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Interview: Jakob Erland zum Gyratec XXIV Cadmium Kompressor

8. Mai 2021

Die spannende Geschichte eines genialen Kompressors und seines Erfinders

Jakob Erland ist Inhaber der Boutique-Studiotechnik Firma Gyraf Audio. Weit fernab der Massenware erfindet, konzipiert und konstruiert er seine Geräte vollständig in Handarbeit.

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Darüber hinaus ist er auch eine Legende im Kreis der Online Do-It-Yourself-Community für Studioequipment, der er heute noch mit Rat und Tat zur Seite steht. Mit seinen kostenlos ins Internet gestellten Vorlagen für Selbstbauprojekte brachte er vor über 20 Jahren einen Stein ins Rollen, der einer ganzen Generation von DIY-Enthusiasten den Einstieg in die professionelle Audioelektronik ermöglichte. Und natürlich ebnete er so auch vielen heute angebotenen Klonen alter Studiotechnik den Weg.

Hier plaudert Jakob nun ausführlich über die unglaubliche Entstehungsgeschichte seines neuesten Produkts – des Gyratec G-XXIV Passive Aggressive Cadmium Compressors, zu dem Ihr HIER den Test findet.

Wie in diesen Tagen üblich, treffen wir uns per Videochat. Seit der Musikmesse 2018 hatten wir uns nicht mehr gesprochen. Gut gelaunt begrüßt mich Jakob aus seiner Werkstatt.

Gregor:
Wie kamst Du dazu, diesen besonderen Kompressor zu entwickeln?

Jakob:
Da muss ich etwas weiter ausholen. Im Jahr 2008 war ich auf einer Weihnachtsfeier mit vielen Studioleuten hier in Dänemark. Wie bei traditionellen dänischen Weihnachtsfeiern üblich, tranken wir auch so einiges. Irgendwann frage mich mein Mastering-Engineer Emil Thomsen, ob und wie es möglich wäre, einen Studiokompressor mit den klanglichen Eigenschaften und der besonderen Textur eines passiven EQs zu bauen.

Gregor:
Also ein Kompressor, der so natürlich und unverfälscht klingt, wie ein klassicher EQ aus den 50ern.

Jakob:
Ja, genau. Prinzipiell könnte man so einen Kompressor mittels eines Optokopplers realisieren. Aber nach einigen ad hoc Berechnungen unter Einbeziehung des Verhaltens der existierenden Bauteile war uns noch auf der Feier klar, dass die erhältlichen Komponenten schlichtweg nicht die benötigten Eigenschaften hinsichtlich der Widerstände (Impedanzen) besitzen. Und wir dachten auch, dass es längst jemand anderes gemacht hätte, wenn es so einfach wäre…

Wir tranken also weiter, und Emil sagte, dass er, wenn er schon keinen passiven Kompressor bekommen könnte, dann wenigstens gern einen passiven Clipper hätte. Und diesen bitte als Multiband-Gerät. Daraus entstand dann später der Gyratec XXI Magneto-Dynamic Infundibulum.

Gregor:
Deine passive Multiband-Übertrager-Sättigungs-Wunderkiste!

Jakob:
Ja – aber begonnen hatte er als Wunsch für einen neuen Kompressor.

Einige Jahre später, 2014, passierte dann eine Katastrophe in den regulatorischen Gremien der EU: Aus nicht mehr aufklärbaren Gründen wurde die Ausnahmeerlaubnis zur Verwendung von Cadmium für professionelle Audiotechnik nicht verlängert. Dies hatte zur Folge, dass ab dem Jahr 2016 alle Photozellen, die Cadmium enthalten, in Geräten für den Handel nicht mehr verwendet werden durften. Die zwei größten Hersteller dieser Bauteile, die 50 Jahre damit zugebracht hatten, die Einhaltung präziser Toleranzen zu optimieren, stellten daraufhin ihre Produktion ein.

