Test: Electro Harmonix Stereo Talking Machine, Effektgerät für E-Gitarre

20. Juni 2021

Voicebox ohne Schlauch und mehr ...

Test: Electro Harmonix Stereo Talking Machine, Effektgerät für E-Gitarre

Eine Gitarre, die mithilfe eines Effektpedals sprechen kann, das war der Sound, den der britische Sänger und Gitarrist Peter Frampton schon immer suchte. Mit einer sogenannten Talk-Box wurde seine Live-Version von „Show Me The Way“ 1976 zum Hit und  der Tonträger „Frampton Comes Alive“ zum meistverkauften Live-Album der Popgeschichte. Sicher kennen viele von euch Gitarristen dieses legendäre Album. Ich hörte diese Scheibe sicher Tausende Male und insbesondere beim Titel „Do you feel, like we do“ wunderte man sich, wie die Gitarre plötzlich „sprechen“ konnte. Irgendwann erfuhr man, dass Peter Frampton eine sogenannte Talkbox benutzte. Dabei wird das Gitarrensignal einem Effektgerät (Bodentreter) zugeführt, welches mit einem kleinen Lautsprecher bestückt ist. Oberhalb dieses Lautsprechers wurde ein Schlauch befestigt, den man mit einem durchsichtigen Gartenschlauch vergleichen könnte. Führte man sich diesen Schlauch in den Mund, konnte man mit der Mundhöhle den Gitarrensound modulieren. Die Gitarre begann quasi „zu sprechen“. Peter Frampton erzeugte also seinen „Signature Sound“ zu einem nicht unerheblichen Anteil (abgesehen von seiner legendären schwarzen Paula, den Marshall-Amps und seinem Leslie-Kabinett) mithilfe dieses Pedals.

Nun gibt es die Electro Harmonix Stereo Talking Machine, die den Job ähnlich verrichtet, da hierzu kein Schlauch mehr vonnöten ist, aber deutlich „gebissschonender“. Zwar ist es damit nicht möglich, die gesprochenen Sätze mit der Gitarre auszudrücken, aber der Klang dieses Effektgeräts ähnelt Peter Framptons Signature Sound doch recht gut. Man erspart sich damit sicherlich auch dumme Fragen, wie beispielsweise: „Warum steckt der sich denn den Schlauch in den Mund, muss er sich denn ausgerechnet jetzt den Magen auspumpen?“ Spaß beiseite, schauen wir uns das Pedal nun einmal genauer an:

Doch halt! Eine interessante Geschichte wollten wir euch keinesfalls vorenthalten. Stichwort Peter Frampton: Für die Gitarren-Nerds unter euch sei in diesem Zusammenhang noch erwähnt (obwohl dies etwas „Off Topic“ ist), dass Peters legendäre Les Paul (die er übrigens von zwei P90-Pickups auf drei Humbucker umrüsten ließ), vor einigen Jahrzehnten im Gepäckraum einer Passagiermaschine und unglücklicherweise leider auch mit den sich an Bord befindenden Passagieren abstürzte. Viele Jahrzehnte später tauchte die Gitarre dann auf wundersame Weise wieder auf. Die Geschichte ist zu ergreifend, als dass man sie sich entgehen lassen sollte.

Electro Harmonix Stereo Talking Machine – Facts & Features

Die Electro Harmonix Stereo Talking Machine besitzt einen hochgradig anpassbaren, hüllkurvengesteuerten digitalen Vokalfilter, der mehrere bewegliche Filter verwendet und eine Fülle von abgefahrenen Sounds produzieren kann. Das Pedal ist recht groß (B x T x H): 146 x 121 x 64 mm, da es mit umfangreichen Funktionen ausgestattet wurde. Es ist gleichfalls robust verarbeitet und bietet eine interessante Optik. Über einen integrierten Effektweg (Send- und Return-Klinkenbuchse) können bei Bedarf beispielsweise ein Verzerrer oder natürlich auch weitere Effekte (Delay, Modulationseffekte etc.) eingescheift werden. Neben den Klinkenbuchsen für Ein- und Ausgänge (bei Bedarf auch in Stereo) finden wir auch eine weitere Buchse, an die ein Expressionpedal zur manuellen Steuerung des Filter-Sweeps angeschlossen werden kann. Das Pedal bietet True-Bypass, was heutzutage eher die Regel als die Ausnahme darstellt.

