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The Jimi Hendrix Book (4) – 1966-1970: Pop Rock Superstar

1966 – '70: Die Weltkarriere des Jimi Hendrix

9. Oktober 2022

Der Gitarrist, Komponist, Sänger und Bandleader Jimi Hendrix hat Rock, Blues und auch den Jazz mehr geprägt als die meisten anderen Musiker der späten 1960er-Jahre. Lothar Trampert, Autor des Hendrix-Standardwerks „Elektrisch!“ (1991), hat für AMAZONA.de eine Serie über Jimi Hendrix‘ Leben, Musik, Sounds und Equipment verfasst. Folge 4 beschäftigt sich mit den Jahren 1966 bis ’70.

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London Calling: Jimi Hendrix in England

Am 24. September 1966 in London angekommen, ändert Chandler als erstes die Schreibweise von Hendrix‘ Vornamen: Jimi anstatt Jimmy hat seiner Meinung nach mehr Prägnanz, bleibt besser in Erinnerung – ein perfekter Markennamen eben, der zum Aufbau eines Star-Images dazugehört. Chandler war einfach ein Mann aus dem Musikvolk, ein Musiker mit Feeling für Trends und für das Business – er besaß also genau das, was bis heute ganz oft und immer wieder fehlt, wenn es darum geht, im Umfeld von Musik Geld zu verdienen, ganz egal ob es um Songs, Instrumente oder Fachmagazine geht: Insider-Wissen, Feeling, Liebe zur Kun$t und Respekt vor dem Publikum – ohne das geht gar nichts. Zumindest nicht lange gut.

Schon in den ersten Tagen kommt es zu Jams mit dem Organisten Zoot Money und einem Gitarristen namens Andrew Somers, der Ende der 70er-Jahre als Andy Summers bei The Police Erfolg haben sollte. Nach einigen Sessions mit verschiedenen Musikern kristallisiert sich die Trio-Besetzung der „Jimi Hendrix Experience“ heraus, mit dem hier erstmals Bass spielenden Gitarristen Noel Redding, sowie dem durch seine Arbeit mit Georgie Fame bekannt gewordenen, sehr Jazz-beeinflussten Schlagzeuger Mitch Mitchell und natürlich Hendrix selbst als Gitarrist und Sänger.

Am 06. Oktober 1966 finden die ersten Experience-Proben statt, eine Woche später spielt die Band schon im Vorprogramm des französischen Rock-&-Roll-Stars Johnny Halliday bei einigen Konzerten in Frankreich, bei denen die Experience aber noch überwiegend Rhythm-&-Blues- und Soul-Standards interpretiert: ,In The Midnight Hour‘ (Wilson Pickett), ,Have Mercy Baby’ (Billy Ward & His Dominoes), ,Killing Floor‘ (Howlin‘ Wolf) – aber auch ,Hey Joe‘ (Billy Roberts) und ,Wild Thing‘ (Chip Taylor) sind schon im Einsatz. Johnny Halliday hatte Hendrix kurz nach dessen Ankunft in London bei einer Session mit der Brian Auger Trinity im Blaises Club gehört und war absolut begeistert.

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Zurück in London geht die neue Hendrix-Band am 23. Oktober 1966 zum ersten Mal ins Studio und nimmt ,Hey Joe‘ auf – die A-Seite der ersten Single. Die B-Seite ,Stone Free‘ entsteht eine gute Woche später. Direkt anschließend folgen zahlreiche Konzerte in Londoner Clubs, die den Gitarristen Hendrix in kurzer Zeit auch hier, ähnlich wie einige Monate zuvor in New York, zum Star der Musikerszene machen. The Beatles, die Rolling Stones, Jimmy Page, Eric Clapton, Jeff Beck … alle wollten ihn sehen.

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The Jimi Hendrix Book (4)

Jack Bruce © Lothar Trampert

„Er kam bei einem Gig zu uns auf die Bühne, stöpselte seine Gitarre in meinen Bass-Amp ein und so weit ich mich erinnern kann, hat er uns alle einfach weggeblasen. Hendrix hat immer einen unglaublich starken, positiven Eindruck hinterlassen – insbesondere bei Gitarristen.“  Jack Bruce / Cream

Einige Veranstalter der ersten Gigs hatten übrigens ihre Schwierigkeiten mit der exotischen Schreibweise des Vornamens, aber auch mit dem Nachnamen: Sie kündigten den neuen Star als „Jimmi Hendrix“ oder „Jimi Hendricks“ an, oder die Band als „Jimmy Hendric’s Experience“. Bei einem Auftritt im Münchener Club Big Apple, wo die Newcomer vom 08. bis 11. November 1966 spielen, prangte ein opulentes Banner mit dem Namen der hier noch unbekannten Band über der kleinen Bühne: „Jimmy Hendrix Experience“. Solche Unfälle sollten seltener werden.

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Am 13. Dezember hat die Experience ihr Fernseh-Debüt: für die Sendung „Ready, Steady, Go“ spielen sie den Titel ,Hey Joe‘ ein. Drei Tage später erscheint die erste Single der Band in England. Perfektes Timing, Chas Chandler! Durch diese großartige Promotion-Arbeit und Organisation und auch aufgrund der zahlreichen Gigs, die zwar vom kommerziellen Standpunkt aus betrachtet immer noch kaum rentabel sind, ist die Jimi Hendrix Experience jetzt auch für die Medien interessant geworden. Ende Dezember steht die zweite Fernsehaufnahme an, wieder wird ,Hey Joe‘ eingespielt, jedoch diesmal verstärkt durch die Gesangstruppe The Breakaways.

