Blue Box: Moog Opus 3, Analoger Ensemble-Synthesizer

6. August 2016

Der unterschätzte Multi-Moog

Das kennt man aus manchen Familien – einige Mitglieder haben einen schwereren Stand als andere. Für den Moog Opus 3 gilt das ganz sicher. Unter den polyphonen Moogs nimmt er die undankbare Rolle „piggy in the middle“ ein.

Als er 1980 das Licht der Welt erblickte, dürfte kaum einer in ihm den rechtmäßigen Nachfolger des ehrwürdigen Polymoogs gesehen haben, von dem gerade die letzten Exemplare an die Musikhäuser geliefert wurden. Und schon zwei Jahre später zeigte der kraftstrotzende Memorymoog sein strammes Sixpack (eigentlich ein 18-Pack). Er schien den Wunschtraum der Moog-Jüngerschaft zu erfüllen, wonach ein polyphoner Moog eigentlich nur ein mehrstimmiger Minimoog sein konnte.

Der Moog Opus 3: Nach drei Jahren weg vom Fenster

Und da stand nun der Moog Opus 3 abgeschlagen in der Ecke der Multikeyboards zwischen Crumar Performers, Korg Deltas, der Yamaha SK-Serie und den letzten Exemplaren des ARP Omni Mark II. Aber auf dem Omni hatte zumindest Joy Division „Love will tear us apart“ gespielt. Mit dem Moog Opus 3 verbindet sich meines Wissens kein solch emblematischer Song. Nach nur drei Jahren Produktionszeit verschwand er wieder aus dem Moog Programm. Kein Wunder, denn spätestens als 1981 mit dem Korg Polysix erstmalig ein erschwinglicher, programmierbarer Poly-Synthesizer auf den Markt kam, wurde es ohnehin eng für die Multikeyboards.

Trotzdem lohnt es sich, den Moog Opus 3 näher in Augenschein zu nehmen. Denn zum einen hat er ein waschechtes Moog Filter unter der Haube, eines der fettesten, das je verbaut wurde. Keine näselnde Resonatorbank wie der Polymoog (der natürlich absolut großartig klingen kann; ich liebe „Cars“). Der Opus besitzt außerdem Stereoausgänge – die drei Instrumente Streicher, Orgel und Bläser können beliebig im Panorama verteilt werden. Und es gibt noch einen dritten Grund …

Der Moog Opus 3 ist das Baby von Herbert Deutsch

Der Moog Opus 3 ist das Baby von Herbert Deutsch

Bob Moog: Der berühmter Vater

Als Mastermind steckt hinter dem Opus Herbert Deutsch, der mit Robert Moog den ersten Moog Synthesizer entwickelt hatte. Er wollte – wie er im Moog Forum zitiert wird – „die Möglichkeiten kommerzieller Streichensembles von ARP, Roland, Korg und Yamaha erweitern“. Dass der Opus ihm am Herzen lag, sieht man an dem liebevoll geschriebenen Handbuch, das er selbst verfasst hat. Dort macht er den Anspruch deutlich, mehr als nur ein weiteres Multikeyboard abzuliefern: „It is a complex and widely variable polyphonic synthesizer which happens also to produce standard ensemble sounds very easily.“

Die Holzseitenteile wirken gediegen, die Plastikfolie nicht ganz so sehr

Die Holzseitenteile wirken gediegen, die Plastikfolie eher nicht

Synthesizer ristretto

Das Äußere des Moog Opus 3 vermittelt mit seinen Seitenteilen aus dunklem Holz durchaus Vintage-Charme. Das Instrument wirkt insgesamt robust und vertrauenerweckend. Das Chassis besteht allerdings aus Kunststoff; die Beschriftung ist auf eine Folie aufgedruckt, die auf die Gehäuseoberseite geklebt wurde. Das wirkt natürlich längst nicht so wertig wie die direkt aufs Metallgehäuse aufgebrachten Beschriftungen bei ARP. Die runden Faderkappen wurden vom Polymoog übernommen, die Lautstärkeregler schimmern metallicfarben in rot, grün und goldgelb. Das erinnert an den EMS Synthi A – oder auch an die Kapseln eines bekannten Kaffeeanbieters. Wobei der Opus sicher nicht der Typ decaffinato ist, eher schon ristretto.

Die Fader und Potis lassen sich bei meinem Gerät insgesamt gut bedienen: Manche bieten zwar etwas mehr Widerstand, andere etwas weniger. Aber kein Vergleich etwa mit den oft hakeligen Fadern eines ARP Axxe. Das 49-Tasten-Keyboard spielt sich leichtgängig, es klappert allerdings wie die Mühle am rauschenden Bach. Ich weiß nicht, wer heute noch einen Polymoog auf die Bühne schleppt – beim Moog Opus 3 hätte ich da überhaupt keine Bedenken. Er ist 76 Zentimeter breit und bringt gut 9 Kilo auf die Waage (vermag also in Sachen Transport- und Rückenfreundlichkeit zu punkten).

