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Test: Rob Papen Vecto Software-Synthesizer

27. Februar 2019

Vector-Sounds für jede DAW

Rob Papen und die Vektor-Synthesizer

Rob Papen hat zahlreiche, erstaunliche Software-Synthesizer designt wie PREDATOR, BLUE, das Groove-Tool PUNCH, den additiven Synthesizer BLADE oder auch den vollkommen unterschätzten RG, der nach meinem Geschmack einen synthetischen E-Gitarren-Groove liefert, als wäre er der Fantasie eines Trevor Horns entsprungen. Nun legt er mit VECTO die AU/VST-Version eines für Propellerhead Reason entwickelten Plugins vor, das nicht weniger ist als ein echter Vektor-Synthesizer. Langjährige AMAZONA.de-Leser kennen diesen Begriff bestens durch Hardware-Synthesizer wie Sequential Prophet VS, Korg Wavestation oder Yamaha SY22.

Vektorsynthese – was ist das?

Für alle anderen hier eine kurze Einführung: 2 bis 4 (gibt es auch Vektor-Synths mit mehr?) Oszillatoren sind an den gegenüberliegenden Ecken eines  Vektorenfeldes angeordnet. Ein beliebiger Controller bestimmt nun innerhalb dieses zweidimensionalen Feldes das Lautstärken-Mischungsverhältnis der vier Oszillatoren. Befindet sich der Controller exakt in der Mitte, erklingen alle 4 Oszillatoren gleich laut. Der Clou ist nun die dynamische Mischung, die durch den Controller möglich wird, indem man ihn innerhalb des Vektorenfeldes bewegt. Dabei sind alle Mischverhältnisse zwischen 4 und einem alleine erklingendem Oszillator möglich. Den zeitlichen Verlauf der Bewegung kann man in der Regel aufzeichnen und später beim Abspielen des Klanges automatisch wiedergeben lassen.

Die Vektorsynthese ist also ein dynamisch programmierbarer Mischer am Ausgang der Oszillatoren. Was danach folgt, ist subjektive Hausmannskost – also Filter, Hüllkurven, LFOs etc. Manch einer wird also seine berechtigten Zweifel haben, dass dieser Vorgang als Synthese bezeichnet werden darf. Das darf gerne auch trefflichen den Kommentaren diskutiert werden. Tatsache ist jedenfalls, dass seinerzeit z. B. ein Prophet VS durch diesen einfachen „Trick“ erstaunlich neue Klänge liefern konnte, die mit der herkömmlichen Oszillatoren-Mischung nicht machbar waren.

Der Vecto – Eine Übersicht

Rob Papen Vecto orientiert sich an dem vorherrschenden Konzept mit vier Oszillatoren, doch finden sich in diesem Plugin auch typische Features, die man von Rob Papen Synthesizern gewohnt ist.
Die vier Oszillatoren greifen auf einen Pool von Waves, Spektren und Samples zu.
Jeder Oszillator kann individuell auf Filter sowie einen Effekt geroutet werden. Die Mischung der Oszillatoren, also die Steuerung des Vektors, kann über verschiedene Quellen erfolgen, dazu gehören unter anderem auch der integrierte Arpeggiator, die Aufnahme von manuellen Bewegungen und, neu gegenüber der RE-Version, auch das Modulationsrad.
Die Filtersektion wird aus zwei Multimodefiltern gebildet, die sich seriell und parallel betreiben lassen. Die gängigsten Modulationszuweisungen können hier direkt geregelt werden. Weitere Modulationen lassen sich über die zentrale Matrix routen, wo unter anderem zwei synchronisierbare LFOs und zwei freie Hüllkurven zur Verfügung stehen.
Die Hüllkurve der Amp-Sektion lässt sich auf linear umstellen, was laut Rob Papen extreme Attack- und Release-Phasen erlaubt, was sich speziell für sphärische Sounds eigenen soll.

Die Schwingungsformen für die 4 Oszillatoren

Der Vecto bietet ein Sammelsurium aus analogen Schwingungsformen, additiven Schwingungsformen und Spektren. Damit wäre er einem Prophet VS sehr ähnlich. Hinzu kommen kurze Sample-Loops wie Chöre, Glocken, Bässe und dergleichen plus permissive Samples und Effekte – womit wir dann schon fast bei der Korg Wavestation wären, aber ohne der Möglichkeit, Schwingungsformen hintereinander zu hängen (Wavetables).

