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Boss SY-1 Synthesizer Effektpedal

20. Oktober 2019

Hundert Sounds, kleine Box - der Meilenstein von Boss!

Boss SY-1 Synthesizer Pedal

Es ist vielleicht nicht übertrieben, wenn ich das Boss SY-1 als das am sehnsüchtigsten erwartete Pedal des Jahres bezeichne. Es überrascht nicht: Ein „einfacher Boss“-Treter, der all den Boutique-Tretern und Schlachtschiffen den Rang ablaufen könnte – mal wieder. Das ist sicher zum einem dem Nimbus der Firma geschuldet, zum anderen der Tatsache, dass der Boss SY-1 eine riesige Palette auffährt. Als ich auf der diesjährigen Guitar Summit den Boss-Stand besuchte, wurde mir viel erzählt über die Überlegungen, die in den SY-1 einflossen. Sounds, die ursprünglich für den Boss SY 300 entwickelt wurden – ein über 600,- Euro teures Schlachtschiff – sollten ihren Weg in das kultige Kompaktformat finden, aber das war leichter gesagt als getan. Wie optimiert man das Handling von so vielen Optionen auf so kleinem Raum? Was nimmt man dazu, und noch wichtiger – was lässt man weg? Wie kommt das Boss SY-1 in Sachen Tracking weg? Gibt es ein Latenz-Problem? Wie umfassend sind die Features? Gibt einige Boxen anzukreuzen – also gehen wir es an.

Boss SY-1, Synthesizer Pedal – Facts and Features

Ob man zum Gehäuse viel sagen muss, sei dahingestellt. Fest steht: Es ist das klassische Boss-Format, mit exakt den gleichen Abmessungen wie immer, einer Kunststoff-Rückseite für den Grip und fast einem halben Kilogramm Gewicht. Liegt also gut in der Hand. Boss haben den SY-1 mit zwei separaten Anschlüssen für Send und Return ausgestattet – darüber habe ich mich persönlich im Vorfeld mitunter am meisten gefreut. Das Einspeisen von externen Pedalen in den Signalweg des SY-1 potenziert die Soundmöglichkeiten nochmal zusätzlich. Auch dass der SEND für einen zweiten, separaten Direct Out in Frage kommt, ist enorm praktisch. Das kann man also schon mal abhaken.

Boss SY-1 Synthesizer Pedal

Des weiteren besitzt das Boss SY-1 eine EXP/CTL-Buchse. Sinnig, denn das Pedal ist mit einer Sound Hold-Funktion ausgestattet ist, die dadurch auch mit einem externen Gerät angesteuert werden kann. Mithilfe des Expression Pedals lassen sich ausschließlich zwei Parameter ansteuern: Pitch, also die Tonhöhe des angewählten Modus, sowie das Tempo. Ebenfalls praktisch: Der Schalter besitzt eine Tap-Funktion. Die Input-Buchse in der rechten Mitte ist für Gitarre oder Bass gedacht. Das Boss SY-1 besitzt keinen Schalter für das Line Level von Synthesizer, deren Signal meist durchschnittlich 20 dB lauter ausfällt als das einer Gitarre. Ansonsten befindet sich auf der Stirnseite ein Guitar-/Bass-Switch sowie die Buchse für den 9 Volt-Adapter. Die Rändelschraube auf der Fußseite ist lediglich dafür gedacht, das Gehäuse für den Tausch einer Batterie zu öffnen. Also ja: Betrieb durch Batterie ist möglich und ihr Stand wird über die Helligkeit der roten LED-Leuchte angegeben.

Grundsätzlich handelt es sich beim Boss SY-1 um ein polyphones Gerät, dessen Klangerzeugung per getriggerten Oszillatoren abläuft. Einen separaten, monophonen Modus wie beispielsweise der Enzo besitzt das Pedal nicht. Ich kann schon jetzt sagen, dass es spannend sein wird, das Tracking eines polyphonen Pedals in so einer Preisklasse zu überprüfen. Boss hin oder her – das ist und bleibt nun mal die Achillesferse vieler preisgünstiger Synthesizer-Pedale.

