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Test: Manikin-Electronic Memotron M2K, Mellotron Klon

9. März 2011

Der Mellotron Memotron Klon

Manikin Memotron

Das Memotron…

…habe ich vor zwei Jahren zum ersten Mal gesehen, und zwar aus dem Augenwinkel. Es war auf der Frankfurter Musikmesse, mitten in der Superbooth, die, wie immer, voll gepackt war mit feinstem analogen Equipment. Trotzdem reagierte mein Gehirn unbewusst auf eine wohlbekannte Form und Farbe, ein bewusster Blick später war klar, auf was meine reizüberfluteten Sinne so reagiert hatten: Da lag das Oberteil eines Mellotrons vom Typ M400, später auch als Novatron bekannt. Erst sah es aus wie unter die Guilloutine geraten, aber nach Abtasten und näherem Betrachten erwies es sich als Prototyp eines spezialisierten Sample Players mit einem äußerst puristischen Design. Heute steht es vor mir, das Ergebnis mehrjähriger Entwicklungsarbeit, und ich muss sagen, das Wiedersehen mit einem alten Freund könnte kaum sensibler ausfallen. Der oder besser gesagt die Klänge eines Mellotrons finden auch in der heutigen Zeit, ungeachtet der unterschiedlichsten Musikstile, ihre Verwendung und sind gar aus einigen Bereichen wie der klassischen EM oder des Progressive Rocks, der gerade seinen x-ten Frühling anstrebt, überhaupt nicht wegzudenken.

Nun werden aber aus diversen Ecken gut gemachte Samples aus einer Vielzahl damals verwendeter Bandrahmen angeboten, die als Futter diverser Hard- und Software Sampler bzw. Sample Player dienen.

Was also können Thorsten Feuerherdt und Markus Horn, ihres Zeichens Betreiber und Entwickler von Manikin Electronic, in die Waagschale werfen, um ihr neues Produkt, das Memotron, an den Mann und vielleicht sogar an die ein oder andere Frau zu bringen?

Das Original. Ab 1963 am Markt in verschiedenen Versionen

Das Äußerliche

Jawohl, es ist Holz, überzogen mit einem hochwertigen weißen Lackgewand, und ich bin froh, dass dieses Mal kein Kaffeetassenrand in das Design Einzug gefunden hat.

Die Tasten sind ebenfalls dem originalen Aussehen nachempfunden und sehr angenehm zu spielen. Wer einmal auf einem originalen M400 in die Tasten gedrückt hat, kann sich bestimmt noch entsinnen, dass er an diesem Tage seine Kraftübungen für die Finger gleich mitgemacht hatte. Ich kann Ihnen schreiben, das damalige Kneten war nicht immer nur angenehm, hatte aber eben etwas mit dem Druck (nicht mit Anschlagsdynamik oder Aftertouch verwechseln) der Bänder auf die Tonköpfe zu tun. Das entfällt natürlich im digitalen Zeitalter.

Linker Hand sind die wenigen Bedienelemente untergebracht. Wir finden Regler für die Tonhöhe, die Lautstärke und die Klangfarbe. Darüber hinaus gibt es noch den ABC-Regler, zu dem ich weiter unten komme. Neu gegenüber dem Original ist ein Data Entry Regler, ein herrlich blau leuchtendes Display, ein Escape Taster und ein Halfspeed-Schalter, der, wie der Name schon sagt, dafür sorgt, dass die Instrumente halb so schnell und damit eine Oktave tiefer abgespielt werden.

Meines Wissens hat der Tastenspieler der Moody Blues, Mike Pinder, damals als Erster diesen dramatischen Klangeffekt bei einem Mellotron genutzt.

Auf der Rückseite finden wir das heilige Dreigestirn, MIDI In, Out und Thru, zwei Audioausgänge (L/R) als 6,3 mm Klinken, einen Kopfhörerausgang und einen Pedaleingang für ein optional erhältliches Schwellerpedal zur Lautstärkeregelung wie beim Original.