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Die folgenden Monate sind im Wesentlichen von harter Tour-Arbeit und ständig größer werdenden Erfolgen geprägt. Die Single ,Hey Joe / Stone Free‘ steht bereits am 04. Februar 1967 auf Platz 4 der englischen Charts, ein bemerkenswerter Erfolg. Hendrix selbst ist von der Platte nicht sehr begeistert und nennt den ,Hey Joe‘, „really a cowboy song. That isn’t us.“ In diesem Zusammenhang verweist er auf die kommende LP, die schon eher die wirkliche Musik der Band, nämlich eigene Kompositionen präsentieren soll.

Die Experience spielt nun ständig in Clubs und kleineren Hallen und ist mit Fernsehaufnahmen oder im Studio mit ihrem Debüt-Album beschäftigt. Während in den ersten beiden Monaten des Jahres London und der Rest der Insel bespielt wird, wagt sich die Band im März endgültig aufs Festland: Frankreich, Belgien, Holland, Luxemburg, einige Auftritte im Hamburger Star-Club und wieder zurück nach England. Am 17. März 1967 erscheint die zweite Single ,Purple Haze / 51st Anniversary‘, die im Gegensatz zu ihrem Vorgänger stärker Hendrix‘ Gitarrenspiel in den Vordergrund stellt.

Im April läuft die erste offizielle UK-Tour mit 26 Konzerten innerhalb von 30 Tagen – und jeweils zwei Shows pro Abend. Der Mai verläuft ähnlich hektisch: Anfang des Monats Aufnahmen in London und daran anschließend Auftritte und TV-Termine in ganz England, Frankreich, der BRD, Schweden, Dänemark und Finnland. Am 12. Mai 1967 wird dann das Album ,Are You Experienced‘ veröffentlicht und erreicht Platz 2 der Charts. Popstars!

The Jimi Hendrix Book (4)

Jeff Beck     © Lothar Trampert

„Ich habe Jimi Hendrix viele Male live gesehen, als er Ende 1966 in London auftauchte, auch später in New York; da war er eigentlich am besten, denn dort fühlte er sich wirklich zu Hause. Er war ein Cluboholic, und wir hingen viel zusammen in Clubs rum. Wir waren immer unterwegs, manchmal 24 Stunden lang, fielen ins Bett, standen auf und gingen wieder los. Das war großartig. Er war ein sehr netter, sehr ruhiger Mensch. Ein unbeschreiblicher Kerl. Und er war dabei so ein extravaganter Star-Typ: Wenn er zu uns auf die Bühne kam und für eine Nummer einstieg, schaute mich niemand mehr an … (lacht) Das waren Momente die ich nie vergessen werde, und diese Momente sind auch später nie wieder passiert. Es war einfach eine Geschichte, die mit dieser Club-Szene zu tun hatte, in der wir uns bewegten und wo wir spielten – und diese Szene gibt es nicht mehr.

Ich wusste sofort, warum ich mich nicht von ihm beeinflussen lassen wollte. Mein Stil war schon immer da, von Anfang an, und den wollte ich nicht ändern. Wenn ich bei manchen Sachen mal in die Nähe seines Ansatzes kam, wurde ich immer vorsichtig: Das wird dann schnell zu schwammig und die Leute denken noch schneller als du selbst, dass du da jemanden kopierst – gerade im Fall von Hendrix. Es war eine sehr respektvolle Distanz, die ich beibehielt. Und ich hatte eben diese Ausdrucksmöglichkeit des Gesangs nicht, hatte nicht diese mystische Stimme um meine Musik damit zu färben. Ich hatte einfach nur die Gitarre. Gemeinsam hatten wir vielleicht diese Einheit des Spielers mit dem Instrument. Es ist die Fähigkeit, sich direkt über das Instrument auszudrücken, einfach das zu spielen was man denkt.“  Jeff Beck

Jimi back in the USA

Nach einer Reihe weiterer Konzerten in Großbritannien, Frankreich, der Bundesrepublik Deutschland und den skandinavischen Ländern geht es am 18. Juni 1967 darum, nach dem europäischen nun auch den US-amerikanischen Markt zu erobern. Durch Unterstützung einflussreicher Musiker wie Beatles-Bassist Paul McCartney und Rolling-Stones-Gitarrist Brian Jones sowie des Stones-Managers Andrew Oldham kann die in den USA noch unbekannte Jimi Hendrix Experience auf dem Monterey Pop Festival, neben Top-Acts wie The Who, The Byrds, Otis Redding und anderen, ihre Musik vorstellen: Das Programm besteht auch hier nur knapp zur Hälfte aus Eigenkompositionen, die übrigen Titel stammten u. a. von Bob Dylan, B.B. King und Howlin‘ Wolf, sind dem jungen amerikanischen Publikum also vertraut … was strategisch klug geplant ist. Mit dem Resultat: Hendrix‘ Musik wird begeistert aufgenommen und es werden sogar spontan weitere Konzerte in den USA angeboten, u. a. von Rock-Impressario Bill Graham (*1931 +1991), dem Mann hinter dem Winterland und den Fillmore-Konzertsälen, der übrigens in Berlin geboren wurde und in seinem früheren Leben Wolfgang Grajonca hieß

Der Erfolg ist insgesamt so durchschlagend, dass die erste LP ,Are You Experienced‘, nun auch international, also in ganz Europa und den USA veröffentlicht werden kann. Die Experience tourt noch bis Ende August in den USA (37 Konzerte mit insgesamt 54 Shows), arbeitet noch zwischendurch mehrfach im Studio und kehrt dann am 20. August 1967, nach zwei Monaten, wieder nach England zurück.