Auch wenn die Zellen in der EU sowie in Kalifornien nicht mehr eingesetzt werden dürfen, werden sie im Rest der Welt weiterhin verwendet. Und die meisten Pro Audio Hersteller ignorierten das Verbot und boten ihre Geräte, die cadmiumhaltige Optokoppler enthielten, einfach weiterhin überall an.

Gregor:
Und anscheinend störte sich niemand daran…

Jakob:
Hm, ja… Zwei chinesische Firmen begannen dann, vergleichbare Photozellen anzubieten und behaupteten, sie hätten die Fertigungsanlagen der westlichen Hersteller übernommen und könnten daher vergleichbare Qualitätsstandards anbieten. Beides war nicht der Fall: Über einen Kontakt erfuhr ich später, dass die früheren Hersteller ihre Produktionsanlagen tatsächlich verschrottet hatten. Und die von mir für Tests von den chinesischen Anbietern erworbenen Photozellen wiesen so große Abweichungen, insbesondere des Photowiderstands, auf, dass man bei zwei beliebigen Bauteilen aus derselben Charge eigentlich davon ausgehen musste, dass es sich um zwei verschiedene Bauteile handelte. Ohne aufwendige Selektion wären sie für herkömmliche Zwecke unbrauchbar.

Gregor:
Das ist verrückt!

Jakob:
Ja. Zu dieser Zeit arbeitete ich als Universitätsdozent für Statistik an einer psychologischen Fakultät. Und das brachte mich auf die Idee, die Abweichungen der Bauteile statistisch zu untersuchen und zu schauen, ob ich ein Muster entdecken konnte. Ich kaufte also 1.000 Stück chinesischen Optokoppler, die für sehr kleines Geld zu haben waren, unterzog 300 davon Tests (LED-Strom vs. Widerstand, Ein- und Ausschalt-Timings groß- und kleinschrittig) und stellte die Ergebnisse graphisch als Kurve dar.

Zu beachten ist, dass das Verhalten der optischen Zellen, auch im zeitlichen Bereich, völlig nichtlinear ist.

Gregor:
Das bedeutet vereinfacht, dass die Änderungen von Eingangs- zu Ausgangswert keiner gleichmäßigen Kurve folgen, richtig?

Jakob:
Ja. Die früher von den europäischen Herstellern gebauten Optokoppler gab es in verschiedenen Ausführungen, die sehr verlässlich die jeweils gewünschten Eigenschaften einhielten. Das machte es möglich, sehr gut klingende Kompressoren mit exakten Kennlinien, wie z.B. meinen alten Gyratec III, zu bauen.

Auch die chinesischen Hersteller boten verschiedene Ausführungen an. Meine statistischen Tests zeigten aber, dass die Streuung zwischen allen getesteten Zellen, also auch zwischen eigentlich als verschieden markierten Bauteilen, einer Gaußschen Normalverteilung folgten. Mit anderen Worten: Es gab überhaupt keine Qualitätskontrolle. Selbst die Durchschnittswerte einer größeren Anzahl eines Typs unterschieden sich überhaupt nicht von jenen eines anderen Typs – also als ob es sich um das gleiche Bauteil, nur mit anderer Beschriftung, handeln würde.

Gregor:
Als ob man Rosinen-, Nuss- oder Mandelschokolade kaufen würde, aber in der Packung ist immer nur eine Tafel mit einer Mischung aus allen drei mit unterschiedlichen Anteilen…

Jakob:
Ja… Zunächst war ich sehr traurig, weil ich mit diesen minderwertigen Bauteilen viele gute Geräte einfach nicht mehr bauen konnte.

Gregor:
Game Over…

Jakob:
Ja… Aber dann traf mich der Schlag! Bei einer Normalverteilung gibt es zwangsläufig an den beiden Enden auch extreme Ausreißer – mit sehr besonderen Eigenschaften. Also machte ich mich daran, die restlichen 700 chinesischen Optokoppler zu testen. Und tatsächlich fand ich dabei 9 Photozellen, die die gesuchten Eigenschaften für einen passiven Kompressor hatten. Also jenes Gerät, das wir uns damals, reichlich angeheitert, auf unserer Weihnachtsfeier erdacht hatten. Und von dem wir uns sicher waren, dass niemand es jemals bauen könnte, weil Bauteile mit derart irrwitzigen Toleranzen nicht existiert hatten – bis jetzt!