Bereits durch den Austausch von Schwingungsformen in den 1.000 (!!!) mitgelieferten Presets erhält man im Handumdrehen neue Sounds.

Filter

Zwei Filter malträtieren schließlich den Audioausgang der Vektor-Mischung. Im Bild oben seht ihr, welche Filter zur Verfügung stehen. Der Ausgang des Filter 1 kann in Filter 2, die beiden Effekte oder direkt trocken zum Ausgang geleitet werden. Filter 2 bleibt nur die Wahl zwischen den Effekten und dem trockenen Ausgang.

Modulationen

8 Modulationsquellen (intern oder MIDI) können 8 Modulationszielen (so ziemlich allem, was der Vecto zu bieten hat) zugeordnet werden.

Auch das ist schnell durchschaut und bietet selbst Einsteigern eine kreative Spielwiese.

Effekte

Hausmannskost. Die Auswahl wurde klein gehalten. FX1 bietet Chorus, Flanger, Phaser, Ensemble und Widener, FX2 hat lediglich Reverb und Delay. Die Effekte sind in „Ordnung“, vor allem aber das Reverb wird man wohl eher durch einen aufwendigeren Hall in der DAW ersetzen.

Browser

Natürlich kommt Vecto mit einer großen Auswahl an über eintausend Presets, die über einen übersichtlichen Browser verwaltet werden.

Praxis & Sound

Rob Papens Vecto macht erst mal richtig Spaß. Die Bedienung ist geradezu kinderleicht gegenüber anderen Rob Papen Synthese-Monstern, die einen geradezu mit Möglichkeiten erschlagen haben. Vecto ist aber ganz sicher kein Ersatz für einen virtuell analogen Synthesizer, da hat Rob ganz andere Kaliber in seinem Portfolio. Vecto versteht sich eher als Ergänzung zu bestehenden Moog und Prophet Kopien. Vecto röchelt und knarzt, klingt dreckig und granular. Und gerade das hat mir alles sehr gut gefallen. Gerade wenn man Samples statt der Oszillatoren einsetzt, werden Erinnerungen an alte Vintage-Sampler wach, wie dem Prophet 2000. Aber Vecto kann eben durch die Menge an Grundschwingungsformen sehr viel mehr. Einen Prophet VS bekommt er dank seiner spektralen und additiven Schwingungsformen  auch hin, nur eben nicht mit der Wärme und dem Druck des Originals. Der Vecto ist also auch kein Ersatz für Vintage-Vektor-Synthesizer, aber angesichts des Preises von 79,- Euro komme ich nicht drumherum, dieser kleinen Synthesizer-Perle 3 Sterne zu verpassen!!

Klangbeispiele

Fazit

Wunderbarer Vektor-Synthesizer, der eine enorm breite Palette an Sounds abbilden kann. Vom Vintage-Sampler bis hin zum digitalen Spektrum-Synthesizer oder additiven Klanggebilden. Das alles dann aber eben mit dynamischen Vektorverläufen, die einfach Spaß machen. Für 79,- Euro ein super Teil. Klasse gemacht Rob!

Plus

  • vielseitiger Sound
  • großer Spaßfaktor dank leichter Bedienung
  • sehr gute Ergänzung zu virtuell Analogen

Minus

  • wenig Effekte

Preis

  • 99,- Euro
Forum
  1. Profilbild
    Ted Raven  AHU

    Endlich wird die Vector-Synthese wiederbelebt. Ich kenne keine andere Möglichkeit, auf dermaßen einfache Weise äußerst komplexe Klangverläufe zu gestalten. Es wird Zeit, dass endlich auch wieder jemand einen Hardware-Vector-Synth baut. Und ein Stand-Alone-MIDI-Vector-Stick ist schon seit zwanzig Jahren überfällig.

    Der SY22 konnte übrigens nicht nur die Lautstärke der einzelnen Elemente gegeneinander verschieben, sondern diese auch gegeneinander verstimmen. Es gibt so viele mögliche Anwendungen für die Vector-Synthese, dass es mich stark wundert, warum es noch keinen Synth gibt, der ganz andere Parameter wie Cutoff, Resonanz, LFO, Pulsweite usw. gegeneinander verschieben kann.

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      Trance-Ference  

      Dem stimm ich voll und ganz zu.

