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Test: Meris Hedra, Pitch-Shifter Delay-Pedal

14. Juli 2019

Pitch-Shifter Delay der Extraklasse

Meris Hedra

Meris Hedra

Eine der jüngsten und zugleich wichtigsten Firmen für den Bau von Effektpedalen für Gitarre schlägt wieder zu: Meris. Wir haben uns zuletzt ausführlich dem Enzo gewidmet, ein Gerät mit dem vielleicht besten Tracking, das man bei einem Synthesizer-Pedal finden kann. Die Los Angeles Boutique-Pedal-Firma hat sich in den letzten Jahren recht schnell, nachdem sie ins Leben gerufen worden ist, als eine der vielleicht innovativsten Pedal-Firmen etabliert. Das Mercury 7 ist mein persönlicher Favorit in Sachen Reverb-Pedal und der Ottobit Jr. sowie der Polymoon sind inzwischen Dauergäste auf den Pedaltrains dieser Welt. Meris besticht durch klaren, großartigen Klang und durchdachte Konzepte. Das nächste, ambitionierte Unterfangen: der Hedra, ein dreistimmiges Delay-Pedal und Pitch-Shifter mit rhythmischer Ausrichtung.

Wie immer hat die Firma in Sachen Marketing ein gutes Händchen bewiesen und die Details zu dem Pedal bis zur Veröffentlichung unter Verschluss gehalten. Das einzige Detail, das durchsickerte: Im Vorfeld redeten Angelo Mazzocoo und Terry Burton, die zwei Chef-Engineers von Meris, vom Hedra als das Effektpedal, dessen Weg ihnen von der Konzeption bis zur Umsetzung die meisten schlaflosen Nächte bereitete. Und ein erster Blick zeigt auch: Der Hedra ist ein mächtiges, kompliziertes Unterfangen. Eins, das wie die meisten anderen Pedale von Meris eine gewisse Einarbeitungszeit benötigt, doch hier scheint diesmal besonders viel zu passieren.

Meris Hedra Delay-Pedal – Facts and Features

Meris Hedra

Meris Hedra

Ein dreistimmiges Delay-Pedal mit Pitch-Shifter und rhythmischer Ausrichtung also – schön und gut. Was heißt das aber konkret? Das heißt, dass der Hedra mit drei Voices ausgestattet ist, deren Pitch und Delay voneinander unabhängig eingestellt werden können. Das ist der Kern des Ganzen – und doch passiert hier viel mehr. Einer der Trademarks von Meris ist zweifelsohne die zweite Bedienebene bzw. alternative Funktion, die jedem einzelnen Regler zugewiesen wurde und erreicht werden kann, wenn man den kleinen ALT-Button links über dem TAP-Schalter gedrückt hält. Wir schauen uns das mal im Detail an:

  • Pitch 1, 2 und 3: Die unteren drei Regler ermöglichen es, die Tonhöhe der drei Stimmen in einem Umfang von -2 bis +2 Oktaven einzustellen. Alternative Funktion: Legt das Delay-Tempo bzw. die Subdivision des Delay der einzelnen Stimme fest.
  • Key: Hier kommt die Musiktheorie ins Spiel, von der man bestenfalls ein paar Grundlagen versteht, um das Maximum aus dem Hedra rauszuholen. Auf der ersten Ebene ermöglicht Keys das Einstellen die Tonart der diatonischen Harmonie. Alternative Funktion: Welcher Skalentyp darf es denn bitte sein? Von Dur und Moll bis zur Ost- und Moll-Pentatonik sind alle Skalentypen für das Pitch-Shifting gegeben.
  • Micro Tune: ermöglicht einen leichten Detune-Effekt der Voices, was vor allem bei komplexen Anordnungen von Harmonien recht schnell albtraumhaft klingen kann und mit Vorsicht genossen werden muss. Alternative Funktion: Eine Glide-Funktion, wo zwischen den einzelnen Tonhöhen korrigiert wird.
  • Mix: ist wie üblich für die Balance von Dry- und Wet-Signal zuständig. Alternative Funktion: Der Mix Regler ist auf der zweiten Bedienebene zuständig für das Delay-Feedback.

Grundlegend stehen dem Meris Hedra Effektpedal mehrere Delay-Modi zur Verfügung: Dual, welches das Delay aufteilt und durch den Stereoausgang schickt, Dual + Series, was dazu führt, dass die kurzen Dual-Delays im Stereofeld durch Crossover oszillieren, den Series Modus, der ein normales Delay ermöglicht und den Pitch-Feedback-Modus, bei dem die Stimmen des Pitch-Shifters in die Feedback-Schleife geroutet werden, was Bitcrusher-artige Noise-Kaskaden nach sich zieht. Nimmt man Delay raus, lässt sich der Hedra als ein herkömmlicher Pitch-Shifter verwenden. Wer zum Beispiel Oktaven und Quinten zu seinem Signal hinzufügen möchte, kann dies im Chromatic-Modus tun. Sobald eine Terz jedoch beispielsweise ins Spiel kommt, lassen sich mit dem Key-Regler die gewünschte Tonart und Skala aussuchen.

