Making of: AC/DC Back in Black

20. Januar 2019

Die Geburt eines Jahrhundertalbums

AC/DC Back in Black

AC/DC Back in Black

Müssen Meisterwerke immer persönlichen Tragödien folgen? Oder ist die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Verlust eines wichtigen Menschen ein treibender Motor, der den kreativen Prozess bedeutend befeuern kann? Fest steht, nach Cliff Burtons Tod schufen Metallica ihr härtestes Album bis dato und als Bon Scott im Februar 1980 an den Folgen einer schweren Alkoholvergiftung starb, wäre eine der größten Rockbands aller Zeiten beinahe zerbrochen. „Bon hätte das aber nie gewollt“, so Malcolm Young. Statt Auflösung rissen sich AC/DC also zusammen – und schufen den vielleicht bedeutendsten Zapfenstreich ihrer langen Geschichte. Nächstes Jahr feiert das Album AC/DC  „Back in Black“ sein vierzigjähriges (!) Jubiläum – ein Grund für uns also, mal näher hinzusehen, was diese Aufnahme so besonders gemacht hat.

AC/DC Back in Black – Ein unerwartetes Comeback

Wir schreiben das Jahr 1980, und Brian Johnson hat das Ende der Fahnenstange erreicht. Die damals 34-jährige Rockröhre hatte es zwar geschafft, mit seiner Glamrock-Band Geordie Akzente zu setzen, doch das war in den 70ern gewesen. Die Zeiten, in denen die Band mit dem Stampfer „All because of you“ die Top 10 der UK-Charts gestürmt hatte, waren vorbei. Ein wachsendes Alkoholproblem, eine anstehende Scheidung und der Verlust des Plattendeals stellten den jungen Mann mit dem Rücken zur Wand. Der große Durchbruch war ausgeblieben, stattdessen stand ihm nun ein trister Alltag in seiner Werkstatt bevor. „Mein Verfallsdatum war abgelaufen, shit, ich meine, ich war 32 Jahre alt!“ Als eines Morgens sein Telefon klingelte und ihm eine weibliche Stimme am Telefon erklärte, dass eine „Band, die nicht genannt werden möchte“, in London Auditions abhielt und dass er empfohlen worden war, zuckte Johnson mit den Schultern. Gespannt begab er sich nach London, wohl wissend inzwischen, dass die Initialen AC/DC ohne Sänger dastanden.

Monate früher jedoch befand sich die Band nach wie vor in Trauer. „Wenn du jung bist, fühlst du dich unsterblich“, so Malcolm Young in einem Interview mit dem Rolling Stone. „Aber nachdem Bon gestorben war, fühlte ich mich plötzlich schrecklich erwachsen.“ Es war Bons Vater Chick, der Malcolm und Angus zur Seite nahm und ihnen seinen Segen gab, ohne seinen Sohn weiterzumachen. Doch die Initialzündung blieb aus – und noch Wochen nachdem Bon auf so unwürdige Weise verstorben war, befand sich die Band über weite Strecken in einem trauernden Delirium. Irgendwann begriffen die Young Brüder jedoch, dass es nur einen Weg durch das Elend gab: Die Gitarre in die Hand zu nehmen und sich selbst zu therapieren. Immerhin lagen einige Riffs rum, die darauf warteten, vollendet zu werden.

Man muss sich vor Augen führen, dass AC/DC vor „Back in Black“ zwar erfolgreich war, aber in konservativen Zeiten lebte. Die Band bestand aus einer Gruppe gesellschaftlicher Außenseiter und als Bon Scott gestorben war, überzogen die damaligen Boulevard Blätter und die Daily Mail die Band mit Häme. Wen es denn überrasche, dass ein so heruntergekommener Alkoholiker so verendet ist. Für viele in der Band war die damalige Berichterstattung wie ein zweiter Dolchstoß. Eine unliebsame, wenn nicht sogar grausame Handhabung einer Tragödie und ein Prozedere, das sich viele Blätter in England bis heute beibehalten haben. Verabscheuungswürdig – so empfand es auch Brian Johnson, der aus einer Zeitung von Bon Scotts Ableben erfuhr. „It was just fucking awful.“

Doch den Young-Brüdern war das, gelinde gesagt, scheißegal. Sollten sich diese Blätter ihre Häme sonst wo hinstecken – die zwei Brüder saßen in ihren Apartments, arbeiteten an Riffs und Songs und arbeiteten sich so durch die Trauerphasen. Als sich allmählich die letzte, finale Phase einstellte, die Phase der Akzeptanz, und die ersten guten Riffs standen (viele davon stammen aus Jam-Sessions mit Bon), entschied man sich, dass es Zeit sei, die Pforten zu öffnen und jemand Neues ans Mikro zu lassen.