Gregor:
Das ist doch verrückt!

Jakob:
Ja! Plötzlich war es also möglich, ein Gerät wie den G24 mit den benötigten Impedanzen, Spannungen und Spannbreiten zu bauen. Und das alles aufgrund der statistischen Verteilung – von Schlampigkeit!

Gregor:
Aber bist Du dann nicht davon abhängig, dass diese Abweichungen so auch bei zukünftigen Lieferungen vorhanden sind?

Jakob:
Ja. Ich habe einen Deal mit dem chinesischen Hersteller, der es mit erlaubt, von 1.000 Stück 900 zurückzuschicken. Sie erstatten mir dann die Hälfte meiner Kosten. Ich habe keine großen Vorrat von diesen Optokopplern, sollten sie die Produktion stoppen wollen, teilen sie es mir frühzeitig mit. Und sie verkaufen mir dieselbe Charge nicht noch einmal.

Gregor:
Sind die chinesischen Bauteile günstiger als die früher erhältlichen aus dem Westen?

Jakob:
Ja, erheblich. Die chinesischen kosten nur ca. 20 Cent das Stück, während die zuletzt erhältlichen der ursprünglichen Hersteller 10,50 EUR gekostet hatten.

Gregor:
Ein gewaltiger Unterschied!

Jakob:
Ja, aber dafür sind die Erwartungen an die Qualitätskontrolle auch entsprechend niedrig. Die Materialkosten haben sich für mich wegen der Rücksendemöglichkeit kaum verändert, aber der zeitliche Aufwand ist nun enorm gestiegen. Ich brauche pro Gerät 4 Photozellen, die nicht nur ausreichend niedrige Widerstandswerte und eine entsprechend große Widerstandsbandbreite haben, sondern sie müssen sich auch innerhalb gewisser Grenzen aufeinander abgestimmt sein.

Ein Praktikant von mir hat nur für das Testen dieser Zellen ein Gerät gebaut. Um genügend Photozellen für einen G24 zusammen zu bekommen, müssen wir damit von Hand zwischen 300 und 500 Stück testen. Dafür brauchen wir ca. 6 Stunden kontinuierlichen Testens.

Gregor:
6 Stunden! Das ist wirklich „Boutiqe“-Herstellung.

Jakob:
Ja. Ich kann das machen, weil ich kein industrieller Hersteller bin. Ich glaube nicht, dass sich der G24 industriell herstellen ließe.

Zu diesem Zeitpunkt begann ich mich dann auch zu fragen, warum die EU eigentlich die Verwendung von Cadmium verboten hatte. Eigentlich muss es bei Verboten zudem immer einen Ersatz geben…

Ich fragte herum, rief beim Ministerium an – niemand konnte oder wollte mir Auskunft geben. In den Protokollen der EU konnte ich auch keine Gründe dafür finden, warum sie die Verlängerung der Ausnahmeerlaubnis nicht gewährt hatten. Ich konnte gar keine Protokolle früherer Zusammenkünfte finden. Ich sprach mit vielen Leuten und niemand wollte sich dazu äußern. Mein Eindruck war, dass alle in der Pro Audio Industrie das Problem ignorieren wollten und so taten, als wäre nichts passiert. Und die Beamten waren genauso, sie wollten nicht darüber reden.

Gregor:
Ein Kartell des Schweigens…

Jakob:
Hm… Das ist der Grund, warum ich den G24 „Passive Aggressive“ genannt habe. Nicht weil er aggressiv klingt, sondern weil ich schauen will, ob jemand kommt und sich dagegen wehrt. Die zweite Bezeichnung ist „Cadmium Compressor“ – um alle mit der Nase auf diese Sache zu stoßen [lacht].

