Test: The Orchestra Complete 2, Library

16. September 2020

Der geniale Orchester-Baukasten jetzt noch besser

Im Sommer 2017 brachte Sonuscore mit “The Orchestra“ eine „all-in-one“- Library heraus, mit der man mit Hilfe der vorgefertigten Besetzungen („Orchestral Colors“) und gut klingenden Passagen („Animated Orchestra“) auch ohne Vorkenntnisse schnell zu vorzeigbaren, lebendigen und gut klingenden Ergebnissen kommen konnte. Entsprechend groß war dann auch die Resonanz. Zwei Jahre später legte Sonuscore nach und brachte nicht nur einige neue Features, sondern mit „Strings of Winter“ auch ein Streicherensemble aus der Mongolei, inklusive neuer Artikulationen. Zusammengefasst wurden diese Updates dann in „The Orchestra Complete“. Nun, wieder ein Jahr später, folgte mit „Horns of Hell“ eine weitere Library-Erweiterung, die zusammen mit zahlreichen neuen oder verbesserten Features in „The Orchestra Complete 2“ zusammengefasst worden sind. Und genau die schauen und hören wir uns im Folgenden mal näher an. Unser erster Test zu „The Orchestra“ von 2017 ist hier nachzulesen; den zu„Orchestra Complete 1“ mit den Winter Strings (2019) gibt es hier

The Orchestra Complete

The Orchestra Complete 2

Download und Installation

Mein Testmuster hatte ich von Best Service erhalten. Nach dem Kauf (bzw. nach der Bereitstellung des Musters) findet sich im Best-Service-Kundenkonto der betreffende Downloadlink; dass dabei nicht eine große, sondern mehrere ca. 2GB große komprimierte Dateien heruntergeladen werden müssen, sollte in den Zeiten schneller Verbindungen kein Problem mehr darstellen – die kann man ja auch alle auf einmal auswählen. Anschließend müssen die noch in ein Verzeichnis der Wahl entpackt werden und die Library dann in Native Access aktiviert und freigeschaltet werden. Falls noch nicht geschehen, lädt man sich dort auch noch die neueste Version des kostenlosen Kontakt Players (zur Zeit des Tests war das die 6.4.1) herunter. Während The Orchestra von 2017 sich da (auch heute noch) mit einer 5er-Version zufrieden gibt, verlangt The Orchestra Complete 2 mindestens den Kontakt Player bzw. die Kontakt Vollversion 6.2.2 – wie ich selber feststellen musste („Wieso läuft das denn jetzt nicht? Wieso sehe ich nur meine alte Version?“). Ist das alles geschehen, erscheint The Orchestra Complete 2 in Kontakt und wir können loslegen.

The Orchestra Complete

The Orchestra Complete 2 benötigt den Kontakt Player ab Version 6.2.2

Wie – schon wieder neu kaufen?

Ich selber hatte erst kürzlich – wie sicherlich viele andere – in der Sonderangebotswoche zu „The Orchestra“ endlich zugeschlagen; 199 statt 299 Euro – da konnte ich nicht mehr widerstehen. Umso mehr, da die Library schon lange auf meiner Wunschliste ganz weit oben stand. Als dann jetzt die News kam, dass es eine neue, erweiterte Ausgabe gibt, war ich natürlich erstmal wenig begeistert, so nach dem Motto „Hätte ich das vorher gewusst“. Aber keine Sorge: Für alle, die eine ältere Version besitzen, gibt es faire Upgrade/Crossgrade-Preise. So zahlen die, die The Orchestra besitzen, statt der 459 Euro, die The Orchestra Complete eigentlich kostet, lediglich 199 Euro, wer die Complete 1 schon hat (Orchestra plus Strings of Winter) nur noch 99 Euro. Und wer lediglich „Strings of Winter“ oder „Horns of Hell“ sein eigen nennt, ist mit 349 Euro dabei. Etwas irreführend ist es im Best Service Shop, dass „The Orchestra Complete 2“ dort ab sofort als „The Orchestra Complete“ geführt wird (also ohne die 2), weil die Version 1 logischerweise nicht mehr angeboten wird; ein Klick auf das Cover klärt die Sache dann aber auf.