Des Weiteren findet sich noch ein Steck platz für eine Compact Flash Card zur Speicherung der bevorzugten Klänge und deren persönliche Einstellungen.

Alles wirkt sehr solide und bühnentauglich, gerade Letzteres ist wohl eines der Argumente hinsichtlich der Entstehung des Memotrons.

Die Bedienung des Memotron

Kinderleicht! Zur Grundaustattung gehört die Vintage Collection, damit Sie auch gleich loslegen können, denn nur wenige kaufen ihre Instrumente, um den Flur und das Badezimmer damit zuzustellen. Vintage ist hier wirklich Vintage, denn die Klänge wirken sauber und gut gesampelt, aber eben so, wie auch ein Mellotron geklungen hat. Es rumpelt und rauscht ein wenig, an manchen Stellen ist ein leichter Unterschied in der Dynamik des gespielten Tons im Gegensatz zum Rest des Tastaturbereichs erkennbar, alles ist eben so, wie man es von einem originalen Mellotron kennt. Und das ist positiv gemeint, denn es gehört für mich einfach dazu, denn das macht den schon als psychedelisch zu bezeichnenden Charakter eines Mellotronklanges aus.

Das Memotron ist eines der wenigen Instrumente, bei denen niemand Angst haben muss, dass durch das Sampling etwas am Leben der Klänge verloren geht. Mitnichten! Sie arbeiten mit den Samples eines historischen „Samplers“. Und dadurch können Sie von wirklicher Authentizität (lässt sich besser schreiben als aussprechen) reden.

Was Sie hier nicht finden werden sind geloopte Samples! Denn das hätte den Charakter der Klänge verbogen. Sie haben pro Taste 8 – 10 Sekunden an tonalem Material zur Verfügung, und es ist streckenweise bei genauem Hinhören schon zu hören, dass auch Flötisten die Luft ausgeht oder nicht alle 8 Sänger das Ende des Tones erreichen.

Beim Spielen haben Sie nun die Möglichkeit, mit dem passiven Filter z.B. Wahwah-Effekte zu erzielen oder mittels des Schwellerpedals oder des Lautstärkereglers ein wenig Amplitudenmodulation zu betreiben. Auch Pitchbending ist unter Zuhilfenahme des entsprechenden Reglers um bis zu 3 Halbtöne in beide Richtungen möglich. Als Beispiele für etwas außergewöhnliches Mellotronspiel, das mit dem Memotron rein technisch voll nachzuvollziehen ist und nur durch eigene Kreativität gebremst werden kann, seien hier „Epsilon in Malaysian Pale“ von Edgar Froese, „Pawn Hearts“ von Van Der Graaf Generator oder das erste Album von Matching Mole genannt.

Geladen werden die Klänge zunächst einmal über ein eingebautes CD-ROM Laufwerk, und zwar immer drei, so dass wir jetzt die Kurve zu dem ABC-Regler kriegen. Sie können jederzeit die Klänge umschalten und sogar Mischformen/Layer mit A/B und B/C erzielen. Das war auch früher so (dieser Effekt wurde durch Verschieben der Bänder, auf denen drei Klänge nebeneinander aufgespielt waren, auf den Tonköpfen erreicht) und wurde erfreulicherweise per Programmierung in das Jahr 2007 gerettet. Es besteht die Möglichkeit, diese Klänge auch auf die oben angesprochene Flash Card zu übernehmen, die immer im Gerät bleiben kann. Damit erhalten Sie eine zweite Quelle zum Bestücken des Arbeitsspeichers.

Was verbirgt sich im Display?

Durch die Track Settings haben Sie die Möglichkeit, Klänge von der CD oder der Compact Flash Card zu laden und zu speichern. Darüber hinaus werden ein Volume-, ein Attack-, ein Release- und ein Panorama-Parameter pro Klang angeboten.

