Test: YoloLiv YoloBox, portables Live Stream Studio

14. Mai 2021

Gutes Streaming-Konzept mit Schwächen in der Praxis

yololive yolobox test streaming box

Selten bekommt man ein Produkt in die Hand, das wirklich neu und innovativ zu sein scheint. Mit der YoloBox hat der Hersteller YoloLiv ein solches Gerät zum Test zur Verfügung gestellt. Die YoloBox stellt nicht weniger als ein kompaktes Videostudio für den Live Stream dar, das auf bis zu 3 Portalen gleichzeitig streamen kann, sich dabei neben WiFi und Ethernet auch noch der Mobilfunktechnik bedient und dabei bis zu 5 Videoquellen in Full HD verarbeiten kann. Das ist mal ’ne Ansage, meine Damen und Herren! Ich bin gespannt, ob die Box halten kann, was sie so vollmundig verspricht. You only live once, also los geht’s! Über den zweifelhaften Namen der Box müssten wir aber noch extra sprechen, seriös geht anders.

Die YoloBox – Live Stream mit bis zu 5 Bildquellen

YouTuber dürften bereits nach der Einleitung feuchte Augen bekommen haben. Das klingt doch wirklich zu schön, um wahr zu sein. Aber auch Veranstalter von Videokonferenzen, Reporter, Konzertveranstalter und sogar Sportvereine könnten von den Features der YoloBox profitieren. Und das bei gerade mal 480 Gramm Gewicht und etwa der Größe eines kleinen Tablets.

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Schauen wir uns zunächst mal die Ausstattung der Box an: Das kompakte Gehäuse mit Touch Screen macht einen wertigen Eindruck, das kann man für rund 1.000,- Euro Straßenpreis auch erwarten. Die Abmessungen von 185 x 19,5 x 107 mm machen das Gerät handlich. Die Rückseite ist gummiert, damit liegt die Box gut in der Hand. Der 7″ Touch Screen füllt nahezu die komplette Oberseite des Gerätes aus. Auf der dem User zugewandten Seite befinden sich der Power-Knopf, ein SD-Karten-Slot, ein Gewinde für den mitgelieferten Blitzschuh-Adapter, ein SIM-Karten-Slot und eine 3,5mm Klinkenbuchse als Audio-Ausgang, z. B. für Kopfhörer.

Gegenüber, also auf der dem User abgewandten Seite, finden sich alle anderen Zugänge, die das Gerät besitzt. 2 HDMI-Eingänge, ein USB 3.0 Anschluß, einen HDMI-Out, die LAN-Buchse, eine 3,5mm Klinkenbuchse für externe Audiosignale, sowie eine TYP-C USB Buchse zum Laden des 5500mAh starken Akkus. Zum Lieferumfang gehören, neben dem erwähnten Blitzschuh-Adapter, zwei HDMI-Kabel, ein USB-C Kabel sowie ein kleines Beutelchen zur Aufbewahrung der YoloBox.

Der Yolo-Account und der erste Start der Box

Nach dem Einschalten und der Auswahl der Systemsprache – wobei nur zwischen Englisch und vereinfachtem Mandarin unterschieden wird – verlangt das Gerät, dass ich meine Mailadresse eingebe und auf eine E-Mail vom Hersteller warte, die einen vierstelligen Code zur Registrierung des Gerätes beim Hersteller enthält. Somit habe ich, ob ich will oder nicht, de facto ein Kundenkonto bei YoloLiv. Mal ganz abgesehen davon, dass der Absender, der den zweifelhaften Namen „YoloLiv“ und den Betreff „YoloBox“ in der Mail verwendet, davon ausgehen muss, dass die Mail, wie bei mir 5 mal  geschehen, zunächst im Spam-Ordner landet, ist die Registrierung beim Hersteller überflüssig und fragwürdig.

