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Test: Harley Benton Aeolus Bengal Flame, E-Gitarre

12. September 2021

Semi-Hollow zum Taschengeldpreis

Man nehme eine Single-Cut im Stil der guten alten Les Paul, dazu die halbakustische Bauweise der legendären ES-Serie aus dem Hause Gibson – und schon steht die neue Harley Benton Aeolus Bengal Flame in den Startlöchern. Die Low-Budget-Profis aus dem Hause Thomann haben erneut zugeschlagen und präsentieren eine Semi-Hollow, die in der Pro-Serie des Herstellers zu finden ist und dennoch wieder zu einem Preis erscheint, der sie auch für Einsteiger erschwinglich macht. Dabei sind die Zutaten beachtenswert: Hals aus geröstetem Ahorn, ein solider Mahagonikorpus, Mechaniken von Grover und Pickups von Tesla befinden sich mit an Bord dieser Halbakustik, die es in zwei verschiedenen Farben gibt. Neben „Frost Flame“ hat der Käufer noch die Wahl eines weiteren Finishs in „Bengal Flame“ und genau dieses Modell ist bei uns in der Redaktion nun zum Test eingetroffen.

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Harley Benton Aeolus – Facts & Features

Vom besagten Mahagonikorpus ist nicht viel zu sehen, denn die Rückseite der Aeolus wurde mit einer schwarzen, hochglänzenden Lackschicht überzogen. Positiv zu bemerken sei an dieser Stelle bereits, dass sowohl die Abdeckklappe für die Elektronik als auch die für den Dreiwegeschalter im oberen Teil des Bodys versenkt eingesetzt wurden – das sorgt im wahrsten Sinne des Wortes für einen „reibungslosen Betrieb“. Die Decke besteht aus gesperrtem Ahorn, ist leicht gewölbt und besitzt an ihren Rändern ein Binding und natürlich die beiden F-Löcher, die sauber ausgesägt wurden. Ein genauer Blick in die beiden Resonanzkammern zeigt nicht nur eine gute Verarbeitung ohne herausragende Holzsplitter oder etwa Leimreste, sondern zeigt auch einen Sustainblock in der Mitte, der das Instrument widerstandsfähig gegenüber unerwünschten Feedbacks macht und auf dem die Hardware (Pickups und Steg/Tailpiece) befestigt wurden.

Auch die Decke wurde mit einer glänzenden Lackschicht überzogen – und das ebenfalls sehr sauber. Geschmackssache ist sicherlich der Verlauf des Burst-Finishs, meiner Meinung nach hätte man hier vielleicht mit nicht einem ganz so dicken schwarzen Lack an den Außenseiten der Decke arbeiten sollen. Trotz eines herkömmlich designten Hals-Korpus-Übergangs sind die oberen Lagen auf dem Griffbrett dank des großzügig ausgesägten Cutaways gut erreichbar. Bis zum letzten Bund Nr. 22 ist ein Übergreifen selbst für Spieler mit Schlosserpranken daher nicht nötig.

Harley Benton Aeolus Hals-Korpus

Harley Benton Aeolus Hals-Korpus-Übergang

Roasted Maple Neck

Selbst in dieser niedrigen Preisklasse muss man auf den wohl angesagtesten Trend der letzten Jahre im Bau von elektrischen Gitarren nicht verzichten – ein Hals aus wärmebehandeltem Ahorn. Sicherlich kann man hier keine Customshop-Qualität erwarten, dennoch ist die Oberfläche des eingeleimten Halses sehr schön anzusehen und zudem durch die nur satinierte Behandlung wunderbar griffig ausgefallen. Darüber hinaus besitzt das gute Stück einen Compound-Radius, was bedeutet, dass die Dicke vom ersten Bund und 22 mm bis hinauf zum letzten und seinen 24 mm kontinuierlich zunimmt.

Das C-Profil entspricht doch eher einer klassischen Semi-Akustik denn einer modernen Form, es gibt also durchaus genügend „Fleisch“ zu greifen für die linke Hand. Illuminierte Side-Dots am Rand des Griffbretts weisen auch auf dunklen Bühnen sicher den Weg, während auf dem Griffbrett selbst schlichte Punkte aus Perlmutt Verwendung finden. Und sollte einmal eine Korrektur des Halswinkels anstehen, so geschieht das aufgrund des Speichenrads am Halsfuß in Sekundenschnelle.

