Workshop: Verzerrung für E-Gitarre, Pedal oder Amp?

5. Juli 2020

Wer schlägt wen in Sachen Zerre, Pedal oder Amp?

Es gibt Workshops, da freut man sich als Autor schon im Vorfeld auf die Grabenkämpfe, die leise im Geheimen oder laut in Kommentaren und Foren aufgrund der Themenstellung ausgetragen werden. Zudem gibt es Themen, wo jeder mit Sicherheit bereits eine feste, vielleicht sogar unverrückbare Meinung hat und man daher noch mehr dazu neigt, der restlichen Welt sagen zu müssen, wie die Lösung des Problems aussieht. Eben ein solches Thema haben wir heute auf der Agenda, ausgestattet mit der provokanten Überschrift: „Pedal oder Amp, was ist die bessere Zerre?“

Viele bunte Booster-, Overdrive-, Distortion- und Fuzz-Pedale

Des Autors Prägephase

Im Prinzip könnte ich mich bereits nach dieser Überschrift entspannt zurücklehnen und nur die Kommentarsektion beobachten, denn ich bin mir sicher, dass wirklich JEDER Gitarrist und einige Bassisten hierzu eine Meinung haben. Das Thema ist dermaßen komplex, dass man im Prinzip ein eigenes Magazin dazu herausgeben könnte, von daher wird zwangsweise die eine oder andere Aussage auf der Strecke bleiben. Um aber die unterschiedlichen Sichtweisen zu verstehen, grabe ich mal ein wenig in meiner Prägephase, die wohl stellvertretend für viele Musiker steht, die schon die Anfänge der härteren Rockmusik mitbekommen haben.

Losgelöst von der Tatsache, dass Verzerrungen zu Beginn der Verstärkertechnik immer als unangenehmes Übel angesehen wurden, wenn ein Verstärker an seine Leistungsgrenze gebracht wurde, wuchs ich noch in der Generation der Non-Master-Verstärker auf. Ja genau, echte Röhrenverzerrung gab es nur in ohrenbetäubender Lautstärke, die Auswahl der käuflich zu erwerbenden Verzerrer lag bei ca. 10 Modellen und es gab fast ausschließlich Vollröhrenverstärker zu kaufen, da Transistorverstärker weder Marktreife noch einen erträglichen Klang hatten. In den Musikgeschäften gab es deutsche Firmen wie Echolette und Dynacord, Fender und Hiwatt gab es wenn nur für cleane Sounds, Mesa-Boogie war noch nicht gegründet und der ultimative König unter den Amps war der Marshall Fullstack, vor dem man, sofern ein Musikgeschäft diesen vorrätig hatte, ehrfürchtig auf die Knie fiel und einem Altar gleich huldigte.

Etwas später kam die JCM-Abteilung mit Mastervolume, was den Verzerrungsgrad erhöhte und die Lautstärke herabsetzte, aber den ultimativen Leadsound wollte es auch in dieser Kombination nicht geben. Und hier setzt meine damalige Denke in Sachen Pedal ein. Das Pedal war immer ein „Hilfsmittel“, um aus dem mehr oder minder gut klingenden Amp mehr Verzerrung herauszuholen. Die Qualität eines Amps wurde an der Zahl seiner Kanäle und dem maximalen Grad der Verzerrung gemessen. Viel Verzerrung = hochwertiger Amp = „es brauch keine Hilfsmittel wie Pedale“.

Immer noch eine Messlatte für den Pedalbetrieb – Marshall Vollröhren Heads

Als Mesa Boogie als einer der ersten High-Gain-Amps auf der Bildfläche erschien, war das ultimative Setup: Fender für Clean, Marshall für Crunch, Mesa Boogie für Lead. Vom örtlichen Hauselektriker einen Channel-Switcher für drei Amps bauen lassen, bei zwei Amps die Erde abgeklebt und ab dafür. LEBENSGEFÄHRLICH!!! MACHT SO EINEN BLÖDSINN AUF KEINEN FALL!!!, aber wir wussten es ja damals nicht besser. Übrigens auch ein Grund, warum ich schon damals EMG Pickups spielte, die ersten Tonabnehmer, die aufgrund ihrer aktiven Bauweise nicht geerdet wurden, so konnte man bei einer defekten Erdung keinen Stromschlag bekommen. Diese Denke hielt bei mir sehr, sehr lange an. Ich probierte zwar mal hier und da Pedale wie z. B. einen TS9 aus, kaufte auch den einen oder anderen, aber richtig überzeugt war ich nie diesbzgl. bis vor ca. 10 Jahren.

