Test: Roland MC-09 Phrase Lab Groovebox

10. September 2002

Eine echte TB-303 Nachfolgerin?

Ist die Roland MC-09 die legitime Nachfolgerin der TB-303. Dies halte ich für eine gewagte These, denn keiner der unzähligen TB 303 Clones hat es je geschafft an den Klang einer echten TB 303 heranzureichen. Noch dazu arbeitet die MC-09 rein digital.

Wie sich herausstellt ist dieser Werbeslogan natürlich nicht ganz aus der Luft gegriffen. Die MC-09 verfolgt aber weitere Ziele und bietet viel mehr als „nur“ einen monophonen Synthesizer.

Warum „Nur“ … ?

Richtig, die echte 303 ist alles andere als „nur“. Was würde ich nicht für eine TB 303 bezahlen, die in tadellosem Zustand ist. Seit 1983, dem Erscheinungsjahr haben die meisten Modelle schon recht ordentlich gelitten. Der Lack ist ab, die Knöpfe und Potis sind kaputt oder knistern, wenn man daran dreht. Einzig der Sound ist bis dato unerreicht. Zwar gibt es einige Clones die an den Klang der 303 erinnern, wie z.B. Rebirth oder die Will Systems MAB303, aber so richtig echt und organisch klingen sie auch nicht. Dazu kommt noch der Tatbestand, dass keine 303 wie die andere klingt. Die eine klingt etwas dicker, die andere etwas schlanker. Dies hat mit den damaligen Fertigungstoleranzen der elektronischen Bauteile zu tun. So, nach diesem kleinen Exkurs wollen wir nun doch zur MC-09 überschwenken.

Eher für DJs geeignete Anschlüsse

Master Of Ceremony…

…lautet die Abkürzung „MC“ ausgesprochen. Daher bietet die MC-09 auch neben dem monophonen Synth und dem Stepsequenzer noch mehr. Ein zum Synth alternativer DSP Effekt und ein vierfacher Audio-Looper sind hier integriert. Der Audio-Looper verfügt über vier Spuren und kann Signale vom externen Eingang oder vom internen DSP Synth samplen. Im Roland-Jargon nennt sich das „CAPTURE“. Mann nimmt also verschiedene Loops auf und mischt diese dann zusammen. Schließlich kann man die Loops „MERGEN“ bzw. bouncen, d.h. man mischt mehrere Loops zu einem zusammen und hat danach wieder Spuren frei. Zu den vier Mono-Spuren gesellt sich der DSP Synth oder der DSP Effekt, der dann in Echtzeit mit den sechs Potis manipuliert werden kann. All dies läuft synchron zu einem Master-Tempo.

DSP Synthesizer

Der monophone Synthesizer ist an einen Stepsequenzer gekoppelt, oder lässt sich über die sechszehn Tasten spielen. Leider steht er nur einmal zur Verfügung, obwohl die Oberfläche deren drei an der Zahl suggeriert. Dies führt im ersten Moment zur Verwirrung, denn man meint einen Lead-Synth, einen Bass-Synth und einen Rhythm-Synth gleichzeitig nutzen zu können. Konzeptionell ist dem nicht so, denn man geht bei der MC-09 davon aus, dass man den Audio-Looper extensiv nutzt. Da nun also nur ein Synth zur Verfügung steht, der entweder ein Lead-Modell, ein Bass-Modell oder ein Rhythm-Modell geladen hat, muss man seine Pattern-Kreation als Audio-Loop in einer der vier Spuren speichern. Bedientechnisch ist dies sehr einfach, man aktivert die CAPTURE-Funktion und wählt die Spur aus, auf der aufgenommen werden soll. Ein weiterer Druck auf die CAPTUE Taste löst automatisch, synchron zum nächsten Takt, die Aufnahme aus. So entsteht eine tighte Loop, die genau ins Tempo passt.

Solo-Synthesizer

Das Lead-Modell des Synths verfügt anders als Bass und Rhythm neben der Synthese Engine auch über einen Effekt. Dies kann ein Verzerrer, ein Phaser oder ein Slicer/Ringmodulator sein. Im Lead-Modus regeln die oberen drei Potis C1/C2/C3 den Effekt und die unteren drei Potis Cutoff, Resonanz und Decay. Über die Kombination Shift-Taste und einen der [1]-[16] Taster erreicht man weitere Klangparameter. Wohl umständlich, ist aber anhand der wenigen Bedienelemente nicht anders zu lösen. Freuen wir uns dass es diese Parameter überhaupt gibt. Dieses Modell ist erstaunlich flexibel, wie sich zeigt.