Electro Harmonix Stereo Talking Machine

12 Volt-DC Netzteil im Lieferumfang

An Bord sind zwei Fußschalter (Presets und Effekt-Bypass) und zwei hiermit korrespondierende Leuchtdioden. Das Pedal bietet neun individuell programmierbare und speicherbare Presets, die mithilfe dieses Schalters angewählt werden können. Sieben „menschliche“ Vokal-Filterkombinationen, ein klassisches Wah-Wah-Filter und der Dual-Band-Filter des EHX-Bassballs-Pedals. Darüber hinaus eine programmierbare Verzerrung zum Anfetten des Sounds und ein programmierbarer interner LFO für die automatische Modulation des Filters.

Im Lieferumfang befindet sich auch ein passendes Netzteil (12 Volt DC), welches über die übliche Hohlsteckerbuchse (5,5 x 2,1 mm, Minuspol innen) mit dem Pedal verbunden wird. Ein Batteriebetrieb wird nicht unterstützt und wäre bei der Stromaufnahme von 185 mA auch sinnlos. Will man die großen „Wandwarzen“ vermeiden, sollte das Netzteil des Pedalboards neben den üblichen 9 Volt DC auch über mindestens einen 12 Volt DC Anschluss verfügen und genug Power haben, um alle Pedale mit ausreichend Strom zu speisen.

Stereo Talking Machine – Regler und Bedienelemente

Schauen wir uns nun die Regler an, deren Funktion wir hier leicht abgespeckt behandeln, da die Möglichkeiten des Pedals sehr umfangreich und daher auch etwas komplex sein können.

Test: Electro Harmonix Stereo Talking Machine, Effektgerät für E-Gitarre

Sechs Regler für das Editieren

Die beiden orangefarbenen LEDs ganz rechts unter dem PRESETS-Regler zeigen die Position der Filter zu einem bestimmten Zeitpunkt an. Wenn beide LEDs nicht leuchten, befinden sich die Filter in ihrer Ruheposition.

BLEND –Steuert die Wet/Dry-Balance der Effektausgänge. Dreht man den BLEND-Knopf auf Linksanschlag, erhält man ein 100 % „trockenes“ Signal“. Dreht man  den BLEND-Knopf ganz auf, hört man ein 100 % „Wet-Signal“ ganz ohne trockenen Anteil. Eine Mischung der Wet- und Dry-Signale erhält man, wenn der BLEND-Regler irgendwo zwischen den extremen Einstellungen eingestellt wird.

VOICE – Wählt eine der neun „Sprachoptionen“ aus. Durch Drehen des VOICE-Reglers ändert sich also der Filtertyp. Eine entsprechende LED blinkt kurz, wenn eine neue VOICE ausgewählt wird, um die Änderung anzuzeigen.

ATTACK – Variiert die Anstiegszeit des Filter-Sweeps. Die Anstiegszeit ist die Geschwindigkeit, mit der der Hüllkurvengenerator von seiner Ruheposition in seine maximale Position fährt. Alle Klangbeispiele dieses Tests wurden beispielsweise mit dem ATTACK-Regler auf Linksanschlag eingespielt, sodass der Effekt sofort hörbar wird und nicht erst nach einer entsprechenden Verzögerung auftritt.

DECAY –Beeinflusst die Abfallzeit des Filter-Sweeps. Die Abfallzeit ist die Geschwindigkeit, mit der sich der Hüllkurvengenerator von seiner maximalen Position in seine Ruheposition begibt.

SENSIVITY – Steuert die Eingangslautstärke, bei der die Filter beginnen, sich zu bewegen.

PRESETS: Wird der Preset-Regler (weiß, rechts oben) gedrückt, schaltet sich das Pedal in den „Edit-Modus, so können diverse Parameter im Untermenü (Fuzz, LFO-Filtermodulation und Lautstärkeregelung) nach den persönlichen Vorlieben editiert werden. Mit diesem Knopf können die editierten Presets dann auch auf den gewünschten Speicherplätzen abgelegt werden.

Hier eine Übersicht des Untermenüs, in dem sich u. a. weitere Parameter, welche beispielsweise die Verzerrerabteilung (Fuzz) und den Low-Frequency-Oscillator betreffen, fein einstellen lassen.

Test: Electro Harmonix Stereo Talking Machine, Effektgerät für E-Gitarre

Anpassung diverser Parameter im Untermenü

Es stehen also genug Möglichkeiten zur Verfügung, den Klang in allen Bereichen nach den eigenen Vorlieben zu gestalten, in der Lautstärke anzupassen und auf die gewünschten Speicherplätze zu legen, um diese vor allem auf der Bühne oder im Studio schnell abrufen zu können.

