Test: Rob Papen Blade, Additiver Software-Synthesizer

9. Mai 2012

Additiver Top-Synthesizer

Die Additive Synthese geht auf die 200 Jahre alte Theorie des Mathematikers Jean-Baptiste-Joseph Fourier (1768 – 1830) zurück, die besagt, dass jeder Klang aus vielen in Lautstärke und Frequenz verschiedenen Sinusschwingungen erzeugt werden kann. Im Laufe des 20. Jahrhunderts bis zu unserer Zeit war die Additive Synthese immer wieder Grundlage für innovative elektronische Instrumente, angefangen bei dem Telharmonium und der Hammond-Orgel über die digitalen Synthesizer NED Synclavier und Kawai K5 bis zu den Software-Instrumenten Virsyn Cube und Camel Audio CA5000. Waren bei der Hammond-Orgel gerademal neun, durch Tonräder generierte, Sinustöne zu kontrollieren, wurden bei den digitalen Synthesizern und später auch bei den Software-Instrumenten die sinnvolle Handhabung von teilweise bis zu 512 Sinustönen sehr komplex und aufwändig. Oft galten die Instrumente mit Additiver Synthese als klanglich sehr interessant und abwechslungsreich, aber als schwer bedienbar – wie so manches Kind in meiner Nachbarschaft.

Im letzten Jahr wurden mit Harmor von Image-Line und Razor von Native Instruments zwei Software-Instrumente vorgestellt, die sich der klanglichen Flexibilität der Additiven Synthese mit der allgemein bekannten und akzeptierten Bedienung von subtraktiven Synthesizern verschrieben haben. Also das Beste aus beiden Welten! Auf der diesjährigen NAMM stellte Rob Papen, seines Zeichens Sounddesigner und Musiker, seine Version der Additiven Synthese mit subtraktiver Bedienung vor – BLADE.

XY-Pad

Das Zusammenspiels zwischen additiven Oszillator und XY-Pad ist das absolute Highlight des Synthesizers

Wenn man das erste Mal das Plug-in öffnet, fällt einem das gut strukturierte und zum Sounddesign einladende GUI auf. Ich sehe sofort durch die leuchtende Hervorhebung der Schrift, welche Parameter und welche einzelnen Sektionen am jeweiligen Sound beteiligt sind und welche nicht. Vorbildlich! Groß und prominent herausgestellt prangt in der Mitte das XY-Pad, das für mich das eigentliche Highlight des Synthesizers bildet. Alle relevanten Parameter des additiven Oszillators und des Filters können hier durch aufgezeichnete Bewegungen der Computermaus bzw. einem MIDI-Controller mit einem XY-Feld kontrolliert werden. Record-Button drücken, Bewegungen aufzeichnen, Play-Button drücken und die Aufzeichnung polyphon, also für jeden einzelnen gespielten Ton extra, abspielen. Die Aufzeichnung kann auf Wunsch geloopt und zum Host synchronisiert werden. So einfach, genial und intuitiv kann Modulation am Computer sein. Da brauche ich keine Hüllkurven mit Hunderten Segmenten oder sonst wie ausgefeilte LFOs. Die Ergebnisse des Zusammenspiels zwischen additiven Oszillator und XY-Pad erinnern mich in ihrer Flexibilität sogar an extreme und dauerhaft sich verändernde Modulationen wie sie mit modularen Synthesizern möglich sind. Wer einmal an einem solchen System gestanden und ständig Parameter und Modulationen mit der Hand verändert hat, weiß was ich meine. Keine Angst liebe Verfechter der modularen Freuden, ich versuche hiermit nicht analoge modulare Synthesizer mit Plug-ins gleichzusetzen, sondern nur bildhafte Analogien zu erschließen, um meine Empfindungen beim Testen des Software-Synthesizers Blade in Worte zu fassen.