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Nach diesem endgültigen Durchbruch in Monterey und dem Rest der Welt wird Hendrix‘ Erfolg zur aufreibenden Routine. Er ist mit der Experience fast ständig unterwegs und arbeitet zwischendurch am Material für seine nächsten Platten. Im November startet eine weitere UK-Tour, Anfang Dezember erscheint das zweite Album ,Axis: Bold As Love‘, zuerst in England, einen Monat später auch in den USA. Im Januar 1968 folgen dann einige Konzerte in den skandinavischen Ländern und vom 01.Februar bis Ende Mai ist die Band wieder in den USA unterwegs.

Die Konzeption dieser Tour ist für die Musiker und die Crew ein Härtetest: 42 Konzerte mit insgesamt 60 Shows finden alleine in den ersten beiden Monaten statt, von San Francisco bis New York inklusive einiger Auftritte in Kanada. Hier soll natürlich der Verkauf der gerade in den USA erschienen LP ,Axis: Bold As Love‘ unterstützt werden. Immerhin erreicht sie zeitweise Platz 3 der amerikanischen LP-Charts in denen die Platte insgesamt 53 Wochen gelistet bleibt. Schon im Frühjahr 1968 erscheint die dritte Hendrix-LP, die Compilation ,Smash Hits‘.

Die neuen Wege des Jimi Hendrix

Nach einigen ruhigen Wochen mit Aufnahmen und wenigen Konzerten in den USA, Italien, England und der Schweiz beginnt auch schon die nächste Amerika-Tour. Diesmal ist die Band von Ende Juli an vier Monate unterwegs, die nächste Platte kommt etwas verspätet zur Tour. Im Oktober erscheint, gleichzeitig in Europa und den USA, die Doppel-LP ,Electric Ladyland‘, die zum ersten Mal wesentlich über die Trio-Besetzung der Experience hinausgeht; obwohl sie unter dem alten Namen veröffentlicht wird, sind hier zahlreiche Gastmusiker beteiligt.

Wie schon bei ,Electric Ladyland‘ arbeitet Hendrix in der folgenden Zeit fast nur noch in New Yorker Studios, hauptsächlich im Record Plant. So verbringt er auch das nächste halbe Jahr, abgesehen von einigen Gigs in Europa und einem kurzen Marokko-Urlaub in den USA. In diesen Monaten ist er an vielen Club- und Studio-Jams mit bekannten Kollegen beteiligt, u. a. mit B.B.King, Frank Zappa, Larry Young, Eric Clapton, und Jeff Beck.

Am 29. Juni 1969 findet das letzte offizielle Konzert der Jimi Hendrix Experience beim Denver Pop-Festival in Denver/Colorado statt. Hier trennt sich Hendrix von Noel Redding und damit auch für eine zeitlang vom bisherigen Trio-Konzept. Zusammen mit Mitch Mitchell und seinem Bassisten der Army Band, Billy Cox, gründet er die unter den Namen Sky Church bzw. Gypsy Sun & Rainbows bekanntgewordene neue Formation, an der noch drei weitere Musiker beteiligt sind: Gitarrist Larry Lee (der alte Bekannte aus Nashville) sowie die beiden Perkussionisten Jerry Velez und Juma Sultan. Mit dieser Band spielt Hendrix auch beim legendären Woodstock Music and Art Fair-Festival, das im August 1969 in der Nähe von Bethel, im Bundesstaat New York stattfindet.

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Im Oktober löst er die Gruppe auf und formiert die Band Of Gypsys, wieder in der klassischen Trio-Besetzung, die er von nun an für die Live-Auftritte beibehalten wird. Aber auch diese Formation soll nur ein sehr kurzlebiges Projekt bleiben. Für Mitch Mitchell ist der schwarze Schlagzeuger und Sänger Buddy Miles in die Band gekommen, Bassist Billy Cox war ja schon in der Woodstock-Formation dabei. Ausschnitte der ersten beiden Konzerte der Band Of Gypsys im New Yorker Fillmore East werden 1970 als LP veröffentlicht, ansonsten ist von dieser Besetzung nur eine erfolglose Single erschienen.

Die genannte LP, die nur den Nachnamen „Hendrix“ auf dem Front-Cover trägt (,Band Of Gypsys‘ steht auf der Rückseite) war für das Management eigentlich nur ein erzwungenes Zugeständnis an Ed Chalpin, der erfolgreich gegen Hendrix‘ US-Vertrieb Warner Bros. geklagt hatte, aufgrund des 1966 abgeschlossenen Vertrags. Bereits im Juni 1968 kam es zu einer Vereinbarung, bei der festgelegt wurde, dass ein komplettes neues Album an Capitol Records im Vertrieb von Warner abzutreten sei. Dann passierte erst mal nichts. Als gegen Ende 1969 von Seiten Warners Druck gemacht wurde, entschied Hendrix-Manager Jeffery die zum Jahreswechsel 1969/1970 im Fillmore East angesetzten Shows aufzuzeichnen und für das zugesagte Album zu verwenden.

