Test: IGS Audio Tubecore 3U, Vari Mu Kompressor

6. März 2017

Welche Röhre darf es sein?

Die jahrzehntelang fast vergessene Kunst des Röhrenkompressor-Baus erfreut sich seit einiger Zeit wieder steigender Beliebtheit. Viele neuere Geräte sind mehr oder weniger Klone längst vergangener Vintage-Dinosaurier, es kommen aber auch vermehrt Eigenentwicklungen auf den Markt. Die Firma IGS Audio ist ein High End Audio Hersteller aus dem östlichen Nachbarland Polen. Seit etwa 15 Jahren ist das Unternehmen am Markt aktiv und hat neben Kompressoren auch Vorverstärker, EQ und sogar ein Hallgerät im Programm. Unter dem Namen Tubecore bot man früher den Vorgänger des Testgeräts, einen Vari-Mu Röhrenkompressor mit damals noch 2 HE an. Die aktuelle 3 HE Version IGS Audio Tubecore 3U soll nun in vielerlei Hinsicht eine Verbesserung darstellen.

Überblick

Das wuchtige, schwarze Frontpanel mit überdimensionierten rustikal wirkenden Kunststoffknöpfen weckt Erinnerungen an das goldene Zeitalter der Röhrentechnik, genauer gesagt an den legendären Vari-Mu Kompressor Fairchild Model 670, der Ende der 1950er Jahre das Licht der Welt erblickte. Dieses mit Röhren und Übertragern vollgestopfte stromfressende Ungetüm gilt gemeinhin als heiliger Gral der Dynamikbearbeitung. Der Gebrauchtmarktpreis bewegt sich auf dem Niveau eines hochwertigen neuen Mittelklassewagens und die verwendeten Röhren vom Typ 6386 waren lange Zeit kaum noch erhältlich und dementsprechend teuer, bis sich der tschechische Hersteller JJ Electronics vor einigen Jahren entschied, sie neu aufzulegen.

Soviel zur Geschichte, denn der IGS Audio Tubecore 3U ist kein Klon des F670 und die Ähnlichkeiten erschöpfen sich bereits bei der Gestaltung der Vorderseite. Die Schaltung ist grundlegend anders und das Steuersignal (d.h. die Sidechain) kommt ohne Röhren aus, die hier moderneren Operationsverstärkern weichen mussten. Das spart Platz, Gewicht, Strom und nicht zuletzt auch Kosten. 7 kg bringt der Kompressor auf die Waage, ohne Netzteil, denn dieses ist extern und wird über ein 1,5 m langes Kabel angeschlossen und über einen siebenpoligen Stecker fest mit dem 19“-Gerät verschraubt.

Mastering ist die erklärte Hauptanwendung des Geräts, weshalb statt Potentiometern ausschließlich Schalter zum Einsatz kommen und damit für jede Einstellung diskrete, leicht reproduzierbare Werte vorliegen. Beide Kanäle sind genau aufeinander abgestimmt, nach Herstellerangaben beträgt die Abweichung nur maximal ±0,1 dB. Der Signalpfad ist komplett symmetrisch ausgeführt.

Der IGS Audio Tubecore 3U arbeitet grundsätzlich im Dual Mono Modus, d.h. beide Kanäle sind eigenständig, eine Summierung der Sidechains gibt es nicht. Ebenso wenig existiert eine Schaltung wie z.B. bei den SSL-Buskompressoren, die jeweils den lauteren Kanal als Grundlage für die Dynamiksteuerung heranziehen. Wie der Fairchild F670 bietet der Tubecore 3U aber einen Mid/Side-Modus. Dabei können das Mittensignal und das Seitensignal getrennt bearbeitet werden, eine Funktion, die vor allem für Vinyl-Mastering hohe Bedeutung hat, aber auch darüber hinaus sehr nützlich sein kann.

