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1. September 2021

Keyboarder in einer Coverband – die eierlegende Wollmilchsau

Hallo, ich bin Kai, Keyboarder. Live-Keyboarder.

Ich hab vor vielen Jahren im Alter von 10 Jahren mit Heimorgel angefangen, hab mir dann mit 14 mit viel Schufterei meinen ersten Synthesizer kaufen können (den Juno 6), weil ich Toto, Jan Hammer & Chick Corea so toll fand und unbedingt in Bands spielen wollte.
Heute spiele ich immer noch Toto, aber weniger weil ich sie so toll finde, sondern eher um Menschen zu unterhalten.

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„Der Keyboarder in einer Coverband ist immer der Arsch“ sag ich immer. Gitarristen, Drummer, Bassisten, wisst ihr eigentlich, wie gut ihr´s habt????

Wieso? Der Keyboarder in der Coverband muss sich um viele Dinge kümmern, die seinen Mitmusikern fast egal sind:

1) Die eierlegende Wollmilchsau

Er ist für alle Sounds und Instrumente verantwortlich, die nicht von den anderen Bandmitgliedern übernommen werden können. Also alles, was kein Schlagzeug, Bass oder Gitarre ist, muss der Keyboarder spielen. Klassischerweise sind das z.B. Streicher und Bläser. Aber eben auch die Uilleann Pipe in „Fields of Gold“ oder das Cello in „Wonderwall“.
Das hat zwei Haken: der Eine ist der Sound. Klar, alle modernen Brot&Butter-Rompler/Workstations (also Fantoms, Kronos und Konsorten) haben etliche Bläsersounds, ich muss aber gestehen, dass mir kein einziger bislang genug gefallen hätte, um ihn pur live einzusetzen.

Den meisten fehlt einfach der smack, der Drive, die Schärfe, sie klingen nach Plastik. Deshalb bastle ich mir für jeden Song einen jeweils passenden Bläsersound aus Samples und Synths zusammen. Die Samples für´s „Natürliche“ (sofern das machbar ist) und der Synth für die Schärfe und Fatness. Und das klingt bei Bläsersätzen in alten Motownsongs natürlich völlig anders als bei „Sledgehammer“. Das wird das dann zwar kein 100% echt klingender Bläsersound sein, aber einer, der die Funktion im Song übernimmt und einfach „funktioniert“.
Der zweite Haken ist die Phrasierung der artfremden Instrumente. Geil gespielte und gesetzte Streicher- oder Bläsersätze auf der Tastatur zu reproduzieren ist sehr oft eine große Herausforderung, manchmal sogar eine Strafarbeit.

Ich meine, gut Klavier, Synth oder Orgel spielen zu können ist ja schon etwas, was jahrelange Arbeit erfordert, aber nun auch noch völlig artfremde Instrumente in ihrer Phrasierung auf Tasten umzusetzen ist mitunter recht mühselig und zeit-und übungsintensiv.

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2) Synth-Wahnsinn aus dem Originalsong mit nur zwei Händen reproduzieren.

In einer Coverband hat man nun mal mit Chartmusik zu tun und diese wird in den letzten Jahrzehnten doch stark von Keyboards geprägt. Die Menschen, die die Songs im Studio produzieren, haben achtunddrölfzig Spuren eingespielt oder in den Sequenzer gehackt, Sounds gestackt, ein Plingeling hier, ein Sweep da, alles „for the sake of the song“.
Und was ist der natürliche Feind des Live-Keyboarders? Genau, EDM. Und natürlich 80er Jahre Pop. Songs, die kompositorisch oft wenig zu bieten haben, aber von den unfassbar aufwändigen Sounds leben.