Bass-Synthesizer

Anstatt eines Effektes gibt es beim Bass-Modell des Synths einen Vintage-Mode. Dieser soll das Verhalten eines Vintage-Synthesizers simulieren. Offenkundig handelt es sich hierbei um die Simulation einer TB303. Im weitesten Sinne kann man hier die Attribute TB303 schon gebrauchen, aber der Regelbereich der Cutoff-Frequenz ist ein wenig zu gering ausgefallen. Somit lassen sich nicht die schönen kreischenden Töne erzeugen. Der Druck, den diese Simulation erzeugt ist nicht von schlechten Eltern, solange die Resonanz nicht aufgedreht ist. Sobald man aber die Resonanz ins Spiel bringt, kommt das zutage, was man be i vielen digitalen (aber auch analogen) Synths erlebt: Der Klang verliert an Druck und der Pegel geht in die Knie. Dies tritt bei einer echten TB303 nicht so extrem auf. Zudem vermisse ich die Lebendigkeit der Resonanz, wie sie im analogen Vorbild vorhanden ist. Ebenso vermisse ich hier den Distortion-Effekt, der leider nur im Lead-Modell vorhanden ist. Die Simulation der Slides ist recht gelungen. Doch hören Sie selber. Ein Beispiel habe ich noch mit einem externen Verzerrer bearbeitet.
Schaltet man den Vintage-Mode aus, hat man weitereichendere Eingriffsmöglich-keiten wie auch schon im Lead-Modell.

Drumcomputer

Das Rhythm-Modell kann gleichzeitig drei Klänge erzeugen, nämlich BassDrum Snare und HiHat. Die Klänge basieren nicht etwa auf Samples, sondern werden ebenfalls vom DSP-Synth erzeugt und klingen dementsprechend blutarm. Hier hätte auch ein Verzerrer Wunder bewirken können. So kann mich die Rhythm-Sektion bestenfalls an die Orgel meines Vaters erinnern :o) Überzeugen Sie sich.

Die Effekte der MC-09

Die Effekte lassen sich nur alternativ zum DSP-Synth nutzen, was schlussfolgern lässt, dass der DSP entweder eines der Synth-Modelle berechnet oder eben einen Effekt. Möchte man also eine Synth-Line mit einem Effekt versehen, ist man dazu gezwungen, diese Line als Loop einzufrieren um anschließend den Effekt hinzuzumischen. Vergleicht man die DSP-Power mit der des nur unwesentlich teureren SH-32, so hätte die MC-09 doch einiges mehr vertragen können.
Die Effekte an sich können aber durchgreifend arbeiten. Filter, Isolator, Phaser und Slicer können jeden Loop so richtig schön zermalmen. Die Parameter kann man schnell und einfach mit den C1/C2/C3-Reglern anpassen. Ob Ihnen die Qualität ausreicht können Sie anhand dieser Klangbeispiele herausfinden:

Loop-Builder

Der Audio-Looper hat sich also als Kernstück der MC-09 entpuppt. Und in der Tat bieten sich hier weitreichende Möglichkeiten. Der Loop Part Nr. 1 kann auf die vielfältigsten Weisen manipuliert werden. Zum einen gibt es hier die Möglichkeit, die Abspieltonhöhe zu ändern. Leider ändert sich damit auch die Geschwindigkeit. Unverständlicherweise gibt es in der Mc-09 keinen Pitch-Shifter, was ich für sehr schade erachte. Somit bleibt es dem User verwehrt nicht-passende Loops ordentlich in einen Track einzubauen. Dafür kann man dann aber den Startpunkt festlegen und auch die Dauer, für wie lange das Sample abgespielt wird. Hat man die Einstellungen vorgenommen muss man aber die veränderte Loop auf eine andere Spur kopieren, bevor man eine andere Loop in dieser Art bearbeiten kann. Schickerweise bietet Loop Part Nr. 1 auch eine Loop-Control Funktion, die ich sehr schätze. Im Zusammenhang mit dem Stepsequenzer kann das Sample z.B. unter Änderung der Tonhöhe abgespielt werden, in etwa so, wie in einem Sampler. Es können auch die vier unterschiedlichen Parts vom Sequenzer getriggert werden, oder, und das halte ich für sehr interessant, die Loop in 16 Teile geteilt werden und dann über die Pads ähnlich einem Drum-Sampler gespielt werden. Mit genügend Geduld kann man hier schon recht nette Grooves aufbauen. Nach einer gewissen Zeit findet man sich auch in der verstrickten Bedienung zurecht. Würden diese Funktionen für jeden der vier (oder besser gleich acht in Stereo) Parts zur Verfügung stehen und über eine ordentliche Benutzerführung zu bedienen sein, wäre dies schon sicher nicht schlecht.

