Interview: Andreas Rieke alias And.Ypsilon, Teil 2

F4 25

Amazona.de:
Kannst du uns ein bisschen erzählen, wie du beim Komponieren vorgehst?

And.Ypsilon:
Ich fange Stücke meistens mit dem Beat an. Ich bin halt Beat-zentriert. Das ist ein eher spontaner Akt. Wenn schon irgendwas da ist, irgendein Loopsample, ein Grundthema, dann ist ein Tempobereich schon mal vorgegeben. Aber wenn ich von Null einen Beat mache, dann mache ich das eben nach Lust und Laune. Und dann gucke ich, ob das Tempo nicht vielleicht ein bisschen anders sein darf, damit es noch besser passt. Im Extremfall bis zu vier Nachkommastellen im Logic. Das stelle ich intuitiv nach Gehör ein. Ich komme ja von den analogen Drummachines mit einem Knopf fürs Tempo. Da gibt es keine festgelegten BPMs, sondern nur eine beherzte Bewegung mit dem Knopf. Und das Gefühl für das Tempo, wie das halt sein soll für den Song.

Ich bin’s gewohnt, das Tempo erstmal ein bisschen flexibel zu betrachten. Früher wussten wir immer gleich, was wir rappen, weil wir Rapps und die Musik zusammen gemacht haben. Die haben einen Text geschrieben, ich habe Musik gemacht, dann hat man mal probeweise drauf gerappt. Tempodiskrepanzen haben wir sehr frühzeitig bemerkt. Mit den Loopsamples von früher war ich absolut festgelegt, weil es kein Timestretching gab und anderes Tempo hat auch anderes Tuning bedeutet. Der S1000 konnte zwar Timestretch Algorithmen drauf rechnen, aber das war halt Schrott, zumindest aus Groove-Gesichtspunkten. Als Effekt hingegen sehr gut. Ich habe damit sehr frühzeitig Verschrottungen gemacht, also eine Ästhetik, die ich Crunch Loops nannte. Das waren Loops, die ich mit dem Time Stretch auf 25% der Dauer gekürzt und danach wieder auf 400% wieder hochgerechnet hab, um die ursprüngliche Länge wiederherzustellen.
Das war eine ähnliche Ästhetik, wie man sie später mit Bitcrushern erzeugt hat. Aber es ist komplexer als Bitcrushing, weil der Time Stretch ja Wiederholungen einbaut. Das macht ein Bitcrusher nicht. 1993 habe ich mir damit eine ganze Library aus geschrotteten Drumloops erstellt. Musikalisch hatten sie eher die Funktion von Percussion wie Shaker beispielsweise. Unglaublich dreckige Shaker!

Amazona.de:
Du hast also die Grenzen deiner Instrumente ausgelotet.

And.Ypsilon:
Das mache ich gerne mit allen Maschinen: In den Grenzbereich gehen oder gerade dahin gehen, wo Algorithmen gerade nicht können, was ich von ihnen verlange und Artefakte entstehen. Wenn mir dieser Charakter gefällt, dann ist es gut, den Algorithmus zu “missbrauchen”, ihn zu quälen und etwas machen zu lassen, was er nicht kann, damit das, was eigentlich schlecht klingt, zum Feature wird. So entsteht eine neue Ästhetik.

Amazona.de:
Fanta 4 tritt ja mittlerweile mit großen Bands und auch Orchestern auf. Was ist da deine Funktion? Bist du eine Art Musical Director?

