Blue Box: Teisco S-60F Analogsynthesizer

28. Juni 2008

Der unbekannte All-Time-Synthesizer

Den kürzlich vorgestellten Moog Prodigy in punkto Minimalistik zu unterbieten ist gar nicht so einfach. Nun, um alle Recherchen zusammenzufassen und die Sache hiermit zu verkürzen sei gesagt: es geht! Da wäre zunächst – sehr naheliegend – der ultra-kompakte Moog Rogue zu nennen. Doch um die analoge Blumenwiese in ihrer bunten Pracht zu zeigen, bedarf es auch der Fokussierung auf andere Hersteller. ARP, Korg, Oberheim, Roland, Sequential, Teisco… Voilà! Der Teisco S-60F aus dem Jahr 1980 ist ein Kleinstsynth, der den Moog Prodigy um ein gutes Stück unterbietet, in punkto Äußeres und gleichsam in punkto Klangarchitektur…

Damit sei aber kein schnelles Urteil über den S-60F getroffen, denn “minimale Ausstattung = uninteressantes Instrument”, diese Rechnung wäre sehr bequem und zudem nicht korrekt. Ganz im Gegenteil: Wer sich – getrieben durch pure Langeweile beim Lesen dieser Zeilen oder aus reiner Neugierde in punkto Klangverhalten des Testkandidaten – die Soundfiles bereits zu Gemüte geführt hat, dem wird sicher das eine oder andere “Oha!” oder “HmWieBitte?” über die Lippen oder zumindest in den Sinn gekommen sein.

Unbekannter Winzling, der feine Teisco S-60F

Dass der S-60F nach wie vor eher einen Winterschlaf im Graubereich der “Ach, den gab’s ja auch”-Synthesizer führt, hat zumindest zwei Gründe. Erstens wurden nicht allzu viele dieser Teisco-Instrumente hergestellt bzw. verkauft und zweitens bedeutet der Name Teisco “weder Fisch noch Fleich” in den Ohren vieler Keyboarder.

Letzter Punkt ist heute wohl nach wie vor eine tragische Situation, denn während sich unter “Roland SH-Linie”, “Moog-Sound”, “Oberheim-Riff”, „Korg MS-Filter“ oder “Yamaha CS-Sweep” jeder Synth-Freak zumindest in irgendeiner Richtung etwas vorstellen kann, bleibt die Assoziation zu Teisco eine meist leere Gedankenwolke ohne Inhalt. Man kann eben Teisco Synthesizer schwer beschreiben. “Klingt ähnlich wie ein ARP oder Oberheim Synthesizer”. Nun ja, jeder Vergleich mit einem anderen Hersteller ist in sich schon nicht sehr zielführend. Es gilt also, dieses Manko zumindest ansatzweise zu beheben und der Teisco-Linie etwas mehr Profil zu verleihen…

Baujahr 1980

1980 erblickte der S-60F das Licht der Welt. Es ist ein kleiner, sehr kompakter Monophoner im typisch silbrigen Teisco-Look, der (wie auch Moogs Prodigy) bis 1984 gebaut wurde. Das Instrument verfügt über

  • 1 VCO
  • 1 VCF
  • 1 HPF (manuell)
  • 1 VCA
  • 1 LFO
  • 1 ADSR

Der VCO bietet ganz klassisch Sägezahn oder Pulswelle und lässt sich von 4 Fuß bis hinunter nach 64 Fuß bzw. in den LOW Bereich regeln. Der LOW Bereich ist insofern sehr nützlich, als der beigefügte TUNE Regler das „Durchfahren“ des gesamten Frequenzbereichs erlaubt (und nur in dieser Position!). Einfach gesagt ist mit LOW ein stufenloses (und „willkürliches“) Festsetzen der Tonhöhe von tatsächlichem Low Frequency bis hinauf in den vieloktavigen Audiobereich möglich – das gesamte Audiospektrum steht also mit nur einem Poti zur Verfügung. Das beim S-60F eingebaute stufenlose Wide-Frequency Feature ist übrigens in ähnlicher Form (bzw. Funktionsweise) auch beim Micro- bzw. Multimoog oder beim Crumar Spirit zu finden.

Welch Segen wäre es also, wenn dieser schöne VCO zu Modulationszwecken verwendet werden dürfte, doch… der S-60F ist wirklich s-e-h-r (!) einfach gestrickt. Freche Modulationen jenseits der 20 Hz-Norm bleiben hier absolutes Wunschdenken, von abartiger FM darf also gar nicht die Rede sein. Für experimentelles „Pitchen“ ist es immerhin sehr hilfreich, die vorgegebenen Oktav-Sprünge der Fußlagen-Schalter verlassen zu dürfen, wie schon ausführlich erklärt.

Darüber hinaus ist nicht allzu viel los rund um den VCO. Er kann mittels des (etwas biederen) LFO oder über die Hüllkurve bzw. auch mittels Bender (= Gummipad) moduliert werden. Auch ein Delay-Vibrato ist vorgesehen – für “natürliches” Einschwingverhalten, wie man so sagt. Auf Wunsch kann ein EXTERNES Audiosgnal den VCO ersetzen und im kleinen Mixer lässt sich noch NOISE zur vorhandenen Audioquelle hinzufügen.

Das LowPass Filter verfügt über dieselben (bescheidenen) Modulationsmöglichkeiten via LFO und ENV (ADSR). Auch stufenloses Keyboard-Tracking ist vorgesehen. Die Resonanz ist sicher ein kleines Highlight des S-60F, klingt sie bei hohem Wert (dank Selbstoszillation des Filters) doch sehr “electronic” und dramatisch. Das manuell justierbare HighPass Filter ist – wie auch bei vielen Roland Synthesizern – nicht unbedingt der ausführlichen Rede wert und mit der HOLD-Funktion des VCA wären auch schon alle Details des S-60F erwähnt.