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Dass kein weiteres komplettes Album von dieser Besetzung erschienen ist, ist insofern verwunderlich, da diese Band während ihrer kurzen Zusammenarbeit doch relativ oft im Studio arbeitete. Die LP ,Band Of Gypsys 2‘, mit drei authentischen Gypsys-Songs wurde erst 1986 veröffentlicht, das komplette Live-Material der insgesamt vier Shows von Sylvester/Neujahr 1969/70 kompakt dann erst in den vergangenen Jahren. Kurz darauf fand noch ein Abschiedskonzert statt. Am 28. Januar 1970 spielt die Band Of Gypsys beim Winter Festival for Peace im Madison Square Garden in New York. Nach zwei Songs muss Jimi jedoch die Bühne verlassen: Jemand hat ihm unbemerkt einen LSD-Trip ins Getränk getan, das Konzert wird abgebrochen, Manager Michael Jeffery entlässt Buddy Miles und teilt der Presse mit, die alte Experience würde in Kürze wieder auferstehen.

Stop!

Es ist kein Wunder, wenn man sich fragt, ob es sich bei diesem etwas hektischen und überstürzten Kapitel der Hendrix-Story nicht um eine perfekte Inszenierung von Seiten des Managements gehandelt hat. Und dessen kann man sich fast sicher sein. Mike Jeffery, der Hendrix betreute und im Wesentlichen die geschäftlichen Fäden alleine in der Hand hielt, hatte keinerlei Skrupel, wenn es ums Business ging. Er hatte gute Connections zur zweiten Generation der amerikanischen Mafia, die ins Popmusik-Geschäft einsteigen wollte und schreckte auch sonst vor Psychoterror-Methoden gegen seine Schützlinge nicht zurück. Ob der Drogenfund in Hendrix‘ Gepäck in Toronto/Canada, der zu einer Gerichtsverhandlung mit Freispruch führte sowie eine offensichtlich inszenierte Entführung mit anschließender Befreiung auch zu Jefferys Machtspielchen gehörte, kann nicht mehr geklärt werden. Einiges spricht dafür, dass er gelegentlich prekäre Situationen schuf, um dann als der Retter in der Not dazustehen. Aber die Szene akzeptierte ihn, denn er hatte Erfolg und machte Musik zu Geld. Zu sehr viel Geld.

Michael Frank Jeffery war der erfolgreiche Manager von The Animals, die sich aber 1966 aufgrund interner Streitigkeiten, an denen er nicht unbeteiligt war, aufgelöst hatte. Noch im selben Monat hatte Animals-Bassist Chas Chandler Hendrix nach London geholt und wollte jetzt selbst ins Business einsteigen und einen Künstler aufbauen – allerdings mit finanzieller Unterstützung durch Jeffery. 1968 übernahm Michael Jeffery die geschäftliche Kontrolle des Unternehmens und Chandler war auch ganz schnell als Produzent aus dem Rennen. Später wurde Jeffery beschuldigt große Teile von Hendrix‘ Gagen unterschlagen und abgezweigt zu haben, woraufhin der sich von ihm trennen wollte und gegen ihn klagte. Der direkte Kontrakt mit Jeffery war bereits am 01. Dezember 1970 ausgelaufen, aber über die US-Verträge mit Warner Brothers war er noch weitere zwei Jahre geschäftlich verantwortlich. Jimi Hendrix starb kurz vor einem angesetzten Gerichtstermin. Jeffery starb 1973 bei einem Flugzeugabsturz in Frankreich. Später stritten sich die Erben und letztlich hat es sich als Glücksfall herausgestellt, dass sich seit 1995 die Familie via Experience Hendrix um die Regelung des musikalischen Nachlasses kümmert.

Hendrix und die Band Of Gypsys 1970

Zurück nach 1970: Hendrix selbst war einerseits ein friedlicher bis sich anpassender Mensch, der eigentlich nur seine Musik verwirklichen wollte. Es ist denkbar, dass er unter massivem Druck stand, wenn er in Interviews immer wieder die Auflösung der Band Of Gypsys als Resultat eines künstlerischen Entwicklungsprozesses darstellte. Mit dem veröffentlichten Live-Album war er jedenfalls sehr unzufrieden, denn hier wurden teilweise massive Eingriffe am aufgenommenen Material durchgeführt, so z. B. Stücke aus größeren Improvisations-Zusammenhängen herausgeschnitten. Und dass Jeffery die ungeliebte Band Of Gypsys und das Live-Album überhaupt hat entstehen lassen, hatte die bereits erwähnten praktischen Gründe, um sich so relativ einfach aus den Streitereien mit Ed Chalpin herauszukaufen – ohne dass der eigentliche Wirtschaftsfaktor und Erfolgsgarant, die „Jimi Hendrix Experience“, hiervon tangiert wurde.

Bei der Band-Of-Gypsys-Affäre handelt es sich um ein Beispiel von vielen, das zeigt, welche Bedeutung Hendrix für einige Menschen in seinem näheren Umfeld hatte: Er sollte kommerziell erfolgreich funktionieren, Punkt. Und dazu gehörte einmal, dass er nicht auf Veranstaltungen mit politischem Background spielte (wie im Madison Square Garden), dass er bei Konzerten weniger improvisationsorientierte, vom Jazz beeinflusste schwarze Musik spielte (wie eben mit der Band Of Gypsys), sondern dass er vielmehr seine bekannten Hits mit der den Fans bekannten Band (der Experience) zum Besten gab. An künstlerischer oder persönlicher Entwicklung war man nur insofern interessiert, wie sie sich in Geld umwandeln ließ. Diese Einstellung kommt allerdings auch den Geschmack des durchschnittlichen Musik-Fans entgegen, der mit bestimmten Erwartungen ins Konzert geht, die er auch befriedigt sehen möchte: Greatest Hits first! Ohne ,Hey Joe‘ also kein ,Machine Gun‘.

Is this love, baby, or is it just confusion ?