Das ist The Orchestra

The Orchestra ist ein 80 köpfiges Orchester, das Sonuscore (Dynamedion) in Budapest aufgenommen hat. Von Sonuscore stammen nicht nur großartige Librarys  wie Action Strikes, Action Strings, Elysion oder das Lyrical Bundle, die Jungs aus Mainz sind auch seit vielen Jahren die Nummer eins, wenn es um die Vertonung von Videogames geht (Anno, Battlefield, Mortal Kombat, Risen, Crysis u.v.m.), und auch im Bereich Filmmusik sind sie aktiv (Kino und TV-Serien). Da kann man also feststellen, dass hier Praktiker für die Praxis produziert haben.

The Orchestra Complete 2

Die leistungsstarke Enige ist das Herzstück von The Orchestra

So funktioniert The Orchestra

Einer der Gründe für den großen Erfolg der The Orchestra-Library in den letzten drei Jahren ist die Tatsache, dass sich mit der übersichtlichen Engine schnell und einfach eigene Presets und Patches bauen lassen. Wie einfach das ist, möchte ich hier mal kurz zeigen.

Auf der „Main“-Page können fünf Slots mit beliebigen Instrumenten befüllt werden, die ich bequem über einen Browser auswähle: Erst die Section (Strings, Brass, Woodwinds, Percussion, Keys & Harp, Choir), dann das Instrument aus der ausgewählten Gruppe (also zum Beispiel Violin 1, Tenorhorn, Oboe, Organ Manual oder Choir Female) und am Ende dann die dazu passende Artikulation (wie Marcato, Sustain, Tremolo usw.). Sind alle fünf Slots gefüllt, kann ich jedem Slot einen Arpeggiator bzw. eine Envelope aus einem Pool von drei Arpeggiatoren und zwei Envelopes zuordnen, die ich zuvor (individuell für jeden Patch) erstellt habe. Das geht ebenso einfach wie die Auswahl der Instrumente: Richtung, Auflösung, Transpose, Swingfaktor, Oktave, Note-Repeats oder die Auswahl, welche Noten aus einem Akkord gespielt werden sollen, plus eine Volume-Verlaufskurve malen – all das ist mit ein paar Klicks erledigt. Durch die Kombination mehrerer Arpeggiatoren und Envelopes und im Zusammenspiel mit den von Sonuscore vorab programmierten MIDI-Pattern, die dazu im Hintergrund laufen, lassen sich so interessante, vielseitige und dichte Soundgewebe stricken. Nutzt man in den Arpeggiatoren ausschließlich Percussion-Instrumente, lassen sich damit auch Rhythmus-Muster erstellen.

Das Schöne daran: Die Grundlagen hat man nach fünf Minuten verstanden; je länger man sich aber damit beschäftigt, desto mehr entdeckt man immer neue Möglichkeiten. Im Mixer dann eben noch Volume, Panning und ein paar Effekte dazu, fertig. Da sich mehrere so gebaute Presets miteinander zu einem komplexen Patch kombinieren lassen, ist man bei all dem nicht auf die eingangs erwähnten fünf Slots beschränkt.

Und so sind dann auch die Multis des Orchestra Complete 2 aufgebaut: Während bei den „Orchestral Colors“ nur die Instrumental Slots besetzt sind – das „Full Orchestra Sustain“ dann zum Beispiel mit 15 verschiedenen Instrumenten aus Streichern, Blech- und Holzbläsern in Sustain Artikulierung – kommen im „Animated Orchestra“ und in den (melodisch weniger aufwendigen) „Orchestral Rhythms“ auch die Arpeggiatoren und Envelopes zum Einsatz.

