Interview: Andreas Rieke alias And.Ypsilon, Teil 2

F4 Live in Wien

Amazona.de:
Die Beats setzt ihr auf der Bühne mit Schlagzeug und Perkussion um. Wo liegen da die Unterschiede?

And.Ypsilon:
Die Auffassung von Perkussionisten bezüglich Timing ist komplett diametral zu dem, was ein Schlagzeuger macht. Es gibt den unsichtbaren Grundbeat. Man kann sagen das Metronom. Und ob es als Metronom erklingt oder nicht, ist egal, aber es ist da. Der Schlagzeuger definiert mit seinem Spiel diesen unsichtbaren Beat, und der Perkussionist spielt drum rum, sonst wäre er nicht zu hören. Seine Instrumente verlieren die Wirkung, wenn er auf diese Linie vom Schlagzeug ginge. Der muss immer davor, dahinter oder auch wechselnd sein. Er sollte niemals diesen unsichtbaren Beat berühren, sonst geht alle Leichtigkeit der Perkussion verloren. Denn das Schlagzeug bringt Festigkeit und keine Leichtigkeit. Es definiert die Zeit sozusagen. Und der Perkussionist tanzt da drum herum. Er nutzt den Beat als Anker und bewegt sich im Kreis drum rum (lacht). Und wenn dieser Kreis symmetrisch ist, dann definiert er auch wieder die Zeit. Sein Tanz muss ausgewogen sein um diesen unsichtbaren Beat, dann ist es der perfekte Groove. Dann geht das durch die Decke, hebt ab, da verliert man Zeit und Raum, wenn man so was hört. Mit dem Computer muss man sehr genau sein, um diese Zeitpunkte zu treffen, damit so was Exquisites und Besonderes entstehen kann.

Die Maschinen- und Computermusik war ein extremer Beschleuniger für die Evolution der Beats, jedenfalls für die Entwicklung von Tightness. Ein klassischer Perkussionist hat die schon immer gehabt, da herrschte schon immer ein strengere Auffassung. Ein Pauker zum Beispiel: Oh Gott, der wartet manchmal eine Stunde, bis er einen Einsatz hat, und dann ist der sowas von präzise. Was ich da höre in der Klassik trifft diesen unsichtbaren Beat perfekt. Das ist wie aus dem Computer, eigentlich noch besser.

Amazona.de:
Einige Leute werfen euch vor, zu glatt zu sein für Hiphop.

And.Ypsilon:
Mag sein. Waren wir früher vielleicht eher nicht. Natürlich haben wir uns in eine popigere Richtung entwickelt. Ich würde unsere Musik nicht Hiphop nennen. Michi meinte mal, das sei so eine Art “Alternative Rap”. Das passt ziemlich gut. Früher hätte ich gerne so geile Hiphop-Musik gemacht, wie ich sie immer gehört habe von den Platten. Ich konnte das aber nicht kopieren, auch handwerklich nicht. Ich hatte gar keine andere Chance, als einfach mit dem zu arbeiten, was da ist und eine Musik zu machen, die uns allen gefällt und alle Einflüsse mit reinzubacken, die von uns als Kollektiv kommen. Ob das dann mitstinken kann mit Hiphop oder nicht – diese Beurteilung überlasse ich anderen. Ich wollte als Teenie auch mal ein Schwarzer sein, weil die viel geilere Rhythmen machen und dieses unglaubliche Rhythmusgefühl genetisch eingebaut haben. Das, was die Schwarzen in die elektronische Musik brachten, war ja genau das, was mich so gekickt hat. Denn die Rhythmik von Kraftwerk ist nicht schwarz, sondern weiß. Und nicht so tanzbar. Die schwarze Auffassung von Elektro war für mich die Initialzündung. Africa Bambaataa – Looking for the perfect Beat. Das ist tanzbare Musik. Und es ist rhythmisch sehr ähnlich wie Trans Europa Express von Kraftwerk. Doch da ist es nicht tanzbar. Trotz aller Ähnlichkeiten sind dies verschiedene Gattungen von elektronischer Musik. Das ist nicht so leicht nachzumachen, wenn man nicht mit Funk, Soul und R’n’B aufgewachsen ist. Die deutschen Hiphop Beats sind zumindest handwerklich sehr ähnlich wie die amerikanischen Beats. Und trotzdem kommen aus Amiland immer noch die stärkeren Beats. Es hilft nix! (lacht)

Amazona.de:
Was hältst Du von den Franzosen?

