Interview: Bernd-Michael Land – Aliens Project 2009

1. August 2009

Mr. Aliens Projects Interview on Earth

Aliens Project – modulare Synthesizer-Wände, glänzendes Chrom, Raumschiff-Feeling und ein verwegener Harley-Veteran. Amazona.de wollte genau wissen, was sich hinter Bernd-Michael Lands kolossalem Studio verbirgt und hat dem sympathischen Hessen im Frühjahr 2009 einen Besuch abgestattet. Immerhin gibt es – mit Ausnahme der Studios von Hans Zimmer, Vince Clarke, Ben Edwards („Benge“) und wenigen anderen – weltweit kaum eine vergleichbare Sammlung an hochwertigsten Synthesizern und Modularsystemen in solch exzellentem Zustand! Schließlich aber ist Bernie – neben all seinen anderen Tätigkeiten – auch aktiver Musiker, was ihn sehr positiv und wohltuend vom reinen „Synthesizer Sammler“ abhebt.

Willkommen bei Bernd-Michael Land

Bei einem Willkommens-Trunk in seiner Bar präsentierte uns Bernie das erste „elektronische“ Keyboard – ein „Reproduktionsklavier“. Hierzu ein schneller Ausflug in die Welt dieser seltenen mechanisch-pneumatischen oder mechanisch-elektronischen Instrumente (Lucky-Luke Lesern in pneumatischer Version auch als „Western Saloon Piano“ bekannt) …

Ein Klavier, das von außen ganz gewöhnlich aussieht, …

„Das Reproduktionsklavier ist ein automatisches Klavier, das von einem Pianisten eingespielte Musikstücke inklusive der Anschlagsdynamik weitestgehend authentisch wiedergeben kann, eben reproduziert. Erste Reproduktionsklaviere gab es ab 1905. Diese pneumatisch oder elektronisch gesteuerten Instrumente benutzen als Tonträger Lochstreifen aus Papier oder magnetische Bänder (Kassetten). Ab 1986 produzierte der Klavierhersteller Bösendorfer seinen Computerflügel SE290. Dieser konnte durch eine elektronische Aufnahmeeinrichtung das Spiel eines Pianisten perfekt aufnehmen und reproduzieren. Die Aufnahmen ließen sich anschließend elektronisch editieren.“ (Überarbeiteter Beitrag aus http://de.wikipedia.org)

… innen aber Elektronik zur Aufnahme der mechanischen Vorgänge besitzt

Doch von der mechanischen Welt nun endlich zur Musik-Elektronik. Bernie hat es sich nicht nehmen lassen, uns sein Studio – und seine Person – ausführlich zu präsentieren …

Hallo Bernie! Kannst du uns zunächst einen kurzen Überblick zu deinem beruflichen und auch musikalischen Werdegang geben?

In jungen Jahren, ich war so um die Vierzehn, durfte ich öfter mal das alte Klavier von der Oma meines Freundes malträtieren, das in seinem Zimmer stand. Während er mich mit seiner elektrischen Hertie Gitarre dazu begleitete, trommelte die alte Dame ständig an die Türe und schimpfte: „Schmeiß doch endlich den Holzhacker raus!“

Das hat mich aber nicht davon abgehalten, mit Musik weiterzumachen, denn kurz darauf kam mir eine elektronische Orgel ins Haus, und es folgte der Selbstbau meines ersten Theremins. Schräge Klangexperimente, nicht selten unter Einsatz ausrangierter Bandmaschinen vom Sperrmüll, waren dann mein Einstieg in die Welt der elektronischen Musik.

Mein „richtiger“ Beruf ist Kunst- und Bauschlosser, und der erste selbstverdiente Lohn ging natürlich schon für Equipment drauf. Später machte ich dann meine Meisterprüfung im Schlosserhandwerk sowie die Ausbildung zum Schweißfachmann. Eine fundierte musikalische Ausbildung habe ich jedoch nie gemacht, wenn man von ein bisschen Orgel- und Klavierunterricht und Harmonielehre mal absieht.

Die wohl wichtigste Inspiration bekam ich sicherlich 1968 von Wendy Carlos mit dem Album „Switched on Bach“. Obwohl mich Klassik damals überhaupt nicht interessiert hatte, hat mich die Faszination dieseswarmen vollen Klanges eines Moog Modularsystems nie wieder losgelassen. Daneben begeisterte mich natürlich auch diese völlig neuartige Technologie, mit der beinahe unüberschaubaren Anzahl von Knöpfen, Steckern und Kabeln – auch das hat mich für mein weiteres Leben stark geprägt.