Doch gleich zu Beginn zeichnete sich ein fundamentales Problem ab: Bon Scott war nämlich nicht nur „ausführende“ Stimme gewesen, er war so etwas wie das Herz der Band. Bon scheute die Konfrontation nicht, trug eine echte „Wir-gegen-den-Rest-der-Welt“-Mentalität in sich und definierte die berühmt-berüchtigte Attitüde der Band. Ohne ihn stand man gewissermaßen nackt da und es wäre ein Unding gewesen, wenn nicht sogar unmöglich, jemanden zu finden, der den gleichen Spirit transportierte wie Bon.

Insofern würde es ein Nachfolger selbstverständlich nicht leicht haben. Die Liste möglicher Kandidaten war lang, aber Tatsache war auch: Brian Johnson war von Beginn an Favorit gewesen, sein Name war der Band geläufig, weil Bon Scott höchstpersönlich Jahre zuvor mit seiner damaligen Band im Vorprogramm von Geordie gespielt und mitbekommen hatte, was für ein Biest Brian auf der Bühne war. Es war also Bons eigene Schwärmerei für die Rampensau, die dafür sorgte, dass sich Johnsons Name im Unterbewusstsein der anderen Mitglieder festgesetzt hatte. Doch Brian, dem die Musikindustrie mit dem schmerzhaften Verlauf von Geordies Karriere einen immer noch spürbaren Stich versetzt hatte, war nicht scharf darauf, sich gleich wieder aufs Ross zu schwingen. Am Ende des Tages brachte ihn die Aussicht auf einen Werbesong und einen 400 Pfund umfassenden Gehaltscheck nach London, nicht die Audition selbst.

Doch da war er nun, in Englands Hauptstadt, und beschloss, sich der Audition zu stellen. Hoch nervös, alles andere als selbstbewusst und angeleitet von dem Gefühl, fehl am Platz zu sein, betrat Brian Johnson die Räume der Vanilla Studios, schüttelte ein paar Hände, atmete durch und gab auch sofort Nutbush City Limits von Tina Turner zum Besten. Phil Rudd behauptet nach wie vor steif und fest, dass sie sofort, nachdem Brian die letzte Note gesungen hatte, die Band sicher war, dass sie ihren richtigen Mann hatte. Doch es dauerte eine weitere Audition und viele schlaflose Nächte seitens Brian, ehe ihn am Geburtstag seines Vaters der ersehnte Anruf erreichte.

„I’ll never forget that“, so Brian Johnson. Es war Malcolm Young höchstpersönlich, der ihm die Nachricht überreichte, dass er nun Teil der Band war. Ein Album stand an und der Umbruch bedeutete für Brian Johnson auch, dass er die Zelte in seiner Heimatstadt abreißen und seiner damaligen Band Lebewohl sagen musste. Für langes Schwelgen und Vorfreude war keine Zeit: Aller Trauer zum Trotz, das Label wartete auf eine neue Platte und direkt vor Ort durfte Brian sich auch an die Arbeit setzen und Lyrics für „Back in Black“ erdenken.

AC/DC Back in Black – Eine Band findet sich wieder

Es würde schwierig werden, Außenstehende von sich zu überzeugen – das wusste Brian Johnson, der im Verlauf von zwei Wochen in London die Band Rehearsals mitmachte und sich den neugierigen Blicken der örtlichen Rockszene stellen musste. Selbst Ozzy Osbourne war vor Ort und lauschte rein – eine surreale Erfahrung für Brian. Nach den zwei Wochen flog die Band nach Nassau in die Bahamas, in die Compass Point Studios. Isolation und tobende Stürme draußen anstatt Sonnenschein und tropische Drinks – die Umstände waren nicht unbedingt das, was man sich von einem Trip in die Bahamas erhofft hatte. Aber das war egal – die Band zog an einem Strang. Man war erpicht darauf, Bon Scott ein großes Machwerk zu widmen und den Fans den Glauben an die Band zurückzugeben.

Ein Großteil der Melodien und Riffs stand bereits, auch die Titel für die Songs. Doch es oblag Brian, den Liedern mit Worten Leben einzuhauchen. Einer der ersten Songs, die für die Platte aufgenommen wurden, war auch gleich namensgebend für die Platte. Rein von den Lyrics war AC/DC Back in Black ein symbolischer Salut zwischen Brian und Bon, ein Zelebrieren und eine Reminiszenz an einen großartigen Musiker und verlorenen Kumpel. Eine emotionale Angelegenheit, die Johnson würdevoll aufs Band brachte. Die Lyrics zu „Hell’s Bells“ gestalteten sich schwieriger, die Zeile mit „Rolling Thunder“ wurde inspiriert durch tropische Stürme, die direkt über ihren Köpfen wüteten. Die Atmosphäre blieb aufgrund der Stürme irgendwie mystisch und viszeral – „You Shook Me All Night Long“ war ebenfalls das Ergebnis einer Eingebung, die Brian alleine auf seinem Zimmer hatte.

