Test: Chase Bliss Audio Brothers, Verzerrer-Pedal

23. Juli 2020

Der Alleskönner aus den USA

Ich habe meine Suche nach einem Overdrive-Pedal nach langer Zeit endlich beendet.

Es war nicht leicht. Den meisten Pedal-Nutzern und Gitarristen dürfte diese Odyssee kennen. Man verliebt sich in den Klang eines Overdrive-Pedals, nur um dann zu merken, dass er im Bandkontext nicht funktioniert. Mehr Flexibilität sagt man sich – und probiert die vielen Multizerren auf dem Markt aus. Die eine klingt zu künstlich. Die andere vereint 10 Engines in sich, von der zwei brauchbar sind, der Rest nicht – was dann wiederum den Kaufpreis für einen persönlich nicht rechtfertigt. Es darf nicht falsch verstanden werden: Es gibt unzählige wirklich großartige Zerrpedale. Wir haben zuletzt das Ages von Walrus Audio und die Beetronics Fatbee getestet – beides großartige Zerr-Pedale mit distinktem Charakter. Oder die Revv-Pedale, die uns zuletzt in der Redaktion eine Menge Freude bereitet haben. Und das ist der springende Punkt – Charakter. Das Zerrpedal ist für viele die zentrale Einheit des Pedalboards – es färbt den Klang grundlegend ein, gibt die Richtung vor und bestimmt maßgeblich, wie sich Modulationen, Delay und Reverb anfühlen.

Das Brothers von Chase Bliss Audio vereinte für mich eine Reihe von Vorteilen, aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich es für eins der stärksten Zerrpedale der letzten zehn Jahre halte. Gleich vorweg: Es ist Boutique-Ware. Und auch wenn ich in persönlichem Rahmen mit diesem Pedal seit gut einem Jahr arbeite und es schätze, ist meine Betrachtung nicht frei von Kritik. Aber es gibt einen Grund, weshalb das Chase Bliss Audio Brothers die Best-of-Listen im Internet oft anführt – es ist in vielerlei Hinsicht perfekt und rechtfertigt den hohen Preis.

Also – hier unser Review einer sträflich unterschätzten, oft in der Wahrnehmung der deutschen Pedal-Gemeinde unter dem Radar fliegenden Stompbox.

Chase Bliss Audio Brothers – Facts, Features & Panel

Wir haben die Firma Chase Bliss Audio in diesem Special ausführlich vorgestellt: von der sympathischen Gründungsfigur Joel bis hin zu einer kurzen Übersicht des bisherigen Katalogs – Chase Bliss Audio gehören zu den international bekanntesten Pedalbauern. Den Ruf, eine perfektionistische Firma zu sein, die hoch-komplexe Pedale baut, erarbeiteten sich Chase Bliss Audio auf natürlichem Wege. Die „DIP-Switches“ auf der Stirnseite wurden zu so etwas wie das Markenzeichen – und vermittelten das Bild echter Leidenschaft. Es steckt unheimlich viel Herzblut in den Chase Bliss Audio-Produkten – die digitale Schaltzentrale in den Pedalen organisiert und handhabt den vollständig analogen Signalfluss. Doch die Pedale sind für viele überfordernd – und teuer. Ein paar der Gründe (aber nicht alle), weshalb die Firma – bislang zumindest – in Europa noch nicht richtig Fuß fassen konnte.

Test Chase Bliss Audio Brothers

Doch das tut unserem Test keinen Abbruch. Das Chase Bliss Audio Brothers ist ein Multi-Verzerrer-Pedal mit zwei separaten Schaltkreisen – einem JFET-Schaltkreis und einem IC-Schaltkreis, die jeweils drei unterschiedliche Modi kennen. Das ergibt insgesamt sechs distinkte Sounds, die entweder parallel oder in Reihe geschaltet werden können. Das Ergebnis: dreiunddreißig distinkte Routing-Möglichkeiten von sechs unterschiedlichen Zerr-Sounds. Das ist beachtlich – und wir von uns näher betrachtet.

Sowohl der linke A- als auch der rechte B-Schaltkreis sind mit einem Boost, einem Overdrive und einem Fuzz-Modus ausgestattet. Doch sie unterscheiden sich grundlegend im Charakter: der linke JFET-Sound ist offener, heller und ein bisschen transparenter, während der rechte IC-Schaltkreis durchaus Tubescreamer-Charakter annehmen kann, mittig, mit ordentlichem Low-End. Übrigens wurde der A-Kanal in Zusammenarbeit mit Resonant Electronic Design erstellt, während der B-Kanal vollständig auf CBAs Kappe geht. Beide Kanäle können entweder gemeinsam oder getrennt voneinander geschaltet werden. Der Clou? Das bereits erwähnte Routing.