Graph Tech Sattel und Grover Klemmmechaniken

22 Bünde gilt es zu bespielen und die wurden vorbildlich in das Griffbrett eingesetzt, an den Kanten abgerichtet und auf ihren Oberflächen ausreichend poliert. Ein Sattel des US-Herstellers Graph Tech führt die sechs Drähte sauber zu den Mechaniken an der Kopfplatte, die ebenfalls ein Hersteller aus den USA beisteuert, Grover nämlich. Bei den Tunern handelt es sich um Typen mit Klemmmechanismus, die einwandfrei und faktisch ohne Spiel auf ihren Achsen ihre Arbeit verrichten.

Harley Benton Aeolus Grover Tuner

Klemmmechaniken von Grover sorgen bei der Aeolus für dauerhaft gute Stimmung

Pickups von Tesla mit Coil-Split-Option

Seit geraumer Zeit setzt Harley Benton neben den Roswell-Pickups auch Modelle des noch recht unbekannten Herstellers Tesla in ihre Instrumente ein. Zwei davon gibt es bei der Harley Benton Aeolus, genau genommen die Humbucker-Typen VR-2 AlNiCo 5, die über das Anheben des Tone-Potis auch als Singlecoils betrieben werden können. Ausgewählt werden sie über einen Dreiwegeschalter, der wie bei der guten alten Paula im oberen Teil des Korpus sitzt. Natürlich gibt es auch noch ein Volume-Poti, das regelt gleich beide Pickups in ihrer Lautstärke. Sowohl die Potis als auch der Schalter können in ihrer Qualität überzeugen: Der Schalter rastet kräftig und spürbar in seinen drei Positionen ein und die Potis laufen sauber und mit einem gesunden Widerstand auf ihren Achsen. Lediglich das Anheben des Tone-Potis könnte sich aufgrund der spiegelglatten Oberfläche der Knöpfe besonders bei schweißnassen Händen etwas schwierig gestalten. Sollte das in der Praxis Probleme bereiten, so empfiehlt sich das Tauschen der Knöpfe gegen Modelle mit einer griffigeren Oberfläche. Kostet nicht die Welt.

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Zwei Tesla VR-2 AlNiCo 5 Humbucker sorgen für die Abnahme des Klangs

Die Harley Benton Aeolus in der Praxis

Akustischer Grundsound/Handling

Hinsichtlich ihrer Verarbeitungsqualität muss sich die Harley Benton Aeolus selbst hinter doppelt so teuren Instrumenten keineswegs verstecken. Ein Fakt, den man bei Gitarren und Bässen von Harley Benton ja mittlerweile schon fast gewohnt ist. Vorbei sind die Zeiten, in denen krumme Hälse, Lacknasen oder brummende Pickups das Bild prägten – mit jeder Generation geht es ein spürbares Stück aufwärts und auch die Aeolus ist ein gutes Beispiel dafür.

Mindestens genau so wichtig wie eine gute Verarbeitung ist jedoch der Klang und die Bespielbarkeit einer Gitarre, bei diesen Punkten trübt sich jedoch das Bild leider. Bereits trocken angespielt bietet die Aeolus kein besonders strahlendes oder dynamisches Klangbild, etwas zäh wirkt die Fuhre insgesamt betrachtet, auch wenn der Hals eine gute Bespielbarkeit bietet. Zumindest dann, nachdem man die Saitenlage korrekt eingestellt hat, was bei unserem Testinstrument allerdings nicht der Fall war. Wo das Attack noch als ausreichend bezeichnet werden kann, ist in Sachen Sustain nicht viel drin, die Akkorde und vor allem einzeln gepickte Noten verlieren recht schnell an Kraft und Ausdruck.

Elektrischer Sound

Daran können auch die beiden Tesla-Pickups nicht viel ändern, obwohl sie mit ihrem nicht ganz so ausgeprägten Mittenbild und den geringen Nebengeräuschen grundsätzlich positiv auffallen. Aber wie wir ja alle wissen, funktioniert nicht jeder Pickup automatisch mit jeder Gitarre und es sei daher nicht ausgeschlossen, dass die beiden Tesla-Humbucker in einem anderen Instrument ein ganz anderes Bild abgeben. Tatsächlich gefallen mir persönlich die Singlecoil-Sounds besser als die eher spröde und mehr oder minder muffig klingenden Klänge im Humbucker-Modus. Es fehlt dort ganz einfach die Frische in Form von stärker betonten Höhen und Präsenzen, die die Grundkonstruktion den beiden Teslas aber eben nicht liefern kann. Diese eher „zähe“ Klangbild setzt sich also auch beim Anschluss am Amp fort und zieht die Performance somit ein deutliches Stück nach unten.