AC/DC Back in Black

Fünf Wochen lang wurden die Songs aufgenommen. Dann fehlte ein letztes, zehntes Stück. Innerhalb einer Viertelstunde komponierten Malcolm und Angus vor Ort „Rock And Roll Ain’t Noise Pollution“. Das war es dann – die Platte wurde von Kultfigur ‚Mutt‚ fertiggemischt, der während der Aufnahmen so viele Funktionen wahrgenommen hatte, dass sein Einfluss und seine Bedeutung für die Entstehung von AC/DC Back in Black gar nicht hoch genug eingeschätzt werden konnte. Er gab entscheidende Impulse in wichtigen Momenten, half Brian mit seinen Lyrics aus. Auch seine Idee: Die dreizehn Glockenschläge zu Beginn von „Hell’s Bells“ mit einer eigens für diesen Zweck hergestellten Glocke zu schlagen. Alles kam perfekt zusammen und das Cover war nichts weniger als eine Widmung an Bon. AC/DC Back In Black war, trotz aller Trauer, Tragödien und Umstellungen vor allem eins: Das Machwerk von echten Profis, von einer eingeölten Rock ’n‘ Roll Maschine.

Und auch wenn es im Nachhinein viel Diskussion darüber gab, ob bestimmte Lyrics oder Zeilen von Bon stammten und auch wenn viel schmutzige Wäsche gewaschen wurde (Clinton Walkers Biographie „Highway to Hell“ zeichnete ein äußerst unrühmliches Bild der Young Brüder als manipulativ und herrisch), verkaufte Back in Black bis dato 50 Millionen Alben. AC/DC zementierten ihren Platz im Rock-Olymp. Bis heute sehen auch viele Kritiker das Album als den kreativen Zenit der Gruppe an – und niemand Geringeres als Brian Johnson und Malcolm Young sehen das ähnlich: „Nach Bons Tod wollten wir alles richtig machen, wirklich alles.“ Vielleicht war das der Grund, weshalb bei „Back in Black“ alles zusammenkam und eine derart zeitlose Platte aufgenommen werden konnte – sie entstand mit aus einer dankbaren Mentalität heraus, aus Freundschaft, und war dem Mann gewidmet, der geholfen hatte, den Kern dieser Band zu definieren. In diesem Sinne: I’m back on the track and I’m beatin‘ the flack!

Forum
  1. Profilbild
    Coin  AHU

    Danke Amazona für den Artikel.
    Auch wenn mich AC/DC nicht so bewegt,
    interessiert es mich was Ihr an Inhalten bringt.
    Da ich aber ein bissl Lesefaul bin, finde ich es ein bissl schade
    das es nichts zum hören, oder sehen gibt.
    Auf Golem.de ist das ganz cool, da gibts Videos über den Artikel
    von den Redakteuren, die sich manchmal sogar vorlesen lassen
    und ganz toll ist auch der Wochenrückblick.
    Das ganze kurz gehalten, maximal 3 -4 Minuten,
    für den schnellen Konsum zwischendurch.
    *ein Versuch konstruktiver Kritik*

  2. Profilbild
    volcarock  

    Super! Sehr kurzweilig geschrieben,
    fast so. als wärst du vor 40 Jahren dabei gewesen :-)

    Ich habe die Back in Black und ansonsten nur alle AC/DC Vinyls mit Bon Scott.
    Für mich ist er noch immer einer der begnadesten Rocksänger

    Brian Johnsons schreit mir zu viel.
    Back in Black ist trotzdem ein fantastisches Album !
    Noch mehr hätte mich allerdings gefreut wenn ein Sänger wie Alex Harvey Scotts Nachfolge angetreten hätte.
    Nichtsdestotrotz hat Brian Johnson das Erbe amtlich angetreten!

  3. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    „Zapfenstreich“ heißt „Licht aus!“ und „Ab in die Heia!“ bei der Armee. „Sich einen Zapfenstreich leisten“ ist idiomatisch nicht existent, ebenso wenig „einen Zapfenstreich erschaffen“.

    • Profilbild
      JM4  

      und wo wir grad bei der Sprachkritik sind: „Machwerk“ ist eine abwertende Bezeichnung. Ist hier bestimmt nicht so gemeint. „Werk“ hätte gereicht, oder meinetwegen „Meisterwerk“. – Ansonsten ein wirklich gut zu lesender Artikel, gerade für einen wie mich, der damals gerade alt genug war, um AC/DC am Rande mitzubekommen, aber zu jung, um sie zuhause aufzudrehen.

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