Das wohlbekannte Moog Pitch Wheel

Das wohlbekannte Moog Pitch Wheel

Erste Orientierung am Opus 3 Ensemble Keyboard

Das Bedienfeld wirkt zunächst einmal aufgeräumt und übersichtlich. Tatsächlich ist es mindestens an einer Stelle doch nicht ganz so logisch aufgebaut, doch dazu später mehr. Links befinden sich die Regler für die Modulation und das allseits bekannte Moog Pitchrad, das nach oben wie unten den Umfang einer Quinte bietet. Auch der Einschaltknopf und ein Drehpoti für die Gesamtstimmung sind hier angesiedelt.

Mehr Tuning-Möglichkeiten braucht das Instrument auch nicht. Denn es gibt nur einen Oszillator, der durch Frequenzteilung auf die einzelnen Registerlagen verteilt wird. Schwebungen, wie wir sie von Synthesizern mit mehreren Oszillatoren kennen, sind also leider nicht möglich. Die Tonquelle des Moog Opus 3 erzeugt streng genommen nur eine Rechteckschwingung. Durch Waveshaping wird sie so zurechtgebogen, dass sie für Bläser und Streicher dann auch einen brauchbaren Sägezahn abliefert.

Rechts befindet sich der Mixer für die verschiedenen Sektionen, inklusive der Links-Rechts-Verteilung im Stereo-Panorama, der Hauptlautstärkeregler und die einfache Hüllkurve (Attack und Release) für die Lautstärke.

Auf dem Moog Opus 3 findet man sich schnell zurecht

Auf dem Moog Opus 3 findet man sich schnell zurecht

Drei-Gänge-Menü

Das Hauptmenü wird in der Mitte aufgetischt: Der Moog Opus 3 – der Name insinuiert es bereits – besitzt drei Bereiche, denen der Übersichtlichkeit halber Farben zugeordnet wurden: rote Streicher, grüne Orgel, gelbe Bläser. Die Streicher sind in den Fußlagen 4, 8 und 4 plus 8 abzurufen. Die Lautstärke der Fußlagen kann allerdings nicht separat geregelt werden. Die Streicher verfügen über ein eigenes Filter. Neben einem Tiefpass kann man den Opus-Strings auch mit Band- und Hochpassfilter zu Leibe rücken. Die Feinabstimmung erfolgt dann mit dem Frequenz- und Resonanzregler. Hier können schön ausgedünnte, ätherische Streicherklänge erzielt werden.

Das Herzstück des Opus 3 – die drei Instrumente und das geniale Filter

Das Herzstück des Opus 3 – die drei Instrumente und das geniale Filter

Stellt man die Resonanz recht hoch ein – bei gleichzeitig niedrig gewähltem Frequenzwert – klingt es chorähnlich (nein – keine Vox Humana – aber trotzdem sehr hübsch). Damit die Sektion auch wirklich nach Strings klingt und nicht nach Orgel, kommt ein Chorus zum Einsatz. Die Intensität ist stufenlos regelbar, die Geschwindigkeit (schnell/langsam) wird per Kippschalter gewählt, ebenso, ob der Effekt mit Verzögerung einsetzen soll. Langsam eingestellt, erzeugt der Chorus einen fast phaserartigen Effekt; wählt man die schnelle Gangart bei hoher Intensität entsteht ein wunderbar schwurbelnder Stringsound.

Modulationssektion und Chorus sorgen für sämige Streicherklänge

Modulationssektion und Chorus sorgen für samtige Streicherklänge

In der Chorus-Sektion haben die Moog Entwickler – vermutlich unabsichtlich – auch den Rauschgenerator angesiedelt. Ob er nun weißes oder eher rosa Rauschen anbietet, habe ich noch nicht herausgefunden. Chorus und generell die Streicher scheinen übrigens eine Schwachstelle des Opus zu sein. In Keyboard-Foren liest man immer mal wieder, dass diese Sektion ausgefallen ist. Wenn sie aber arbeitet, klingt sie großartig.

Nachbarschaftshilfe

An Nummer zwei kommt die Orgel. Sie scheint auf den ersten Blick recht stiefmütterlich ausgerüstet zu sein. Fünf beliebig mischbare Fußlagen (16’, 8’,4’, 2’ und 1’). Dazu ein einfacher Brillanzregler (Tone) und fertig. Tatsächlich aber kann sich die Orgel bei den Nachbarsektionen bedienen, ganz so wie man sich bei netten Nachbarn sonntags mal ein Ei holen kann. Von den Streichern kann sie sich den Chorus leihen, von den Bläsern das Filter. Dafür muss nur der Fader „Mix to Chorus“ bzw. „Mix to VCF“ in den „grünen Bereich“ der Orgel herübergezogen werden.