Zum Initialisierungsprozess gehört nun die Verbindung des Gerätes mit dem Internet. Dies kann sowohl per WLAN, LAN oder 4G-Netz erfolgen, letzteres erfordert natürlich eine freie SIM-Karte mit idealerweise einer Datenflat. Das verwendete Betriebssystem erweist sich als stark reduziertes Android-OS, das einen nun durch ein paar Installationspunkte führt, die für eine korrekte Funktion unerlässlich sind. Zum einen wird natürlich die Zeitzone definiert, in der man sich befindet, um später geplante Live Streams auch zum richtigen Zeitpunkt anbieten zu können und nicht ungewollt um 3:00 Uhr nachts die Schwiegermutter mit einem geplanten Live Stream aus der Dominikanischen Republik zu wecken. Zum anderen kann man sich nun in seine Social-Media-Accounts einwählen, um überhaupt eine Streaming-Plattform zur Auswahl zu haben. Hier steht jetzt neben YouTube noch Facebook und Twitch zur Verfügung, eine Anbindung an Twitter ist geplant, aber noch nicht verfügbar. Warum nur Facebook und nicht Instagram? Instagram vergibt keine Stream Keys, mit deren Hilfe man einen Live Stream veranstalten könnte. Bislang kann man dort nur über das Smartphone (auch nicht über einen PC oder Mac) live gehen. Wer als Influencer Kunden erreichen will, kommt um Instagram aber wohl kaum herum. Über sogenannte Third-Party-Lösungen wie Yellow Duck lässt sich zwar auch über einen Rechner ein Stream realisieren, das widerspricht allerdings den Instagram-Nutzungsbedingungen. Der direkte Zugriff über die YoloBox bleibt vorerst unmöglich. Ohne Instagram-Anbindung ist die Box aber für mich nur die Hälfte wert, wofür ich den Hersteller natürlich nicht verantwortlich machen kann. Immerhin kann man optional noch einen eigenen Streaming-Server nutzen; hierzu nutzt die YoloBox das Real Time Messaging Protocol RTMP. Hat man alle Settings beisammen, kann es aber auch direkt losgehen mit dem Stream, in meinem Fall auf Facebook und YouTube.

YoloBox Desktop

Klein, handlich und leistungsstark. Aber leider ohne Ton…

Per USB schließe ich eine handelsübliche Webcam von Logitech an und siehe da, ich erscheine ohne weiteres Zutun auf dem Bildschirm der YoloBox. Nur leider ohne Ton, das Gerät kann offenbar nicht gleichzeitig Bild und Ton über USB verarbeiten, obwohl die Kamera dies anbietet. Was ich auch anstelle, der Stream bleibt stumm. Über HDMI läuft das problemlos, eine DSLR-Kamera mit HDMI-Anschluß liefert Ton UND Bild, allerdings wegen des mangelhaften Mikrofons nur äußerst zweifelhafte Tonergebnisse. Also gaaaanz tief in der Kabelkiste gewühlt und das kleine R∅DE Clip-Mikro mit Mini-Klinke rausgekramt. So funktioniert es, allerdings nicht so wirklich schön, da die Klinkenbuchse scheinbar einen Wackelkontakt hat und außer Kratzen nur selten ein klar artikulierter Laut über den angeschlossenen Kopfhörer an meine Ohren dringt. Erschwerend kommt eine satte Latenz von geschätzt 250 ms dazu, für die man, per Delay Pedal erzeugt, schon mal mehrere Hundert Euro ausgeben müsste. Auf dem Kopfhörer höre ich zudem ein unangenehmes Grundbrummen, unabhängig von einer aktiven Tonquelle. Nicht gut! Das Gerät selbst erzeugt ein hochfrequentes Sirren, das mich, während die Box neben mir liegt, beinahe wahnsinnig macht.