Im Frühjahr 1970 kommt es zu einer Neuauflage der Jimi Hendrix Experience in der Besetzung Hendrix, Cox, Mitchell; in Bezug auf Manager Jefferys Wunsch-Lineup handelt es sich hierbei vielleicht um einen Kompromiss. Wer hier freie Entscheidungen treffen konnte und wer sie schlucken musste, bleibt unklar.

An den konzertfreien Tagen der folgenden, unter dem Motto „The Cry Of Love“ stehenden Amerika-Tournee arbeitet die Band im eigenen Electric Lady Studio in New York, das sich allerdings noch im Aufbau befindet. Das Studio bedeutet für Hendrix die Verwirklichung eines seiner wichtigsten Ziele: Er wollte schon immer eine feste Produktionsstätte haben, die ihm Spielraum und künstlerische Unabhängigkeit ohne Zeitzwänge ermöglicht. Hier arbeitet er jetzt an einer zweiten DoLP, die jedoch nicht mehr fertiggestellt werden wird.

Das Electric Lady Studio war aber kaum eine großartige Geste des Managements, das seinem Künstler optimale Bedingungen schaffen wollte. Die immer höheren Studiokosten, die dadurch entstanden, dass Hendrix zwischen den Touren sehr intensiv und vor allem sehr lange an Aufnahmen arbeiten wollte, machten ein eigenes Studio einfach zur finanziell rentableren Lösung. Darüber hinaus war klar, dass bald jeder angesehene Rock-Musiker gerne hier arbeiten würde, was eine zusätzliche Einnahmequelle bedeutete.

Die US-Tour beginnt am 25. April und endet am 01. August 1970 in Honolulu/Hawaii mit Hendrix‘ letztem USA-Konzert. Im August arbeitet er noch einige Tage im neuen Studio und fliegt einen Tag nach der offiziellen Eröffnungs-Party, am 26.08., nach London, um neben einigen Presseterminen und Interviews nach fast anderthalb Jahren wieder in England und Europa zu spielen.

Die letzten Tage von Jimi Hendrix

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Am 30. August 1970 steht die Experience beim Isle Of Wight Festival auf der Bühne, an den folgenden Tagen in Stockholm, Goteburg, Aarhus und Copenhagen, am 04. September in Berlin, wo Hendrix auch ein Interview für den amerikanischen Militärsender AFN gibt, bei dem er sich sehr gedämpft und müde anhört. Vom Berliner Konzert existiert ein Mitschnitt, in dem er versucht, sich gitarristisch noch einigermaßen gekonnt durch die Songs zu retten, die Gesangsstimme klingt gebrochen. Am nächsten Abend soll Hendrix beim Festival auf der Insel Fehmarn auftreten, bei der Anreise gibt es Probleme und die Show wird auf den kommenden Sonntagvormittag verschoben. Erst gegen 11 Uhr tauchen Jimi Hendrix, Mitch Mitchell, Billy Cox und ihr Team auf dem Festivalgelände auf und es dauert noch einmal fast zwei Stunden, bis die Experience am 06. September um 12:56 Uhr auf der Bühne steht. Applaus und Pfiffe mischen sich, die Musiker wirken müde und spulen ihr Programm ab. Unmittelbar nach dem Auftritt verlässt Hendrix das Festival und flüchtet weiter – zurück nach England.

Jimi Hendrix ist gesundheitlich angeschlagen, als er zurück nach London kommt. Er nimmt noch an ein paar Sessions teil, taucht auf Parties auf, trifft auf Bekannte, Noch- und Ex-Freundinnen. Am Abend des 16. September steht er als Gast von Eric Burdon & War auf der Bühne des Londoner Ronnie Scott’s Club und spielt Gitarre bei ,Tobacco Road‘ und ,Blues For Memphis Slim‘.

Auf den letzten Fotos, die seine Freundin Monika Dannemann von ihm im Garten ihres Hotels macht, sieht Jimi müde aus. Seine schwarze Strat hängt irgendwie schwer an ihm.

Am 18. September 1970 stirbt Jimi Hendrix. Er wird nach Einlieferung in das St. Mary Abbot’s Hospital in London für tot erklärt.

Homecoming

Am 01. Oktober 1970 fand in der Dunlop Baptist Church in Hendrix‘ Heimatstadt Seattle eine Trauerfeier statt, anschließend wurde er auf dem Greenwood Memorial Park & Cemetery im 20 Kilometer südlich gelegenen Renton bestattet. Bei der Beerdigung in kleinem Kreis waren Jimis Vater Al, dessen Frau June, sein Bruder Leon, seine Schwester Janie und weitere Familienmitglieder anwesend. Von seinen Musikerkollegen und Mitarbeitern nahmen Bassist Noel Redding, die Schlagzeuger Mitch Mitchell und Buddy Miles, Manager Michael Jeffery, Eddie Kramer (damals Tontechniker der Electric Lady Studios) und die Roadies Eric Barrett und Gerry Stickells teil, außerdem noch Miles Davis, Johnny Winter und John Hammond Jr.

Wir haben seine Musik. Jimi Hendrix ist nicht mehr da, aber ganz viel von ihm ist geblieben. Vielleicht sogar das Beste – und ein größeres Kompliment kann man einem Künstler kaum machen.

Hendrix war nicht nur zu seiner aktivsten Zeit von 1966 bis 1970 ein Segen für die Musikwelt, sowohl was die Kunst angeht, als auch in puncto kommerziellem Erfolg: Nein, auch fünf Jahrzehnte nach dem seinem Tod findet sich immer wieder ein Jubiläumstermin (Geburtstag, Todestag, Woodstock-Jubiläum, Vatertag etc.), zu dem bekannte und offiziell unveröffentlichte Aufnahmen dieses Gitarristen unters Volk gebracht werden wollen. Und natürlich auch die wenigen Original-Alben, in mit unhörbarem Erfolg remasterter 1034-Bit-Auflösung, remixt, auf Vinyl reimportiert, neu kompiliert etc.