Im Effect Setup wird ein digitales Effektgerät angeboten, das die gebräuchlichsten Effekte liefert. Regelbar sind hier die Auswahl (diverse Hall, Room, Plate, Chorus, Delay, Chorus/Room, Rotary Speaker) und der Effektanteil. Auch können Sie die Effektsektion an- oder ausschalten.

Die Effekte klingen sauber, sind aber recht unspektakulär. Sie bieten eben notwendige Grundprogramme, die einen großen Teil des Butter- und Brotbedarfs abdecken.

Zu guter Letzt sind im MIDI Setup noch der Receive Channel, der Transmit-Channel, Local Control, Transpositionsoptionen und die Device ID parametrisierbar.

Betriebssystem-Update V 1.3

Dieses Mal gibt es keine neuen Instrumente für das Memotron, dafür aber höchst angenehme Sachen in Form eines Updates für das Betriebssystem. Ich möchte jetzt an dieser Stelle nicht auf jedes Fixing eingehen, aber die größeren Änderungen gegenüber dem bisher Vorhandenem kurz beschreiben. Der Anwender ist jetzt in die Lage versetzt, komplette Bandrahmen in Form von drei ausgewählten Instrumenten A, B und C zu speichern. Diese Instrumente werden natürlich nicht noch einmal physisch gespeichert, sondern nur logisch in einer Frame-Datei. Die Anzahl der vorgehaltenen Rahmen ist nur durch den Speicherplatz der Karte begrenzt.

Es ist daher wichtig, die einzelnen Instrumente auch wirklich auf der Karte gespeichert zu halten. Die Namen für diese Frames sind frei wählbar. Des Weiteren werden nun auch die Parameter für Volume, Attack, Release und auch die Panorama-Position für jedes Instrument im Frame hinterlegt. Zusätzlich werden auch die Einstellungen des Effektbereichs mit dem virtuellen Bandrahmen abgespeichert. Verwaltende Menüs für diese neue Dateiart sind natürlich auch an Bord. Die Regelwege der Parameter Attack und Release wurden genauso optimiert wie der des Volume-Pedals. Da ich nun schon einige Zeit mit diversen Betatests verbringen durfte, kann ich nur sagen, dass das allgemeine Handling des Memotrons in Form der Bandrahmen-Objekte wesentlich besser geworden ist und damit für mich auch beim grundlegenden Charme ein paar Punkte zugelegt hat, denn nun ist der schnelle Wechsel der Instrumente ohne anschliessende Parametrisierung (sofern notwendig) schneller durchführbar. Das Update ist kostenfei auf der Manikin-Website erhältlich.

Mehr Bänder und Sounds

Die Studio Collection

Diese ist optional erhältlich. Die Klänge, die Sie auf dieser CD ROM finden, sind klanglich optimiert, basieren aber natürlich auf Originalsamples.

Nur haben Sie hier ein über die gesamte Tastatur sehr sauber angeglichenes Dynamikverhalten, genau geschnittene Attack- und Releasephasen ohne Störgeräusche und keine historisch bedingten marginalen Ausreißer mehr.

Solch sauber überarbeitete Multisamples habe ich bisher noch nicht gehört, es entspricht wirklich absoluter Studioqualität. Da fällt mir assoziativ gleich noch ein anderes altes Werk ein, dessen Mellotronaufzeichnungen mit dieser Studio Collection qualitativ in Einklang zu bringen sind: Genesis’ 76er Album „A Trick Of A Tail“ !

Aber es soll ja keine CD Besprechung werden, und auch nicht abwertend für die Vintage Collection sein. Beide Sammlungen haben ihre Berechtigung und werden den Bedürfnissen entsprechend eingesetzt werden. Manchmal nützt die etwas rauchige Vintage Flöte mehr als die aufpolierte Fassung.

Die Beschreibungen der CD-Inhalte können Sie sich übrigens auf der Manikin Website anschauen, dort finden Sie auch Einzelheiten zu den verwendeten Bandrahmen.