In meinen Live Stream, so er denn trotz aller Widrigkeiten startet, kann ich nun noch andere Kameras, Bilder, PDF-Dateien usw. einbinden; die beiden letzteren muss ich dazu auf eine SD-Karte kopieren. Der Stream selbst kann auf allen ausgewählten Portalen gleichzeitig erfolgen, die Bildqualität ist dabei mit maximal 1080p dem Standard entsprechend.

Spielstände, Wasserzeichen, Kommentarfunktion

Nutzt man den Live Stream zu Beispiel für eine Sportübertragung, kann ein Score Board eingeblendet werden, das man sowohl mit dem Namen der Veranstaltung als auch mit den Namen der Teams versehen kann. Team Logos können ebenfalls eingeblendet werden, diese müssen dann als transparente PNG-Files von 96 x 96 px auf der SD-Karte vorliegen. Das ist wirklich eine schöne Idee und sehr praxisnah. Für den Ton allerdings ist man entweder wieder auf die Mikros der Kameras angewiesen, oder man mischt mit einem externen Pult vor, sofern man mehrere Mikros verwenden will, um zum Beispiel pöbelnde Trainer und Publikum getrennt aufzunehmen. Dann muss der Ton der YoloBox allerdings über die anfällige 3,5 mm-Klinke zugeführt werden. Das ist eher unprofessionell. Overlays in Form von Bauchbinden mit statischem oder scrollendem Text können ebenfalls erzeugt werden, wobei der scrollende Text nicht in der Position veränderbar ist und mittig durchs Bild wabert; die statischen Texte sind zwar in Position, Größe und Layout anpassbar, jedoch verweigert mir das Gerät die Bearbeitung des Texts, diese Funktion ist also im Test unbrauchbar.

YoloBox Live Stream

Sehr gute Idee mit viel Potential, leider nicht wirklich gut umgesetzt: Die YoloBox

Ein Wasserzeichen oder ein eigenes Logo kann über die Overlay-Funktion auch hinzugefügt werden, grundsätzlich sieht man also, dass die YoloBox ziemliches Potential hat, aber offensichtlich noch in den Kinderschuhen steckt. Für knapp 1.000,- Euro erwarte ich aber eine funktionierende Software; ich bin nicht bereit, als Beta-Tester herzuhalten! YoloLiv hat eine teils sehr aggressive Werbekampagne gestartet, in der reihenweise bekannte YouTuber mit der Box versorgt wurden. Dementsprechend ist das Netz voll mit Lobhudeleien auf die YoloBox; dem damit erhobenen Anspruch kann die Praxis dann aber leider tatsächlich nicht standhalten.

Bleibt noch die Kommentarfunktion zu erwähnen. Läuft der Live Stream, bekommt man auf Wunsch die Kommentare der Zuschauer plattformgetrennt in einem separaten Fenster angezeigt, Antworten muss man dann aber über ein zweites Gerät, wie zum Beispiel das eigene Smartphone.

PiP, Split View, Side By Side für Stream, Konferenzen oder Unterricht

Und weitere praktische Anwendungsmöglichkeiten der YoloBox

Neben der Möglichkeit, einzelne der fünf Quellen per Fingertip in den Stream zu schicken, sind natürlich auch Multi-Views möglich. Entweder, man entscheidet sich für ein PiP Video, also Picture-in-Picture, wobei eine der Quellen bildschirmfüllend im Hintergrund bleibt, oder man wählt die gleichberechtigte Darstellung mindestens zweier Quellen im Split View oder einträchtig nebeneinander. Diese Funktionen bieten sich zum Beispiel auch an, wenn man Videokonferenzen mit der YoloBox managed. Hierzu können dem eigenen Stream auch andere Live Streams hinzugefügt werden, sofern diese auch auf dem gleichen Kanal stattfinden. Denkbar wäre hier zum Beispiel auch ein Interview auf einem YouTube-Kanal, wobei der Interviewpartner dann natürlich die Zugangsdaten für den Kanal benötigt, oder man nutzt das RTMP-Protokoll und einen eigenen Server.