Selbst der TAP- und der BYPASS-Schalter besitzen alternative Funktionen: Die Aktivierung des TAP-Schalters mit dem Alt-Knopf halbiert die Delay-Geschwindigkeit und die alternative Funktion des BYPASS-Schalters besteht darin, den Glide zwischen den Intervallen sprung- bzw. schrittweise ausführen zu lassen oder eben „smooth“. Hält man den TAP-Schalter gedrückt, aktiviert sich der Swell und es entstehen wunderschöne Ambient-Texturen.

Jetzt ist mit der Umschreibung dieser grundlegenden Eigenschaften noch lange nicht alles getan. Wie bei den meisten Meris Pedalen handelt es sich auch beim Hedra sowohl um ein Delay-Pedal als auch um eine Art rabbit hole, wenn man so will. Die zahlreichen Funktionen interagieren auf vielfältigen Arten und Weisen und wollen erforscht werden.

Meris Hedra Effektpedal für Gitarre

Meris Hedra

So kann beispielsweise der Micro-Tune-Regler dazu verwendet, ein Retuning in Echtzeit zu leisten oder einen Flanger-Effekt zu erzeugen. Bleibt er unter 9 Uhr, findet die Anpassung des Tunings immer noch in der vom Key-Regler vorgegebenen Tonart statt. Zwischen 9 und 12 Uhr aktiviert sich die sogenannte stramme Korrektur. Und über die 12 Uhr Marke hinaus lässt sich einstellen, in was für einem Ausmaß der Glide zwischen den einzelnen Intervallen bzw. Stimmen von Pitch 1 bis 3 stattfindet. Das kann von kleinen Pitch-Sprüngen bis hin zu umfassenden, lang anhaltenden Bendings reichen.

Die grundlegenden technischen Details sind in typischer Meris-Manier auch beim Meris Hedra Delay-Pedal nahezu lückenlos. Stereo-Ein- und Ausgang sind dabei, ebenso wie die Möglichkeit, den Headroom über das Line-In auf Gitarre oder Synthesizer umzustellen, die Möglichkeit, mit einem Expression-Pedal zu arbeiten sowie die Verwendung des gleichen Eingangs als MIDI In/Out (sofern ein MIDI I/O Interface vorhanden ist). Ein 9 Volt Netzteil ist im Lieferumfang enthalten.

Noch bevor der erste Höreindruck entsteht, ist klar: Meris haben hier erneut ein komplexes Monster erschaffen – vielleicht sogar ihr komplexestes. Wer es gerne hat, unmittelbar und sofort den Zugang zu einem Pedal zu finden, ist hier falsch beraten. Pedale von Meris verlangen, dass man ein bisschen Zeit in sie investiert. Nun ja – ein bisschen ist gut. Bei so einem komplexen Gerät kann man nur froh sein, dass es mithilfe von MIDI möglich ist, Presets zu speichern – immer wieder stößt man auf interessante Einstellungen, die man gerne festhalten möchte. Letzten Endes kommt es drauf an, was die Praxis hergibt – und die schauen wir uns jetzt im Detail an.

Meris Hedra Delay-Pedal – in der Praxis

Erst einmal die grundlegende Bestätigung dessen, was man von Meris sowieso erwartet: Eine astreine Signalstärke und keinerlei Störgeräusche. Der Meris Hedra braucht seine Zeit, ehe er sich einem erschließt, wie eingangs erwähnt. Und darüber hinaus ist eine wochenlange Praxis zweifelsohne zielführend, wenn es darum geht, dem Hedra all seine Geheimnisse zu entlocken. Die meisten Klangbeispiele werden mit einem langsamen Delay gespielt, um die Entfaltung der Klangteppiche zu gewährleisten.

In der ersten Einstellung befinden wir uns im D Major und der Harmonisch Moll-Tonleiter, einer +2 Oktave auf Stimme 1, einer Terz auf Stimme 2 sowie einer +1 Oktave auf Stimme 3. Zwei Spuren, bei der die zweite mit einem breitflächigen Glide ausgestattet ist.

Hier arbeiten wir in G Minor und Quinten auf zwei der Stimmen. Kein Micro-Tuning, dafür aber ein leichter Glide, der je nach Anschlagsdynamik ein wenig ausreißt. Auch der Hedra ist mit einem hervorragenden Tracking ausgestattet.

Jetzt deaktivieren wir sämtliche Subdivisions der Delays und verwandeln das Hedra Effektpedal in einen herkömmlichen Whammy-inspirierten Pitchshifter.