Irgendwann traf ich dann auch noch einen Journalisten, der in Brüssel auf EU Themen spezialisiert ist. Seine Vermutung war, dass jemand das Treffen zur Besprechung der Verlängerung angesetzt hat, und dann irgendetwas ganz Profanes schiefgelaufen ist. Vielleicht bei der Buchung des Raums, vielleicht ging das Licht dort nicht an etc. Das Treffen wurde jedenfalls storniert und nicht neu angesetzt. Die Verlängerung der Ausnahmegenehmigung lief dann unwiderruflich aus. Ende.

Die Ironie an der Sache ist aber, dass die Menge an Cadmium in den Bauteilen lächerlich gering ist. Die Griffe aus Aluminium an meinem Kompressor enthalten ganz legal mehr Verunreinigungen aus Cadmium, als alle Photozellen im Kompressor. Schwarze Punkte auf Keramik-Kochgeschirr enthalten ganz legal mehr Cadmium als diese Photozellen. Wir reden hier von 15-20 Mikrogramm pro Gerät. Auf der anderen Seite dürfen z.B. in Akkubohrern immer noch Cadmium-Akkus stecken, die pro Zelle ca. 30 Gramm enthalten. Das ist über eine Million Mal mehr!

Gregor:
Im heute erhältlichen G24 verwendest Du nun aber trotzdem diese nunmehr illegalen Cadmium enthaltenden Photozellen…

Jakob:
Ja! Da ich die Photozellen aber nicht verkaufen darf, verleihe ich sie lediglich an den Käufer. Das ist legal. Er muss dafür einen echten, rechtlich bindenden Vertrag unterzeichnen. Sofern und sobald es eines Tages adäquaten Ersatz für die cadmiumhaltigen Zellen gibt, verpflichtet sich der Käufer, mir das Modul mit den Photozellen zuzuschicken und erhält im Austausch ein Ersatzmodul. Um sicher zu gehen, dass der Vertrag wirklich gut ist, habe ich ihn per Software auf Japanisch und wieder zurückübersetzt. Darin steht unter anderem: „Sollte es Probleme geben, verständigen sich die Parteien, sie mit Meditation [sic!] beizulegen…“ [lacht].

Gregor:
Aber Du glaubst nicht, dass es je einen adäquaten Ersatz für das Cadmium in den Photozellen, geben wird, oder?

Jakob:
Nein, ich habe mit Materialwissenschaftlern an unserer Universität gesprochen. Der einzige bekannte denkbare Ersatz wäre Blei.

Gregor:
Definitiv auch kein unproblematisches Material…

Jakob:
Nein. Vielleicht gibt es andere Möglichkeiten, aber man müsste dafür umfangreiche Forschungsarbeiten durchführen, und diese speziellen Eigenschaften von Photowiderständen sind nur für den kleinen Pro Audio Sektor interessant. Für Bildaufnahmen sind Silizium-Photodioden und -transistoren sehr gut, aber im Audiobereich benötigt man eben eine isolierte, präzise, verzerrungsfreie Widerstandsänderung, die nur diese Optokoppler bieten.

Gregor:
Könnte man einen digitalen Ersatz nur für die Photozelle, nicht für den ganzen Kompressor, finden?

Jakob:
Dieses Argument wurde während der Beratungen über die Ausnahmeerlaubnis in der EU auch vorgebracht. Damals war schon klar, dass digitale Emulationen nicht weit genug gereift sind und dass das vielfältige nichtlineare Verhalten der Zelle nicht adäquat reproduziert werden kann.

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Und es könnte auch nicht potentialfrei eingebunden werden, wie die Optozelle im G24. Der Signalpfad des G24 ist ja rein passiv.

Gregor:
Wer mag, kann den Ausgang aber auch auf „aktiv“ umschalten…

Jakob:
Ja, das war der letzte Teil, den wir dem Kompressor noch mitgegeben haben. Eigentlich ist es nur ein symmetrischer Empfänger und ein symmetrischer Ausgangstreiber in Reihe. Teilweise diskret und ansonsten mit den besten derzeit erhältlichen ICs, so neutral wie möglich und mit Relais geschaltet. Die aktive Schaltung macht Sinn, wenn man lange Kabelwege überbrücken muss oder einen Eingang mit sehr niedriger Impedanz antreiben muss. Die aktive Schaltung legt nur eine ganz geringe Last auf den Übertragerausgang. Im Prinzip ändert sich am Sound an diesem Punkt nichts.