Die Vintage Collection 2

Nicht pünktlich zum Fest, aber kurz danach wird die neue CD von Manikin Electronic für das Memotron erhältlich sein. Bestückt ist sie mit neun weiteren Klängen aus dem fast unerschöpflichen Reservoir an Bandrahmen, die Klaus Hoffmann-Hoock sein Eigen nennen darf und zwei besonderen Instrumenten, einem Hohner Clavinet D6 und zwei vom Eminent 310 erstellten Multisamples, die besonders bei Jarre-Freunden der ersten Stunde für feuchte Ohren sorgen dürften. Wer glaubt, alles schon einmal gehört zu haben, darf gerade im Bereich der Mellotronklänge mit Überraschungen rechnen.

Geboten werden die M 300 Trombone, Viola, M 400 Mandolin, Orchestra, Moog Brass, MkII Vibes, Male Oh-Choir Custom, Hammond C3/Slow Leslie und 12 Violins.

Gerade beim Letztgenannten war ich persönlich überrascht, dass einmal mehr Mellotron Strings auftauchen, die wieder einen einmaligen Charakter aufweisen, so dass ich meinen persönlichen Lieblingsklang in diesem Instrumentenbereich nicht wirklich klar definieren kann.

Muss ich aber auch nicht, sind ja dank Memotron schneller auswechselbar als früher.

Die Viola und die Vibes fallen in dem rundum qualitativ hochwertigen Paket ebenfalls besonders auf. Der Chor klingt auf Grund seiner „Reinheit“ schon fast wie ein Vorläufer der späteren digitalen Sampler-Generation, Moog Brass und Orchestra klingen einfach nur mächtig

Vintage Collection 3

Nimmermüde erweist sich Manikin Electronic und offeriert mit der Vintage Collection III die fünfte Kollektion von Klängen für das Memotron. Wer geglaubt hat, es gäbe nichts Neues mehr, dürfte nach Konfrontation mit dieser erneut oder besser wiederum gewohnt sorgfältig erarbeiteten Sammlung eines Besseren belehrt sein. Verantwortlich für die Digitalisierung der originalen Bandrahmen zeichnet sich auch dieses Mal der Mellotron-Spezialist Klaus Hoffmann-Hoock, der über eine nicht unzählbare, aber doch reichhaltige Sammlung an Instrumenten und dazugehörigen Bandrahmen verfügt.

Aus der Abteilung Brass und Woodwinds erwarten den Memotron-Anwender die Klänge Bassoon, Clarinet, Tenor Saxophone und MkII Brass, die Abteilung Chor ist dieses Mal mit einem Multisample mit der Bezeichnung Roland Vocoder Plus Choir vertreten. Hierbei handelt es sich um einen extra für das Memotron erarbeiteten Klang aus dem Roland VP330. Die MkII Rock Guitar ist natürlich nicht dem Heavy Metal moderner Spielart zuzuordnen, sondern spiegelt eher den Sound der „Bonanza“-Titelmelodie-Gitarre wieder. An Tasteninstrumenten wurden ein MkI/II Piano und ein M300 Harpsichord hinzugefügt. Letzteres erinnert natürlich stark an die entsprechenden Klänge, wie man sie auf einigen typischen britischen Hits Ende der 60er gehört hat. Auch Metallisches ist dieses Mal mit von der Partie: Ein Glockenspiel und ein Vibraphone ohne Vibrato fanden den Weg in das Memotron. Bass-Klänge werden in Form eines Moog Taurus Basses und eines nur auf den Tasten 1 – 17 spielbaren MkII Accordion Basses mitgeliefert. Letzteres ist Bestandteil des wohl berühmtesten Mellotron-Intros der Progressive Rock-Geschichte, „Watcher Of The Skies“ von Genesis…richtig, das waren die Tage, an denen Phil Collins „nur“ der Schlagzeuger war. Vervollständigt wird diese Ausgabe durch die Eminent 310 Equinoxe Strings, die extra zu diesem Zweck aufgezeichnet wurden, also keinem originalen Bandrahmen entstammen. Der Meister von „Equinoxe“, Jean Michel Jarre, ist ja mittlerweile auch begeisterter Memotron-Spieler.