The Orchestra Complete 2

Mit dem neuen Browser ist die Arbeit noch leichter geworden

Das ist alles drin und neu

The Orchestra Complete 2 enthält (natürlich) alle Presets, Instrumente und Patches aus „The Orchestra“ und „Strings of Winter“ mit seinen 60 Streicherartikulationen und dem mongolischen Morin Khuur Staatsorchester. Neu hinzu gekommen sind die „Horns of Hell“, aufgenommen mit einem 20-köpfigen Brass Ensemble, die 48 Brass Patches, über 70 Presets mit 28 weiteren Artikulationen plus fünf FX- und Phrasen-Patches eingespielt haben. Dass dann ausgerechnet die „Horns of Hell“ auch eine Kirchenorgel mit 15 unterschiedlichen Registrierungen plus drei Orgel-FX-Patches mit ins Spielgeschehen bringen, ist schon ein wenig amüsant. Dazu kommt dann noch das passende „höllische“ Schlagwerk mit tiefen Schlägen, einer Pauke und Tubular Bells. Um die neuen Sounds voll ausnutzen zu können, hat Sonuscore dann auch gleich noch gut 50 neue Presets gebastelt, in denen die Bläser eingebunden wurden. Insgesamt kommt The Orchestra damit jetzt auf 478 Presets (davon 150 neue), 80 Orchestral Colors, ebenso viele Orchestral Rhythms und 70 Animated Orchestras. Eine Menge tonales Holz also, mit dem sich viel und gut basteln lässt.

Neu ist auch die „non pitched percussion“. Wenn man die Non Pitched Drums in einen Slot legt, verteilen sich die Orchesterdrums schön über die Tastatur, so dass ich mit dem Arppegiator Rhythmen bauen kann. Mit dem Transpose-Schalter lässt sich da schnell das verwendete Instrumentarium wechseln – vielseitig und gut.

Sonuscore hat sich bei den Neuerungen aber nicht nur auf Patches, Instrumente und Presets beschränkt, sondern auch an der Nutzeroberfläche und an der Engine gebastelt. So wurde zum Beispiel der Preset-Browser überarbeitet; Filter und Kategorien erleichtern die Suche, zudem lassen sich auch Favoriten speichern und wieder aufrufen. Ob etwas Drama mit Holzbläsern im ¾ Takt oder Triolen-Action mit den Horns of Hell: Das Suchergebnis ist immer nur ein paar Mausklicks entfernt.

Mit dabei ist auch wieder die MIDI-Export-Funktion. Damit lassen sich die von der Engine erzeugten Pattern und Arrangements auf separate MIDI-Spuren in der DAW exportieren und so dann auch mit anderen Instrumenten außerhalb von The Orchestra nutzen; denn die „Animated Orchestras“ & Co sind eben keine starren Loops nach dem Motto „Nimm es oder lass es“, sondern veränderbare Gebilde, die den eigenen Wünschen und Erfordernissen angepasst werden können. Anpassen lassen sich schließlich – als kleine nette Spielerei – auch die Optik des GUI, das nun auch im Stil von „Horns of Hell“ oder „Strings of Winter“ erscheint.

The Orchestra Complete 2

Wieder dabei: Der MIDI-Export per Drag & Drop in die DAW

Und wie klingt das denn nun?

Dann hören wir doch mal rein, was das erweiterte Orchester klanglich zu bieten hat und beginnen bei den Orchestral Colors – von Sonuscore zusammengestellte, ganz unterschiedlich besetzte Ensembles, die aber jederzeit auch von Hand geändert werden können. Die Colors kommen ohne Bewegung, hier kommt es nur auf den Klang an. Gegenüber der Urfassung von The Orchestra von 2017 wurde das Angebot hier inzwischen von einst 25 auf jetzt 80 kräftig aufgestockt. Hier einige der neuen Colors; besonders beeindruckend finde ich da den Klang der neuen Kirchenorgel, der sowohl solo als auch zusammen mit dem Orchester zu hören ist.

Die Instrumente können natürlich auch alle Solo eingesetzt werden. Neben  Streichern, Holz- und Blechbläsern, Orchesterpercussion und Chor finden sich in der Abteilung „Keys & Harp“ auch ein ganz ordentlicher Flügel sowie 20 Kirchenorgelsounds in den verschiedensten Registern, darunter auch fünf Pedalklänge. Ich habe in meiner Jugend selber oft auf einer alten Kirchenorgel spielen dürfen (ein herrliches Instrument von 1759 – ein einzigartiges Erlebnis, an den Klang und das Volumen kommt kein anderes Instrument heran) und kann daher sagen: Diese Pedalsounds sind wirklich fantastisch echt.