And.Ypsilon:
Ich habe vor allem das “Producer-Ohr”. Lillo Scrimali, unser Keyboarder, schreibt die Stücke raus und jeder kriegt Noten von ihm. Ich schicke allen Musikern Einzeltracks, jeder hört sich seinen Part an und übt ihn schon vorher. Wenn wir uns zur Probe treffen, haben alle schon geübt. Deshalb reichen uns drei bis vier Tage, um neue Stücke für eine neue Show einzustudieren. Alle Musiker haben klar verstanden, welche Rolle der Sequencer einnimmt und wie sie damit umgehen müssen, damit da ein gutes Ganzes draus wird. Wenn die Verzahnung zwischen Band und Sequencer perfekt ist, dann hört man den Sequencer nicht zwingend raus. Wir wollten immer den Original “Flavour” unserer Produktionen beibehalten und die Ästhetik unserer Stücke so haben, wie sie auf Platte ist. Und trotzdem soll es live sein. Heute besteht unsere Band aus Schlagzeug, Perkussion, Bass, Gitarre und Keyboards. Lillo ist ein hervorragender Keyboarder, weil er auch wenig spielen kann. Manchmal doppelt er nur Sachen, die ohnehin aus dem Sequencer kommen. Aber dadurch, dass er sie auch spielt, werden sie viel lebendiger und live-tauglicher, ohne den ursprünglichen Charakter zu verlieren. Das ist eine sehr disziplinierte und zurückhaltende Position. Viele Keyboarder wären dazu rein charakterlich nicht in der Lage.

Forum
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    AMAZONA Archiv

    Ja ja der Groove und die Quincy Jones Methode. :) Jeder der kreativ Musik macht, macht oft die gleichen Entdeckungen.
    Damals gab es für PC ein EMS Midi-Interface das ständig im Milisekundenbereich rumzickte.
    Bei 8 Rhythmusspuren hat es dann gegroovet!
    Ein Kumpel hat es händisch mit Audiospuren gemacht und nie quantisiert. Er war klassischer Perkussionist und hatte es einfach drauf. Zum Thema Modular und Mikrotiming. Ich stelle mir mehrere LFO’s vor die Timingsignale auf mehreren Spuren sync/async verschieben können. Gerne auch als VST3 Plug-in. Geht das nicht auch so schon? Ich dachte immer mit ein paar LFO’s/Attenuatoren/Delays etc. die Trigger und Clocksignale zu bearbeiten wäre das machbar? Das alles in einem Modul/VST wäre natürlich schon geil! Dann kann es wieder jeder……. Evolution ist schon kacke!

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    AMAZONA Archiv

    Das Warten hat sich gelohnt! Der zweite Teil ist noch packender als der Erste! Die Philosophien zum modularem Sounddesign und vor allem über den Groove, finde ich sehr interessant. Solcherlei Input ist für mich auch immer sehr erfrischend und oft versuche ich dann auch etwas davon in meine eigene Produktionsweise einzubringen. Schade dass ich derzeit eine musikalische Zwangspause einlegen muss :D und ebenfalls schade, dass dieses Interview tatsächlich schon zuende ist. Ich hätte auch noch einen 3. und 4. Teil lesen können :)

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    Steinklopfer  

    Groove in Millisekunden nach hinten und vorne verschieben? Das mache ich per Midiclock. Innerclock Sync Shift ermöglicht das Shiften der Clock in eine entsprechende Richtung. Absolut genial. Eins meiner wichtigsten Studiotools.

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    AMAZONA Archiv

    Die beiden Teile bilden zusammen eines der interessantesten Interviews, das ich seit langem gelesen habe. Ein herzliches Dankeschön an alle Beteiligten!

    Was mir nebst musikalischen und technischen Einblicken immer besonders gefällt ist der respektvolle Umgang, wie hier z. B. mit den Bandmitgliedern und deren Fähigkeiten.

    Bin da ganz bei Marius und hätte mich über zumindest noch einen Teil sehr gefreut.

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    tomk  AHU

    Schließe mich an und würde auch gern noch weiter Geschichten aus Andis Nähkästchen hören!!!
    Man gestatte mir dennoch eine kleine Anmerkung: Looking for the perfect Beat, sowie das legendäre Album „Planet Rock“ wurde von Arthur Baker produziert, ein Weißer. Soweit mein Wissen reicht war Africa Bambaataa einer der ersten der HipHop Jam´s in NY veranstaltete. Zeitzeuge dürfte hier der Film Wild Style sein.

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    changeling  AHU

    Wenn jemand Trash Metal schreibt kringeln sich mir immer die Fußnägel. Ist es so schwer zu verstehen, dass es Thrash Metal heißt? Es heißt ja auch nicht Hip Pop, sondern Hip Hop!

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