Boss SY-1, Synthesizer Pedal – Bedienpanel und Engines

Kommen wir zur spannenden Frage, die im Vorfeld wohl die meisten beschäftigte? 121 Sounds? Und die sollen alle distinkt sein? Nun, grundsätzlich besitzt der Boss SY-1 elf Sound-Kategorien, die jeweils mit elf Variationen ausgestattet sind. 11 x 11 = 121 Sounds. Und die grundlegende Palette der Kategorien liest sich wie ein lückenloses Who-is-Who klassischer Synthesizer-Sounds:

  • BELL – Glockensounds mit metallischer Resonanz, viel Atmosphäre, mit ordentlichem Sustain oder perkussivem Charakter.
  • LEAD 1/2 – Beide Kategorien sind für Solo-Sounds gedacht, die typischerweise für akzentuierte, alleine stehende Noten geeignet sind.
  • BASS – auch nicht monophon, dafür aber fette, brutzelnde Sub-Oktaven und Filter-Sounds.
  • PAD – Klangflächen mit Brass-Charakter, welche die polyphonen Kapazitäten des SY-1 am besten zur Geltung kommen lässt.
  • STR – klassische Streicher Sounds, die sich vor allem im Rahmen von Ambient hervorragend nutzen lassen und mit der Hold-Funktion bestens zusammenkommen.
  • ORGAN – Orgel Sounds, die durchaus den Charakter eines Ring-Modulators annehmen können.
  • SEQ 1/2 – Sequencer, der sowohl mit Filter-, Rhythmus- und Pitch-Sounds arbeitet.
  • SFX 1/2 – Eine breite, für sich stehende Palette origineller oder retro-inspirierter Synthesizer-Sounds, die vielfach zum Einsatz kommen können.

Boss SY-1 Synthesizer Pedal

Wie gesagt – jede dieser elf Kategorien besitzt elf Unterkategorien und Variationen. Darauf beschränkt sich das dann doch etwas überschaubare Panel des Boss SY-1. Nur vier Regler? Nicht ganz. Boss haben zwei weitere, kleinere Regler in den linken zwei integriert. Elegant und trotzdem gut zu greifen – die für Boss eben typische Finesse.  Welche Parameter lassen sich mit den Reglern ändern?

  • Effect-/Direct: Der äußere Ring des Poti, Direct, regelt die Lautstärke des Direkt-Signals, das heißt ganz konkret: Die Lautstärke des Signals, das über den RETURN in das Pedal geschickt wird. Der Regler innen regelt die Lautstärke des Effektsignals allgemein.
  • Tone-Rate/Depth: Hier passiert ein Großteil der Modulation, will heißen: Der äußere Ring erledigt Depth, das heißt also Intensität und Tiefe des Sounds, während innen entweder die Rate oder die Klangfarbe geändert werden, je nachdem, welche Katgorie man gerade angewählt hat.
  • Variation: Hier lassen sich die Unterkategorien der jeweiligen Soundtypen anwählen.
  • Type: Hier kann man sich durch die einzelnen Typen bzw. Synthesizer-Engines navigieren.

Noch ein paar Worte zur Hold-Funktion: Erwartungsgemäß lässt sich über den gehaltenen Sound mit dem normalen, dry Signal drüber spielen. Aber im Grunde bin ich bereits bei der Untersuchung des Panels ein wenig erstaunt, wenn auch nicht überrascht, dass Boss es mal wieder gelungen ist, so ein umfassendes Unterfangen so einfach, intuitiv und übersichtlich zu halten. Keine second layer – Spielereien, keine ermüdenden hold-and-press-Funktionen. Vier (sechs) Regler, ein Schalter, das war’s. Was man eventuell vermissen dürfte: MIDI. Doch das ist bei dem Preis zu verschmerzen. Kommen wir zur Krux des Ganzen: Der Klangqualität in der Praxis.