Die Klänge haben insgesamt den Reiz all der kleinen Unstimmigkeiten anbei, die einen Mellotronklang nun einmal von hochmodernen und auf Perfektion getrimmten Sampler-Klängen unterscheiden und das macht diese neuerliche Ausgabe eines Klangpakets so wertvoll. Es hat auch dieses Mal wieder großen Spaß gemacht, sich durch die „Bänder“ durchzuspielen.

Die Vintage Collection 4

Obwohl man sich fragt, was es denn jetzt noch geben könnte, schafft es Klaus Hoffmann-Hoock doch immer wieder, Überraschendes ins Feld zu führen, um dem Memotron- und neuerdings auch dem Memotron-Rack-Spieler mit neuen Instrumenten eine Freude zu machen. Dieses Mal hat er sich mit Unterstützung einiger, in den Credits genannten Helfern sehr seltenen Vintageklängen gewidmet, die aber teilweise selbst als Neuaufnahmen bestens zur Memotron-Philosophie passen. Streichinstrumente werden dieses Mal mit dem „New 3 Violins“-Instrument bedient, das schon längere Zeit außerhalb der offiziellen Mellotron-Library existiert, aber dennoch eine echte Bereicherung zu den bisher gebotenen Geigenklängen darstellt. In Sachen String Ensemble wird das „Logan String Melody II Orchestra“ mitgeliefert.
Der Blechbläserbereich wird mit einem mächtigen „Combined Brass“ aus der Novatron-Serie erweitert, „Trombone“ und „Trumpet“ kommen noch als Soloinstrumente dazu.
Der Pianobereich findet mit einem M 400 „Jangle Piano“ und dem seltenen, extra für diese Library erstellten „Fender Rhodes Piano Bass“ seine Berücksichtigung. Orgeln werden mit der „Vox Super Continental Organ“ und einer schönen, bislang in keiner anderen Library erschienenen M 300 „Leslie Organ“ dargeboten.
Eine auffällig gute Flöte aus dem Jahre 1966, die sich ebenfalls im M 300 Mellotron befand und ein gewaltiger Chor, bisher der quantitativ mächtigste Memotron-Chor namens „Russian Choir“, runden das instrumentale Angebot ab. Ein letztes Stück Vergangenheit findet sich dennoch auf der CD, die so genannten „Sound Effects“. 35, ursprünglich aus dem BBC-Klangarchiv zur Hörspielvertonung stammende, dann später ins M 400-Format umkopierte Effektgeräusche zeigen das Tron sehr schön auch als frühe Effektmaschine zur Unterhaltung seiner verblüfften Zuhörer.
Insgesamt stellt die neue VINTAGE 4-CD von Manikin Electronic eine Reihe sehr interessanter Klänge vor, die sich qualitativ gut in die bisher erschienenen Kollektionen einfügen und teilweise auch absolutes Neuland betreten.

Die Berlin School Collection

Der Begriff der Berliner Schule wird einigen Lesern vielleicht nicht viel sagen und so will ich sehr grob nur so viel erklären, dass die Musik von Klaus Schulze und Tangerine Dream, welche diese in den 70ern produzierten, zu dieser Begriffswelt gehört. Wissensdurstigen empfehle ich, Wikipedia und/oder Google zu bemühen, denn ich möchte mich jetzt der neuen optional erhältlichen Klangsammlung für das Memotron zuwenden.

Klaus Hoffmann-Hoock, Mellotron-Liebhabern als Sammler und Restaurateur von Originalinstrumenten wie auch als aktiver Musiker (Mind Over Matter) bekannt, hat die Bandrahmen der Originalmellotrone von Tangerine Dream und Klaus Schulze, zu denen auch Mark V/Twin-Mellotrone gehörten, aus seinem Archiv geholt und in professioneller Weise mit viel Sorgfalt für das Manikin Memotron digitalisiert. Und wenn mich mein Kenntnisstand über die Verfügbarkeit von digitalen Mellotron-Klängen nicht täuscht, handelt es sich um Unikate, denn nur für das Memotron wurden diese Klänge, die über ein Memotron-eigenes Datenformat verfügen, aufbereitet.