Die zur Wahl stehenden Attack- und Release-Zeiten erinnern dagegen an einen SSL-Summenkompressor. Beim Attack sind es 0,1 ms, 0,3 ms, 1 ms, 3 ms, 10 ms und 30 ms, bezüglich Release kann zwischen 0,1 s, 0,3 s, 0,6 s, 1,2 s, 2,4 s sowie 4 s umgeschaltet werden.

Eine Besonderheit sind die zwei Bypass-Stellungen mit identischen Eigenschaften, die einen bequemeren Vergleich ermöglichen sollen. Es handelt sich um einen echten Hard-Bypass, d.h. das Signal wird komplett am Kompressor vorbei geführt.

Zudem gibt es ein Hochpassfilter, das zwischen den Positionen „aus“, 60 Hz und 120 Hz umschaltbar ist und damit störende Einflüsse amplitudenstarker tiefer Signalanteile aus dem Sidechain-Signal entfernen kann. Eine sowohl auf Einzelsignalen, wie z.B. Popp-Lauten bei einer Stimme, als auch bei ganzen Mischungen, etwa durch die laute Bassdrum, äußerst sinnvolle Einrichtung.

Praxis

igs_tubecore3u_front

Der Aufbau des Frontpanels folgt von links nach rechts dem Signalfluss

Ganz links befinden sich die orange leuchtenden VU-Meter. Gleich daneben lässt sich zunächst in 24 Schritten die Vorverstärkung einstellen, 35 dB sind maximal möglich, es ist daher kein Problem zu übertreiben und die Eingangsstufe zu überfahren. Diese hat ihre Aussteuerungsgrenze bei 22 dBu. Denkbar ist es angesichts der großzügigen Verstärkungsleistung übrigens auch, das Gerät tatsächlich als Vorverstärker für beispielsweise Mikrofonsignale zu verwenden.

Anschließend bestimmen Attack- und Relase- im Zusammenspiel mit dem Threshold-Regler die Kompression. Hier ist zwischen den Werten 0, -1, -2, -5, -7 sowie -12 dB zu wählen. Minimale bis moderate Kompression ist bei diesen Schwellenwerten die Regel, wie man es beim Einsatzzweck Mastering auch erwarten würde; – 20 dB gibt der Hersteller als maximale Kompression an.

Danach folgt der Output-Regler, ein Abschwächer, der in 24 Schritten das Signal um bis zu 12 dB leiser machen kann, bevor dieses „nasse“ Signal bei Bedarf im „Mix“ Regler mit dem unbearbeiteten („trockenen“) Signal gemischt werden kann.

igs_tubecore3u_blockdiagram

Der Clou ist die Möglichkeit der Verwendung verschiedener Röhrentypen in der Eingangsstufe, wo auch die Kompression erzeugt wird. Das Gerät muss zum Wechseln der Röhren nicht geöffnet werden, stattdessen gibt es Einschübe auf der Rückseite. Auf einen Schutz wurde allerdings komplett verzichtet. Die zu einem guten Teil herausragenden Röhren sind daher der Gefahr einer Beschädigung ausgesetzt, so lange der Kompressor nicht fest im geschlossenen Rack eingebaut ist. Mitgeliefert werden russische NOS Röhren („New Old Stock“, d.h. unbenutzt und aus alter Produktion) vom Typ 6N1P–EW, deren Eigenschaften dem Hersteller zufolge „Standardkompression“ hervorbringen. Derselbe Typ wird auch in der Ausgangsstufe verwendet, auch diese Röhren sind von außen zugänglich. Für „druckvollen, transparenten“ Klang kann in der Eingangsstufe der Röhrentyp 6BC8/6BZ8 – bekannt aus dem verbreiteten Vari-Mu Kompressor Altec 436 – verwendet werden. „Legendäre Kompression“ erzielt man mit der aus dem Fairchild F670 bekannten Röhre Typ 6386. Für einen „dunklen und tiefen“ Sound verwendet man am besten Röhren des Typs 5670 …

