Test: Seymour Duncan Power Stage 170 / 700, Gitarrenendstufen

3. Juli 2018

Volles Pfund aus Bodenhaltung!

 

Seymour Duncan Power Stage titel

Die Zeiten haben sich geändert. Merkmale wie Transportabilität, Gewicht und Abmessungen haben in den letzten Jahren massiv an Bedeutung zugelegt. Neben einigen anderen Anbietern hat auch Seymour Duncan auf diesen Trend reagiert und mit der Seymour Duncan Power Stage 170 und der Seymour Duncan Power Stage 700 zwei sehr auf Transportabilität ausgelegte Endstufen auf den Markt gebracht, die speziell für Gitarristen entworfen wurden.

Seymour Duncan Power Stage 170 Vorderseite

— Seymour Duncan Power Stage 170 Vorderseite —

Das Konzept der Seymour Duncan Power Stage Serie

Vor 50 Jahren war alles ganz einfach. Aufgrund mangelnder P.A.-Systeme packte man so viele 412er Cabinets und Heads wie man bekommen konnte in einen Transporter bzw. LKW, baute sie auf, schaltete sie ALLE ein und beschallte die gesamte Halle von der Bühne aus. Endergebnis: ein hervorragender Gitarrensound und taube Musiker.

Diese Zeiten sind endgültig vorbei und nicht einmal die beinhärtesten Vintage-Jünger neueren Datums wünschen sich diese Beschallungssituation wieder zurück. Das genaue Gegenteil ist die Soundkonstellation, bei der alle Musiker mittels Modeling-Amps und D.I.-Boxen direkt ins Pult spielen und man außer der Direktabstrahlung des Schlagzeug-Sounds kein anderes Instrument mehr auf der Bühne wahrnimmt. Ein Traum für Saalmischer, aber die Interaktion zwischen der Gitarrensaite und der bewegten Luft des Lautsprechers geht verloren. Das Ergebnis ist ein vergleichsweise lebloser Sound, der gerade bei Musikern der alten Schule zuweilen eine Art Ekel aufkommen lässt.

Seymour Duncan Power Stage 700 Vorderseite

— Seymour Duncan Power Stage 700 Vorderseite —

Der immer mehr angestrebte Mittelweg liegt in einer Mischung beider Systeme, sprich man erzeugt mittels eines vergleichsweise leisen und kleinen Systems genügend Schalldruck auf der Bühne, um die Interaktion mit dem Instrument zu ermöglichen, holt sich seine Endlautstärke jedoch über das individuell eingestellte Inear-System. Noch nie wurden so viele 1×12“- oder 2×12“-Boxen auch im Bereich der härteren Fraktion auf der Bühne gesichtet, während die immer noch gerne zur Bühnenfüllung aufgereihte Fullstack-Armada zumeist aus Gewichtsgründen aus leeren Dummy-Gehäusen bestehen.

Um jetzt den Transportvorteil durch das Schleppen schwerer Vollröhrentopteile nicht wieder zunichtezumachen, bedarf es möglichst kleiner, leichter und gut klingender Endstufen, am liebsten noch in Stomp-Pedal-Größe und im Bedarfsfall direkt mit dem Floorboard zu verbinden. Sehe ich da die ersten ihre Ohren spitzen?

Seymour Duncan Power Stage 170 Rückseite

— Seymour Duncan Power Stage 170 Rückseite —

Die Seymour Duncan Power Stage 170

Bei der Seymour Duncan Power Stage 170 handelt es sich um eine 170 Watt starke Class-D-Endstufe, die sich an zwei Musikergruppen wendet, die beide das gleiche Anliegen bzw. Problem haben. Es geht um Größe und Gewicht (wie eigentlich immer im Leben …). Durch die Abmessungen von 292 x 176 x 56 mm und einem Gewicht von nur knapp 2,8 kg kann die Endstufe tatsächlich auf dem Floorboard platziert und mit Klettband/Kabelbindern fixiert werden.

Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass man bei entsprechendem Konzept sein reguläres Topteil zu Hause lassen und nur mit Floorboard, Box und Gitarre reisen kann. Wenn man nun noch vor Ort ein funktionierendes Cabinet vorfindet oder man Equipment-Sharing mit den anderen Bands vor Ort durchführt, kann man sogar mit dem ÖNV zur Show anreisen.