Aber gelegentlich kommen dann doch noch Juwelen zum Vorschein. Beeindruckende Live-Aufnahmen oder auch einfach nur ein paar roughe Studio-Skizzen mit Fehlern, Unfällen und einem lachenden Hendrix. Eines kommt gerade bei diesen Tracks besonders gut rüber: Wenn man Jimi Hendrix‘ Statements in Richtung Tontechniker oder seine Monologe und Ansagen hört, spürt man, dass dieser Mensch und Musiker eine Menge Humor hatte – er wirkt einfach ausgesprochen sympathisch.

Und gerade die ganz frühen Live-Aufnahmen, die noch vor der ersten Single ,Hey Joe/Stone Free‘ (12/1966) entstanden, zeigen, welche Faszination von diesem Menschen ausgegangen sein muss. Hendrix war als Sänger & Gitarrist der komplette Alleinunterhalter, spielte Harmonien, Riffs, durchsetzte das Ganze mit Basslinien und gab dann beim Solo noch mal richtig Druck auf die Drähte. So hatte Mitte der 60er-Jahre noch kein anderer Gitarrist sein Instrument bearbeitet. Kein Wunder also, dass Hendrix die gesamte britische Musiker-Szene verunsicherte und zu seinen Fans machte: Auch Eric Clapton, Keith Richards, Jeff Beck, Jimmy Page, George Harrison, John Mayall u. a. konnten eben noch dazulernen …

Und irgendwie lebt Jimi Hendrix wirklich weiter: Klar, echte Sammler & Bootleg-Fetischisten sind seit mindestens einem Vierteljahrhundert kaum noch zu überraschen, denn sie kennen so ziemlich jeden Ton, der ihrem Idol jemals entglitten ist, ob er ihn der Nachwelt hinterlassen wollte oder nicht. Sofern bei der jeweiligen Session ein Aufnahmegerät in der Nähe war, entstand dann auch ein Produkt für spätere Zeiten. Denn auf dem illegalen Schwarzmarkt ließ sich nun mal jeder auch noch so verstimmte oder schlecht hörbare Jimi-Tone gut zu Geld machen. Und mal ehrlich: Wofür sonst ist Musik im Handel?

Kriminell ist, wenn der Künstler bzw. seine Erben davon nichts mit- und/oder abbekommen – was sich ja im Fall der Familie Hendrix positiv entwickelt hat. Und durch deren Engagement ist es in den vergangenen zwanzig Jahren zu einigen beachtlichen Veröffentlichungen gekommen. Legalen Neuveröffentlichungen. ,The Jimi Hendrix Experience‘ zum Beispiel, eine bereits im Jahr 2000 erschienene, bis heute hervorragende 4 CD Box, die überwiegend bisher Unveröffentlichtes präsentierte. Von Hendrix‘ Auftritt im Oktober 1966 im Pariser Olympia – als Opener für den französischen Rocker Johnny Halliday – über Studio-Outtakes und Probeaufnahmen bis zu Mitschnitten vom Isle of Wight Festival, wenige Wochen vor seinem Tod. Dazu gibt’s diskografische Information zu den 56 Tracks, Fotos, handschriftliche Textauszüge etc. und das alles in Hardcover-Buchform mit lila Samtumschlag. Mit unverschämten DM 150,- war diese Veröffentlichung damals nicht gerade billig, aber faszinierend, schön gemacht – und daher ihren Preis wert. Heute ist sie ein teueres Sammlerstück. Diese CD-Compilation ließ ahnen, dass man als Hendrix-Fan noch mit einigem rechnen sollte – und ein paar Scheine in Reserve kein Fehler sind. So ist es ja dann auch gekommen. Jimi lebt!

 

The Jimi Hendrix Book (4)

The Drugs Don’t Work

Die Medien haben in der Darstellung des letzten Lebensabschnitts von Jimi Hendrix erstaunlich viel Fantasie an den Tag gelegt, wenn es darum ging, die Todesumstände seinem vom Management kreierten Image besonders harmonisch anzupassen. Demnach ist der „Wilde Mann aus Borneo“, wie er bei seinem Erscheinen auf der britischen Musikszene von einer Zeitung genannt wurde natürlich, wie für Rock-Musiker üblich, aufgrund einer Überdosis Drogen aus dem Leben geschieden. Wurde als die in solchen Fällen meist verantwortliche Substanz Heroin vermutet, so bezeichneten einige Londoner Sonntagszeitungen Hendrix in diesem Zusammenhang als „Kokain-Abhängigen“ oder als Galionsfigur der Pop- und Drogenkultur schlechthin. In einem Informationsblatt, herausgegeben von der Pressestelle eines großen westdeutschen Rundfunk- und Fernsehsenders anlässlich eines Films zum zwanzigjährigen Todestag des Gitarristen, hieß es sogar, dass er, Zitat: „…im Haschisch-Rausch erstickte …“

Der Tod in Zusammenhang mit illegalen Drogen war für die bürgerliche Presse (und nicht nur für die) schon immer ein weites Feld, auf dem man der sonst so von politischer Rücksichtnahme und Zeilenzahlzwängen gebeutelten Kreativität noch mal freien Lauf lassen kann. Hier scheinen schon fast der Abenteurergeist und das Pathos des Kriegsberichterstatters ein neues Terrain gefunden zu haben; wichtig gerade jetzt, da bei militärischen Konflikten heute ja kaum noch gestorben wird. Schlimmer als diese Tatsache ist aber, dass weite Teile der Popmusik-Presse, also der Fachpresse, sich oft ebenso unkritisch bis sensationsheischend verhalten, wenn es darum geht, Auflagenzahlen oder Click-Raten zu erhöhen.