Harmolator

Harmolator - das additive Herz von Blade

Harmolator – das additive Herz von Blade

Der klangliche Dreh- und Angelpunkt von Blade ist der additive Oszillator, Rob Papen nennt ihn Harmolator. Dies ist, abgesehen vom Browser, die einzige Sektion des Synthesizers, die ich mir über die mitgelieferte Bedienungsanleitung im PDF-Format erschließen muss. Papen gibt zusätzlich dem Benutzer einen Spektrum Analyser mit an die Hand, so dass ich auch visuell begreife, wie es sich mit den 96 Sinustönen des Harmolators verhält, wenn ich die Parameter verändere. Die einzelnen Parameter können die Partials bzw. Sinusschwingungen nicht einzeln, sondern nur global verändern, so dass die Bedienung nach den Vorstellungen von Rob Papen immer intuitiv und einfach bleibt und ich auch ohne einen Doktor in Sounddesign das Instrument bedienen kann. So lässt sich die Frequenz der Basissinusschwingung, die Stärke des additiven Spektrums, die Verhältnisse zwischen harmonischen und nicht-harmonischen Partials und das Volume der geraden sowie ungeraden Sinusschwingungen festlegen. Ein zweites additives Spektrum kann zum ersten noch addiert werden, und es lässt sich zum Signal des Harmolators ein Suboszillator dazu mischen. Um zu klanglich gezielten Ergebnissen in der Oszillator-Sektion zu kommen, muss ich mich schon ausgiebig damit beschäftigen und mich auf die Additive Synthese und ihre Möglichkeiten einlassen. Wie schon erwähnt, ist für ein geordnetes und forschendes Sounddesign das Zusammenspiel zwischen dem XY-Pad und dem Harmolator unerlässlich. Dabei sollte der Harmolator wirklich als additiver und harmonisch flexibler Oszillator betrachtet werden. Wer nach einem „reinen“ additiven Synthesizer Ausschau hält, ist hier falsch.

Das Spectrum des Harmolators wird auch visuell dargestellt. In diesem Modul kann man weitere LFOs und Hüllkurven zuweisen und bearbeiten, befindet sich die Effekt-Einheit, die Modulationsmatrix und der Sequencer

Bild oben:
Das Spectrum des Harmolators wird auch visuell dargestellt. In diesem Modul kann man weitere LFOs und Hüllkurven zuweisen und bearbeiten, befindet sich die Effekt-Einheit, die Modulationsmatrix und der Sequencer

Erfrischend konservative Standardkost

Bevor das additive Klangspektrum das Filter erreicht, wird es in einer umfangreichen Distortion-Sektion noch einmal aufgepeppt, Herr Papen hat hier selbst einen Ringmodulator versteckt. Das Filter von Blade besitzt mit Lowpass, Highpass, Bandpass und Notch in unterschiedlichen Flankensteilheiten die üblichen Verdächtigen, ergänzt durch einen Comb- und einem Vocal-Filter. Besonders gefallen hat mir die Filterspreizung des Blade-Filters, die die Frequenz des Stereo-Filters im linken und rechten Kanal verschiebt, so wie es beim Moog Voyager möglich ist.

Durch die leuchtende Schrift erkennt man, das die Anschlagstärke aktiviert sowie LFO und Hüllkurve deaktiviert sind. Die Parameter Base, Symmetry und die Filterfrequenz werden von der Anschlagstärke moduliert

Bild oben:
Durch die leuchtende Schrift erkennt man, das die Anschlagstärke aktiviert sowie LFO und Hüllkurve deaktiviert sind. Die Parameter Base, Symmetry und die Filterfrequenz werden von der Anschlagstärke moduliert.

Alle weiteren Sektionen und Parameter sind selbsterklärend und erfrischend konservativ, weil ich sofort weiß, wie ich schnell zum Ergebnis komme: Sequencer, Hüllkurven, LFOs, Effekte und eine umfangreiche Modulationsmatrix, in der ich wirklich alles modulieren kann, auch die einzelnen Hüllkurvensegmente und Effektparameter. Hier habe ich weder vom Umfang noch von der Bedienung irgendetwas auszusetzen.

Sound-Browser des Rob Papen Blade

Konkurrenz

Da wo ich ins Zweifeln komme, ist beim klanglichen Vergleich zwischen Blade, Harmor und Razor. Die beiden Konkurrenten klingen für meine Ohren einfach frischer, moderner und aufgeräumter. Ja, zugegeben, Harmor ist ein Fall für die Layout-Polizei und Razor lässt mit seinem Baukastenprinzip – zur Freude aller additiven Einsteiger – keine besondere Sounddesigner-Tiefe zu, aber warum beschleicht mich bei additiven Standardsounds von Blade das Gefühl an einem Kawai K5 zu sitzen. Dann wiederum, wenn ich mich sehr intensiv mit Blade auseinandersetzte und den additiven Oszillator mit extremen Modulationen ins Schwitzen bringe, wundere ich mich über seine klangliche Flexibilität und, von mir positiv verstandenen, klanglichen Boshaftigkeit, die mich an modulare Synthesizer wie einen Buchla 200e erinnern. Das Konzept additiver Oszillator und XY-Pad ist genial und unterscheidet sich stark von den beiden Konkurrenten, die im Unterschied zu Blade an der Oberfläche sich subtraktiv verhalten und in der Tiefe eigentlich additiv sind.