Abschließend sei noch die Spielhilfen PORTAMENTO und das (einfache) Gummi-Pad genannt (positives und negatives Pitchen möglich, Wirkungsbereich in der VCO-Sektion einstellbar). Die Tastatur umfasst ganze 2,5 Oktaven (meiner Meinung nach wird bei allen Keyboards mit weniger als 3 Oktaven eine Schmerzgrenze in punkto gekürzter Klaviatur deutlich erreicht), und die Anschlüsse CV/GATE IN, AUDIO IN, LOW / HIGHT SIGNAL OUT sowie PHONES (im Manual als „Headphone Terminal“ bezeichnet) runden das Bild des S-60F ab.

Das Auge hört mit…

Was der Kleine innen nicht hat, scheint er außen wett zu machen. Der silbergraue Look ist gerade mit den Holz-Seitenteilen eine spacige (und zugleich seltsam undefinierbare) Kombination. Einzigartig sind jedoch die Signal-LEDs, die den Audioweg am Panel optisch verdeutlichen. Sobald die grünen LEDs leuchten, herrscht Signalfluss. Bleibt eines davon dunkel, so lässt sich die Fehlerquelle (bzw. die zu geringe Justierung des entsprechenden Parameters) sehr schnell lokalisieren. Wenn das Filter auf “0” ist und nicht moduliert wird (zugehöriges LED dunkel), kommt natürlich kein Signal zum VCA, und wenn der VCA durch eine kurz eingestellte Envelope moduliert wird, verklingt der Sound dann ebenso rasch wie das dem VCA zugehörige LED erlischt. Nun, in dieser Art “sieht” man eben immer sofort, was mit dem Klang passiert. Was diese – an sich sehr schöne – optische Kontrolle jedoch geradezu erheiternd macht ist sein Umfeld, namentlich die minimale Signalführung des S-60F, die nie – absolut niemals und zu keinem Zeitpunkt – wirklich die Gefahr der Orientierungslosigkeit aufkommen lassen würde. So stellen die grünen Pfeil-LEDs prinzipiell eine hervorragende Hilfe in punkto optischer Signalkontrolle dar, was jedoch beim Teisco S-60F in keinster Weise unbedingt nötig wäre.

Teisco S-60F in der Praxis

Lästern ist nicht meine Absicht, und so ist es an der Zeit, Musik & Performance in den Mittelpunkt zu stellen. Unerklärlich wieso, aber der Teisco S-60F klingt ausgesprochen gut. Als simpler Bass-Synthesizer hat er sich schon einen guten Ruf in meinem kleinen Studio erworben. Es sind diese trockenen, unaufdringlichen, zugleich aber sehr warmen Bass-Sequenzen, die ihm schnellste (und sehr musikalische) Resultate entlocken. Natürlich lässt sich die Fülle des einen VCO mittels PWM etwas aufpeppen, und trotz der minimalistischen Gesamtausstattung klingt der S-60F selten wirklich “dünn” oder gar verhungert. Soli kommen auf Wunsch wunderbar weich und zuweilen sehr Oberheim- oder ARP-Like, während die angenehm kurze Hüllkurve flippige Sequenzer-Passagen sehr positiv meistert.

So ist es ein kleines Phänomen, dass der Teisco S-60F an sich zwar nicht ausgesprochen viele Möglichkeiten bietet, zugleich aber doch überraschend gute musikalische Ergebnisse liefert. Die Hardware ist hochwertig (vor allem die soliden Fader und die akzeptabel gewichtete, nicht klapprige, Tastatur), die grünen Pfeil-LEDs machen – wenn schon nicht unbedingt notwendig, so zumindest doch für’s Auge schön – optisch viel her, und der stimmstabile Wide-Range-VCO lässt sich problemlos extern steuern (CV/Gate funktioniert bestens). Die S/H Funktion des LFO wäre als kleine Ergänzung zu den (wenigen) „ungewöhnlicheren“ Details des S-60F noch nachzureichen… so auch zu hören im letzten Klangbeispiel (in Verbindung mit der sehr angenehmen Eigenresonanz des Filters).

Der Teisco S-60F ist ein kleiner All-Time-Synthesizer, der – zu einem fairen Entgelt angeboten – eine Investition durchaus wert ist. “Fair” bedeutet in diesem Fall “deutlich” günstiger als so manche Konkurrenz-Produkte. Der S-60F ist einige markante klangliche Stufen unterhalb des Moog Prodigy oder ARP Axxe angesiedelt, nur um hier zwei Kandidaten zu nennen. Am ehesten ließe er sich in seinen Möglichkeiten und seinem Wert mit dem Roland SH-09 vergleichen, der für ca. 350 Euro zu haben ist. Je nach Zustand, versteht sich…

Der Teisco S-60F auf YouTube

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Manai

    Als kleiner Hinweis falls es von Nutzen ist:

    Ich sehe gerade in einer japanischen Auktionsanzeige ( Yahoo ist hier Ebay ) folgenden Aufkleber auf der Rückseite des Gerätes:

    MANUFAKTURED UNDER LICENSE FROM?ARP?INSTRUMENTS.INC U. S. P. 3.965.789

    Wenn jemand etwas darüber weiß ???

    PS: Danke für Eure tollen Beitäge !!! Immer wieder gerne gelesen.

    • Profilbild
      microbug  

      Dieser Synth und das größere Modell S-110F nutzen beide die von Arp zB beim Odyssey eingesetzten Pitchbend-Pads, auch PPC (Proportional Pitch Control) genannt, dazu hatte Teisco damals eine Lizenz erworben, um deren Patent nutzen zu dürfen.

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