igs_tubecore3u_tubesInnenleben

Weil im Inneren des IGS Audio Tubecore 3U ein Klappern vernehmbar war, kamen wir nicht umhin, den Deckel zu entfernen. Hierzu ist es erforderlich, eine Reihe der bei polnischen Pro Audio Herstellern offenbar beliebten, aber leider wenig nutzerfreundlichen Torx-Schrauben zu lösen. Da  es sich um ein eng bestücktes Hochvoltröhrengerät handelt und der Wechsel der Röhren ohne Öffnung des Geräts möglich ist, sollten Unkundige wegen der reellen Gefahr eines elektrischen Schlags auch beim vom Netz getrennten Gerät tatsächlich Zurückhaltung üben.

Das Problem war schnell behoben, es hatte sich lediglich eine Kreuzschlitzschraube an einer Platine gelöst, die schnell wieder befestigt war.

Im dicht gepackten und größtenteils in Durchsteckmontage aufgebauten Innenraum finden sich hochwertige Bauteile, unter anderem Cinemag-Übertrager, Elma-Schalter, Wima-Kondensatoren, Zettler-Relais‘  und – bei einem Röhrengerät zunächst unerwartet – auch diverse ICs, insbesondere von Analog Devices.

igs_tubecore3u_inside1

Messungen

Störgeräusche wie Brummen waren zwar niedrig, aber durchaus über dem Grundrauschen auszumachen. Die in der Anleitung angegebenen -110 dB Störabstand wurden zumindest beim Testgerät nicht erreicht. Auch bezüglich der harmonischen Verzerrungen schaffte es die für ein Röhrengerät auch bemerkenswert niedrigen Herstellerangaben nicht, was aber keinen hörbaren Nachteil bedeutet.

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    cher  

    Danke für den Artikel und für die Tips mit alternativen Röhren. Es weckt Neugierde und veranlasst zum Experimentieren… Die Soundbeispiele sind m.M. nach nicht unbedingt glücklich gewählt, denn es kommt dadurch nicht diese Art von „Magie“ rüber, die das Gerät dem Mastersignal beigibt.

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    AMAZONA Archiv

    also wenn schon varimu, dann bitte was richtiges,
    http://bit.ly/1qGTpth
    diese warmduscher version, mit platinen.. eigentlich ein nogo für röhren, hat halt das typische heizung nicht verdrillt brummen problem.

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      fkdiy  

      Hi, könntest du noch einmal kurz erläutern, was du damit meinst? Hat Direktverkabelung ohne Platinen einen wirklichen Vorteil? Von through-hole vs smd Bestückung habe ich schon häufiger gelesen, aber das ist mir neu. Danke schonmal! :)

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          AMAZONA Archiv

          liebster digital-synthologie ••••
          herzlichen dank für dein fachwissen…
          @fkdiy netzteile für röhren sind eine wissenschaft für sich…
          viele alte geräte zb. haben eine ac heizung, sauber verdrillte leiter, hat den effekt, das sich die störfelder gegenseitig auslöschen, hier nachzulesen, http://bit.ly/2nb9Ajw
          ist die heizung dc, so tritt dieser effekt auch auf.. dh.. immer verdrillen…
          desweiteren streuen schaltnetzteile übelsten swichting noise ein, für heizung gänzlich unbrauchbar, und für die hochspannung auch nicht das gelbe vom ei, ka. was im polnischen gerät drin ist.. aber die geringe grösse könnte schon darauf schliessen
          ich für meinen teil verwende analoge labornetzteile für die heizung, ist teuer, und grösser als das ganze netzteil vom hier vorgestellten varimu.. aber es brummt nichts..
          und eine saubere ac heizung ist vielfach besser als eine schlechte dc heizung..
          röhren und platinen im allgemeinen.. habe viele conrad johnson endstufen brennen sehen, der mc intosh 2012 war da auch dabei.. hochspannung hat das doppellayer durchschlagen..
          beim kleinsignal leidet vor allem die pulsleistung.. mangels querschnitt in der stromversorgung..
          das ganze ist nicht soo einfaches thema..