Die Alternative: Roland SP-505

Vielleicht werfen Sie ja mal ein Auge auf die SP-505 aus gleichem Hause.

Die Audioqualität des Loopers möchte ich nicht unerwähnt lassen. Die wahrscheinlich durch akuten Speichermangel hervorgerufene und stark wahrnehmbare Bitreduzierung (ich schätze mal 8 Bit) kann für einen gewollten LoFi Charakter sinnvoll sein, ist aber sicherlich nicht jedermanns Sache. Hören Sie da mal ins Klangbeispiel rein.

Mit diesen drei Loops habe ich einen schnellen kurzen Live-Track (MP3, 1.5MB) in Realtime gemixt. Der Drumloop ist dabei mit dem Isolator bearbeitet worden. Die Bassline kommt aus der MC09 und ist im Audio-Looper gespeichert. Die Synth-Loop habe ich vom RGC Pentagon gesampelt. Die Drumloop ist auch mit externen Geräten entstanden. Um dem Klang ein wenig Club-Charakter zu verleihen, habe ich die Stereosumme aus der MC-09 durch ein Hallgerät gejagt und den Hall sehr mittig klingen lassen. Abgemischt, gemastert oder arrangiert ist dieses Beispiel aber natürlich nicht. Viel mehr lässt sich aber nicht ohne weiteres aus der MC-09 herausholen, da wie oben beschrieben, der Synth nur alternativ zum Effekt zur Verfügung steht. Auch gibt es keine Song-Struktur in der man einen Song arrangieren könnte.

SD-Card-Slot

Lobenswert ist der Smart-Media-Card-Slot. Hier kann man seine Kreationen speichern. Mich wundert allerdings, dass meinem Testgerät keine Karte beigelegen hat, denn ohne diese Karte kann man eigentlich den Audio-Looper nicht ernsthaft verwenden, da die Daten nach dem Ausschalten futsch sind. Allerdings kann während eines laufenden Patterns kein Pattern von der Speicherkarte aufgerufen werden. Man muss also, wenn man das vor hat, vorher seine Pattern in den User-Speicher laden, oder zwischendurch das Playback stoppen. Im Gegensatz zum großen Bruder SP-505 kann man hier auch keine *.wav Files importieren.

Fazit

Mit der Roland MC-09 kann man viel Spaß haben, wenn man sich in die Bedienung eingearbeitet hat und genau weis, was das Gerät nicht kann. So ist es mir sehr häufig passiert, dass ich glaubte eine Funktion partout nicht zu finden, bis ich anhand des Handbuches feststellte, dass sie gar nicht vorhanden war. Letztendlich erhält man für rund 420 Euro ein Spaß-Kästchen, dass entweder einen monophonen Synth und vier Audio-Loops erzeugen kann, oder vier Audioloops und einen Effekt. Betrachtet man die MC-09 nun wirklich als einen digitalen TB303 Ersatz, könnte man mit einem nachgeschalteten Verzerrer eventuell glücklich werden und hätte nebenbei noch einen Phrase-Sampler in Petto. Allerdings ist eine echte TB303 klanglich immer noch hoch überlegen.

 

Plus

  • Gute Loop-Bearbeitungs Funktionen
  • Audio-Eingang
  • Flexibler DSP-Synth (nette TB303 Simulation)
  • Smart Media Card Slot
  • Guter Stepsequenzer

Minus

  • Keine Card im Lieferumfang
  • Effekt nicht gleichzeitg mit dem Synth nutzbar
  • Klangqualität des Audio-Loopers

Preis

  • 420,-€
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Tamo

    Top und aus
    Ich hab gerade ne halbe stunde geschrieben und wurde leider vom system abgemeldet

    Fazit: das Gerät ist für Bandmusiker,Vollprogramierer und Acidfreaks als INSTRUMENT bestens geeignet

  2. Profilbild
    richard  AHU

    Das Gerät ist ganz witzig als Spaßkiste und wenn man es heutzutage günstig ersteigern kann sollte man zugreifen. Alleine wegen dem kleinen witzigen Synth, allerdings sollte man sie nicht unter dem Prädikat „303-Clone“ ins Haus holen, auch wenn der Klang der da raus kommt irgendwie 303 artig ist und auf jeden Fall auch Acid tauglich, hat er doch insgesamt mit einer 303 wenig zu tun (und mit Aira Tb3 gibt es derzeit ja auch besseres das authentischer klingt wenn man einen Clone zu einem günstigen Preis sucht).Nichtsdestotrotz würde ich den Klang des Phrase Lab als eigenständiger sehen und man kann viel Spaß mit dem kleinen Synth haben. Die Bedienung ist oft sehr umständlich und der Looper (zumindest aus meiner Sicht) nicht mehr so zeitgemäß.

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