Ein leichter Glide sowie mehrere Oktaven und angeglichene Subdivisions können ein Klangbild wie dieses hier erzeugen. Ein weiteres Mal fallen das hervorragende Tracking sowie die Empfindsamkeit gegenüber der Anschlagsdynamik auf. Die Trails entwickeln zum Teil ein regelrechtes Eigenleben.

Texturen für Ambient sind mit dem Meris Hedra Gitarren-Effektpedal also problemlos möglich. Hält man den Tap-Schalter gedrückt, schleicht sich ein Reverse-Effekt ins Klangbild, der sich auf sämtliche, eingehende Signale ausweitet. Darüber hinaus wird die schiere Klarheit der Repeats hier überaus deutlich – das Klangbild ist kristallklar.

Auch besonders dunkle oder düstere Töne lassen sich dem Hedra entlocken. In diesem Falle wird die Tonhöhe einer Stimme heruntergedreht, die restlichen gar nicht bewegt, während man die Subdivisions so versetzt, dass ein punktierter Delay entsteht. Das Feedback sorgt für eine konstante Hall-Fahne. Ein leichtes Micro-Detune für die Atmosphäre sowie die Aktivierung des Ambient-Reverse zwischendurch finden ebenfalls Anwendung.

Das dürfte also die größte Stärke des Meris Hedra darstellen: Die unglaubliche Wandelbarkeit des Pedals. Das Zusammenspiel von Subdivisions, Harmonien und Intervallen lassen einen mit unzähligen Klangbildern experimentieren. Man muss Geduld mitbringen – das Hedra Effektpedal verlangt die volle Aufmerksamkeit und kann nicht einfach so, nebenbei erschlossen werden. Das Delay-Feedback springt über die 12 Uhr Grenze vor allem bei aktivierten Slides zum Teil extrem aggressiv an – da muss man schon teilweise schnell reagieren und den Mix-Regler korrigieren. Der Hedra Effektprozessor ist nicht per se launisch – er ist einfach extrem responsiv und will kennengelernt werden. Komplexität als Manko? Eigentlich nicht. Man muss einfach nur wissen, worauf man sich hier einlässt. Vielleicht hilft es, Hedra nicht ausschließlich als ein herkömmliches Pedal zu verstehen, sondern als eine studiotaugliche Ambient-Maschine.

Fazit

Der Hedra: Meris hat hier das vielleicht ungewöhnlichste und sperrigste Effektpedal seiner noch recht jungen Geschichte vorgelegt. Der erschwerte Zugang ist keineswegs Fehlern im Design oder in der Umsetzung des Konzeptes zuzuschreiben, sondern eben in dem schieren Größenwahn dieses Unterfangens: Das Hedra vereint die Fähigkeiten von fünf, sechs Pedalen in sich und ist ein völlig einzigartiges Produkt. Nicht jeder Gitarrist wird es leicht mit dem Pedal haben. Denjenigen, die sich jedoch die Zeit nehmen, winkt eine erhebliche Belohnung und für Gitarristen und Fans interessanter Gitarren-Effektpedale ein Muss!

Plus

  • fantastisches Konzept
  • extrem vielseitig
  • hohe Klangqualität
  • umfassende Features

Minus

  • sperrig auf den ersten Blick

Preis

  • Ladenpreis: 359,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    harrymudd  

    Ich behaupte mal, das Ding ist in der Praxis unbrauchbar – auf der Bühne viel zu kompliziert zu bedienen. Das fehlende Display ist bei einem solch komplexen Gerät die Achillesferse.
    Die Audioqualität wiederum scheint wirklich gut zu sein – schade.

    • Profilbild
      Dimi Kasprzyk  RED

      Tatsächlich ist durch die Expression-Büchse und MIDI-Kapazität live einiges möglich. Sobald man sich an das grundsätzliche Design und die Bedienung gewöhnt hat, ist das auch live recht schnell zu machen. Wie im Test erwähnt: der Hedra braucht seine Einarbeitungszeit.

  2. Profilbild
    MarkusHK

    Danke für den ausführlichen Test! Besitze selber das Mercury 7 und das Hedra könnte bald folgen, allerdings empfinde ich ausnahmslos alle online verfügbaren Klangbeispiele als sehr digital und in hohen Lagen schrill. Pitch Shifting bis zu 2 Oktaven nach oben ist für meinen Geschmack allerdings nie schön anzuhören, da gibt es für mich auch keine Ausnahmen bei Eventide oder Strymon. Das gleiche Problem habe ich mit dem Shimmer Effekt des Mercury 7, der ebenfalls sehr schnell nervig und schrill klingt. Empfindest du das ähnlich? Kann man dem Hedra die klangliche Schärfe per internem EQ oder ähnlichem nehmen oder muss man dafür auf nachgeschaltete Geräte zurückgreifen?

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