Die Orgelsounds können durch das Moogfilter aufgepeppt werden

Die Orgelsounds können durch das Moogfilter aufgepeppt werden

Heiße Luft statt voller Dröhnung

Allerdings fällt hier eine eklatante Schwäche des auf den ersten Blick so übersichtlichen Opus-Layouts auf, die ich eingangs schon einmal andeutete. Damit man das klingende Resultat einer mit Filter und/oder Chorus veredelten Orgel auch vernehmen kann, muss im „Stereo Output Mixer“ nicht etwa – wie man erwarten könnte – das grüne Orgelpoti aufgedreht sein, sondern der rote String- oder der gelbe Bläser-Regler. Sonst hört man gar nichts. Sehr intuitiv ist das nicht und ich könnte mir sogar vorstellen, dass das im Eifer eines Live-Konzerts in den letzten 35 Jahren schon für die eine oder andere denkwürdige Situation gesorgt hat. Statt voller Sound – heiße Luft.

Aber nach zwei, drei Fehlbedienungen hat man den Bogen raus und freut sich, was man mit der Orgel alles anstellen kann: Das reicht von bombastischen Streicher/Orgelklängen bis hin zu dröhnenden Rechteckbässen, wenn die 16er Fußlage durch das Moog-Filter geschickt wird. Obwohl die Rechteckschwingung nicht in der Pulsbreite variabel ist und schon gar nicht moduliert werden kann, lassen sich doch einige typische Rechteck-Synthsounds à la Cinema Show oder auch Spliff einstellen.

Hier fliegt das Blech

Das dritte Gewerk im Bunde sind die Bläser – das absolute Highlight. Die drei Fußlagen 16’, 8’ und 4’ decken vom Bass bis zum Leadsound alles ab. Es steht ein Preset mit typischer Bläserhüllkurve zur Verfügung und alternativ die variable Position, in der das Moog Ladder Filter alle Stärken ausspielen kann. Es ist klassisch aufgebaut mit Cutoff und Emphasis, dazu ein Contour Amount-Regler, der bestimmt, wie stark die Hüllkurve auf den Klang einwirkt. Hier stehen Attack, Decay und Sustain zur Verfügung. Durch einen Kippschalter „Final Decay“ kann der Decay-Wert zugleich das Release-Verhalten beeinflussen.

 Das Highlight des Opus 3 ist sein fettes Moog Filter

Das Highlight des Moog Opus 3 ist sein fettes Filter

Das verbaute Filter ist über jeden Zweifel erhaben. Absolut fette Bläsersounds sind möglich. Und bei hoher Emphasis pfeift, zwitschert und gurgelt es, dass es nur so eine Freude ist. Die Hüllkurve – einfach zackig. Stellt man ADS fast auf Null, vielleicht mit minimalem Decay, und setzt den Wert von Contour und Emphasis entsprechend hoch an, dürfen schon mal neue Lautsprecher bestellt werden.

Im Netz wird spekuliert, dass das Feedback-Signal des Opus 3 ohne die sonst zur Gain-Reduzierung übliche 180-Grad-Phasendrehung zurückkomme. Egal, wie weit man den Emphasis-Regler auch aufreiße, man verliere nichts an „Gain“-Stärke. Im Service- Handbuch des Moog Opus 3 findet sich allerdings ein Satz, der diese Theorie ins Reich der Fabel verweist: “This type of VCF decreases the apparent volume as the emphasis increases.“ Fest steht aber: Die Filtersounds des Opus springen einem direkt ins Gesicht.

Die Geräterückseite lässt einen über die Herkunft nicht im Unklaren

Die Geräterückseite lässt einen über die Herkunft nicht im Unklaren

Der Klang des Moog Opus 3

Der Opus 3 wird in den einschlägigen Foren nicht nur mit Lob überhäuft. Da wird das Layout bemängelt, warum etwa die Streicher nicht auch vom Moog-Filter profitieren konnten und die Bläser nicht von der Chorus-Sektion. Und warum es nicht eigene Oszillatoren für alle drei Bereiche gibt, die gegeneinander verstimmt werden können. Der Korg Lambda ES-50 etwa bietet genau diese Möglichkeit. Geschenkt.