Eine andere Nutzungsmöglichkeit wäre der Online-Instrumentenunterricht oder die Produktion von Unterrichtsmaterial, bei dem Multi-View Sinn ergibt. Drummer oder Gitarristen beispielsweise können so mehrere Kameraeinstellungen an den Schüler bringen. Gepaart mit der Möglichkeit, PDF-Dateien einzublenden, erhält man ein mächtiges Werkzeug für Unterricht im Webinar-Format. Übrigens zwingt einen niemand, einen Live Stream mit der Box zu veranstalten; genauso gut kann das Signal über HDMI ausgegeben werden, um es aufzuzeichnen.

Fazit

Eine wirklich gute Idee mit viel Potential hat YoloLivim Rennen mit der YoloBox. Allerdings verschenken derzeit noch diverse Software-Fehler die Möglichkeiten. Die Audioanbindung über 3,5 mm Klinke ist für professionelle Zwecke leider nicht ausreichend.

Für YouTuber, die finanziell gut aufgestellt sind, könnte diese kleine Kiste eine Offenbarung sein, wenn die Kinderkrankheiten auskuriert sind. Für uns Musiker fehlen einfach noch eine sichere, qualitativ hochwertige Audioanbindung und ein oder zwei zusätzliche USB-Eingänge.

Eine Instagram-Anbindung halte ich, wie im Text beschrieben, für unbedingt nötig. Wenn ich sehe, was sich Softwareseitig in den letzten Monaten bei der YoloBox im Rahmen regelmäßiger Updates getan hat, hab ich die Hoffnung, dass die Box bald ihr komplettes Potential entfalten kann. Im jetzigen Zustand ist das Gerät aus professioneller Sicht nur ein teures Spielzeug.

Plus

  • Einfache Anwendung für YouTube, Facebook und Twitch
  • Grundsätzliches Konzept mit viel Potential

Minus

  • Registrierung bei YoloLiv nötig
  • Keine Instagram-Anbindung
  • USB-Ton bleibt bei Verwendung einer USB Webcam still
  • Line In kratzt, Gerät erzeugt starkes Grundbrummen auf dem Kopfhörer
  • Latenz beim Monitoring
  • Nur ein USB-Eingang
  • Teils massive Fehler in der Software (Textbearbeitung)
  • Aggressive Influencer-Werbekampagne

Preis

  • 985,- Euro
Forum
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    mdesign  

    nun ja, netter versuch. aber mit eur 1.000 doch etwas hochpreisig für eine notlösung. und das band-in-a-box-prinzip wird dem anlass nicht gerecht. wenn ich eine veranstaltung mit mehreren kameras aufnehme, dabei noch grafik einbinde und per live-regie mische, dann muss ich das nicht auf einem DIN A5-blatt machen. da sollte man schon einen richtigen mischer und richtiges monitoring für bild und ton haben. sowas gibt es zB für einen sehr ähnlichen preis bei blackmagics ATEM-reihe.

  2. Profilbild
    herzschrittmacher  

    Summasummarum eigentlich genau das Tool dass ich suche. Abgesehen vom Preis. In der MK2-Version dann vielleicht…*stellteinweiteressparschweininsregal*

  3. Profilbild
    Markus Galla  RED

    Für den Preis ist man mit einem ATEM Mini Pro oder ATEM Mini Pro ISO dann aber besser bedient. Dann noch einen kleinen HDMI Monitor für das Multiview dran und, falls ein iPad vorhanden ist noch die gerade erst von einem Dritthersteller erschienene Atem App dafür, und los geht’s. Gut, es geht dann nur HDMI und keine USB Webcams, aber USB Inputs für Webcams sind bei Video Switchern ohnehin selten. Wer nur mit Webcams arbeitet, kann das auch per mit dem PC/Mac und Software wie OBS machen – und das sogar kostenlos.

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