Die zweite Zielgruppe sind Berufsmusiker, die öfters mit dem Flugzeug zu Shows im Ausland anreisen müssen. Ich selber kenne das Problem zur Genüge, dass man im Ausland, je nachdem in welchem Land man spielt, man nur komplett runtergerocktes Material vom Veranstalter gestellt bekommt, bei dem nicht ein einziger Verstärker tadellos funktioniert. Mein persönliches „Highlight“ war dabei die vorletzte Russland-Tour, Tourstop St. Petersburg. Drei Marshall Topteile vor Ort, einer mit abgebrochenem Mastervolume-Regler, einer mit oszillierenden Endröhren und einer, der sich gar nicht mehr anschalten ließ. Hier kann das Mitnehmen eines „Kleinst-Verstärker-Setups“ im persönlichen Koffer viele Probleme minimieren.

Seymour Duncan Power Stage 170 bottom

— Seymour Duncan Power Stage 170 Unterseite —

Der eine oder andere wird nun zu Recht fragen, warum die Endstufe über die recht hoch angesetzte Leistung verfügt. Hierzu muss gesagt werden, dass dieser Wert nur an 4 Ohm gilt und anders als bei einer Röhrenendstufe die Leistung mit zunehmender Ohmzahl abnimmt. An 8 Ohm dürfte die Leistung ca. 90 Watt betragen, bei 16 Ohm ca. 50 Watt. Aber keine Sorge, immer daran denken, um die Lautstärke zu verdoppeln, muss die Leistung verzehnfacht werden, sprich 170 Watt sind nur knapp doppelt so laut wie ein 17 Watt Verstärker.

Die Seymour Duncan Power Stage 170 ist von ihrer Konstruktion her sehr simpel gehalten, was den Hersteller nicht davon abgehalten hat, das Gerät in ein sehr attraktives Gehäuse mit einer Oberseite aus gebürstetem Aluminium zu packen. Die in den USA gefertigte Endstufe verfügt über einen cleanen Preamp und eine Dreiband-Klangregelung, die bei den Frequenzen 87 Hz, 712 Hz und 6,61 kHz einsetzt und eine Anhebung/Absenkung von 13 dB ermöglicht. Ein großer, hervorstehender Lautstärkeregler ermöglicht das Nachregeln der Lautstärke mit dem Fuß während der Show, theoretisch kann man das Volume auch für ein Solo anheben und danach on the fly wieder zurückdrehen. Ein kräftig surrender Ventilator auf der Vorderseite sorgt für eine Kühlung des Innenlebens. Auf der Rückseite noch Ein- und Ausgang, Kaltgerätestecker, On/Off-Schalter, fertig.

Seymour Duncan Power Stage 170 mit Netzkabel

— Seymour Duncan Power Stage 170 mit Netzkabel —

Forum
  1. Profilbild
    roseblood11  

    Mmm… Das Teil macht im wesentlichen klangneutral laut. Während des Gigs viel nachregeln wird man eher nicht, und wenn, dann lieber mit der Hand. Also verbraucht es auf dem Pedalboard eigentlich unnötig Platz. Und eine geeignete Box muss man sowieso schleppen. Da ist es doch viel naheliegender, die Endstufe in die Box zu integrieren, da fällt sie nicht weiter ins Gewicht und braucht kein eigenes Gehäuse. Solche Satellitenboxen hatte Line6 schon zu den ersten Floor-Pods im Angebot, ähnliches gab es schon in den 80ern, um in Mehrkanalsystemen den Effektanteil neutral zu verstärken.

    Wenn man eh eine Box mitnehmen muss, könnte man stattdessen auch einen Combo mit gutem Cleansound nehmen. Wiegt auch nicht viel mehr, rettet einem aber den Gig, wenn der Modeller mal ausfällt.

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      @roseblood11 der entscheidene Punkt neben den Gewichts- und Platzeinsparungen ist ja gerade wenn du KEINE Box mitnehmen kannst / willst.

      Ich z. B. spiele sehr viele Show im Ausland, zu denen ich fliegen muss. Je nach Land und Backline Service sind die Heads vor Ort in einem katastrophalen Zustand, während sich die Cabinets meistens noch in einem vergleichsweise guten Zustand befinden. Das ist das perfekte Einsatzgebiet der SD Endstufe, Pre-Amp davor, evtl. FX dazwischen, perfekt!

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