Das Filter hebt den Moog Opus 3 aus der Masse der Multikeyboards hervor

Das Filter hebt den Moog Opus 3 aus der Masse der Multikeyboards hervor

In einem Punkt sind sich die Rezensenten dann doch einig: Das Filter ist großartig. Mächtige Filtersweeps, massive Bläserchords, markerschütternde Bässe – das alles lässt sich mit dem Moog Opus 3 realisieren und gibt einem zuweilen das Gefühl, einen Vintage-Synth der 2.000 Euro-Klasse unter den Fingern zu haben. Er klingt einfach gut und das nicht nur bei polyphoner Spielweise. Das Pitchrad verleitet zu solistischer Betätigung. Und in Verbindung mit der übersteuerbaren Filterresonanz und dem Modulationsgenerator sind auch Helikopter- u.a. Effektsounds kein Problem.

Ein Vorbesitzer hat im Manual alle Funktionen akribisch beschrieben

Ein Vorbesitzer hat im Handbuch alle Funktionen des Moog Opus 3 akribisch eingedeutscht und beschrieben

Erlaubte Hilfsmittel

Was das Filter natürlich nicht ersetzen kann, sind die fehlenden Schwebungen eines zweiten Oszillators. Für Strings und Orgel gibt es immerhin den eingebauten Ensembleeffekt. Aber auch den Bläsern des Opus kann nur recht sein, was damals bereits einem Roland Juno oder Korg Polysix billig war – ein guter Chorus. Hier bietet sich ein Roland CE-1 an. Doch selbst ein digitales Yamaha SPX-90 habe ich mit Gewinn eingesetzt. Strings und Orgel lechzen natürlich nach einem Phaser – ein EH Small Stone oder MXR-100 leisten hier gute Arbeit.

Aber auch ohne solche Hilfsmittel verfügen die Opus-Strings über die berühmte Prise Sternenstaub, die kein „Streichfett“ ersetzen kann. Wer nur Streicher möchte, ist mit einer reinen String Machine wie Logan (deren Sounds sich z.B. splitten lassen) oder dem amtlichen Stringsound einer Solina vielleicht noch besser bedient – aber der Opus hat noch so viel mehr zu bieten! Die Opus-Orgel kann cheesy klingen oder sakral, mit dem Moog-Filter lässt sich sogar ein Key-Klick simulieren. Eine Hammond wird sie aber nicht ersetzen, auch wenn man sie durch den Ventilator schickt.

Was vom Opus übrig bleibt

Einige Funktionen harren noch ihrer Beschreibung: Für ein lebhaftes Klangbild sorgt vor allem der Modulationsoszillator. Er liefert eine Sinusschwebung und kann wahlweise auf das Filter oder die Frequenz (Vibrato) wirken. Geschwindigkeit und Effektstärke sind frei wählbar, ebenso die Verzögerung, mit der der Effekt einsetzen soll. Der hier eingestellte Wert wirkt auch auf den String-Chorus, falls man dort die Delay-Funktion aktiviert hat. In Verbindung mit etwas Hall oder Echo lassen sich hier wunderbar eiernde Gothic-Sounds produzieren.

Die Mixersektion und die einfache Hüllkurve

Die Mixersektion und die einfache Hüllkurve des Moog Opus 3

Für das Einblenden der Opus-Klänge und die Release-Zeit stehen zwei Fader zur Verfügung. Sie sind rechts auf dem Gehäuse angeordnet sind, direkt neben dem Master-Lautstärkeregler. Das Ein- und Ausschwingverhalten kann auf zwei verschiedene Weisen gesteuert werden. Bei der ersten werden die Töne von jedem neuen Tastenanschlag abgestoppt, bei der zweiten sind überlappende Klänge möglich. In dieser Variante 2 beeinflussen die eingestellten Attack-Release-Werte auch die Bläser und die Orgel.

Die Grenzen der Paraphonie

In Modus 1 löst dagegen jeder Tastenanschlag unmittelbar den Bläser/Orgel-Klang aus (natürlich in Abhängigkeit von den gewählten Filtereinstellungen). Auf diese Weise kann ein langsam einfadender Streicherklang mit einem perkussiven Orgel- oder Bläserakkord kombiniert werden. Trotz dieser kleinen Tricks ist das Fehlen unabhängiger Hüllkurven (pro Synthesizer-Stimme) für die Steuerung des Filter- wie auch des Lautstärkeverlaufs sicher einer der größten Nachteile solch paraphonischer Keyboards, zu denen der Moog Opus 3 ja zählt.

Moog und Moog gesellt sich gern – Opus 3 und Prodigy

Moog und Moog gesellt sich gern – Opus 3 und Prodigy

Dieses Manko lässt sich aber geschickt umspielen:

1.) Nur eine Hand wechselt Akkorde, während man auf einem Mono-Synth solistisch brilliert (z.B. auf dem fast gleichaltrigen Prodigy).

