DJ Remix – Geschichte & Entstehung

25. Oktober 2018

Everything is a Remix

DJ Remix - Geschichte & Entstehung

DJ Remix – Geschichte & Entstehung

Für uns ist das so normal, dass wahrscheinlich niemand mehr einen Gedanken daran verschwendet, aber es gab einmal eine Zeit, in der es nicht von jedem bekannten Track zig Schrillionen Remixe gab. Die Idee, Songs durch Weglassen und Hinzufügen weiterer Spuren und Ändern des Arrangements tauglicher für den Tanzboden zu machen, hat die populäre Musik seit den späten Siebzigern stark geprägt und verändert. Das Konzept, dass Tanzmusik am besten funktioniert, wenn die rhythmischen Parts freistehen und lang genug sind, um einen hypnotischen Sog zu entwickeln, hat in dieser Zeit ihren Ursprung. Und schon damals waren es die DJs, die diese Entwicklung antrieben und maßgeblich weiterentwickelten. So wie heute auch.

 Aber langsam. Um die Geschichte des Remixings zu erzählen, ist es sinnvoll, den Begriff „Remix“ zunächst zu definieren und von anderen Formen der Bearbeitung zu unterscheiden.

Was ist ein Remix?

Zuallererst ist ein Remix mal kein Re-Mix. Im Wortsinne nur das Verhältnis der Tonspuren neu zu mischen, ist eben nicht das, was wir unter einem Remix verstehen. In der Regel gehört es zu den Minimalanforderungen an einen Remix, dass auch das Arrangement verändert wird. Meistens meint das natürlich, den Track zu verlängern.
 In der Regel sprechen wir aber erst von einem Remix, wenn der Remixer neue Tonspuren zum Original hinzufügt.
Eine Coverversion ist ebenfalls kein Remix, sondern eine Neuinterpretation. Ganz einfach: Solange keine Audiospuren des Originals benutzt werden, handelt es sich nicht um einen Remix.

Beim sogenannten Edit liegt die Sache nicht ganz so klar. Ein Edit ist normalerweise eine Version, bei der das Stereomaster durch Schnitte editiert wird. Viele klassische Bearbeitungen, die ein „Remix“ im Namen tragen, sind eigentlich Edits. Mein Lieblingsbeispiel: Der One-Two-Jazz-Mix von Stretch’s „Why Did You Do It“. Durch geschickt gesetzte Schnitte wurde ein im Original zweieinhalb Minuten dauernder Bluesrock-Song zu einem siebenminütigen Floorpleaser, der keine Sekunde langweilig wird.

Mit dem gigantischen Fortschritten von Audiobearbeitungssoftware auf der anderen Seite werden heute viele einfache Remixe als Edit bezeichnet, wenn zum Beispiel ein alter Funk- oder Discotrack nicht nur loopzentrischer und monotoner editiert wird, sondern eben auch eine dickere Bassdrum oder gleich einen fetteren Beat bekommt, obwohl das ja der exakt zur Definition von Remix passt. Also wir merken uns: Edits sind die neuen Remixe oder so.

Um die Aufzählung zu komplettieren: „Bootleg“ bezeichnet überhaupt keine musikalische Kategorie. Ein Bootleg ist zu allererst eine Schwarzpressung, also ein nichtlizensiertes Stück Musik. Oder um es juristisch zu formulieren: Ein Bootleg ist eine Urheberrechtsverletzung.
Heutzutage ist der Großteil der Remixe gleichzeitig auch ein Bootleg, der ohne Genehmigung der Rechteinhaber entsteht. Ableton und Soundcloud sei Dank!

Und wenn wir schon dabei sind, gleich noch ein kurzer Abriss über die Rechtslage: Ein Remix ist eine Bearbeitung und bedarf der Genehmigung aller Rechteinhaber. Das sind zunächst mal die Urheber der Komposition und des Textes, aber auch die Inhaber der Rechte an der Aufnahme, die bearbeitet wird. Stichwort Leistungsschutzrecht. Dazu aber später mehr im Workshops zum Thema „Rechte und Pflichten eines Remixers“.