Gregor:
Mir sind hier aber auch so durchaus klangliche Unterschiede aufgefallen. Der aktive Ausgang scheint mehr Tiefbass beizubehalten.

Jakob:
Ja, am alleruntersten Ende des Frequenzbereich kommt die Induktivität des Übertragers zum Tragen, die zusammen mit dem Widerstand ein Hochpassfilter formt. Da kommt es dann auf die Leistungsfähigkeit der Ausgangsstufe vor dem G24 an.

Gregor:
Das heißt, mit einem sehr leistungsfähigen Verstärker vor dem Kompressor wäre der Bass dann auch passiv praktisch linear?

Jakob:
Ja genau.

Gregor:
Wie funktioniert der Kompressor denn nun eigentlich? Das Prinzip ist ja offensichtlich völlig einzigartig.

Jakob:
Ja. Nachdem ich nun dank der Ironie einer unglaublichen Verkettung unglücklicher Umstände nun über genau die Photozellen verfügte, die ich für meinen passiven Kompressor benötigte, ermutigte mich mein Mastering-Engineer Emil, der ja ursprünglich die Idee dazu gehabt hatte, weiterzumachen.

Unser erster Ansatzpunkt war, dass wir für Mastering-Zwecke nur etwa 6-8 dB Gain Reduction (Abschwächung) benötigten. Mehr wäre zwar schön, aber 6-8 dB sind für diese Zwecke eigentlich ausreichend. Diese Abschwächung muss natürlich vom Gerät ausgeglichen werden. Also fügten wir einen entsprechenden Übertrager zur Spannungserhöhung hinzu, so dass wir nach der Abschwächung von 6-8 dB wieder bei der Ausgangsamplitude landeten (Unity Gain).

Gregor:
Aber die Ausgangsstufe, d.h. das Gerät in der Kette vor dem G24, muss diese Leistung bereitstellen…

Jakob:
Ja. Wir gehen davon aus, dass Studiogeräte heute 200 oder jedenfalls 600 Ohm ohne Probleme antreiben können. Wir wollten diese Möglichkeiten sozusagen in eine „kostenlose“ Spannungserhöhung umwandeln. Und es funktioniert sehr gut!

Der Signalweg besteht nur aus einem Widerstand, dem Übertrager, den Photozellen und dem Ausgangspotentiometer.

Gregor:
Kein Kondensator?

Jakob:
Nein, kein Kondensator. Der wird nicht benötigt.

Was wir bei unseren Versuchen schnell herausfanden, war, dass die Interaktion des Widerstands der Photozelle mit dem Übertrager einfach wunderbar klang. Der Eigenklang des Übertragers, ohne die Kompression, hat einen speziellen Charakter, er fügt dem Klang eine angenehm klingende Körnigkeit hinzu, die technisch „Backhausen Verzerrungen“ genannt werden.

Und jetzt kommt es: In der Folge stellte sich heraus, dass sich diese Verzerrungen verringerten, wenn man die Kompression durch Erhöhung der Impedanz aktivierte und mehr Strom durch den Übertrager floss.

Wir hatten also einen Kompressor, der mit Einsetzen der Kompression weniger „Sound“ machte, als ohne Kompression! Das ist das genaue Gegenteil davon, wie ein Kompressor üblicherweise arbeitet.

Gregor:
Das ist wirklich überraschend und besonders!

Jakob:
Ja, und das macht es jedenfalls für mich sehr schwer, die ersten ca. 1,5 dB der Kompression überhaupt zu hören. Erst mit mehr Kompression war sie deutlich hörbar. Wir wussten, dass wir auf etwas sehr Interessantes gestoßen waren…

Aber uns war auch klar, dass wir diese Schaltung für Studiozwecke potentialfrei und symmetrisch konstruieren wollten. Das ging aber nicht, wenn die Photozelle zur Signalerde ableitet. Unsere Lösung war, die Ableitung zwischen den beiden Stereokanälen einzurichten. Dadurch gewannen wir, sozusagen „umsonst“, auch noch die für eine M-S-Bearbeitung benötigten Eigenschaften hinzu – und das ohne MS-Matrix.