Mit meinem Einstieg bei der Band GRAVE DIGGER, die bekanntermaßen einen sehr traditionellen Metal-Sound produzieren, war eine meiner ersten Amtshandlungen die Analyse des Sounds und wie ich mit meinem reichhaltigen Amp- und Gitarrenarsenal den Sound aufgreifen und weiterentwickeln könnte. Was soll ich sagen, keiner meiner Amps, so hochwertig sie auch klangen, kam in die anvisierte Richtung, trotz allem High-Gain klang das Ergebnis immer nach „Hardrock“, nicht nach „Metal“. Mein Sound war voluminös, aber seine Durchsetzungskraft im Bandmix war gering und gerade der so wichtige Mittenbereich war völlig unterrepräsentiert.

Also alles auf null und ran ans Eingemachte. Meine Recherche ergab, dass während der früheren Live-Shows und Plattenaufnahmen entweder ein (Zitat) „grünes“ (TS9), „gelbes“ (SD1) oder „oranges“ (DS1) Pedal vor einem Marshall benutzt wurde.

Sollte eine solch erfolgreiche Band mit einem Equipment gearbeitet haben, was an „Langeweile“ nicht zu überbieten gewesen wäre? Nun denn, besagte Pedale genommen, besagte Amps genommen, verschiedene Cabinets genommen, etwas in der Kombination variiert und was soll ich sagen, da war er, der klassische Oldschool deutsche Metal-Sound. Dieses Erlebnis änderte meine Sichtweise gegenüber Pedalen radikal. Was früher als Notnagel gesehen wurde, war plötzlich eine Geheimwaffe, mit der man seine klanglichen Möglichkeiten vervielfachen konnte. Halbleiter, Dioden und sonstiges „Transistorzeugs“ waren nicht mehr Hilfsmittel minderer Qualität, sondern Werkzeuge für den persönlichen Sound.

Hier fängt eigentlich der Workshop jetzt erst an, denn an der o. g. Geschichte kann man sehr gut erörtern, worum es letztendlich bei einem verzerrten Sound geht. Es geht um den persönlichen (!) Sound, da Bezeichnungen wie gut und schlecht faktisch keine Bedeutung haben. Natürlich gibt es undynamische Sounds, dünne Sounds, kratzige Sounds oder sonstige Abwertungen, was aber lediglich mit „unpassend“ zu bezeichnen wäre.

Seit Jahren auf Platz 1 der Thomann Verkaufscharts im Bereich Distortion – die Ratte

Wie bekomme ich denn nun meinen ultimativen Zerrsound?

Die wohl schwierigste Frage überhaupt, zumal man nochmals deutlich zwischen Proberaumsound, Bühnensound und Aufnahmesound unterscheiden muss. Gerade bei Live- und besonders bei Plattenaufnahmen ist die Kombination Lautsprecher/Mikrofon deutlich gewichtiger als der verwendete Amp, ähnlich wie auch der Hals einer Gitarre maßgeblich über den Klang eines Instruments entscheidet.

Lassen wir den Bereich Lautsprecher dennoch einmal beiseite, da es ja in diesem Workshop primär um Verzerrung geht. Generell lässt sich sagen, dass über die „Größe“ eines Sounds der Amp entscheidet. Je nachdem, wie viel Headroom der Amp hat und wie clean er eingestellt ist, ist die damit verbundene Kompression ausschlaggebend für das Volume. So gut sich das Ganze auch auf den ersten Eindruck liest, genau dieses Verhalten kann auch kontraproduktiv sein. Im Thrash- oder Speed-Metal-Bereich wäre Dynamik völlig am Klangmaterial vorbei gedacht, da sie bei schnellem, akzentuiertem Spiel mit ihrer „Langsamkeit“ nur den Klang undurchsichtiger macht.