Apropos achtunddrölfig Spuren, das gibt es auch bei älteren Songs: Wie viele Clavinet-Parts sind nochmal in „Superstition“ übereinander gespielt? 3? 5? Nein, es sind 8. ACHT! Wie soll man das live reproduzieren? Selbst EIN Clavinet vom großartigen Stevie Wonder gespielt ist von der Phrasierung schon eine echte Herausforderung für mich (und weil man ja sonst nix zu tun hat: die Bläser müssen ja auch irgendwo her kommen).
Generell gilt es also bei jedem Song herauszufiltern, welche Parts und Sounds wichtig für den Song und gleichzeitig auch spielbar sind. Sicher, Gitarristen müssen auch schon mal mit mehreren Gitarrenspuren einer Aufnahme kämpfen. Aber wer muss dann nochmal die fehlenden Gitarren irgendwie ersetzen? Richtig. Ich. Der Keyboarder.

3) Sounds programmieren und auf der Tastatur verteilen.

Das ist für mich das, was die meiste Arbeit in der Vorbereitung bedeutet. Keyboarder müssen Sounds basteln, oder besser: nachmachen. Ob gestackt, sequenziert, analog, digital, akustisch, elektrisch, egal, der Sound muss irgendwie so reproduziert werden, wie man ihn kennt. Und weil ich ja „oldschool“ bin, kommt nichts aus´m Rechner, sondern soll alles von Hand gespielt werden.

Das Erste, was ich also mache wenn ich einen neuen Song vorbereite ist, ihn im Schnelldurchlauf durch zu hören und mir darüber im Klaren zu werden, welche Sounds und Parts darin vorkommen. Die nächste Überlegung ist: was ist wichtig für den Song? Was kann ich überhaupt spielen? Ich hab ja dummerweise nur zwei Hände und eine begrenzte Anzahl an möglichen Soundumschaltungen pro Song. Die Sounds müssen also clever programmiert und auf der Tastatur verteilt werden. Was spiele ich mit rechts, was mit links? Was auf welchem Keyboard? Und dann geht’s los: Programmieren. Ich benutze live eigentlich nur zwei Keyboards: den Yamaha MODX6 und den Novation Mininova. Beide sind wahnsinnig leicht (!! wichtig!) und vor allem der MODX sehr vielseitig und verhältnismäßig leicht zu programmieren. Also baue ich die Sounds, denke mir sinnvolle Splits aus, hab teilweise 5 Sounds auf meinen 61 Tasten verteilt (größere Tastaturen möchte ich einfach nicht schleppen müssen), schalte im Mittelteil den Sound um, Sounds kommen dazu, verschwinden, verändern sich in der Lautstärke.

Ich hasse es. Aber ich liebe es, wenn es am Ende funktioniert.
Aber es geht auch anders. Wenn man Glück hat, gibt es Songs, die nur Piano oder Orgel brauchen. Da muss man einfach nur gut spielen! Hui! Was für eine Wohltat!
Alternativ hab ich mir einen Universal-Sound gebaut, mit dem ich zur Not 80% aller Songs spielen könnte ohne dass es Kacke wird. Er besteht aus einem Klavier, bei dem ich entweder eine sehr lebendige Fläche und/oder Synth-Bläser dazu schalten kann. Wenn nichts Spezielles gefragt ist, kann man diesen Sound quasi immer einsetzen. Auch bei Stücken, wo eigentlich gar kein Keyboard drin vor kommt, wo man einfach nur füllen muss. Das geht damit sehr gut und es gibt gar nicht wenige Songs, die ich so spielen kann.

Wenn das alles getan ist, darf ich mich nun endlich meine Tätigkeit als Musiker widmen und den Song heraus hören und lernen!
Das ist dann auch der kleinste (und meist einfachste) Teil meiner Arbeit.
Alles was ich für den jeweiligen Song wissen muss, notiere ich mir dann möglichst groß & übersichtlich in meinem Tablet. Das sind meist die Akkorde, teils Melodien, teils Abläufe (wenn sie mir nicht „natürlich“ erscheinen), teils die Texte (ich singe oft zweite Stimmen) und natürlich auch die Aufteilung der Klänge auf der Tastatur, denn es kann ja passieren, dass ich Songs monatelang nicht spiele und ich dann nicht mehr weiß, wo ich welchen Sound programmiert habe…

Die Vorbereitung meiner Mitmusiker in der Coverband besteht vor allem daraus, sich einen Song heraus zu hören und ihn zu lernen. Der Gitarrist muss immerhin zusätzlich zwischen einer Hand voll Sounds auswählen, Schlagzeuger & Bassisten müssen zumeist nicht einmal das. Sie bekommen aber das gleiche Geld für den Auftritt!! Ist das gerecht?? Immerhin habe ich in der Vorbereitung das Vielfache an Arbeit….

