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Workshop E-Gitarre: Vibrato, Floyd Rose, Tremolo

8. September 2019

Stimmfest und stabil: Das Vibratosystem

Workshop E-Gitarre Vibratosystem Tremolo

Für viele Musiker ist ein funktionsfähiges Vibratosystem ein „Must have“ auf der elektrischen Gitarre. Nicht nur, dass man mit diesem Bauteil des Instrumentes schöne schräge Sounds erzeugen kann, musikalisch sinnvoll eingesetzt kann es dem Künstler durchaus eine zusätzliche Art des Ausdrucks verleihen. Allerdings bedarf es neben dem Grundwissen über das bevorzugte System schon dann und wann einer gewissen Wartung um die Vibratoeinheit funktionsfähig und somit verstimmungsfrei zu halten, doch AMAZONA.de lässt euch nicht im Stich – dieser Workshop wird sich der Sache annehmen und versuchen, Licht ins Dunkel zwischen Messerkanten, Rollensatteln und Feinstimmern zu bringen.

 

E-Gitarre Vibrato, Tremolo: Ein wenig Geschichte

Das Vibratosystem ist im Prinzip ist so alt wie die E-Gitarre selbst. Schon auf den frühesten Fender Stratocaster Modellen der fünfziger Jahre verbaute man ein einfaches System, das bis heute in kaum veränderter Form nach wie vor bei aktuellen Stratocaster-Typ Gitarren angeboten wird. Erfahrungsgemäß sind solche Vintagesysteme mit Vorsicht zu genießen, neigen sie doch bei gröberer Benutzung fast immer zu Verstimmungen.

Später in den achtziger Jahren versuchte man dann diesen Tuning-Problemen Herr zu werden und mit Aufkommen der Systeme von Kahler, Schaller und Floyd Rose gehört dies dann dank diverser Neuerungen wie dem Sattelverschluss-Mechanismus (Top-Lock) oder der Messerkanten-Aufnahme des Vibratoblocks der Vergangenheit an. Während sich die Vibratoeinheiten der Konkurrenz von Kahler und Schaller nie richtig am Markt durchsetzen konnten, begann das System von Floyd Rose einen weltweiten Siegeszug anzutreten – und auf fast jeder modernen Rock-Gitarre ist heutzutage eine solche von Floyd Rose lizenzierte Vibratoeinheit zu finden.

E-Gitarre Vibrato, Tremolo – Aufbau

Im Prinzip ist die Konstruktion eine denkbar einfache. Bei den simpleren Vintage-Vibratoeinheiten, wie sie bei der Fender Stratocaster z. B. zu finden sind, wird die Grundplatte des Systems mit ihren sechs Saitenreitern im Holz des Korpus mit ebenfalls i.d.R. sechs Holzschrauben verschraubt. In der rückseitig gefrästen Aussparung der Gitarre sorgen wahlweise zwei bis fünf Metallfedern für den nötigen Gegenzug zur Saitenspannung. Nachteil ist hier ganz klar das Fehlen der Verschraubungsmöglichkeit der Saiten am Sattel der Gitarre. Ein normaler Gebrauch, wie etwa das Ziehen einer Saite um einen Halbton hoch oder runter mit dem Vibratohebel, lässt sich oft noch realisieren, exzessiveren Gebrauch quittieren Systeme dieser Bauart allerdings leider zu oft mit Stimmungsproblemen – was zumeist am Verhaken der Saiten in den Sattelkerben ihren Ursprung findet.

Abhilfe schaffen kann hier neben dem sauberen Aufziehen der Saiten ein hochwertiger, sauber gefeilter Sattel aus Grafit sein, der mit seinen zusätzlich selbstschmierenden Eigenschaften dem Verklemmen der Saiten in den Sattelkerben recht wirkungsvoll entgegentreten kann. Zusätzlich würde sich dabei noch der Tausch der Stimmmechaniken gegen Modelle, bei denen die Saiten in der Welle festgeklemmt werden, positiv bemerkbar machen. Solche Klemmmechaniken gibt es von fast allen Herstellern von Hardware, sei es nun aus Deutschland (Schaller) oder z. B. von der japanischen Firma GOTOH.