Bereits zehn Tage nachdem Jimi Hendrix gestorben war, lag das offizielle Statement des Pathologen Prof. Robert Donald Teare vor, in dem unter Punkt 6. (Todesursache) zu lesen ist: „Inhalation of vomit; Barbiturate intoxication (quinalbarbitone); Insufficent evidence of circumstances , open verdict.“ Die oft unterstellte Selbstmordabsicht wurde von Medizinern aufgrund der Dosis des eingenommenen Schlafmittels immer eindeutig bezweifelt, was noch durch die Tatsache unterstützt wird, dass in seiner Wohnung genügend Schlafmittel für eine wirklich tödliche Dosis vorhanden waren. Der Pathologe ging außerdem aufgrund der Auffindungssituation davon aus, dass Hendrix schon Stunden vor der Einlieferung ins Krankenhaus verstorben war. Die amtliche Todesursache war das „Einatmen von Erbrochenem“.

Kein Selbstmord, Mord, kein Heroin, kein Junkie-Tod

Dieses Thema ist mindestens so tot wie die Person, um die es geht. Spekulationen, Behauptungen, Anschuldigungen, Mordfantasien – immer wieder und wieder wurden alle möglichen Aussagen, Theorien, Behauptungen, Erinnerungslücken, strategische Lügen und menschlich-tragische, verklärte Erinnerungen nebeneinander gestellt, um zu demselben Ergebnis zu kommen: Details des Todestages sind nicht eindeutig zu rekonstruieren, ein paar offiziell geprüfte Fakten stehen fest und all die hirnfreien Verschwörungstheorien kann man vergessen. Sollte man vergessen.

Trotzdem hat sich die Drogentod-Theorie bis heute in einer breiten Öffentlichkeit halten können. Ein Grund hierfür sind mit Sicherheit auch die extrem voneinander abweichenden Statements von Bekannten und Musikerkollegen über Hendrix‘ Konsumgewohnheiten, über sein Verhältnis zum Tod, über einen oder mehrere Texte, die er kurz vor seinem Ableben verfasst haben soll und die sehr frei als Testament interpretiert wurden sowie ganz und gar freie Erfindungen der Medien. So ist Hendrix laut einer Meldung angeblich im Appartement eines bekannten britischen Rock-Musikers gestorben; einer anderen Version zufolge soll er in den USA ermordet und dann zurück nach England geflogen worden sein. Von der einen Quelle wird er als zwar sensibler, aber zu dieser Zeit doch psychisch stabiler und vorausschauender Mensch beschrieben, an anderer Stelle wird von einem gebrochenen, depressiven und suizidgefährdeten Wrack gesprochen. An letzteres hängt man sich als Headline-Hooker doch gerne mal ran: Googelt man „hendrix heroin“, wird ganz weit vorne in der Ergebnisliste klischeetriefender Qualitäts-Journalismus aus „Der Spiegel“, „Der Tagesspiegel“ und der „Gala“ angeboten, der durchaus ein gemeinsames Niveau erkennen lässt.

Dass Hendrix legale und illegale Drogen genommen hat, ist sicher, ja geradezu naheliegend: Koffein, Nikotin, Alkohol, THC, Amphetamine und Opiate waren und sind weit verbreitet und dass Alkohol die mit Abstand gefährlichste und tödlichste Droge ist, weiß man heute auch. Die USA haben in den vergangenen 20 Jahren noch zusätzlich die Opioide auf die Menschheit losgelassen, die mit ähnlichen Opferzahlen glänzen. Konsumiert wird immer und überall, von ganz normalen Menschen um einen herum, auf der Straße, in Bars, Kneipen, Restaurants und von in der Öffentlichkeit stehenden Menschen, die sich überwiegend nicht anders verhalten als die Anonymen. Konsumiert wird immer und überall – nur redet, schreibt und singt nicht jede(r) darüber. So wie Novalis über Laudanum (einer Opium-Tinktur), wie Frank Sinatra und Dean Martin bei als Konzerten getarnten öffentlichen Whisky-Proben, wie Hans Fallada, Charles Bukowski und William S. Burroughs in ihren Romanen und Erzählungen oder amerikanische Movie-Stars die mit Pressemeldungen regelmäßig für bestimmte Entzugskliniken werben. Der imposante Wikipedia-Artikel „List of deaths from drug overdose and intoxication“ listet sie dann irgendwann auf. Aber eben nur die wenigen bekannten Opfer.

Hendrix war kein Trinker, auch kein Junkie. Haschisch und Marihuana gehörten dagegen zu den häufiger eingesetzten Genussmitteln, während Kokain und Amphetamine eher gezielt als Muntermacher und Party-Modedroge konsumiert wurden. Die bis 1966 frei zugänglichen LSD-Trips waren wohl eher die seltene Ausnahme. Sein Umgang hiermit war, im Vergleich zu dem einiger seiner bekannten Kolleginnen und Kollegen, relativ kontrolliert und problemlos.

Was Opiate angeht, kann man davon ausgehen, dass Hendrix auch diese Drogen ausprobiert hat. Seine frühere Freundin Kathy Etchingham spricht davon, dass er einige Male Heroin geschnupft hat, was ihm aber nicht sehr gut bekommen sein soll. Daraufhin habe er es sein gelassen. Die nach seinem Tod aufgetauchten Meldungen, er habe „seit frühester Zeit an der Nadel gehangen“ sind natürlich frei erfunden.