Gregor:
Genial!

Jakob:
Na ja, eher eine sehr lange Abfolge glücklicher Zufälle [lacht].

Ein Kompressor verfügt in der Regel über eine Sidechain, also einen Signalweg für das Steuersignal, das die Kompression auslöst. Bei einem Stereo-Kompressor gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie man diese konstruiert. Nun hat ein M-S-Kompressor, wie der G24 einer ist, aber einen „S“-Kanal. Um diesen separat komprimieren zu können, benötigten wir nun auch einen passenden Sidechain-Kanal, d.h. wir konnten für die Sidechain nicht einfach beide eingehenden Kanäle summieren. Wir probierten so einiges aus, aber nichts funktionierte. Dann erinnerte ich mich an die Schaltung aus einem alten Studer Broadcast Mischpult: Um Monokompatibilität zu gewährleisten, und insbesondere die gegenphasigen Anteile, wie bspw. einen Großteil des Halls, nicht zu verlieren, wurde darin die Phase des linken Kanals um -90 Grad und die Phase des rechten Kanals um +90 Grad gedreht und beides anschließend summiert. Jetzt hatte man identische Anteile des Mitten- und des Seitenkanals in der Mischung. Auf einem alten X-Y-Phasenmonitor erhält man so übrigens immer einen Kreis. Problem gelöst.

Gregor:
Und das wieder sehr clever.

Jakob:
Nachdem nun auch die Sidechain funktionierte, begaben wir uns an die Attack- und Releasezeiten. Mein Mastering-Engineer Emil nahm den Prototypen mit ins Studio und war sehr erfreut über die klanglichen Eigenschaften des Geräts. Er hatte nur noch eine Bitte: Er wollte unbedingt zwei Kompressoren haben. Für ihn war klar, dass er zugleich einerseits kurze Attackzeiten für das Limiting und andererseits langsame Reaktionszeiten für das Levelling benötigte. Unbedingt! Aber weil der Kompressor ja passiv arbeitet, und wir mit der Aufholung der Amplitudenverluste in einem Gerät bereits einigen Strom „verbrauchen“, ist anschließend nicht mehr genug übrig, um davon ein zweites Gerät (in Serie) anzutreiben.

Emil nervte mich dann eine ganze Woche lang, ob ich nicht einfach … zwei Sidechains einbauen könnte…

Und ich überlegte – würde das funktionieren? Eigentlich war ich mir ziemlich sicher, dass es nicht geht. Denn wenn man einfach zwei Sidechains parallel in einen Kompressor einbauen könnte, dann müssten doch schon andere solche Geräte gebaut haben. Mit zwei Sidechains, aber nur einem VCA bekäme man ja sozusagen einen weiteren Kompressor geschenkt…

Gregor:
Für unsere Leser: Der VCA ist ein spannungsgesteuerter Verstärker, ein aktives Bauteil, das in sehr vielen Studiokompressoren steckt.

Jakob:
So ist es. Obwohl ich also dachte, dass es nicht gelingen könnte, lötete ich für Emil einen Prototypen mit zwei Sidechains zusammen.

Ich probierte ihn aus – und es funktionierte! Mir standen die Nackenhaare zu Berge. Und zwar verhielt sich der Prototyp genau so, wie zwei Kompressoren in Serie, das heißt als ob zwei Sidechains gleichzeitig die Lichtintensität der Photozelle regeln würden. Und das mit einem denkbar minimalistischen Signalpfad.

Nach einer ziemlich langen Serie glücklicher Zufälle hatten wir nun also zwei Kompressoren in einem!

Gregor:
Noch eine Premiere – Glückwunsch!