E-Gitarre Vibrato, Floyd Rose – Pro

Genau dieses Problem tritt bei Nutzung der moderneren Floyd Rose-Systemen nicht mehr auf. Nicht nur dass hier durch eine feste Verschraubung am Sattel die Saiten eingeklemmt werden und somit absolut reibungsfrei sitzen. Durch das sogenannte „Messerkanten-Prinzip“ wird der gesamte Vibratoblock an zwei in das Holz versenkte Bolzen aufgehängt und sorgt damit für eine sehr weiche Gängigkeit. Zudem lässt sich dieses System auch sehr schnell und problemlos in der Höhe justieren, da nur die zwei Bolzenschrauben hierfür benutzt werden – ganz im Gegensatz zu den üblicherweise sechsfach verschraubten Blöcken der einfacheren bzw. günstigeren Systeme, bei denen ein korrektes Einstellen schnell zur nervenaufreibenden Sache werden kann.

Da nach Festziehen der Schrauben am Sattel des Floyd Rose-Systems die Saiten wieder leicht verstimmt sind, befindet sich an jedem Saitenreiter eine kleine Einstellschraube, um die Stimmung wieder anzugleichen. Ein optimal eingestelltes System dieser Art sollte dann eigentlich bis zum nächsten fälligen Saitenwechsel die Stimmung nahezu perfekt halten.

E-Gitarre Vibrato, Tremolo – Contra

Doch nicht jeder mag die Floyd Rose Vibratosysteme. Man sagt ihnen nach, Höhen und Dynamikverluste in Kauf nehmen zu müssen. Und vielen ist dieser große „Metallklotz“ auf der Gitarre einfach ein Dorn im Auge. Ich denke, der persönliche Geschmack sollte hier entscheiden, Gitarren der 3000-Euro-Preisklasse mit dieser Vibratoeinheit klingen sicher nicht schlechter, nur weil ein Floyd Rose System ihre Oberfläche ziert. Ein ganz klarer Minuspunkt ist aber das Wechseln der Saiten – ohne Werkzeug geht’s hier gar nicht. Zumindest ein passender Inbusschlüssel mit dem passenden Maß für die Klemmschrauben am Sattel und Vibratoblock sollten immer ganz nah beim Instrument sein. Und dass beim Reißen einer Saite das ganze System genauso wie beim Vintage-Style-Vibrato aus der Stimmung gerät, ist sicher nur ein schwacher Trost für Floyd Rose Benutzer. Aber gleichzeitig auch einer DER Minuspunkte bei einem Vibratosystem im Allgemeinen, unabhängig davon, ob nun „Vintage“ oder nicht.

E-Gitarre Vibrato, Floyd Rose – Alternativen

Und dennoch gibt es interessante Alternativen auf dem Markt, wie z. B. das System von Wilkinson, bei dem anstelle eines Klemmsattels ein Rollensattel die reibungslosen Funktionen übernimmt. Die Saiten werden hierbei nicht eingeklemmt, sondern laufen über kleine Rollen, die im Sattel verbaut wurden. Und auch hier ist der Vibratoblock an zwei Hülsen mit ihren Bolzen aufgehängt. Sicherlich kann man bei dieser Lösung keine „Dive-Bomb-Effekte“ erwarten bzw. erreichen, aber für eine normale, „übliche“ Nutzung hat dieses System mit seinem kleinen, zierlichen Vibratoblock und der sich daraus ergebenden guten Gängigkeit durchaus seine Vorzüge. Auch spart man durch das Weglassen der Feinstimmer und der übergroßen Saitenreiter mit ihren Klemmschrauben an Gewicht, was wiederum das Handling des Instrumentes verbessert.

Soweit zur Übersicht und Funktionsweise der gängigsten auf dem Markt befindlichen Vibratosysteme. Nun widmen wir uns dann Themen wie der Justage des Systems, dem Einstellen der Oktavreinheit bei Vintage- und Floyd-Rose-Systemen und den Schwierigkeiten, die hierbei auftreten können.