Nehmen wir uns zunächst einmal eine typische Amp-Zerre vor. Bevor ich es vergesse, wir reden hier sowohl im Pedal- als auch im Amp-Bereich von der gehobenen Klasse, also Pedale ab ca. 150 Euro aufwärts und Vollröhre ab ca. Marshall JCM. Gerne wird angeführt, dass gerade im Crunch-Bereich eine Amp-Zerre dem Pedal überlegen sei. Dies wird bei der überwiegenden Zahl der Vergleiche wahrscheinlich in Sache Dynamik zutreffen, MUSS aber nicht. Selbst in der hohen Kunst der Anschlagsdynamik haben einige Pedale in der letzten Zeit stark aufgeholt.

Im Lead- und High-Gain-Bereich nehmen zwei Probleme am Amp zu. Zum einen die Durchsichtigkeit des Sounds, zum anderen das Nebengeräuschverhalten. Zwar versuchen mittlerweile nahezu alle High-Gain-Amps diesem Problem mit einem Noise-Gate zu begegnen, wobei sich hier jedoch auch bei hochpreisigen Geräten zum Teil deutliche Unterschiede in Sachen Qualität auftun. Auch ist die Ansprache einer Röhre bei sehr schnellen Passagen immer ein Hauch „langsamer“ als ein entsprechender Halbleiter.

Mit zunehmenden Verzerrungsgrad tauchen immer mehr die Pedale aufgrund ihres Soundverhaltens auf. Nun, zum einen lässt sich das Nebengeräuschverhalten eines Pedals meistens besser in den Griff bekommen, die Ansprache ist schneller und vor allem „It’s All In The Mids“! Was viele Musiker vergessen, ist dass das menschliche Gehör nicht linear arbeitet und bestimmte Frequenzen deutlich lauter und „beißender“ wahrgenommen werden als Bässe und Höhen. Um einen Sound aggressiver zu machen, muss man meistens gar nicht den Verzerrungsgrad erhöhen, es Reicht das Boosten einer bestimmten Mittenfrequenz oder aber das Absenken von Bässen und Höhen.

Um diesen Bereich optimal nutzen zu können, braucht es auf jeden Fall ein Overdrive/Distortion-Pedal mit einem parametrischen Mittenequalizer, damit man genau die Frequenz wählen kann, die man anheben oder absenken kann und nicht diejenige, die ein Hersteller für optimal fest eingeplant hat. Das Allerwichtigste für ein Pedal ist der perfekte Abgleich mit dem Eingangspegel des nachgeschalteten Verstärkers. Manches Pedal klingt um ein Vielfaches besser oder schlechter, je nachdem wie man die Vorstufe des Amps anfährt.

Der große Vorteil eines guten Pedals liegt in seiner Vielseitigkeit. Zwar können verschiedene Kanäle innerhalb eines Amps einige Probleme bzgl. Klangvielfalt in den Griff bekommen, aber der Grundsound des Amps bleibt meistens gleich, was auch gut ist. Nicht umsonst gibt es immer noch viele Musiker wie z. B. Joe Walsh von den Eagles, der lediglich einen clean eingestellten Amp nimmt und für alle Zerrsounds ca. 4-5 verschiedene Pedale benutzt.

So kann ein Distortion-Pedal auch aussehen …

Da war doch noch etwas …

„Und was ist mit Modeling/Profiling?“ höre ich schon die ersten rufen. Nun, die Antwort ist recht simpel. Die Qualität eines guten Modeling-Amps liegt in der möglichst hochwertigen Reproduktion der Sounds, die man mit verschiedenen Pedalen, Amps und Lautsprechern erzeugt, möglichst auch in allen Lautstärken. Dies ist je nach Situation sehr hilfreich und schließt Lücken, bei denen man sich mit traditionellem Equipment teilweise schwertut. Aber um es einmal ganz böse zu formulieren, Modeling-Amps sind wie hochwertige Gummipuppen beim Sex. Sie sind bequemer zu handhaben, bequemer zu transportieren, preiswerter in der Unterhaltung, sind sehr flexibel und mit etwas Fantasie und Abstrichen sind sie fast so gut wie das Original, aber auch nur fast.