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            fkdiy  

            Danke für die ausführliche Erklärung! Werde mich jetzt nochmal ausführlicher in das Thema einlesen – da hab ich eine Bildungslücke.

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    Paul Tunyogi-Csapo  

    Die Soundbeispiele sind wirklich nicht gut.
    Die Kollegen von Bonedo haben Demos gemacht, die genau den Zauber einfangen.
    Ein tolles Gerät, welches den großen Firmen Angst machen sollte.

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      naja der hcl varis compressor geht für ca. 1700 teuros über die bühne.. ohne brumm.. und handverdrahtet..

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        Paul Tunyogi-Csapo  

        Also ein Brummen konnte ich bei den Demos der Kollegen nicht wahrnehemn, von daher kann ich nur das beurteilen was ich zu Gehör bekomme.

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    Störgeräusche wie Brummen waren zwar niedrig, aber durchaus über dem Grundrauschen auszumachen. Die in der Anleitung angegebenen -110 dB Störabstand wurden zumindest beim Testgerät nicht erreicht

    noch fragen ?

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      cher  

      Oh Mann??! Ich weiß nicht, woher Deine Erfahrung mit dem Gerät kommt, mich würde auch der Grund für Deine Agressivität interessieren, kann Dir aber sagen, daß bei meinem Tubecore definitiv KEIN Brummen entsteht, nicht einmal ein Bißchen. Lass mal Dampf ab…

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        auch an dich… ? das ist text aus dem bericht… da musst du dich wohl an Gregor Scherer wenden.. sry

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        dilux  AHU

        hallo? hier wirkt nur einer aggressiv, und das bist du…
        pppch hat sicherlich diesen nerdigen, technischen blickwinkel auf alles, was beim thema musik produzieren mit elektronik zu tun hat, aber aggressiv ist er mir noch nie aufgefallen.

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          danke für die blumen.. aber nenn mich doch bitte freak.. für nerd bin ich zu wenig hypster :D

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            AMAZONA Archiv

            könnte durchaus sein.. das dauerberieselung mit so aggressiven signalen http://bit.ly/2mHDI9G hörstress und damit auf aggressionen auslöst….wird ja voll ins audiosignal gemischt.. edel..

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      ? das ist text aus dem bericht… da musst du dich wohl an Gregor Scherer wenden.. sry..

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    Sudad G  

    Bei den Soundbeispielen hätte man auch ein Freeware-Röhren-Kompressor Plugin nehmen können, was mindestens genauso gut geklungen hätte.
    Vielleicht das nächste mal ein Stereofile als Beispiel nehmen, bei dem man das „Magische“ eines solchen Gerätes auch wahrnehmen kann. Ich höre hier keine Klangveränderung oder gar Verbesserung. Sorry!

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    @ Gregor Scherer was ist das für ein netzteil, schaltnetzteil, oder ein klassisches zb. mit lm für die heizung ?

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      g.scherer  RED

      Vermutlich ein Schaltnetzteil, ein lineares würde mehr Platz benötigen und auch deutlich mehr Wärme produzieren.

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    psv-ddv  AHU

    Eingutes Indiz für die Verwendung von Schaltnetzteilen ist der Bereich der zulässigen Eingangsspannung: 110V-250V ohne Umschalten = Schaltnetzteil.
    Die Dinger sind die Pest. Ich habe noch kein wirklich gut klingendes Audiogerät mit Schaltnetzteil erlebt. Keines. Wenn der IGS einen solchen Stromhäcksler hat ist das ein Ausschlusskriterium für mich.

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    AMAZONA Archiv

    ganz vergessen.. und ja Herstellerangaben : Voltage 115/230V AC, 50-60Hz einzig die primärseite sicherung muss angepasst werden

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