2.) Beide Hände wechseln gleichzeitig.

3.) Man öffnet das Filter so weit, dass das fehlende Neutriggern gar nicht auffällt.

4.) Man baut den Effekt bewusst ein, wobei der Wechsel von kräftigen Filtersweeps und unkonturierten Tönen musikalisch durchaus brauchbar sein kann.

Moving in Stereo

Drei farbige Drehknöpfe bestimmen darüber, wie laut die einzelnen Instrumente klingen dürfen. Mit einem Kippschalter lassen sie sich ein- und ausschalten. Diese Funktion war damals dazu gedacht, „komplexe“ Klänge vorzubereiten und dann wie Presets abzufeuern. Ein Fader verteilt die Instrumente auf den linken und rechten Kanal: Hier lassen sich schöne Stereopanoramen basteln. Das Handbuch verweist stolz auf die Möglichkeit spektakulärer Links-Rechts-Pannings. (Ich selbst habe damals in den Clubs meist über einen Dynacord Gigant und eine große JBL-Box gespielt – nix mit Stereo.)

Interessantes Feature – die Stereoausgänge des Opus 3

Interessantes Feature – die Stereoausgänge des Moog Opus 3

Rückseitig findet sich also folgerichtig ein separater Ausgang für den linken und rechten Kanal sowie ein Monoausgang. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, einen Fußschalter anzuschließen, mit dem zwischen den beiden Sustain-Modes hin- und hergeschaltet werden kann.

Von VCF- oder gar MIDI-Buchsen fehlt jede Spur. Es sei denn, man hat das Glück und erwischt ein später midifiziertes Exemplar. Kenton Electronics hatte ein solches Set in den 90er Jahren angeboten. Allein die Möglichkeit, Aftertouch auf das Opus 3-Filter zu legen, klingt verlockend. Im Netz berichten Besitzer des Moog Opus 3 vom erfolgreichen Einbau eines VCF-Eingangs. Das eröffnet interessante Möglichkeiten: So kann etwa an einem der Stereoausgänge ein Streicherklang abgegriffen werden. Schickt man das Signal wieder zurück in den Synthesizer, kommen nun auch die Strings in den Genuss des Moog Filters. Und natürlich können über den VCF-Eingang auch unterschiedliche Modulationsquellen angeschlossen werden.

Risiken und Nebenwirkungen

Der Moog Opus 3 mag von außen gut ausschauen, im Geräteinneren kann das Grauen lauern – in Gestalt des berüchtigten „foam“. Gemeint sind Schaumstoffpolster, die ursprünglich die Fader schützen sollten, sich aber im Laufe der Zeit in eine schmierig-schwarze, teerähnliche Masse verwandelt haben. Das Problem ist auch vom Moog Rogue bekannt. Darauf sollte man beim Kauf also unbedingt achten. Sonst warten lange Cleaning-Sessions auf einen, bei denen kaum Freude aufzukommen vermag. Mein Instrument war vom Vorbesitzer dieser Prozedur bereits unterzogen worden, wofür ich ihm aufrichtig dankbar bin.

Ebenso sollte man darauf achten, ob die Chorus-Einheit einwandfrei arbeitet; sie stellt eine weitere bekannte Schwachstelle des Moog Opus 3 dar. Grundsätzlich ist der Opus aber ein sehr robustes Gerät – „built like a tank“– könnte man sagen. Bei einigen Bauteilen, wie etwa dem Chip M083 TOS und den Frequenzteilern TDA1008 – so konnte ich dem forum.moogmusic.com entnehmen – könnte die Wiederbeschaffung über kurz oder lang schwierig werden.

Moog Opus 3 - at true vintage synth

Moog Opus 3 – at true vintage synth!

Die Klangbeispiele

Die Klangbeispiele wurden via Focusrite in Ableton Live aufgenommen und dann in iTunes (weil Ableton nur AIFF und Wave anbietet) ins MP3-Format gewandelt. „Opus 3 und Metal Beat“ und „The Foam – Kleister des Grauens“ sind Mehrspuraufnahmen, wobei außer dem Opus noch die CR-78 zu hören ist (die Bassdrum stammt aber vom Moog). Bei den anderen Aufnahmen habe ich hier und da eine DR-880 verwendet. Ich wollte den Opus 3 in einem musikalischen Kontext vorstellen und habe deshalb – mal mehr mal weniger stark – auch Effekte eingesetzt, vor allem Strymon Big Sky und Time Line, MXR-100, Ventilator MK 1, Boss-CE 1 und Yamaha SPX 90.