Das Equipment wechselte ständig, und eine ganze Zeit lang war ich dann als Keyboarder mit B3, Hohner Strings, Fender Rhodes, ARP Odyssey und Minimoog in diversen Bands unterwegs. Die Gigs haben mir zwar immer viel Spaß bereitet, ließen mir aber nur wenigSpielraum für Experimentelles.

Im Jahr 1977 bin ich nach Dreieich umgezogen, und dort richtete ich mir im Keller ein kleinesHomestudio ein. Der Roland 700 Modularsynthesizer mit einem MC-8 Sequenzer und ein Roland System 100 wurden der zentrale Punkt des Studios. Auf der Suche nach neuen Klängen lernte ich schnell, sicher mit modularen Synthesizern umzugehen und beschäftigte mich intensiv mit Klangforschung und Sounddesign. Die Live-Aktivitäten schliefen in dieser Zeit etwas ein. Im Studio wurde experimentelle elektronische Instrumentalmusik und Avantgarde produziert, aber auch diverse Musik und Sounds für Theater, Film und Werbejingles.

Peter Grandl am Manikin Memotron

Im Jahre 1983 wurde dann meine erste Firma gegründet, und ich wagte den Sprung in die Selbstständigkeit. Vorher hatte ich noch geschwankt, konnte ich doch zwischen Airbrush, Musikproduktion und Sicherheitstechnik wählen. Entschieden habe ich mich dann für letzteres, ein Job mit Zukunft und einer soliden Basis.

Die nächsten 5 Jahre trat die Musik dann etwas mehr in den Hintergrund, da ich fast all meine Energie in das neue Unternehmen gesteckt habe.

Im muffigen Keller war es mittlerweile ziemlich eng geworden, dazu kam noch meine Scheidung, und so folgte 1990 ein weiterer Umzug in andere Räumlichkeiten.

Über die Jahre hinweg kamen immer wieder neue Geräte hinzu, manche Sachen wurden wieder verkauft – es war ein ständiger Wandel. Digitale Synthesizer, Sampler und ein Atari Computer erweiterten damals meine technischen Möglichkeiten enorm. Ich hatte mit dem Ensoniq EPS wirklich alles gesampelt, was irgendwie ein Geräusch von sich gab und dann in die Musik verpflanzt.

Ab 1993 ersetzte ein Alesis ADAT die analoge Tascam 38 Bandmaschine, der erste Schritt zum Digitalrecording war getan. Das System 700 wurde wieder verkauft, und von dem Erlös wurden ein Kurzweil K250 nebst 250 Expander, ein Polymoog und zwei Memorymoogs angeschafft. Weiteres Geld steckte ich in Outboard und in eine Tascam Konsole.

Der letzte Umzug nach Offenbach in das einsame alte Forsthaus ging 1997 vonstatten. Endlich hatte ich so richtig viel Platz, um mich auszubreiten. Viele Musiker beneiden mich darum, denn das Leben, völlig frei von nervenden Nachbarn kann ja so schön sein. Mittlerweile ist es aber auch in diesen Räumlichkeiten schon wieder recht eng geworden, so dass ich mir jetzt vor jeder Neuerwerbung ernsthaft Gedanken machen muss, ob ich das auch wirklich brauche und wo ich das Zeugs unterbringe. Die ständige Gier nach Gear hat jedoch deutlich nachgelassen, es gibt durchaus wichtigere Dinge.

Die letzten 10 Jahre stand ich wieder öfter als Livemusiker auf der Bühne, und neben den Auftritten als Solokünstler fanden so einige Projekte mit anderen Musikern statt. Von 2000 bis 2006 hatte ich beispielsweise mit Markus „Coco“ Adam (Programmierte Welten / Cocolores) recht viele Auftritte in diversen deutschen Clubs. Im Laufe dieser Zusammenarbeit sind aus den Mitschnitten die beiden Live-Alben „TheReMinator“ und „Kamerun – da chillaz“ entstanden.

Seit Mai 2006 bin ich aktiv bei der EK-Lounge dabei [EK = Elektro Kartell, Anm.], einem Ambient-Session-Projekt mit Musikern von dem Elektro-Kartell.

Mancher Klang-Enthusiast staunt in Anbetracht deines enorm umfangreichen (und exzellent ausgestatteten) Studios. Wie kann man sich ein solch aufwendiges Hobby leisten?

Oft werde ich gefragt, woher das ganze Geld stammt, ob ich reiche Eltern hatte oder Millionär bin. Das wäre zwar sehr schön gewesen, trifft aber leider nicht zu. Mein Vater war nur ein einfacher Hausmeister, lebte in einer Sozialwohnung, und eine reiche Oma konnte ich auch nicht beerben. Der erste Eindruck kann da manchmal etwas täuschen, und wer mich näher kennt, der weiß das auch.