Bei den Orchestral Rhythms liegt der Schwerpunkt – welch Überraschung – auf dem Rhythmus, aber trotzdem werden diese vom Orchester begleitet, allerdings ohne komplexe Bewegungen in den Instrumenten. Die Unterteilung in Big Orchestra, Winter Strings, Hollywood Action und Evil Battle gibt da erste Anhaltspunkte.

Glanzpunkt des neuen Orchestra Pakets ist aber wieder das „Animated Orchestra“. In den nachfolgenden Beispielen habe ich bewusst jeweils nur ein paar einfache Akkorde gegriffen und den Rest die Engine machen lassen. Das beweist, dass man wirklich kein Virtuose sein muss, um hier schnell zu vorzeigbaren Ergebnissen zu kommen. Neu mit dabei ist hier das „Hells Orchestra“ mit dem Blech aus „Horns of Hell“. Hier zeigt sich aber auch, dass The Orchestra auch die leisen Töne beherrscht – und sogar eine Art Chorgesang hinbekommt. Beeindruckend.

Fazit

Mit der Erweiterung „Horns of Hell“ und den zusätzlichen Presets, Instrumenten und Patches gehen Sonuscore und Best Service den eingeschlagenen Weg erfolgreich weiter und verbessern „The Orchestra“ erneut. Das klangliche Potential ist enorm; geradezu fantastisch ist es dann, dass man das Material leicht anpassen und verändern oder sich von Grund auf eigene Soundgebilde schaffen kann. Dank der leistungsstarken, aber trotzdem leicht zu bedienenden Engine ist das auch für Orchester-Neulinge nach kurzer Einarbeitungszeit überhaupt kein Problem. Da auch der Preis absolut ok ist, kann ich „The Orchestra Complete“ nur wärmstens empfehlen. Ich bin gespannt, was da als nächstes kommt!

Plus

  • extrem einfache Bedienung
  • klanglich beeindruckende Ergebnisse
  • gute Einzel-Instrumente
  • sehr vielseitig
  • Sounds alle editierbar, keine starren Loops
  • MIDI-Export per Drag & Drop in die DAW
  • verbesserter Browser
  • klare Struktur ohne viele Unterfenster
  • Presets noch einmal gut aufgestockt
  • braucht angesichts der komplexen Klangmuster erstaunlich wenig Rechenpower und Speicher

Preis

  • The Orchestra Complete: 459,00 Euro
  • Upgrade für Nutzer von The Orchestra Complete 1: 99,00 Euro
  • Upgrade für Nutzer von The Orchestra; 199,00 Euro
  • Crossgrade für Strings of Winter oder Horns of Hell-Nutzer: 349,00 Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    costello  RED

    Ich finde die Orchestra-Library von Sonuscore sehr empfehlenswert. Ich hatte sie mir eigens für Peter Grandls Turmschattenprojekt zugelegt und zusammen mit den Cinematic Drums von Ghosthack konnte ich meine Ideen relativ unproblematisch umsetzen. Die animierten Orchester klingen bombastisch aber auch etwas effekthascherisch. Überzeugender finde ich es, mit den einzelnen Instrumentengruppen von Grund auf seine eigenen Scores zu entwickeln. Genügend Artikulationsmöglichkeite gibt es dafür ja. Das Piano empfinde ich übrigens immer noch als ziemlich schwach.

  2. Profilbild
    Ghostwalker  

    Habe mit Orchestra und schon viel herumexperimentiert und es kamen richtig coole Sachen dabei heraus, besonders mit synthetischen Klängen gemischt. Eines der wenigen Programme die mir richtig Spaß machen am Rechner zu arbeiten…die Arpeggiator Funktion gefällt mir am besten und der Sound ist sehr authentisch eingefangen….das upgrade scheint sich zu lohen

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