 

Workshop E-Gitarre Vibratosystem Tremolo

E-Gitarre Vibratosystem, Floyd Rose: Das Problem

Ein Hauptproblem, das immer wieder beim Gebrauch eines Tremolos oder Vibratosystems auftaucht, sei es nun ein Vintage- oder moderneres Floyd-Rose-System, ist das Verhältnis zwischen der Spannung der aufgezogenen Saiten auf der einen und dem Zug der Vibratofedern auf der anderen Seite dieser an sich frei schwebenden Konstruktion. Fakt ist, dass ein Instrument mit Vibratoeinheit sich nur auf eine spezielle Saitenstärke einstellen lässt. Die Saiten erreichen bei korrekter Stimmung eine Zugkraft von immerhin ca. 40 kg, je nach Wahl der Stärke, auf der Gegenseite sorgen eben die am Vibratoblock eingesetzten Federn für die nötige Gegenspannung. Wird nun bei einem Saitenwechsel zum Beispiel eine dickere Stärke gewählt, als die, die bisher auf dem System wunderbar funktionierte, wird sich der Vibratoblock unweigerlich nach vorne neigen, da die Saitenspannung nun höher ist und die Federn somit die Zugkraft ohne Nachjustieren nicht korrekt ausgleichen können. Das Ergebnis sind die wie bereits weiter oben beschriebenen unerwünschten Effekte wie eine unbequem hohe Saitenlage und eine nicht mehr korrekte Oktavreinheit. Diese kommt dadurch zustande, da der zu stark angewinkelte Vibratoblock ja auch die Saitenreiter mit nach vorne zieht – und diese sind ja für die Oktavreinheit verantwortlich.

Das Ganze gilt auch für den umgekehrten Fall: Nach dem Aufziehen dünnerer Saiten ziehen die Federn zu stark und somit wird sich der Vibratoblock kaum, bzw. gar nicht rühren. Bei den Floyd-Rose-Systemen – die auch zumeist eine Unterfräsung im Gitarren-Body spendiert bekommen – wirkt sich dies noch dramatischer aus, denn hierbei liegt der Vibratoblock im ungünstigen Falle so tief in der Fräsung, dass zusätzlich auch noch die Saiten auf dem Griffbrett aufliegen.
Also gilt es, eine Gitarre mit Vibratoeinheit auf eine spezielle Saitenstärke einzustellen. Dabei sollte man sogar darauf achten, einem Hersteller die Treue zu schwören, denn selbst bei identisch angegebenen Saitenstärken der verschiedenen Hersteller variiert die Zugkraft und macht eine erneute Nachbearbeitung des Settings notwendig. Dies ist kein Ammenmärchen, sondern mir in der Praxis schon des Öfteren untergekommen.

E-Gitarre Vibrato, Floyd Rose: Die Lösung

Workshop E-Gitarre Vibratosystem Tremolo

Nach Abnehmen der Abdeckplatte an der Rückseite des Gitarrenkorpus kommen die Vibratofedern des Tremolos zum Vorschein. Zumeist sind es drei Federn, die auf der einen Seite in den Vibratoblock und auf der anderen Seite mit einer Vorrichtung an zwei Schrauben in das Holz des Korpus eingeschraubt sind.
Es gibt aber auch Leute, denen die maximal einsetzbaren fünf Federn zu wenig Spannung bieten. Oder man wählt eine extrem starke Saitenspannung (stärker als 012), die ebenfalls das Einsetzen einer oder mehrerer zusätzlicher Federn erforderlich macht, um die erhöhte Zugkraft der Saiten auszugleichen.

Durch das Eindrehen bzw. lockern der zwei Schrauben, die in den Body führen, lässt sich die Zugkraft der Federspannung regulieren. Werden die Schrauben rechts gedreht, also festgezogen, bringen wir dadurch mehr Spannung auf den Federmechanismus und sorgen damit für mehr Zugkraft für eine höhere Saitenstärke. Und umgekehrt sorgen gelockerte Schrauben für eine Entspannung des Systems. Und genau zwischen diesen beiden Stufen liegt die Kunst, das genaue Austarieren dieser Kräfte um einen möglichst frei schwebenden Vibratoblock zu erhalten. Dabei sollten die Saitenreiter bei einem optimal justierten System parallel zur Decke des Instrumentes stehen.