Wenn beispielsweise ein Modellbauer etwas anspruchsvollere Flugzeugmodelle, z.B. einen Hubschrauber baut und diesen in den Büschen versenkt, gibt er sicherlich deutlich mehr für sein Hobby aus. Ein schöner Sportwagen – und ich rede hier nicht von Aston Martin oder so – liegt preislich auch nicht unbedingt in günstigeren Regionen, als ich mal für das ganze Getrödel im Studio bezahlt habe. Es stellt sich eben immer die Frage, wie man seine persönlichen Prioritäten setzt.

Mein sauer verdientes Geld stecke ich nun mal viel lieber in Equipment als beispielsweise in die Urlaubskasse. Ich mag nun mal keinen Sand in der Ritze, aber vielleicht empfinden andere Menschen dies als angenehm griffig, und es ist das Größte, wenn sie ihren geröteten Alabasterkörper wochenlang in der sengenden Sonne braten können bis die Haut in Fetzen hängt. Bitte sagt mir, dass ich da jetzt nichts Spannendes verpasst habe!

Das Studio ist über die vielen Jahre stetig ein bisschen gewachsen, da kam immer wieder mal ein interessantes Kästchen dazu. Viele Geräte habe ich mir zu einer Zeit gekauft, als sie preislich am absoluten Tiefpunkt waren. Alte monophone Analog-Synthesizerhat man eine zeitlang extrem billig erwerben können, denn mit diesem antiquierten Zeugs wollte doch in den Jahren um 1990 herum niemand mehr ernsthaft Musik machen. Fast jeder geierte in dieser Zeit auf Engelschöre, Shakuhachi-Flöten oder möglichst realistisch klingende Grandpianos und Strings.

Sogar der moderne Homerecordler wollte nicht mehr auf die brandneue MIDI-Schnittstelle verzichten, und man sah kaum ein Studio, wo nicht ein Atari mit Cubase stand. Ein Moog Rogue kostete damals rund 80 Mark, meinen hab ich sogar von einer netten Studentin geschenkt bekommen.

Es wäre falsch, wenn ich nicht zugeben würde, dass so mancher rare Synthesizer auch nur deshalb hier im Studio gelandet ist, weil ich mir damit einen lange gehegten Jugendtraum erfüllen konnte. Only 4 to have it.

Hat man dann aber eine bestimmte Zeit mit einem echten Fairlight gearbeitet, ist die anfängliche Magie der Maschine auch schnell wieder verflogen. Es ist – zumindest aus heutiger Sicht – eben doch nur ein lahmer und lauter Sampler mit veralteter Technologie. Viele Jahre hatte ich das wunderschöne Synclavier in meinen Produktionen eingesetzt und es dann ebenso verkauft, weil es kaum mehr eingesetzt wurde.

Fast alle Geräte, die heute das Studio bereichern, werden auch regelmäßig benutzt. Sie sind alle angeschlossen und zu 100%funktionsfähig. Mir war es immer wichtig, für jeden erdenklichen Sound stets einen optimal passenden Klangerzeuger zur Hand zu haben. Dies erspart mir eine Menge Zeit für Basteleien, und ich kann eine bestimmte Vorstellung eines Klanges völlig kompromisslos schnell und präzise umsetzen.

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    XeroX

    es hat spass gemacht das interview zu lesen.
    gerade, weil es nicht nur um modulare schrankwände ging, sondern auch um bernie den musiker und menschen.
    danke !

  2. Profilbild
    Offebacher

    Da ist so ein tolles Studio bei mir in Offenbach vor der Tür und ích hab nie was davon gehört. Dieser nette Herr produziert ja wirklich sehr abgefahrene Musik. Sehr endcooler chilliger Sound. Klasse Interview!
    Grüße
    Dennis

  3. Profilbild
    frixion

    Bernie ist Kult! Total nett, außerdem ist mein Ex- Jen SX-1000 in guter Umgebung. ;-)
    Toller Artikel von Theo (Grüsse nach Kufstein!), Cheer, Phil

  4. Profilbild
    studiodragon  

    Ja, wirklich ein sehr interessanter Artikel über Bernie’s Schlaraffenland.
    Was ich besonders mag ist die Antwort von der frage : … Gibt es in deiner erstaunlichen Sammlung besondere „Herzensinstrumente“?
    Bernie : Besonders gerne mag ich die großen modularen Dickschiffe und ganz speziell davon den PPG-300 und den Moog Modular. Aber der EMS Synthi AKS und der Minimoog Voyager gehören ebenso zu meinen Favoriten. Den Macbeth M5, das Roland System 100 und 700 und der …- och je, ich glaube, das bringt jetzt nichts, denn wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich eigentlich alle meine vielen Synthies ganz doll lieb…

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