DJ Remix – Geschichte & Entstehung

Remixing ist keine neue Kulturtechnik, ganz im Gegenteil. Um es mit den Worten des Musiklehrers und YouTubers Adam Neely zu sagen: Die Praxis, vorhandene Basslines zu kopieren, um neue Stücke darauf aufzubauen, ist faktisch die Grundlage davon, wie westliche Musik geschrieben und gelehrt wurde. Es ist die Art, wie sich Musik seit einigen hundert Jahren weiterentwickelt. Er bezieht sich auf den Fall Marvin Gaye vs Ed Sheeran, deswegen spricht er explizit über Basslines. Vorhandene Melodien zu nehmen, um sie in neue Stücke zu integrieren, ist eine in der klassischen Musik ganz normale Kulturtechnik. Im Jazz bezeichnet man die Technik, eine neue Melodie über eine schon vorhandene Akkordfolge zu legen, als Kontrafaktur. Klingt staatstragender als „Remix“, ist aber nicht wirklich etwas anderes. Wir lernen: Vorhandene Ideen zu nehmen, sie zu verändern, um ein neues, möglichst eigenes Ding daraus zu machen, ist kein „Klauen“, es ist die schlicht einzig sinnvolle Definition von Kreativität. Der einsame Künstler, der zu Hause sitzt und aus dem Nichts Inspiration erfährt und neue Werke erschafft, ist ein Trugbild. Es mag solche Menschen geben, aber in aller Regel bauen Menschen auf dem auf, was andere Menschen vor ihnen geschaffen haben. Das gilt für alle Bereiche, ganz besonders aber für die Kunst.

Francis Grasso – Der Pionier

Francis Grasso, Anfang der Siebziger Resident DJ im New Yorker Sanctuary, erfand das Beatmixing oder brachte es zumindest zu einiger Popularität. Er sorgte dafür, dass der Beat nie stoppte, er war der erste DJ, der Kopfhörer in sein Setup integrierte. Auch erfand er das Slip Cueing mit einer Slipmat auf dem Plattenteller, die Vorrausetzung dafür, Tracks präzise starten zu können und damit der Grundstein für jede Form von exakt geplantem Übergang. 
Er war auch bekannt dafür, mit zwei Exemplaren der gleichen Single die tanzbarsten Stellen der Stücke endlos zu verlängern und erfand damit im Livebetrieb den Remix, wie wir ihn heute kennen. OK, wer vorher gut aufgepasst hat, mag mich an dieser Stelle unterbrechen und darauf hinweisen, dass es sich bei dem, was Grasso tat, nur um einen Live-Edit handelt, aber egal, ihr wisst schon, was ich meine.

Tom Moulton – Erfinder der Maxi-Single

Tom Moulton hatte schon zuvor für die Musikindustrie gearbeitet und ein gutes Gespür für Hits bewiesen, als er 1972 im Fire Island Hotel in der Nähe von New York einen Tanztee besuchte, auf dem viele weiße Menschen zu Soul tanzten. Die Situation gefiel ihm sehr, denn auch er war ein Weißer, der gerne schwarze Musik hörte. Als er dort sah, wie die Euphorie, die die einzelnen Songs aufbauten, jedes Mal in sich zusammenfiel, wenn der Song zu Ende war, was bei den damals verwendeten Singles unweigerlich nach knapp über drei Minuten passierte, kam ihm die Idee zu einem besonderen Mixtape. Seine folgenschwere Idee: Die Leute sollten schon zum nächsten Song tanzen, bevor der alte vorbei war! Das Tape schlug ein wie eine Bombe! Das Problem daran: Die ersten 45 Minuten kosteten ihn über 80 Stunden Arbeit an der Bandmaschine. Die einzige Möglichkeit, den Aufwand zu minimieren, waren längere Songs. Also nutze er seine Kontakte zur Musikindustrie, fragte nach Instrumentalversionen und verlängerte die Tracks damit. So kam eines zum anderen und er wurde bald gefragt, ob er den gleichen Job nicht auch im Studio machen wollte. Und so kam es, dass Moulton „Do It (‚Til You’re Satisfied)“ von B.T. Express von knapp über drei Minuten auf fünfeinhalb Minuten verlängerte. Um ihn auf eine herkömmliche 7“-Single zu pressen, musste der Basspegel reduziert werden. Laut Moulton passierte das so, „dass der Song scheinbar sehr viel Bass hatte, was aber überhaupt nicht stimmte.“ Obwohl die Band die verlängerte Version hasste, wurde sie ein Riesenhit.