Der Moog Opus 3 on YouTube

Fazit

Machen wir uns nichts vor: In Zeiten der Workstations, DAWs und gigastarken Librarys sind Multikeyboards kaum mehr als eine historische Fußnote, eine kleine Seitenverästelung, die der Stammbaum der Tasteninstrumente von Mitte der 70er bis Anfang der 80er Jahre nahm. Sie sind heute ein Anachronismus, nichts kann ihre Anschaffung rechtfertigen – bis auf – ja, bis auf den sagenhaften Spaß, den diese Instrumente bereiten können. Zumal wenn sie so großartig klingen wie der Moog Opus 3.

Obwohl er absolut überschaubar ist in seinen Bedienelementen, überrascht er einen doch immer wieder mit neuen Klängen. Sein Filter ist einfach genial. Das Moog Filter ist das Alleinstellungsmerkmal des Opus, das ihn aus der Flut anderer Multikeyboards deutlich hervorhebt. Und das war für mich auch das entscheidende Kriterium, den Opus 3 mit drei Amazona Sternen zu bewerten. Das Kombinieren und Überblenden der drei Sektionen sorgt für weitere Abwechslung. Und der Opus lädt dazu ein, Chorusgeräte, Phaser, Flanger, Verzerrer und Echo/Hallgeräte an ihn dranzuhängen und zu schauen, was passiert.

Für mich ist er – und das mögen nun manche belächeln – ein durchaus würdiger Vertreter der Spezies „polyphoner Moog“. Die Syntacheles-Liste nennt als Preis für den Opus 800,- Euro. Für ein gut erhaltenes Modell – vom Eise pardon „foam“ befreit – ist das sicherlich ein realistischer Preis.

Plus

  • Moog Filter
  • gute analoge Strings
  • Stereoausgänge

Minus

  • Chorus rauscht und ist generell anfällig
  • viele Exemplare verklebt mit „foam“
  • werkseitig kein VCF-Eingang

Preis

  • 800,- Euro
Klangbeispiele
Forum
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    THEXCEE  

    Klasse Costello, ein toller und ausführlicher Bericht über einen Moog Synth der besonderen Art.
    Die Soundbeispiele decken sehr interessant die Fähigkeiten des Moogs ab – so würde der OPUS doch sicher Bands ala Kraftwerk, H.Hancock, Zawinul, M.Mann, etc ein breites Lächeln ins Gesicht zaubern! Ich stehe nach all den Jahren zum Thema Moogbesitz noch in den Startlöchern – bilde mir immer noch eine Meinung – aber der OPUS schafft es nun nach ganz oben auf die Wishlist!
    Was meinst Du, ist das Thema „technischer Zustand“ beherrschbar?

    • Profilbild
      costello  RED

      Hallo Thexcee, vielen Dank für Dein feedback! Genau das wollte ich erreichen: den Moog aus der Schmuddelecke der obskuren Keyboards zu holen. Deshalb habe ich auch gar nicht erst „unveredelte“ Sounds an den Start gebracht, denn das kann – zugegeben – auch ziemlich ernüchternd klingen ;-) Meinen Opus habe ich jetzt gut 2 Jahre, der Vorbesitzer hatte die Sysiphos-Arbeit mit dem leidigen foam schon erledigt (der nicht nur ein kosmetisches Problem ist, sondern das Gerät auch zerstören kann). Ich hatte bisher Glück, er läuft viel bei mir und hatte noch keine Aussetzer. Ich denke, der ARP Omni ist insgesamt anfälliger. Aber bei den alten Teilen weiß man ja nie (dreimal auf Holz geklopft). Mehr als so rund 800,- Euro würde ich aber definitiv nicht ausgeben und dann wäre ein kleiner Besuch beim Synth Doc ja noch finanzierbar…

  2. Profilbild
    Ton-yb  

    Wow! Das Teil klingt ja wirklich super gut!
    Diesen Underdog hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Danke für den detaillierten Bericht und die liebevoll gemachten Klangbeispiele!

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      costello  RED

      Danke Ton-yb! Und so ein Kompliment von einem Mann, der immerhin ein Synclavier in der Küche zu stehen hat :-)

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    iggy_pop  AHU

    Ich erinnere mich, wie ich diese Gerät 1988 bei einem Krefelder Musikladen im Fenster stehen sah und dachte „Woah! Moog!“. Ein Probespielen ergab dann Klänge, die ich irgendwie bei Wendy Carlos gehört zu haben glaubte. Also Dirk Matten angerufen, „Taugt der Opus 3 was?“ — „Soll’n der kosten?“ — „600 Mark.“ — „Bist Du bescheuert? Ja, bist Du, und deswegen würdest Du den Preis auch bestimmt bezahlen.“ Lachte und legte auf.
    Den Opus 3 habe ich nicht gekauft und bin bis heute froh darüber — lange ist es her, daß man kompetent beraten wurde am Telefon.