Jakob:
Danke! Nun mussten wir nur noch die Frage beantworten, welcher der beiden Kompressoren zuerst kommt. Es macht natürlich einen enormen Unterschied, ob man beispielsweise zuerst mit dem Limiter, d.h. mit kurzer Attackzeit, die Spitzen abschneidet und danach langsames Levelling durchführt – oder aber umgekehrt. Wir lösten diese Frage über die Feed Back bzw. Feed Forward Einstellung. Sie entscheidet darüber, ob das Sidechain-Signal vom Eingang oder aber vom Ausgang des Geräts abgegriffen wird. Wenn ein Kompressor die Regelung anhand des Ausgangssignals vornimmt, arbeitet er im Feed Back Modus. Wenn er dagegen anhand des Eingangssignals regelt, ist es ein Feed Forward Kompressor.

Nur, dass es ja im G24 eigentlich zwei Kompressoren gibt. Man kann sie also z.B. so einstellen, dass erst der eine (Feed Forward) und dann der andere Kompressor (Feed Back) das Signal komprimiert, das heißt der zweite reagiert auf das Signal des ersten. Oder aber umgekehrt. Oder beide stehen an erster Stelle (Feed Forward), reagieren also gar nicht aufeinander. Oder beide reagieren auf ihr kombiniertes Ausgangssignal (Feed Back).

Und dann hatten wir eine weitere Idee: Wir probierten aus, wie es wäre, zwischen den beiden Modi stufenlos überblenden zu können. Die Sidechain erhält eine beliebigen Mischung aus dem Signal vor dem Kompressor sowie dem Signal nach dem Kompressor. Nur eben mit zwei Kompressoren. Das ermöglicht eine völlig freie Verschaltung der beiden Kompressoren.

Bei dieser Überblendung der zwei Kompressoren gibt es sehr interessante Einwirkungen auf das Timing und auf die Textur der Kompression. Man kann damit gewissermaßen nach der richtigen rhythmischen Einstellung angeln…

Gregor:
Geht das denn überhaupt?

Jakob:
Na ja, niemand hat je einen Kompressor mit einer Überblendungsmöglichkeit gebaut. Es gibt etwa bei API diesen „Classic“ Schalter, der es erlaubt, zwischen Feed Back und Feed Forward umzuschalten. Das ist cool.

Der Grund, warum es aber bisher keine Kompressoren mit Überblendungsregler gab ist, dass es gemäß Lehrbuch zu Abweichungen bei der Ratio [Anm. der Redaktion: Kompressionsrate] kommt.

Gregor:
Das ist also der Haken…

Jakob:
Nun, wenn man im Feed Back Modus die Ratio auf unendlich stellt, und dann zurück auf Feed Forward schaltet, ist die Ratio eigentlich größer als unendlich.

Und an diesem Punkt wird sich am Grund der Welt ein schwarzes Loch auftun und wir werden alle aus der Zeit herausfallen [lacht]…

Gregor:
Ha!

Jakob:
Nein, was wirklich passiert, ist Folgendes: Die Ratio wird für eine vernünftige Bearbeitung im Vergleich zum Feed Back Modus etwas zu hoch sein. Man sollte sie daher dann ein wenig zurückregeln. Aber das Gefühl für das Timing und die Kontrolle über die Textur, die diese Schaltung einem ermöglicht, sind wirklich fantastisch.

Gregor:
Gibt es sonst noch etwas, was Du den amazona.de-Leserinnen und -Lesern mitteilen möchtest?

Jakob:
Oh ja. Wer den G24 einmal ausprobieren möchte, kann dies nun ganz einfach Online in höchster Qualität tun, über die Website mixanalog.com. Eine geniale Mathematikerin, Gabriela, hat für sie ein Deep-Learning-System entwickelt hat, das die minimal notwendige Anzahl von Widerständen und Relais berechnet, um Potentiometereinstellungen adäquat für Audioanwendungen zu emulieren. Das klingt einfach, ist aber unglaublich kompliziert und genial und viel cleverer, als alles was ich mache. Man kann den Kompressor so ohne Klangeinbußen digital und über das Internet schalten.

