokorrektur bitte ausschalten. ;)

    Zum Drummer: ist mir auch schleierhaft, wieso der im Wert steigen sollte, würde RY-30 jederzeit vorziehen.

  3. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Die R-8 und R-70 sah ich als mit die ersten Drum-Computer, die einen biologischen Drummer ersetzen könnten; sowohl vom Sound her als auch der Spielweise. Für meine finanziellen Verhältnisse waren sie allerdings außerhalb meiner Reichweite und heute habe ich keinen Bedarf mehr daran, nicht zuletzt auch durch Synthies wie TG500, MU90R und Juno-G, die eine Menge guter Drum-Sounds liefern. Für meine elektronische Musik sind allerdings analoge bzw. virtuell analoge Klangerzeuger besser geeignet…
    Die „Kice“ im Minus-Kasten ist wohl eine Kick, gell?

  4. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    Das Ding interessiert noch wen und steigt im Preis? Ist ja interessant — für mich war die Kiste immer halbgar zwischen Boss DR-nochwas und Roland CR-80 angesiedelt.
    .
    Lieber ’ne R-8 oder eine RY-30, oder noch besser: Eine MPC. Eine große.
    .

    • Profilbild
      till

      Musik(instrumenten)geschmäcker sind nun mal verschieden und das ist gut so!
      Also ich freue mich, daß auch die R70 ihre Liebhaber findet, anstatt auf dem Elektronikschrott zu landen. Oder irre ich mich da, und es geht hier nur um Geldanlagen und Vitrinen-Sammelei?

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