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      costello  RED

      Hallo Iggy, 1988 hätte ich mir garantiert auch keinen Opus 3 gekauft – auch nicht für 600,- DM. Da brauchte man ja jede Mark für den mehr als sechsmal so teuren Korg M1 mit Klavier und Panflöte! 2016 sieht das ganz anders aus: der M1 steuert bei mir eigentlich nur noch Expander an. Am Opus erfreue ich mich von Tag zu Tag :-)

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        TobyB  RED

        Hallo Costello,

        ich hab meine erste M1 auch noch, und eine M3R(&RE1) und T3. Das sind für mich Arbeitstiere. Die Panflöte mag ich heute noch immer nicht, die Klaviere schon. Und auf den Cards waren und sind einige immer gern genomme Sounds drauf. :)

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        iggy_pop  AHU

        Ich habe 1988 auf einen Mini Moog gespart. Wurde aber dann ein Prodigy.
        M1 und so’n Kram konnte ich mir Gottseidank nie leisten.

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    AMAZONA Archiv

    Danke für diesen hervorragenden Bericht und die beeindruckenden Audiobeispiele. Das wird den Gebrauchtpreis des Opus 3 in die Höhe treiben …

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      costello  RED

      Danke für das nette Feedback! Man muss wirklich ein bisschen mit den Filtereinstellungen arbeiten, etwas Chorus und Delay dazugeben – sonst kann der Opus auch schnell sehr cheesy klingen – wie eigentlich alle Multikeyboards. Aber mit dem rchtigen tweaking geht wirklich die Post ab :-)

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    AMAZONA Archiv

    Hallo Costello, vielen Dank für diesen hervorragenden Bericht. Es ist immer wieder erstaunlich, wenn man ungeliebte Verwandte wieder trifft. ;)) Besonders gut sind die Klangbeispiele. Diese zeigen die Vielseitigkeit des Synths auf. Da ich den Opus 3 nie anspielen konnte, waren die Beispiele erfrischend aufschlussreich. Gute Arbeit :)

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      costello  RED

      Merci! Anders als „ungeliebte Verwandte“ darf der Opus aber länger als 3 Tage bleiben ;-)

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    AMAZONA Archiv

    Herrlich! Die Audiofiles sind eine Zeitreise. Da sind aber auch Beispiele dabei, die ich mir heute gut in Produktionen vorstellen kann.

    Schliesse mich den vorigen Postern an, sehr guter Testbericht mit guten Klangbeispielen, die zeigen, dass in dem kleinen Opus 2 weit mehr steckt, als man im ersten Moment vermutet.

    Kann mich noch erinnern, Band Wettbewerb im Wiener Metropol, ich mit Korg MS-20 und Hubschrauberintro, davor die Band mit Keyboarder mit Streicher- und Gläsersounds und diesem komischen Moog. Anschließend haben wir uns unterhalten und es hat sich herausgestellt, dass der Kollege einen Opus 3 gespielt hat. Seit diesem Tag habe ich eine hohe Meinung von dem kleinen Bunten (und von dem Kollegen der ihn gespielt hat).

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      costello  RED

      Hallo Peter, gemeinsam hättet ihr im Wiener Metropol eine ganze Hubschrauberstaffel starten können ;-)

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    falconi  RED

    Sehr kurzweiliger und informativer Artikel, gute und aussagekräftige Klangbeispiele, geiler Sound!

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      costello  RED

      Danke falconi! Und was das ultraheiße Angebot angeht – ich möchte wirklich wissen, welcher Musiker Herrn Schauer seine überteuerten und abgerockten Gurken abkauft ;-)

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    TobyB  RED

    Hallo Costello :-)

    ich kannte die Kiste bis zum heutigen Tag nicht! Ich finde Opus ist eine Kiste mit Charakter. Und ich find die gut. Herb Deutsch wird m.E. immer zu Unrecht in den Schatten von Boog Moog gestellt. Und die Kiste ist großes Kino. Die Klangbeispiele sind Klasse :-) Chapeau.

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      costello  RED

      Hallo Toby, das finde ich auch: der Opus hat Charakter, durchaus mit Ecken und Kanten. Das hat der Herb gut hingekriegt; aber 1980 fanden wohl viele, dass die Kiste nicht Fisch noch Fleisch ist und hatten an Moog einfach andere Erwartungen. Verkaufstechnisch hat ARP an seinen Omnis sicher mehr Freude gehabt.