Das Handling der EHX Talking Machine

Das Pedal bietet eine Fülle von Editier-Möglichkeiten, die erfreulicherweise übersichtlich angeordnet wurden und intuitiv zu bedienen sind. Etwas Zeit sollte man sich dennoch gönnen, um dies alles auszuprobieren, da es Verschwendung wäre, nicht auch möglichst viel davon auszuprobieren und einzusetzen.

Hat man sich mit dem Pedal auseinandergesetzt und die gewünschten Sounds abgespeichert, erledigt der Presets-Fußschalter mit jedem Betätigen das Umschalten in das nächst höhere Preset. Eine Limitierung der Presets auf eine geringere Anzahl ist hier nicht vorgesehen. Es existieren Pedale auf dem Markt, die dieses ermöglichen (z. B. das Nova-Delay von tc-electronics), denn neun Presets bei einem Auftritt zu handeln, kann stressig werden. Da das Pedal keine Anbindung an eine MIDI-Umgebung bietet, erfolgt die Umschaltung also nur (manuell. bzw. „pediell“). Eine MIDI-Schnittstelle wäre aufgrund des großen Funktionsumfangs sicherlich wünschenswert, würde aber auch sicherlich den recht moderaten Preis erhöhen. Man sollte die Umschaltung möglicherweise üben, wenn das Pedal vorwiegend auf der Bühne eingesetzt wird.

In folgendem Video bekommt man einen Eindruck der Klangpalette, welche man dem Pedal entlocken kann.

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Der Sound der Electro Harmonix Talking Machine in der Praxis

Hören wir uns nun einige Presets an:

Preset 1 macht Gebrauch vom eingebauten Fuzz und einer Filtermodulation, welche einen „sprechenden“ Ton erzeugt:

Preset 2 scheint das Wort „Aira“ zu sprechen und verleiht dem Riff einen leicht schmutzigen und mysteriösen Klang:

Preset 5 hat eine „phaserhafte“ Qualität, etwas „Flanger-artiges“ ist gleichfalls auszumachen:

Auch der Leslie-Effekt (Preset 7) klingt sehr ansprechend. Die Modulation des Filters ist hier recht schnell gewählt und generiert einen psychedelischen Sound, den man (ähnlich) seit den 60ern bzw. 70ern kennt:

Das letzte Klangbeispiel (Preset 9) würde Neil Young eventuell gefallen, da der Sound recht „kaputt“ anmutet. Hier ist auch ein gewisser Anteil am integrierten Fuzz-Effekt hörbar. Man beachte die Ausklingphase, in der man das Gefühl hat, ein Karpfen wolle sich zu Wort melden:

Die Presets sind nur ein kleiner Vorgeschmack, mit etwas Zeit und Experimentierfreudigkeit finden sich sicherlich noch viele weitere interessante Klänge.

Die Klangbeispiele wurden mit folgendem Equipment aufgenommen:

Stratocaster – Electro Harmonix Stereo Talking Machine – Peavey Classic 20 MH – MESA/Boogie 1 x 12″ Thiele Box mit Creamback Celestion Lautsprecher – Shure SM57 – Apogee Duett – Mac mit Logic.

Fazit

Die Electro Harmonix Stereo Talking Machine bietet eine riesige Palette an abgefahrenen Filter- und „sprechenden Sounds“ und macht einfach Spaß. Man kann beim Auftritt oder im Studio hiermit sicherlich Aufmerksamkeit erregen, da man diesen Effekt nur relativ selten hört. Aber auch die weiteren Modulationseffekte klingen interessant. Das Pedal ist aufgrund der gebotenen Klänge sicherlich nicht zu teuer.

Plus

  • Sound
  • Verarbeitung
  • Design
  • Handling
  • Preis-Leistungs-Verhältnis

Preis

  • 209,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    fanatic  AHU

    Das dieses Pedal natürlich keine Talkbox ersetzen kann in Bezug auf richtige Wörter oder Sprachverständlichkeit sollte jedem klar sein. Ein wenig sounds like Frampton oder Bon Jovi bekommt man hin. Aber soll es nach Bootsy Collins, Zapp, Daft Punk oder California Love klingen muss der Schlauch in den Mund. Wegpusten die Goldzähne.

    (….und warum verdammt habe ich jetzt Raab im Hinterkopf?……..);)

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