Bürokratie

Blade gibt es als VST, AU und RTAS Plug-in für Mac und PC und kann sowohl in einem 32 Bit als auch in einem 64 Bit Host (RTAS am Mac nur in 32 Bit) betrieben werden. Angekündigt ist für alle Pro Tools User ein AAX Plug-in. Eigenartigerweise kann man bei der Installation entweder nur die 32 Bit oder die 64 Bit Version installieren. Als ich die Installationsroutine zweimal anwarf, um beide Versionen unter jeweils der 32 Bit und der 64 Bit DAW zur Verfügung zu stellen, waren die Preset-Bänke im Browser zerschossen und konnten immer nur einzeln nachgeladen werden. Andere Plug-ins hatten bisher keine Schwierigkeiten gemacht.

2. Meinung

(von Tyrell)

Seit dem ersten Test sind fast 7 Jahre vergangen. Zahlreiche, neue Sounds sind für den Blade zwischenzeitlich hinzugekommen und im Zuge der Überarbeitung aller Rob Papen-Storys, habe ich mir auch Blade nochmals zu Gemüte geführt. Ich war soeben sehr verblüfft, den was immer sich in den letzten jähren getan hat, meine Meinung zu den Klängen ist eine gänzlich andere. Rob Papen Blade glänzt durch extrem lebendige Klänge, die zusätzlich enormen Druck und Breite entwickeln können. Einem Kawai K000 (der hier neben mir steht), zeigt er ganz schnell die Lange Nase. Klar ist BLADE kein Virtuell-Analoger, aber das will er auch gar nicht sein. Wer hingegen auf abwechslungsreiches Sounddesign steht und nicht nur den tausendsten, gefilterten Sägezahn sucht, wird mit BLADE voll auf seine Kosten kommen. Ich habe mir daher erlaubt, die damalige Wertung ein wenig…. anzupassen ;-)

Fazit

Ich bin, wie ich glaube sehr deutlich gemacht habe, sehr gespalten. Von Blade knallige Bässe und wuchtige Lead-Sounds zu verlangen, ist vermessen, aber bei der additiven Konkurrenz normal. Blade muss man hegen und pflegen, sich um ihn kümmern, ausprobieren und unermüdlich die Parameter justieren, dann offenbart er seine für nicht möglich gehaltene Stärken und klanglichen Besonderheiten, die weit ab von additiver Standardkost sind.

Wer aber stattdessen auf die presets zurück greift, wird hinlänglich belohnt mit außergewöhnlichen Klängen jeglicher Couleur. BLADE ist somit die perfekte Ergänzung zu unzähligen subtraktiven Software-Synthesizern.

Plus

  • innovative XY-Pad
  • übersichtliches Layout
  • Spectrum Screen erleichtert additives Sounddesign

Minus

  • additive Konkurrenz klingt frischer und moderner
  • entweder nur 32 Bit oder 64 Bit Plug-in

Preis

  • 99,- Euro
  • Einführungspreis bis Ende Mai 2012
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Jesus

    „Harmor ist ein Fall für die Layout-Polizei“?

    Und Blade wohl nicht? :)

    Also optisch finde ich Harmor mehr als gelungen, aber einigen erscheint ja „zu bunt“, „unübersichtlich“ usw.

    Wie auch immer: An Harmor kommt so schnell nichts ran. Kein Razor, kein Blade.

  2. Avatar
    AMAZONA Archiv

    ich bin nicht überzeugt von blade.

    bei dessen ankündigung wähnte ich mich schon als potenzieller käufer, da mich bereits albino, predator und blue schon glücklich machten.

    nach einem ausgiebigen test des blade hielten mich dann doch 2 dinge vom kauf ab. leider ist der klang nicht so ganz mein fall. und nach einiger zeit sticht mir die gui doch sehr in den augen, obwohl es eigentlich schöne farben sind.

    wirklich schade.

  3. Profilbild
    Crypth

    Also … ich teste ihn gerade und es ist schon faszinierend mit Blade zu arbeiten.
    Harmor hab ich auch und der klingt definitiv runder und satter aber das wird mich wahrscheinlich nicht hindern Blade noch im Mai zu kaufen, vor allem wegen dem XY und den Möglichkeiten direkt und intuitiv den Klang zu biegen und formen :-) .
    Für Soundscapes und Klangbilder scheint er mir sehr geignet … und es macht Spass !

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