Nach dem Durchhören und -spielen der einzelnen „Tapes“ war erst einmal Durchatmen angesagt. Für mich lief wirklich ein kleiner Film des (Musik-) Lebens ab, denn viele dieser Instrument- und Effektklänge begleiten mich schon lange von diversen Tonträgern, teilweise so, dass ich bisher von einigen gar nicht wusste, dass sie einem Mellotron entstammten. Schallplatten und später CDs wie „Encore“, „Ricochet“, „Sorcerer“ und eine zwischenzeitlich überarbeitete Version von „Moondawn“ dienen als Zeugnis dieser Epoche, für die die meisten der hier vorgestellten Bänder erstellt und verwendet wurden.

Nun, wir wissen, wie kreativ Froese und Co. in ihrem Schaffen waren, und so haben sie es schon früh verstanden, im Studio erarbeitete und aufgenommene Klangeffekte für ein Mellotron aufzubereiten, wie wir es heute mit digitalen Samplern machen, und auf Bandrahmen überspielen zu lassen. So konnten mit hohem Aufwand an Einsatz und Technik realisierte Klangabläufe auch live jederzeit abgerufen werden, was heute dank unkomplizierter Samplingtechnologie keines besonderen Aufwandes mehr bedarf.

Nun stehen genau diese Chöre, Streicher, Effekte usw. (Genaueres können Sie sich hier anschauen) auch und in näherer Zukunft vermutlich nur dem Memotron-Anwender zur Verfügung, was dem eigentlichen Instrument einen weiteren Schub an Exklusivität vermittelt. Und für die Eigentümer eines Memotrons ist diese Kollektion ein absolutes Muss, auch wenn das eigene Tun nicht unbedingt in Richtung Berlin School zielt.

Schließlich konnten Memotrone bereits im Live-Setup der diesjährigen Tourneen von AIR und DREAM THEATER bewundert werden, so dass man mit Fug und Recht behaupten kann, dass dieses Instrument seine Feuertaufe mit Bravour bestanden hat und gut angenommen wird. Die Produktpflege mittels der vorgestellten neuen Kollektion wird den Status des Memotrons weiter festigen.

Das Memotron on YouTube

Fazit

Was soll man jetzt noch schreiben? Als Tester muss ich versuchen, möglichst objektiv an ein solches Gerät heranzugehen, aber ich muss zugeben, dass ein Mellotron bzw. eine Emulation in jedweder Form schon immer etwas Unruhe in mein Leben gebracht hat, weil ich dieses Instrument, seit ich zum ersten Mal eines bewusst gehört und dann auch noch gesehen hatte, schon immer geliebt habe.

Das bedingt natürlich gegenüber solchen Produkten auch ein sehr kritisches Verhalten, und man schaut es sich eher noch eine Idee genauer als andere Sachen an. Mit den Produkten/Samples, die ich bisher eingesetzt habe, war ich immer recht zufrieden gewesen, aber dieser Punkt ist nun überschritten, denn das Memotron hat mich vollends überzeugt, sowohl was die Klangqualität als auch die Bedienung betrifft.

Das Spielen und Verwenden der Instrumente A, B und C und deren Mischformen, aber auch die Benutzung des Filters, des Pitchbendings und des Lautstärkereglers verliefen absolut störungsfrei und ohne jegliche Parametersprünge. Auch die neueste Geräteturnübung (empfohlen von einem Leser des NI Massive-Tests), das Unterarmauflegen auf die Tastatur, führte zu einem wirklich volltönenden Klang, aber nicht zu einem Problem hinsichtlich der vielen zugleich genutzten Stimmen.