      Schöner Testbericht. Ich arbeite nur mit Hardware aber wenn ich sowas lese hab ich Lust mal damit rumzuspielen.

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        Tyrell  RED 3

        Ich bin inzwischen in beiden Welten unterwegs. Es gibt da einfach zu viele schöne Software-Tools, die ebenfalls richtig Spaß machen, selbst ohne umfangreiche Controller.

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      Tyrell  RED 3

      Hi Ted, danke für den Hinweis zum SY22. irgendwann muss ich mir den doch noch anschaffen, obwohl ich mehr zum TG33 tendiere.

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        Ted Raven  AHU

        Ich habe beide und empfehle den TG33 wegen der besseren MIDI-Implementation. Der SY22 verarbeitet z. B. keine Bank-Changes, weswegen man manuell zwischen Werk-Presets und User-Bank umschalten muss.

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          Tilliboy

          Ich halte das für reine Zeitverschwendung – damals, in den 90er hatte ich mal einen TG33 – auch mit viel Liebe klang das Ding einfach flach und dünn – nur so percussive Sequenzer-Sounds habe ich am Schluss damit hinbekommen – die übrigen Sounds waren für eine amtliche (Adjektiv auch aus den 90er) Produktion definitiv nicht zu gebrauchen – aber wenn man sich mal so richtig bestrafen will :-)

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            Ted Raven  AHU

            Tilliboy: „für eine amtliche Produktion definitiv nicht zu gebrauchen“
            Es kommt wohl in erster Linie auf die Musikrichtung an. Für Klassik und Euro-Dance sind sie nicht geeignet. Für das, was ich damit mache (New Wave und Post Punk) sind sie perfekt.

            Ich bekomme damit übrigens auch deutlich mehr hin als nur percussive Sequenzer-Sounds. Wenn man etwas Anderes als den Standard will, sind die Geräte fantastisch, für Chart-Produktionen waren sie schon damals nicht ausgelegt.

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        Markus Galla  RED

        Ich habe hier einen SY35 inkl. zweier Yamaha-Karten dafür (Studio & Stage). Ironischerweise habe ich mir die Sounds nur einmal kurz angehört, etwas mit dem Stick herum gespielt und danach den Audioteil nie wieder genutzt. Ich habe mir die Kiste als MIDI-Masterkeyboard gekauft, weil ich ein Masterkeyboard mit Aftertouch haben wollte und der gebrauchte SY35 vom Musikgeschäft um die Ecke günstiger war als ein Controller Keyboard mit Aftertouch. Da macht der SY35 aber nach wie vor eine gute Figur, auch wenn die Tastatur etwas laut klappert, aber das kennt man von aktuellen Controller Keyboards auch nicht anders. Der Sound? Nun ja, ist jetzt im Zeitalter von mächtigen Synths mit über 128 Stimmen und fetten Layer-Sounds nicht mehr so eindrucksvoll. Aber es gibt bestimmt Leute, die da eine Menge rauskitzeln.

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    mariemusic  

    An dieser Stelle möchte ich gerne an den leider verstorbenen HG Fortune erinnern. Viele seiner (VST)Synths kamen ebenfalls mit mehreren Oszis, die auf vielfältige Weise modulierbar waren, wie z.B. der ProtoPlasm, ProtoPlasm 21, Serenity, STS 24, STS 26. Ich denke, glücklich kann sein, wer sie damals noch käuflich erwerben konnte und auf dem Rechner hat.

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      Ted Raven  AHU

      Bei der Vector-Synthese handelt es sich nicht um eine Modulation im eigentlichen Sinn. Der Vectorstick ist am ehesten ein Vierkanal-Crossfader. Die vier Elemente (Oszillatoren) sind auf vier „Ecken“ des Vectorsticks verteilt (oben, unten, links, rechts). Wird der Stick z. B. nach oben bewegt, Wird das obere Element lauter und das untere um den entsprechenden Anteil leiser. Für links und rechts gilt natürlich das Gleiche. Bewegt man den Stick also vollständig nach links unten, erklingen nur das linke und das untere Element. Beim Yamaha SY22 und seinen Brüdern TG33 und SY35 kann man den Verlauf des Sticks mit dem Sound abspeichern, er wird dann automatisch bei jedem Tastendruck abgespielt. Zusätzlich kann man bei diesen drei Synths, wie weiter oben beschrieben, die Elemente wahlweise auch gegeneinander verstimmen.

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