Harley Benton Aeolus – Klangbeispiele

Für die nun folgenden Klangbeispiele habe ich die Harley Benton Aeolus in den Eingang eines Mesa/Boogie Studio 22+ Combos eingestöpselt. Vor dem Amp wurde ein AKG C3000 Mikro positioniert, aufgenommen wurden die Tracks mit Logic Audio.

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Fazit

Mehr Schein als sein? Nun, um ehrlich zu sein: Ich habe mir nach den starken Vorstellungen von Gitarren aus dem Hause Harley Benton in unserer Redaktion von der Aeolus etwas mehr erhofft. Zumal die Specs, wie etwa der Roasted Maple Neck, die neuen Tesla-Pickups oder die solide Hardware hier schon neugierig machen. Trotz der Kritik sollte man aber nicht vergessen, dass die Aeolus im Handel für nur knapp 400,- Euro zu bekommen ist – und dafür ist das Ergebnis unterm Strich befriedigend.

Plus

  • Verarbeitung
  • solide Hardware/Schalter und Potis
  • günstiger Preis

Minus

  • Klang nicht sehr überzeugend
  • hohe Saitenlage beim Testinstrument

Preis

  • 399,- Euro
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    DocSchneider

    Vielen Dank für diesen ehrlichen Test! Nach einigen sehr positiven Bewertungen zu dieser Gitarre im Netz, hatte ich tatsächlich erwogen, die Axt einmal vor Ort in Burgebrach gegen eine Gretsch G5422 und gegen eine Ibanez AS153 anzuspielen. Eigentlich hätte ich es ja besser wissen müssen: Ich habe in meinem Leben schon zu viele günstige Gitarren ge- und wieder verkauft, die toll aussahen und für meine Ohren zunächst einmal „authentisch“ klangen. Spätestens bei Aufnahmen oder im direkten Vergleich mit höherwertigen Gitarren bei Sessions mit Kollegen, merkte ich dann aber, dass es meinen günstigen Geigen deutlich an Transparenz, Spritzigkeit und Durchsetzungsfähigkeit mangelte. Der Olli von Session Music wird ja nicht müde zu betonen, dass Höhen bei Gitarren einfach ihren Preis hätten. Das überzeugt mich zwar einerseits, andererseits ist die Aussicht, mit 2000,- Euro günstiger wegzukommen einfach zu verlockend… Zumal ja auch immer wieder Testberichte zu höherpreisigen Markenprodukten veröffentlicht werden, die sehr negativ ausfallen (siehe Signature-Fender Amps), was einen dann wieder verunsichert („Warum soll ich knapp 3000,- Ocken raushauen, wenn ich dafür nicht die Garantie für ein toll klingendes Instrument bekomme…?“).

  2. Profilbild
    gs06  

    Also die zentrale Grundaussage des Tests, „eine erstaunlich gute Verarbeitung zu diesem Preis (und hochwertig anmutende Optik) aber leider nur eine mit deutlichen Schwächen behaftete klangliche Performance“ habe ich nun schon so häufig über HB-Gitarren gelesen, dass ich sie schon fast erwarte, wenn ein neues Instrument der Marke getestet wird. Man sollte eben keine Wunder erwarten und diese Instrumente als das bezeichnen, was sie sind: gut gefertigte Anfängerinstrumente, die einen sehr günstigen Einstieg ermöglichen können. Für Leute, die schon ein hochwertiges Instrument ihr Eigen nennen, lohnen sie sich aber auf Dauer eher weniger aufgrund der verständlichen Limitierungen, die letztlich bei dem günstigen Preis nicht zu vermeiden sind.

    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      Sehr schön auf den Punkt gebracht, dem kann ich (fast) nicht hinzufügen. Außer, dass es bei bei Regeln auch immer Ausnahmen gibt: Ich habe nach dem Test einer 89,- Euro teuren HB Tele das Instrument behalten. Einfach, weil es verdammt gut klingt, sich toll bespielen lässt und schön aussieht. Den Test dazu findet man hier: https://bit.ly/391lxCo

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