And.Ypsilon:
Die haben auch eine sehr Groove-affine Auffassung. McSolaar fand ich auch astreine Hiphop-Musik, auch was Groove Ansprüche angeht. Die Franzosen machen sowieso gerne Musik mit ein bisschen mehr Gefühl als die Deutschen. Die können das nicht in jedem Bereich, aber tendenziell ist da irgendwas, wo die Deutschen gerne mal vom Rationalen beschränkt werden und die Franzosen einen Schritt weiter gehen können.
Auch die deutsche Musik hat sich gebessert und wird internationaler. Musik als Weltsprache: Nicht alles fällt automatisch unter diesen Begriff. Deutsche Musik fand ich immer gut, wenn sie originär ist. Neue Deutsche Welle zum Beispiel. Völlig astrein. Da war ich voll dabei und voll dafür. NDW war sehr progressiv im Umgang mit Elektronik. Das ist eine authentische Entwicklung.

MC Solaar

Die erste MC Solaar Platte aus dem Jahre 1991: Qui sème le vent récolte le tempo. (Wer den Wind sät, wird das Tempo ernten.)

 

Forum
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    Ja ja der Groove und die Quincy Jones Methode. :) Jeder der kreativ Musik macht, macht oft die gleichen Entdeckungen.
    Damals gab es für PC ein EMS Midi-Interface das ständig im Milisekundenbereich rumzickte.
    Bei 8 Rhythmusspuren hat es dann gegroovet!
    Ein Kumpel hat es händisch mit Audiospuren gemacht und nie quantisiert. Er war klassischer Perkussionist und hatte es einfach drauf. Zum Thema Modular und Mikrotiming. Ich stelle mir mehrere LFO’s vor die Timingsignale auf mehreren Spuren sync/async verschieben können. Gerne auch als VST3 Plug-in. Geht das nicht auch so schon? Ich dachte immer mit ein paar LFO’s/Attenuatoren/Delays etc. die Trigger und Clocksignale zu bearbeiten wäre das machbar? Das alles in einem Modul/VST wäre natürlich schon geil! Dann kann es wieder jeder……. Evolution ist schon kacke!

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    Das Warten hat sich gelohnt! Der zweite Teil ist noch packender als der Erste! Die Philosophien zum modularem Sounddesign und vor allem über den Groove, finde ich sehr interessant. Solcherlei Input ist für mich auch immer sehr erfrischend und oft versuche ich dann auch etwas davon in meine eigene Produktionsweise einzubringen. Schade dass ich derzeit eine musikalische Zwangspause einlegen muss :D und ebenfalls schade, dass dieses Interview tatsächlich schon zuende ist. Ich hätte auch noch einen 3. und 4. Teil lesen können :)

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    Steinklopfer  

    Groove in Millisekunden nach hinten und vorne verschieben? Das mache ich per Midiclock. Innerclock Sync Shift ermöglicht das Shiften der Clock in eine entsprechende Richtung. Absolut genial. Eins meiner wichtigsten Studiotools.

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    AMAZONA Archiv

    Die beiden Teile bilden zusammen eines der interessantesten Interviews, das ich seit langem gelesen habe. Ein herzliches Dankeschön an alle Beteiligten!

    Was mir nebst musikalischen und technischen Einblicken immer besonders gefällt ist der respektvolle Umgang, wie hier z. B. mit den Bandmitgliedern und deren Fähigkeiten.

    Bin da ganz bei Marius und hätte mich über zumindest noch einen Teil sehr gefreut.

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    tomk  AHU

    Schließe mich an und würde auch gern noch weiter Geschichten aus Andis Nähkästchen hören!!!
    Man gestatte mir dennoch eine kleine Anmerkung: Looking for the perfect Beat, sowie das legendäre Album „Planet Rock“ wurde von Arthur Baker produziert, ein Weißer. Soweit mein Wissen reicht war Africa Bambaataa einer der ersten der HipHop Jam´s in NY veranstaltete. Zeitzeuge dürfte hier der Film Wild Style sein.

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    changeling  AHU

    Wenn jemand Trash Metal schreibt kringeln sich mir immer die Fußnägel. Ist es so schwer zu verstehen, dass es Thrash Metal heißt? Es heißt ja auch nicht Hip Pop, sondern Hip Hop!

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