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Fazit
OK, wer denkt, hier ein bisschen zu viel „mimimi“ gelesen zu haben, mag recht haben.
Ich würde mir einfach manchmal wünschen, dass diese Tätigkeit mehr gewürdigt würde oder man bei der Songauswahl ein wenig mehr Rücksicht darauf nähme, dass Menschen wie ich viel mehr zu tun habe als einfach nur den Song zu lernen.
Es ist ja nicht so, dass programmieren keinen Spaß macht, aber doofer Song UND doofe Sounds..... :D
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Forum
  1. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    Klingt nach einem echten Traumjob, der zwei Optionen bietet:

    1. Abspecken, sich einfach mit weniger zufrieden geben und die eigenen Ansprüche hintenan stellen.

    2. Verzweifeln.

    Suizid als dritte Option lasse ich mal draußen vor, weil heute so ein schöner Tag ist.

  2. Profilbild
    Enterprising  

    Lieber calvato, das ist NICHT fair!
    Da muss doch jemand was dagegen tun;)

    Gut geschrieben, ich mußte schmunzeln!

    Was sagen Deine Bandkollegen dazu?

  3. Profilbild
    bluebell  AHU

    Einfache Lösung: nur eigene Musik spielen. Dann sind die eigenen Sounds und Arrangements die Referenz.

    OK, will dann keiner hören. Aber irgendwas ist ja immer.

  4. Profilbild
    nativeVS  AHU

    Soweit ich mich recht entsinne sind es bei Superstition nur 5 (oder waren es 6) Clavinet spuren, die restlichen sind „nur“ echo returns (typisches banddelay mit viel platten und kammerhall); trotzdem sind 5 immer noch reichlich fuer nur zwei haende, und dazu noch der Minimoog Bass…

  5. Profilbild
    fanatic  AHU

    Grausam Calvato, das klingt einfach schrecklich. Respekt an diejenigen, die mit dieser Arbeit tatsächlich die Miete zahlen müssen…..
    Ich sehe am Rand und in den hinteren Reihen schon einige Experten die Arme verschrenken. “Boah, hör dir das an Volker! Das klingt niemals nach Joe Cocker!….“
    Der pure Horror.
    Dann lieber Hochzeits-DJ……
    Obwohl…….

  6. Profilbild
    vssmnn  AHU

    Ich habe nie aufgerüstet, weil ich genau diese Arbeit hasse.
    Dann lieber gleich Playback von der Workstation und bissl dazu hampeln.

  7. Profilbild
    AMOS omb  

    Das Problem sind halt die heutigen, unendlichen Möglichkeiten der Soundtüfteleien. Da verliert man sich ganz schnell. Und dann war der Sound am Anfang besser als zum Schluss. Das geht aber nicht nur Keyboarder so, auch Gitarristen suchen ständig an den Super Sound. Ist auch kein Problem wenn man da Spaß dran hat. Man darf darüber bloss nicht das Musik machen vergessen. Und ich sage euch spätestens nach dem nächsten Gig in einer der akustisch katastrophalen Freizeithalle stellt ihr fest mein Sound passt immer noch nicht richtig. Also Calvato Kopf hoch, ich suche auch immer wieder neu.