Es fehlt zwar der untere Korpus des Geräts, aber gerade aus dem stammten die unangenehmen Nebengeräusche des Motors und der Bandrückführung, die zwar irgendwie und zwangsweise dazu gehörten, aber meines Erachtens ruhig fehlen dürfen. Es sei jedem freigestellt, sich beim Tischler seines Vertrauens den Unterbau maßgeschneidert anfertigen zu lassen, aber für das Seriengerät hätte es die Kosten enorm in die Höhe getrieben, denn das äußere Antlitz hat auch seinen Preis.

Das Gerät ist deshalb auch leicht zu transportieren, der Gig mit Memotron und ohne Computer machbar! Die „Bandrahmen“ sind schnell ausgetauscht und der Spielfreude ist nicht mehr entgegen zu setzen.

Und je nachdem, ob Sie lieber den Vintage Charakter oder den neuzeitlich aufgemöbelten bevorzugen, steht Ihnen schon einiges an Klängen zur Verfügung.

Reicht Ihnen das noch nicht, können Sie noch die gesamte Palette an GForce M-Tron Klängen benutzen, denn dies sind die einzigen externen Multisamples, die importiert werden können. Besitzern dieser CDs (nur die Daten der Original-CDs können geladen werden, nicht die für Computer/M-Tron bereits konvertierten Fassungen) sei angeraten, eine mindestens 2 GB große Compact Flash Card zu verwenden. Damit können Sie alle vorhandenen Sounds speichern und brauchen nicht immer die CDs in das Laufwerk zu schieben. Aber manchmal verwirren viele Klänge eher als dass sie einem nutzen, und ich denke, dass man grundsätzlich mit den beiden bisher zur Verfügung stehenden Collections erst einmal sehr gut ausgestattet ist. Alle wichtigen bekannten Bandrahmen sind darin enthalten. So, Ihr Banks, Wakemans, Moraz, Froeses oder wem immer Ihr nacheifern wollt…zugreifen, das perfekte Mellotron-Dinner ist angerichtet!

Plus

  • solide bühnentaugliche Verarbeitung
  • sauber aufbereitete Klangbibliotheken
  • puristische, aber effektive Bedienung
  • auch hier zählt der Spaß- und der Vintagefaktor

Minus

  • relativ hoher Preis, ist aber eben durch hochwertige Bauteile bedingt

Preis

  • Manikin-Electronic Memotron M2K 1.549,--
Klangbeispiele
Forum
  1. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Das ist ein sehr mutiges Produkt und sticht aus der Masse der Neuerscheinungen klar raus. Doch frage ich mich, wer so etwas wirklich braucht. Kriegt man die hier hörbaren Sounds nicht auch mit üblichem Equipment oder Multi-Sampling CD´s hin?

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    AMAZONA Archiv

    Natürlich bekommt man die Sounds theoretisch auch aus einer guten Sample Bibliothek auf einem Sampler so hin. Aber darum geht es nicht nur. Es geht auch um das Instrument an sich. Um die Bedienungselemente wie beim Original. Um den richtigen Noten Umfang. Sogar Details wie Wasserfall-Tasten.
    Für mich ist das memotron einfach ein echtes mellotron. Nur eben ohne die Problematik mit den Bändern und der ewig zu pflegenden Mechanik.
    Ich bin begeistert von meinem Memotron.

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    AMAZONA Archiv

    Ich schließe mich meinem Vorredner Till an: es stimmt – wenn es um den reinen Klang geht, reichen Sampling-CDs und Software plus Rechner aus. "Mellotron" ist aber mehr als sein Sound, da spielt nämlich Haptik und Optik eine zusätzliche (und subjektiv betrachtet auch eine wichtige) Rolle. Genau diese Lücke dürfte das Memotron nun füllen.

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    AMAZONA Archiv

    Vielleicht sollte die auch mal Erweiterungen in Richtung String Machine rausbringen.
    Würde gut zu dem Teil passen, die arbeiten doch teilweise mit Gmedia zusammen, oder?