Der nächste Schritt war ein Medley (Potpourri? Megamix?) von Gloria Gaynors Songs „Honey Bee“, „Never Can Say Goodbye“ und „Reach Out“. Eine 18-minütige Discosinfonie, die die DJs einfach lieben mussten, weil sie endlich in Ruhe zur Toilette gehen konnten. (Ja, so einfach kann es manchmal sein.) Ein Song, der über eine ganze Albumseite ging. Der Rest ist Geschichte. Tom Moultons Remixe waren und sind omnipräsent, wenn es um Disco geht.

Mindestens ebenso wichtig für die Dancefloor-Historie: Auf Moultons Konto geht auch auch die Erfindung der Maxi-Single: So wichtig die Geschichte auch ist, sie ist erstaunlich kurz und banal: Moulton wollte eine Testpressung von Al Downings „I’ll be holding down“ anfertigen lassen, aber es gab keine Single-Rohlinge mehr im Studio. Also musste ein 12“-Rohling benutzt werden. Um den vielen Platz nicht zu verschwenden, wurde der Song sehr viele lauter und bassiger geschnitten, als das mit einer Single möglich gewesen wäre. Moultons Reaktion? „And of course when I heard it I almost died“. Muss ich mehr sagen? Ohne die 12“ wäre der weltweite Siegeszug des Konzepts „Disco Remix“ nicht möglich gewesen. 

Die 12“ von „I’ll be holding down“ wurde nie offiziell veröffentlicht, deswegen gebührt der Ehrentitel „Erster offiziell auf 12“ veröffentlichter Track“ dem Walter-Gibbons-Remix von Double Exposures „Ten Percent“ auf Salsoul Records. Ein Track, von dem Ashley Beedle gesagt haben soll, er sei „ a blueprint for house music“

 

Remix – Die Gegenwart

Heute ist das Konzept „Remix“ in der Musik allgegenwärtig. Dank der digitalen Revolution hat buchstäblich jeder Zugriff auf Möglichkeiten, Audio zu bearbeiten, von denen die Pioniere damals nicht einmal träumen konnten. Auch dann nicht, wenn sie – wie Moulton – die großen Tonstudios der Majorlabels nutzen konnten. Und so gibt es heute von jedem Hit eine Armada von offiziellen wie nicht lizensierten Remixen.
Exakt das Gleiche gilt natürlich auch für die DJ-Booth. Francis Grassos Erben haben heute ganz andere Optionen, Stichwort Liveremixing. Das geht soweit, dass die Grenzen zwischen Live-Act und DJ immer weiter verschwimmen und Musiker wie Richie Hawtin oder Dubfire die Musik, die sie auflegen, vollkommen dekonstruieren und wieder neu zusammensetzen können. 
Aber selbst für einen recht traditionell arbeitenden DJ wie – sagen wir mal – mich bedeutet das: Ein stinknornaler Übergang, bei dem Loops, Effekte und CUE-Punkte genutzt werden, kann schon ein aufwendigerer Live-Edit sein als „Remixe“ wie zum Beispiel der oben erwähnte von „Why Did You Do It“.

Remix – Ein Ausblick

Sicher ist nur eines: Das Rad der Zeit wird in aller Regel nicht zurückgedreht. Einen Trend weg vom Remix kann ich mir nicht einmal vorstellen, auch wenn die Schallplatte wieder einen festen Platz im Nachtleben hat. Ebenfalls sicher: Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Noch steckt das automatisierte De-Mixing eines Tracks in seine Einzelspuren in den Kinderschuhen, aber dort wird es nicht lange verbleiben. Und man munkelt, Native Instruments scharre schon mit den Füßen, um diese Technologie in Traktor einzubauen. Vielleicht hebt dann die an sich hervorragende Idee des DJings mit STEMS doch noch ab und hievt das Thema Liveremixing auf ein neues Level. 