Drogen haben Hendrix‘ Leben aber sicher auch nicht einfacher gemacht. Denn in Fällen von Streitereien mit dem Management, psychischen Problemen, Erschöpfung und musikalischer Orientierungslosigkeit helfen sie langfristig überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil.

Britische und amerikanische Behörden waren in dieser Zeit ganz besonders darauf erpicht Rock- und Jazz-Musikern in Bezug auf ihren Drogenkonsum auf die Finger zu klopfen. Die Rolling Stones und die Beatles bekamen diese Bestrebungen noch relativ gemäßigt zu spüren, wenn man bedenkt, dass Jazz-Musiker wie Chet Baker oder Art Pepper einige Zeit ihres Lebens in Gefängnissen und Entziehungsanstalten verbringen mussten. Bei Hendrix hatten die Ordnungshüter relativ wenig Glück. Im Mai 1969 wurden bei der Kontrolle am Flughafen von Toronto geringe Mengen von Heroin und Haschisch in seinem Gepäck gefunden – ob diese von ihm selbst oder von anderen (wie Hendrix behauptete) dort platziert wurden, wurde nie geklärt. Das Urteil lautete „Nicht schuldig“.

Hendrix‘ Drogen-Image wird in den Medien dieses Planeten wohl so lange weiter ausgeschlachtet, wie er als legendäre Musikerfigur im öffentlichen Bewusstsein existiert: Der wilde Exot, der sexbesessene schwarze Mann, der unersättliche Junkie – und zufällig auch noch ein guter Gitarrist der singen konnte und Millionen Platten verkaufte. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass auch heute kaum jemand, der mit Hendrix‘ Musik oder auch nur mit seinem Namen Clicks und Geld verdient, daran interessiert sein kann, ein Werbeimage, das seit fünfzig Jahren funktioniert, wirklich komplett aufzugeben. Und immerhin konnte man die Kampagne dann ja auch noch mal bei Kurt Cobain und Amy Winehouse starten.

The show must go on. „When I die, just keep playing the records.“

Nächsten Sonntag 17 Uhr …

geht es weiter mit Porträts von Noel Redding & Mitch Mitchell – Jimi Hendrix‘ wichtigsten Mitmusikern.

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  1. Profilbild
    Fredi

    Hallo Lothar,

    besten Dank auch für diesen Teil!

    Ich freue mich, dass auch Du mit dem Mythos von „Hendrix, der Junkie, der sich totgefixt hat“ aufräumst. Ich hatte das vor einigen Jahren schon bei einem anderen Artikel hier bei Amazona gemacht
    und damals auch den Bericht des Pathologen zitiert.

    Insgesamt war Hendrix wahrscheinlich halt einfach ein junger Mann, dessen Gutmütigkeit extrem ausgenutzt wurde. Alte Regel: es macht im Leben einfach viel aus, an welche „Freunde“ man gerät. Ähnliches gilt sicher für Amy Winehouse: deren Leben hätte auch anders laufen können, wenn sie den doofen Mr. Fielder-Civil nicht kennengelernt hätte…

    Deine Sicht auf den Hendrix-Clan teile ich allerdings nicht: ich gönne der Familie zwar gerne, dass sie jetzt an Geld kommt.

    Allerdings nimmt das extreme Züge an, wenn beispielsweise diverse harmlose Reproduktionen von Hendrix‘ Werken bei Youtube von der Hendrix Foundation abgemahnt werden.

    Und das offenbar von der Stiftung errichtete Hendrix-Mausoleum in Renton finde ich absolut geschmacklos. Es wird – im Gegensatz zur ursprünglichen, einfachen Grabplatte im Boden – dem offenbar recht bescheidenen Menschen überhaupt nicht gerecht

    Vielleicht sollten sie demnächst Eintritt verlangen.

    Gruß
    Fredi

    • Profilbild
      LOTHAR TRAMPERT RED

      Hi Fredi,
      Danke für deine Meinung. Sicher macht die Familie auch nicht alles nach meinem Geschmack, aber grundsätzlich finde ich es gut das du das Erbe bestimmen kann. Und was das Drogen- Thema angeht sind wir einer Meinung. Grüße, Lothar

  2. Profilbild
    Joerg

    Eine sehr gut geschriebene Reportage!
    Hut ab….👍

    Erbärmlich fand ich (und finde ich die aktuellen) Geier, die sich in seinem Licht gesonnt haben und in seinem Fahrwasser geschwommen sind.

    Ganz lächerlich die, die versuchen zu bestimmen, was er bis heute im Laufe der Jahre wohl musikalisch gemacht hätte, wenn er nicht gestorben wäre
    ….schlimmer als alle Verschwörer

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      LOTHAR TRAMPERT RED

      … aber darüber nachzudenken, was Hendrix vielleicht noch musikalisch gemacht hätte, ist ja kein Verbrechen — sondern eben nur Spekulation. Die ist nicht verboten. Falls du die Menschen meinst, die das alles angblich ganz genau wissen, gebe ich dir recht.

  3. Profilbild
    wrdlbrmpfd

    „I experimented with marijuana a time or two, and didn’t like it. I didn’t inhale and I didn’t try it again.“

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      LOTHAR TRAMPERT RED

      … mehr hätte er zu dem Thema auch öffentlich nicht sagen können, denn sonst wäre vor jedem Konzert die Polizei im Hotel aufgetaucht. 😉

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