Boss SY-1, Synthesizer Pedal – in der Praxis

Wir speisen den Boss SY-1 über den Direct-In eines Audio-Interfaces unmittelbar in die DAW ein, um uns ein deutliches Bild der Klangtiefe und -qualität der zahlreichen Soundoptionen zu machen. Ich werde zunächst die einzelnen Typen und ihre Variationen untersuchen und hierbei ausschließlich mit Gitarre arbeiten. Bei manchen Hörbeispielen kam zusätzlich der Procession-Reverb von Old Blood Noise Endeavors zum Einsatz.

Boss SY-1

Mehrere Eindrücke drängen sich während der Stunden auf, die ich mit dem Boss SY-1 verbringe. Erstens: Nicht alle Sounds sind vollkommen distinkt. Können sie auch nicht sein, manche Lead oder Pad-Sounds ähneln sich einfach vom Prinzip her und diese Ähnlichkeit kommt auch beim SY-1 zum Tragen. Aber das wichtigste zuerst: Das Tracking stimmt. Kein befremdliches Spielgefühl, keine (spürbare) Latenz. Es besitzt nicht die Sensitivität des Enzo von Meris, aber es ist fein genug, um die Akzente des eigenen Spiels in den Synthesizer-Charakter zu übertragen. Was besonders gut bei den Lead- und auch den Bass-Sounds spürbar ist. Insgesamt klingt es knackig, frisch, nicht altbacken wie aus einem alten Roland, sondern durchaus zeitgemäß ohne dabei gezwungen zu wirken. Die String-Sounds sind mitunter an der Schmerzgrenze des Casio-Kitsches, aber das hat durchaus etwas Sympathisches. Für diesen Preis ist diese Qualität bei der Vielfalt jedenfalls allemal gerechtfertigt. Ich war zunächst skeptisch, ob sich mit diesem überschaubaren Panel wirklich viel rausholen lässt, aber ich wurde eines Besseren belehrt. Tone, Rate und Depth bei den 11 Variationen pro Kategorie decken ungemein viel ab. Immer wieder ertappe ich mich dabei, die Hold-Funktion nutzen, Flächen, Sequenzen oder Sounds zu halten und darüber zu spielen. Man experimentiert, findet ätherische Klänge genauso wie verschwurbelte Sounds und ehe man sich versieht, sind zwei Stunden vergangen und man hat noch gar nichts aufgenommen. Klingt alles großartig, hat jede Variation des Sound-Typen seine Berechtigung? Nicht zwangsläufig. Manche Fluktuationen im Klang mancher Soundtypen erschließen sich mir nicht völlig. Und es ist ein dickes Manko, on the fly nicht zwischen Typen und Kategorien wechseln zu können – ein Problem, das sich auch nicht durch externe Fußschalter beheben lässt, da es keinen MIDI- oder CV-Anschluss gibt. Trotzdem – hier passiert wahnsinnig viel.

Ich halte Boss für eine ganz besondere Firma. Wer so zeitgemäß agieren kann, über einen längeren Zeitraum und dabei stetig Gesicht wahrt, dem muss man einfach Respekt zollen. Ich bin mir sicher, dass das SY-1 schon bald auf jedem zweiten Pedalboard anzutreffen sein wird. Dafür kann es für diesen Preis einfach zu viel.

Fazit

Haben Boss abgeliefert? Zweifelsohne. Die großartigen Lead- und Pad-Sounds beweisen, dass Synth-Magie für Gitarren nicht immer kompliziert ausfallen muss. Boss haben ein übersichtliches, einfach zugängliches, unglaublich vielseitiges Synthesizer-Pedal geschaffen, dass sich für viele Pedal-Fans wahrscheinlich als logischer Kauf erweisen wird. Das Tracking stimmt, das SY-1 hat keine nennenswerten Latenz- oder Klangprobleme und stellt ein solides, kluges, vollgepacktes Produkt aus dem Hause Boss dar.

Plus

  • unzählige Sounds
  • gutes Tracking
  • einfache Handhabe

Minus

  • kein MIDI

Preis

  • 199,- Euro
Forum
  1. Profilbild
    Healfix 1

    Da ich besser schlecht Gitarre als schlecht Keyboard spielen kann, wäre das wohl was für mich…

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