Test Chase Bliss Audio Brothers

Parallel, A>B oder B>A – das sind die drei grundlegenden Optionen. Der Brothers besitzt über dem zentralen Toggle-Switch, der das Schalten zwischen den Routing-Optionen ermöglicht, den Mix-/Stack-Regler. In der parallelen Schaltung kann man hier quasi das Mischverhältnis zwischen Kanal A und Kanal B einstellen –  in der Mitte konkret 50/50. Doch wenn man die beiden Kanäle „stacked“, also nacheinander schaltet, lässt sich einstellen, wie stark der erste Kanal den zweiten trifft. Da fungiert der zweite Kanal quasi wie ein „Gate“, das die Signalstärke des ersten Kanals auffängt. Speziell mit den Fuzz-Schaltkreisen lassen sich hier interessante Ergebnisse erzielen. Die restlichen Regler leisten folgendes:

  • Master lässt einen die Lautstärke des gesamten Outputs des Brothers einstellen.
  • Gain A ist für das Ausmaß der Verzerrung des Kanals A zuständig.
  • Tone A ist für die Klangfarbe des Kanals A zuständig – von dunkel und dumpfer bis heller und transparenter.
  • Gain B ist für das Ausmaß der Verzerrung des Kanals B zuständig.
  • Tone B ist für die Klangfarbe des Kanals B zuständig – von dunkel und dumpfer bis heller und transparenter.

Trotz der zwei Kanäle arbeitet das Brothers nicht in Stereo (keine Ahnung, weshalb man das immer wieder liest). Es ist ein Mono-Drive, der jedoch sowohl einen Control-Voltage-Anschluss für Expression-Pedale besitzt als auch einen – und das ist ein weiterer Clou des Chase Bliss Audio Brother Pedals – TRS-Anschluss für MIDI. Ähnlich wie Meris arbeiten auch Chase Bliss Audio mit einer MIDI-Box. Sämtliche Chase Bliss Audio-Pedale können per MIDI angesteuert werden und auch wenn das Brothers nicht das einzige Drive-Pedal ist, das MIDI-kompatibel ist, ist es doch die einzige MIDI-fähige Analog-Zerre in Pedalformat. Der YouTube-Kanal „Knobs“ hat hierzu ein charmantes Video gemacht:

Chase Bliss Audio Brothers – die DIP-Switches

Wie eingangs erwähnt, sind eins der Markenzeichen der Chase Bliss Audio-Pedale die DIP-Switches auf der Rückseite. Die sind gar nicht so kompliziert, wie sie im ersten Augenblick aussehen: Sie sind im Grunde ein erweitertes Control-Panel für Expression-Pedale sowie Momentary-Bypass-Modi. Prinzipiell funktioniert das so: Der „Range“ des Expression-Pedals wird erstmal dadurch bestimmt, was die Position des anzusteuernden Reglers überhaupt erst ist – dann wird der Sweep-Schalter beispielsweise auf Bottom statt auf Top gelegt. Wenn wir zum Beispiel Gain A über ein Expression-Pedal ansteuern wollen, den DIP-Switch für Sweep auf Bottom setzen, können wir mit dem Expression-Pedal von der Minimal-Position des Reglers bis zur aktuellen Position jeden Wert ansteuern. Das ist prinzipiell für alle Parameter des Brothers möglich, die bei den DIP-Switches schwarz markiert sind und es kann auch eingestellt werden, ob die Parameter steigen oder fallen sollen per Expression-Pedal.

Test Chase Bliss Audio Brothers

Der Momentary-Bypass Modus für Kanal A und Kanal B setzt der Vielfalt dann ein bisschen die Krone auf. Ist das Pedal im Bypass-Modus und man aktiviert den Momentary-Bypass-Modus, dient der Schalter als „Momentary Engage“ – der Kanal bleibt so lange an, wie man den Fußschalter gedrückt hält. Selbstverständlich ist das für beide Kanäle möglich. Den rechten im Boost-Modus halten, während man links einen momentanen Fuzz aktiviert? Eine der vielen Einsatzmöglichkeiten des Brothers. Was wir uns wiederum nun im Praxistest genauer ansehen werden.

Chase Bliss Audio Brothers – in der Praxis

Ich erwähnte eingangs, trotz privater Nutzung nicht vollständig kritikfrei dem Brothers gegenüber zu sein – und wenn es einen Vorwurf gibt, der beim Brothers bis zu einem gewissen Grad zutrifft, dann der, dass die einzelnen Sounds ein bisschen … charakterlos sind.

Für mich persönlich ist das ein Vorteil, aber das mag jeder anders sehen. Fest steht, der klanglichen Erhabenheit zum Trotz wirken sie auf manche ein bisschen farblos. Ein Vorwurf, den man vor allem im Zusammenhang mit den Fuzz-Engines des Pedals immer wieder hört.