  8. Profilbild
    gruuv  

    Zum großen Teil gebe ich dir recht, ich kenne die Situation auch recht gut. Vieles Soundsuchen, viele Spilts, viel notiert, welcher Sound wo war usw. Zusätzlich habe ich auch das gesamte MIDI der Band inkl. Soundumschaltung des Gitarristenpedals usw vom Keyboard vorgenommen – als MIDI Schaltzentrale war das ja eh bei mir. Das änderte sich vom Aufwand, als ich mir einen zusätzlichen Sampler zulegte, 2x 61er Keyboards wegen der Tasten Real Estate der vielen Sounds und ein Sampler, auf dem ich dann die meisten Sounds (und auch spezielle Licks als Single Shots) abfeuerte. Einige Songs die wir hatten, hatten ja leider sogenannte Signature Sounds die sehr zum Wiedererkennungswert des Songs wichtig waren, daher war dann sampeln schneller und einfacher als Sounds suchen , nachprogrammieren und stacken. Und einige komplette Licks konnte man so einfach auf ein paar wenige Tasten (gaaanz links) legen und man hatte für anderes wie Piano oder Orgel o.ä. dann den Rest des Keyboards. Das war schon etwas einfacher. Aber auch das mußte ja zuerst mal abgesampelt und „programmiert“ werden.
    Die Songauswahl wurde auch etwas danach ausgesucht, wieviel Instrumente da z.T gleichzeitig unterwegs war und wenn 5 Keyboards/Synths gleichzeitig spielten, dann wurde das eben mit einer 4 Mann Band als nicht spielbar erklärt. (selbst Toto hat hinter der Bühne noch 2 zusätzlich. Keyboarder gehabt) .

  9. Profilbild
    dAS hEIKO  AHU

    Im Volksmund heißt nicht umsonst „die brotlose Kunst“. Brotlos, weil der Großteil der Leute vor der Bühne eh mit anderem beschäftigt ist und den Musikalischen Output nur selten zu würdigen weiß. Brotlos, weil recht schnell klar wird, dass nicht die „zusätzlichen Einnahmen“ im Vordergrund stehen, sondern die dauerhafte Finanzierung des Instrumentariums. Aber wer am Ende der Vorstellung den BWLer rausläßt, hat die Hauptsache übersehen: Man kann sein Hobby vor Publikum ausleben (wenn nicht #ihrwisstschon).

    Ein (Computer-)Kunde von mir ist ein recht bekannter Drummer, der schon viele große Acts begleiten konnte. Aber solange man selbst nicht Ian Paice oder Bertram Engel ist, sagt er, wird man von nahmhaften weder als gelichwertiger Musiker gesehen und schon gar nicht so bezahlt. Also: Noch ne Schalgzeugschule, die eine sichere Basis liefert für wiederkehrende Ausgaben und Auftritte im ländlichen Raum, die einen zwar nicht sonderlich fordern oder gar ansprechen, aber wenigstens vernünftig entlohnt werden. Damit muß klarkommen, wenn man ernsthaft davon leben möchte. Nicht jeder wird zu einem Freddy Mercury. Und doch gibt es bestimmt genug, die es nicht ins Wembleystadium schaffen, obwohl man

    Und bei Coverbands ist das eher noch ausgeprägter. Und während die angetrunkenen „Fans“ in der Ersten reihe mitgröhlen, wunder ich mich manchmal schon, wie geil der grade das Solo gezupft hat.

    • Profilbild
      calvato  

      Zu Punkt 1: Ich hab gottseidank kein teures Equipment, ich hatte nie „High-End“-Kram. Von daher ist das mit dem „amortisieren“ nach kurzer Zeit erledigt.
      Punkt 2: Da muss ich sagen, dass ich da völlig andere Erfahrungen gemacht habe! Ich hatte das Glück und die Ehre, mit einigen… sagen wir mal…. „Mittelgroßen“ zu spielen und dabei einige der „Ganz Großen“ kennen zu lernen. Und es war eigentlich immer so: je besser der Musiker, desto cooler, freundlicher und kommunikativer der Mensch.
      Da könnte ich einige sehr witzige Geschichten von Erlebnissen Backstage oder beim Catering bei Rock am Ring oder Splash erzählen… :D

  10. Profilbild
    micromoog  AHU

    Habe vor über 25-30 Jahren das Studentendasein auch mit TOP40 Musik finanziell aufgebessert. In Stundenlohn zurückgerechnet wohl eher eigene Ausbeutung.
    Dafür hat es aber Spaß gemacht.

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