Es gibt auch noch ein weiteres, ähnliches Angebot – über die Website accessanalog.com – nur, dass sie dort die Einstellungen der Geräte mittels Stellmotoren und Zahnrädern digital kontrollieren. Sie werden den G24 vorrausichtlich bald in ihr Repertoire aufnehmen.

Gregor:
Lieber Jakob, vielen Dank für dieses ausführliche Interview und die vielen Erklärungen und spannenden Anekdoten!

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Forum
  1. Profilbild
    gaffer  AHU

    Die Verlängerung der Genehmigung zur Verwendung von Cadmium ist womöglich daran gescheitert, dass im Raum das Licht ausgefallen war. Mein Humor! Schönes Interview, Gregor

  2. Profilbild
    swellkoerper  AHU

    Danke für die schöne Story, sehr unterhaltsam zu lesen. Diese Problematik kommt mir sehr bekannt vor, in Modularsynthesisern sind diese Bauteile sehr geschätzt für ihre einzigartigen Klangeigenschaften (vor allem in Low Pass Gates) und genauso berüchtigt für ihre enorme Serienstreuung. Einige Hersteller wie Pittsburgh Modular oder Rabid Elephant haben aber grosse Fortschritte bei der Cadmiumfreien Emulation dieser Vactrols gemacht, es geht also scheinbar auch ohne. Ob diese Technologie allerdings passiv umzusetzen ist, bleibt fraglich.

  3. Profilbild
    Marco Korda  AHU

    Fantastisch, ich bin sehr begeistert. Auch wenn es einige Zufälle gab, so ist es doch eine wahre Meisterleistung, sich über die üblichen Konventionen hinwegzusetzen und einfach einer Idee solange zu folgen, bis es – q.e.d. – klappt. Wunderbar.

    Ein toller Artikel, beste Werbung überhaupt. Den Kompressor MUSS ich einfach haben….

  4. Profilbild
    D-Joe  

    Zitat:
    Wenn ein Kompressor die Regelung anhand des Ausgangssignals vornimmt, arbeitet er im Feed Back Modus…

    kann mir da jemand weiterhelfen,
    ich verstehe nicht wie das funktionieren soll, da ja das Ausgangssignal bereits schon geregelt wurde (wet), und wenn nicht geregelt (dry) würde es ja eigentlich dem Eingangssignal entsprechen.
    Hab ich da jetzt einen Denkfehler???
    Wäre das nicht eine Art Zirkelschluss? Das hat mir gestern noch einiges Kopfzerbrechen bereitet.

    • Profilbild
      Marco Korda  AHU

      Ja, das ist tatsächlich komplex und nicht immer leicht nachvollziehbar. Ich versuche das mal in meinen Worten darzustellen ohne Anspruch auf Perfektion: Es bedarf im Kompressor eines Detektors, der dem VCA „Bescheid“ gibt, wie er regeln soll. Das wird mit Sidechaining erreicht. Das Signal kann jetzt vor oder nach dem VCA detektiert werden. Das geht so schnell, dass auch nach dem VCA die Regelung noch vorgenommen werden kann. Man sagt dem nach, dass es musikalischer klingt, weil die Transienten mehr durchgelassen werden, als wenn es vorher detektiert wird. Idealerweise verhindert man dadurch zu heftige Kompression. Umgekehrt gibt’s natürlich auch Vorteile. Ich hoffe, ich habe es nicht falsch erklärt, sonst wäre ich ebenfalls dankbar für Aufklärung :-)

  5. Profilbild
    Armin Bauer  RED

    Das ist das spannendste und informativste Interview, dass ich seit langer Zeit gelesen habe.
    So direkt mal in die Entwicklung eines solchen Gerätes einzusteigen, super.
    V.a. die Passagen: „Kann ja nicht gehen, sonst hätte es schon längst mal jemand gemacht. Wir haben es trotzdem probiert…“.
    Einfach machen und die gängige Lehrmeinung mal beiseite lassen, prima Ansatz für neue Erkenntnisse.

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