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      a.jungkunst  AHU

      Die Zusammenarbeit mit GMedia beschränkte sich bei Veröffentlichung des Memotrons darauf, die Klänge des M-Tron (nicht des neuen M-Tron Pro!!!) abspielen zu können. Die Palette des Memotron ist jetzt aber ausreichend und qualitativ hochwertig genug, um nicht mehr auf Drittanbieter zurückgreifen zu müssen. Das Gerät soll ja nicht zum Sample Player mutieren. Eminent 310 und Elka Rhapsody 610 sind ja schon verfügbar!

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    AMAZONA Archiv

    Warum kein Vintage Sampleplayer?Hat da die Kundschaft etwas dagegen?

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      a.jungkunst  AHU

      Das entspricht nicht dem Grundgedanken, der zum Entstehen des Memotrons geführt hat. Man kann in einem Digitalpiano auch Gitarrensamples zur Verfügung stellen, nur wird es in den meisten Fällen nicht gemacht, weil es eben ein Piano bleiben soll. Vielleicht wäre es eine Idee, für Liebhaber der alten String Ensembles ein digitales Hardware-Instrument mit der entsprechenden Ausstattung an Klängen und einer dem Zweck angeglichenen Bedienungsoberfläche zu gestalten, wie es GMedia in der Softwarevariante anbieten. Da kann ich allerdings nur auf den Clavia Nord Wave verweisen, der auch für solche Zwecke bestens geeignet ist!

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        AMAZONA Archiv

        Wenn aber meinetwegen jetzt 50% der Kunden sagen, wir wollen sowas gerne haben, es geht ja, und wertet unser Gerät auf, bzw macht es vielseitiger, und mit String Machine ist man ja nicht soweit vom Mellotron Gedanken weg?
        Was dann?
        Gruß

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          a.jungkunst  AHU

          Ja, was dann? Ab dieser Stelle ist der Hersteller gefragt.
          Meine persönliche Meinung hierzu ist allerdings, das Instrument Memotron als digitales Mellotron zu betrachten und es so zu lassen bzw. in genau diesem Rahmen weiterhin mit Klängen zu bestücken. Kommt jetzt der Ruf nach String Ensembles in einem Maße, wie wir es von GMedia kennen, folgt auch gleich der Schrei nach einer 4- bis 5-Oktaven-Tastatur, um diese auch entsprechend verwenden zu können. Wo soll es dann enden und was bleibt vom Grundgedanken übrig? Glaube mir, die Memotron-Anwender wollen zu einem großen Teil das Instrument so wie es sich im Moment darstellt. Für alles Andere gibt es schon genug Werkzeuge am Markt.

  6. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Danke für die Anregung, auch noch mehr Stringmachines in die von mir erstellte Memotronlibrary aufzunehmen. Natürlich soll vorrangig die Mellotronlibrary im Zentrum der Memotronklänge stehen, obwohl ich dort auch eine Berechtigung für andere interessante Vintagesounds sehe und immer gesehen habe. Wann immer mir ein Stringmachineklang unterkommt, der sich deutlich von den anderen, bereits veröffentlichten Stringsounds unterscheidet, werde ich ihn gerne in eine zukünftge Collection integrieren, denn das Memotron soll ein ungewöhnliches und interessantes Musikinstrument für den Kenner sein und bleiben.Mit musikalischem Gruß

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      a.jungkunst  AHU

      Hallo Klaus,
      da bin ich ganz bei Dir, schließlich sind nicht wenige Bandrahmen damals auf Wunsch von Musikern mit „Extrawürsten“ (Edgar Froese hatte dadurch polyphone ARP Pro Soloist-Klänge, Roxy Music ganze Stringpassagen auf einer Taste etc.) bespielt worden. Nur sollte der entsprechende Klang zur Philosophie des Memotrons/Mellotrons passen, damit es das eigenständige Instrument bleibt, das es jetzt ist/darstellt. Der Grundgedanke ist nicht der eines beliebigen Sample-Players, das Klangangebot muss einfach zum Memotron passen.
      Viele Grüße und gutes Gelingen bei der nächsten Kollektion
      Axel

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