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        TobyB  RED

        Hallo Costello,

        ich find Opus klanglich schon noch zeitgemäß, Orgel, Filter Phaser kannst heute so 1:1 bringen, Orgel mit und ohne Ventilator auch, okay ich würde fettes Sidechainpumpen und Housechords spielen. Aber geht. Mein Streichfett muss dafür erstmal durch die FX Abteilung ;-) Nunja, Arp gibts nur noch via KORG Reissue und Moog gehört den Angestellten. Auf lange Sicht spricht das eher für Moog.

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    k.rausch  RED

    Klasse Artikel und vor allem super Audio Tracks. Obwohl ich ein Fan dieser Ensemble Keyboards mit mehreren mischbaren Sections bin, ist mir der Opus 3 bisher noch nicht vor die Flinte gekommen. Diese Lücke ist also jetzt geschlossen.

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      costello  RED

      Hallo Klaus, als die Ensemblekeyboards damals „frisch“ auf dem Markt waren , hätte man mich damit jagen können. Da musste es ein schon „echter“ Synthesizer sein. Aber heute kann ich dem Charme dieser Kisten nicht widerstehen – die haben definitiv ein eigenes Flair ;-)

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    dilux  AHU

    da denkt man ja immer, man kennt bei synthesizern so halbwegs alles, was älter als 30 jahre ist, und dann taucht doch noch einer auf, den man noch nicht wahrgenohmen hat. ich mag die stäbchenschalter und -fader sehr, hat sowas von 70er hifianlage. die erstklassigen soundbeispiele zeigen auch, wie wichtig die person hinter den tasten für den klang eines instrumentes ist. sicher nichts für leute, die den klassischen moogsound suchen, aber wer ein wohlklingendes ensemble-keyboard zum schnäppchenpreis sucht – voila!
    ich muss aber trotzdem noch hinzufügen, dass meine favoriten bei dieser gattung quadra und trident bleiben, wenngleich sie preislich auch in anderen regionen schweben.
    wirklich schöner artikel, costello!

    • Profilbild
      costello  RED

      Hallo dilux, danke für Dein Feedback! Völlig richtig: Einen klassischen Moog wird der Opus 3 nicht ersetzen, auch wenn im Handbuch von Herb Deutsch genau in diese Richtung schwadroniert wird ;-) Aber manchmal braucht man eben genau diesen Brass-String-Orgel-Sound mit Chortouch. Trident und Quadra spielen -nicht nur preislich – in einer anderen Liga. Beide haben auch einen schönen Flanger an Bord. Der ARP Quadra gehört zu meinen Favoriten :-)

  11. Profilbild
    Onkel Sigi  RED

    Lieber costello,

    bin begeistert über Deine tollen Klangbeispiele. Ich kannte den Opus 3 nur vom Hörensagen und muss feststellen: Ein zu Unrecht völlig verkanntes Instrument!

    Musikalische Grüße

    • Profilbild
      costello  RED

      Danke Onkel Sigi für die nette Rückmeldung! Ist doch komisch: den Crumar Performer kennt man, den Korg Delta auch, den ARP Omni sowieso – aber der Opus 3 ist irgendwie immer unter dem Radar durchgeflogen und die raren youtube-Beispiele („pointless doodling“) werden dem Moog auch nicht wirklich gerecht. Schön, wenn ich etwas zur „Ehrenrettung“ des Instruments beitragen konnte :-)

  12. Profilbild
    motionboy

    Hallo zusammen, Danke für diesen tollen Artikel. Auch ich besitze noch einen Moog Opus 3. Ich würde das Teil so gerne Midifizieren oder mit CV Gate versehen. Leider ist das Kenton Retro Kit dafür nicht mehr erhältlich. Kennt jemand eine Alternative?

  13. Profilbild
    gaffer  AHU

    „Aber auf dem Omni hatte zumindest Joy Division „Love will tear us apart“ gespielt.“

    Immer wieder interessant, wer hat wann welche Kiste gespielt. Aber ich vermute, viele dieser Beispiele hatten ihren Grund im knappen Geld der Musiker. JD war da am Anfang ihrer kurzen Geschichte, die hätten auch eine Philicorda genommen und einen geilen Song damit gemacht. Die 303 hätte auch nie einen Stich gemacht, wäre sie Mitte der 80er nicht mit einem noch schlechteren Image als der Opus dagestanden.

    Gute Demos, Kompliment. Ralf ist sehr ralfig

    • Profilbild
      costello  RED

      Hallo gaffer, habe erst heute Deinen netten Kommentar zum Opus 3-Report entdeckt. Vielen Dank für die Blumen :-) Der JD-Song ist schon super und da trägt der Omni entscheidend zur melancholischen Stimmung bei. Ist aber auch Geschmacksache. Billy Currie von Ultravox zum Beispiel fand den Solina-Sound „Mantovani-mäßig“ ;-)

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