Fazit

Das Schönste an diesem Workshop ist, dass es keinen Gewinner gibt. Alle haben Recht, alle Sounds sind möglich und selbst mit dem furchtbarsten aller Gitarrensounds, der je seinen Weg in eine Komposition gefunden hat, kann man mit einem entsprechend hervorragendem handwerklichen Können zum Weltstar werden.

Man höre sich bitte die Scheibe „Cowboys From Hell“ von PANTERA an, schlimmer geht es nicht.

Forum
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    Willemstrohm  AHU

    Puh, zu dem Thema haben 10 Musiker vermutlich 30 Meinungen. Schwierig! Hängt alles auch davon ab, ob man Livemukker ist oder auf Studioaufnahmen konzentriert ist; Stilrichtungen spielen da genau so rein wie die Frage, ob man sich mehr als Gitarrist (in einer Band) begreift oder ob du das komplette Dingen als One Man Show Dingen durchziehst. Zeit spielt da rein, wie auch Fragen nach der Größe des Aufnahmeraumes, Studios, Budgets, usw. usf.
    Nur für mich gesprochen, kann ich sagen, dass mir die „Gummipuppe“ lieber ist. ;-) Immer verfügbar, nölt nicht rum (kein Wartungs- und Reparaturgedöns, virtuell geht nix kaputt). Bei Bedarf zusammenfaltbar und reduziert sich auf 0 % des Raums (Speichern, Sequencer schließen, Computer aus). Klappe zu, Affe tot! Ich muss nicht darauf achten, wo das Zeug steht (feuchte Räume), keine Schlepperei, kein unnötiges Mikrofonieren. Mit dem „Gummi“ kann ich ordentlich Gummi geben (Aufnahmezeit verkürzt sich durch direkteren Zugriff auf alle Parameter, keine Umstöpseleien etc.). In der Zeit, wo du dein Setting in Ordnung bringen musst, hab‘ ich schon längst meine Moccamaster angeschmissen und mir ’nen leckeren Kaffee gegönnt. :-) Kurz: Alles eine Frage der Prioritäten.

  2. Profilbild
    ctrotzkowski  

    Hi Axel,

    ich finde Deinen sehr persönlichen Bericht sehr schön geschrieben – eben auch weil er erklärt, wie man so zu seinen „Wahrheiten“ findet, und welche Dinge einem im Leben dann plötzlich ganz andere Wahrheiten aufzeigen.

    Denken wir doch mal – so rein aus Spaß – an die ferne Zukunft, und drehen eine neue Star-Trek Folge, in der Wesley Crusher seine Liebe zur E-Gitarre entdeckt (nur, um Will Riker mit seiner Posaune und Mr. Data mit seiner Geige zu übertönen).
    Ob er bei seinem Experiment auf dem Holodeck sich wohl fragt, ob ihm der Computer nun
    a) einen antiken Vollröhrenamp aus dem vorherigen Jahrhundert ohne, oder
    b) mit analoger Zerr-Tretmine, oder
    c) einen schön vielfältigen alten Kemper oder Helix vorsetzen soll, oder
    d) die KI des Schiffes einfach den Sound seines Idols, Axel Ritt, gem. Analyse historischer Files erstellen soll?
    Oder ob er (in einer tiefen Höhle des Planeten Gravus Diggus) beim Entdecken der realen Relikte aus a) bis c) sich wohl fragt, welches wohl der rechte Weg sein muß?

    Vielleicht ist diese Diskussion in Zukunft nur noch für uns alte Kerle und KerlInnen, und die jüngeren haben einfach Spaß mit dem, was für sie grad erreichbar ist und zu dem paßt, was sie gerade tun wollen….

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