Aller Anfang ist hierbei schwer und da man i.d.R. nach einem Saitenwechsel bis zu fünf Stimmvorgänge benötigt, um die Gitarre wieder in Stimmung zu bringen – und somit die Stellung des Vibratoblocks zu begutachten – ist dies zu Beginn eine recht zeitintensive und mühselige Angelegenheit. Doch mit der Zeit kommen die Erfahrungswerte und das notwendige Fingerspitzengefühl.

Danach kann man sich das notwendige Einstellen der Oktavreinheit vornehmen.

Workshop E-Gitarre Vibratosystem Tremolo

E-Gitarre Vibrato, Tremolo: Justieren der Oktavreinheit

Ein Instrument mit nicht sauber eingestellter Oktavreinheit kann ganz schön nerven. Wenn diese harmonische Unstimmigkeit vielleicht mit Powerchords und/oder einzelnen Tönen noch funktioniert bzw. sich kaschieren lässt, ist spätestens beim Spielen von Mehrklängen in verschiedenen Lagen auf dem Griffbrett Schluss mit lustig: Sie klingen schrecklich schräg und kakophonisch. Dies liegt daran, dass die Mensur (der schwingende Teil der Saite) nicht sauber auf das Teilungsverhältnis der Bünde ausgerichtet ist. Wir schauen uns jetzt mal an, was es dabei zu tun und zu beachten gilt, um das Instrument in ALLEN Lagen auf dem Griffbrett sauber und klar klingen zu lassen – egal ob Powerchord, Doubling oder Fünfklang.

In diesem Kapitel gehen die Punkte eindeutig an das Vintage-Vibratosystem bzw. Tremolos. Vorteil beim Einstellen der Oktavreinheit ist hier nämlich, dass die Saitenreiter durch eine Schraube von hinten am Vibratoblock angebracht sind und sich somit bequem justieren lassen. Ganz im Gegensatz dazu muss man bei den Floyd-Rose-Systemen vorgehen. Die Sicherungsschrauben zum Justieren der Saitenreiter befinden sich hier nämlich an den Reitern selbst, d. h., wenn man die Schraube komplett löst, befinden die sich „im freien Fall“. Deshalb sollte man die Schraube nur ganz leicht lockern – gerade soweit, dass man mit einem Schraubendreher oder Ähnlichem den Saitenreiter vor bzw. zurückschieben kann.

Nach Anschließen des Instrumentes wird nun mit dem Einstellen der tiefen E-Saite begonnen. Dazu wird die Saite als erstes perfekt (!) gestimmt. Danach drückt man auf dem zwölften Bund die Saite sauber und ohne Ziehen o. ä. nieder – im Idealfall sollte das Stimmgerät ebenfalls ein sauberes E anzeigen, keinen Cent zu hoch oder tief. Schlägt der Zeiger des Tuners nach links aus, ist der Oktavton zu tief, der schwingende Teil der Saite also zu lang. Durch Verschieben des Reiters nach vorne Richtung Hals verkürzen wir diesen Teil. Um wie viel, erfährt man am besten durch Ausprobieren. Jedes Instrument reagiert hier anders, eine Faustformel existiert somit leider nicht.

Genauso im umgekehrten Fall. Sollte das Stimmgerät nach dem Niederdrücken der Saite in den Plus-Bereich wandern, ist der schwingende Teil der Saite zu kurz. Dann wird der Reiter nach hinten verschoben, um die Unstimmigkeit auszugleichen und somit einen sauberen Oktavton zu erhalten.

Nach getaner Arbeit gibt es nur bei dem Floyd-Rose-System noch eine kleine zusätzliche Aufgabe zu erledigen, nämlich das Feintuning der Saiten mit Hilfe der an den Saitenreitern angebrachten Feinstimmern. Durch das Festziehen der Saiten am Sattel verstimmen sich diese zwangsläufig wieder etwas, die Feinstimmer sorgen also somit für den finalen Schliff bei einem optimal eingestellten Floyd-Rose-Vibratosystem.

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