Test Chase Bliss Audio Brothers

Wir spielen den Brothers in diesem Fall über Revv G20 – da dieser aktuell der Redaktion vorliegt – und demonstrieren sowohl den A als auch B-Kanal in Sachen Distortion. B ist weicher, wärmer und transparenter, während die Verzerrung des A-Kanals bissiger nach vorne geht. In der parallelen Schaltung brutzeln die Distortions ein wenig undifferenzierter – die Distortions klingen für sich stehend stärker als in einer parallelen Schaltung.

Eine der großen Stärken des Brothers sind die bereits erwähnten Kapazitäten in Sachen Expression-Kontrolle: Wir schalten den Sweep-DIP-Switch um und kontrollieren das Gain des Kanal A, der auf Distortion geschaltet ist, während B im Boost-Kanal ein angezerrtes Crunch-Fundament liefert.

Beim Boost sich beim Unterschied zwischen A- und B-Kanal ein anderes Bild: Hier beißt der B-Kanal mehr, während der A-Kanal bei ebenfalls moderatem Gain ein bisschen weicher und zurückhaltender ist.

Schalten wir auf Fuzz – und da kommt der oft genannte Vorwurf der Charakterlosigkeit zum Tragen, mit dem der Brothers zu kämpfen hat. Der Fuzz im A-Kanal klingt alles andere als schlecht – aber mutet schon mehr wie Overdrive mit ordentlichem Low-End an. Wer knarzigen Silizium-Fuzz will, muss die Fuzz-Pedale stacken und dabei die Parallelschaltung hinter sich lassen. Die A-Distortion in den B-Fuzz voll aufgedreht reinzufahren oder beide Fuzz ineinander bringt den Brothers ordentlich zum Qualmen.

Die Interaktion zwischen Boost und Distortion ist der Ort, wo viel von der Vielfalt des Brothers passiert: Hier sind die Optionen quasi grenzenlos. Aufpassen muss man und ggf. mit dem Tone nachjustieren, um ein nicht allzu harsches Klangbild in Kauf zu nehmen.

Fazit

Echte Boutique-Qualität: Das Brothers von Chase Bliss Audio ist in vielerlei Hinsicht das perfekte Verzerrungspedal – das Ausmaß an Klangoptionen ist schlichtweg enorm und auch für diese Preisklasse eigentlich ungesehen. Die Möglichkeit zur MIDI-Anbindung und die Routing-Möglichkeiten setzen dem Ganzen die Krone auf. Der enorme Preis hat es jedoch in sich und in der Tat erfordert der Brothers eine gewisse Einarbeitungszeit – anschließen und drauf loslegen ist nicht. Der Brothers will eingestellt und verstanden werden – dann entfalten sich jedoch unzählige Sound-Optionen.

Plus

  • enorme Vielfalt
  • klanglich stark
  • MIDI-Anbindung möglich
  • viele Routing-Optionen

Minus

  • Preis

Preis

  • 399,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    SynthUndMetal  

    Naja, das ist zwar der übliche Preis für die Chase Bliss Audio Pedals aber ob das für ein Verzerrer Pedal wirklich Sinn macht sei mal dahingestellt. Welche Zielgruppe will man denn damit erreichen? So ganz erschließt sich mir das nicht.

  2. Profilbild
    Hein Bloed  

    Ich bin diesmal testweise gleich zu den Soundbeispielen gezogen, ohne zuerst den Artikel gelesen zu haben (sollte ich öfter tun). Für den halben Preis wäre das ein absoluter Instant-Buy, das Ding hat genau diese warme, dunkle Bösartigkeit, die scooped Metalzerren wie zerbrechliches Kinderspielzeug aussehen läßt. Ich finde auch die stacked Fuzz-Sounds toll.
    Leider außerhalb meines Budgets, shit.

    • Profilbild
      Dimi Kasprzyk  RED

      Ja – der Preis ist nicht grundlos der zentrale Minuspunkt. Ich sag’s aber mal so: trotz allem ist das Preis-Leistungs-Verhältnis durchaus angemessen: 33-potentielle Sounds, für die man noch zusätzlich Gain und Tone einstellen kann, ist nicht wenig.

  3. Profilbild
    Green Dino  AHU

    „Nicht das einzige Drive-Pedal, das MIDI-kompatibel ist, aber die einzige MIDI-fähige Analog-Zerre in Pedalformat“? – der Satz verwirrt mich irgendwie und auch wenn ich mich im Pedal-Jungle nicht wirklich gut auskenne, das Elektron Analog Drive ist z.B. auch analog und hat MIDI. :)

    Grüße ;)

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