Allen, denen das ganze Geremixe eher auf die Nerven geht, möchte ich eine wichtige Botschaft mit auf den Weg geben: Ich habe extra nachgesehen, Remixing nimmt niemandem etwas weg, alle Originale sind noch da. Unverändert.


Literatur:

– Bill Brewster & Frank Broughton, „The Record Players“, Black Cat (20120)
– Bill Brewster & Frank Broughton, „Last Night a DJ Saved My Life: The History of the Disc Jockey“ (Headline Book Publishing, 1999)
- Ulf Poschard, „DJ Culture“, (Tropen, 1995)

Forum
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    TobyB  RED

    Hallo Walter,

    cooler Artikel nach meinem Geschmack :-) Obwohl ich persönlich vermisse Stars on 45 und Papa was a Rolling Stone von den Temptations. Welche in der 23 Minuten Fassung auch den Tanzboden sprengte. Technisch gesehen kein Remix in der Erstveröffentlichung, würde ich auch Frankie Goes To Hollywood mit Relax, Welcome To Pleasuredome, Two Tribes, sowie Propaganda auch als Meilensteine bezeichen, weil das „remixen“ ja Teil der Labelkultur von ZTT war. Man höre FGTH vs Propangande P4F P Machinery with Relax etc. Oder 808 State – Pacific State.

  2. Profilbild
    Sudad G  

    Schöner Artikel!

    Remixe sind wirklich sehr alt.
    Denke dabei immer an Ravel’s großartigen Remix von Mussorgski’s „Bilder einer Ausstellung“.
    Erst durch den Remix fand das Werk von Mussorgski weltweit Beachtung.

    Heute sind Remixe von recht unterschiedlicher Qualität. Mal schlechter mal besser als das Original.
    Vor allem wenn das Original zeitlos und perfekt klingt oder sogar ein Klassiker ist, wirkt der Remix eher wie eine Karrikatur als eine Verbesserung. Das sollte natürlich nicht sein.

    Interessant finde ich aber immer, was man aus Accapellas so alles anstellen kann.
    Eine „Öko-Klampfen-Nummer“ auf Deep-House oder gar R&B zu trimmen kann manchmal eine ganz eigene coole Atmosphäre schaffen.

    Ich nutze dieses Phänomen sogar selbst bei eigenen Songs. Ich fertige hierzu meist ein „Ghost-Playback“ für den Künstler an, auf das man gut einsingen kann und lösche nach der Aufnahme das ganze Playback. Dann entwickle ich um die aufgenommen Vocals herum ein völlig neues Playback (Anm: Am Besten in Abwesenheit des Sängers…hehehe)
    Oftmals sind dann die Künstler positiv überrascht und räumen ein, dass sie zu dem neuen Playback so nie eingesungen hätten und freuen sich über das Ergebnis. That’s a remix! ;)

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    BadTicket  

    Toller Artikel, wenn ich auch nicht unbedingt ein Fan dieser Art von Kunst bin. Aber was da für kreative Ideen umgesetzt werden ist schon beeindruckend. Da freut man sich auf das was mit zukünftiger Technologie noch kommen wird.
    Irgendwie ist für mich die Musique Concrète auch schon eine Art des Remix, denn auch da wurden bereits aufgenommene Klänge – auch die von Instrumenten – neu zusammengestellt, wenn auch das Ausgangsmaterial in dem Sinne nicht unbedingt schon „Musik“ war. Liest man das folgende Zitat von Pierre Schaeffer so kommen die zwei Kunstarten doch recht nah zusammen: “ Instead of notating musical ideas on paper with the symbols of solfege and entrusting their realization to well-known instruments, the question was to collect concrete sounds, wherever they came from, and to abstract the musical values they were potentially containing“.

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    Coin  AHU

    Naja, irgendwann sind auch alle Variationen gespielt.
    Dann kann man nur noch kopieren.
    Mal bei Youtube eingeben: 4 Chords – 36 Songs
    So oft wurden die schon mindestens (von Stars) gespielt.
    .
    Sogar Stücke ohne Noten gibt es.
    Siehe: John Cage’s 4:33

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