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Interview: Horst Mayer zu seinem VA-Synthesizer MD900

Von der Tuba zum Synthesizer

6. August 2022

Vorwort der Redaktion

Alexander Semrad-Neversal alias toneup, hat nicht nur den VA-Synthesizer MD900 getestet, sondern auch seinen Entwickler in der Nähe von Wien getroffen, Horst Mayer.  Viel Spaß bei dem folgenden Interview.

Alexander:
Hallo Horst, nachdem ich die seltene Gelegenheit habe, einmal mit einem Synthesizer-Entwickler direkt plaudern zu können, würde ich gerne mehr über deinen Werdegang als Person erfahren, hast du dich schon früh für Synthesizer interessiert?

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Horst:
Ich habe mich tatsächlich schon früh für Synthesizer interessiert, ich habe in meiner Jugend einen Formant Modular-Synthesizer zusammengelötet, mein erster zusammengesparter echter Synthesizer war ein Nord Lead. Als der Nord Lead dann zu Hause stand, war mir klar, so ein Gerät möchte ich einmal selber bauen! Aber das Berufsleben hat mich zunächst auf andere Pfade geführt, ich habe eine Ausbildung in Nachrichtenelektronik und Automatisierungstechnik absolviert, das noch zur Zeit von 8 Bit Chips. 2007 habe ich mich dann selbstständig gemacht und Betriebssysteme für Steuerungstechnik in den Bereichen Industrie, Gebäudetechnik und Robotik entwickelt.

Alexander:
Woher dann der Antrieb und die Idee, den Synthesizer MD900 zu entwickeln?

Horst:
Musik hatte in meinem Leben immer schon eine wesentliche Rolle gespielt. Ich habe jahrelang in einem Jazzorchester Tuba gespielt und ich habe auch 10 Jahre lang eine virtuelle 2-manualige Hammond mittels Physical-Modeling entwickelt. Ich habe dazu ein Original samt Leslie zur Verfügung gehabt und dieses ausgiebig studiert. Im Rahmen der jahrelangen Abstimmung und Tüftelei war die wesentlichste Erkenntnis, dass die Imperfektion, die vielen kleinen Zufälle und die Fehler den wahren Charakter eines Instruments ausmachen. Ist der Algorithmus perfekt und mathematisch korrekt, so kann er doch seelenlos klingen.

Dass die Hammond im Original so klingt, ist einer Vielzahl an Kompromissen und Unzulänglichkeiten in der Konstruktion geschuldet. Das habe ich in der Detailarbeit erkannt und entsprechend umgesetzt. Diese virtuelle Hammond existiert heute in einem Exemplar, aber eine weitere Reproduktion wäre zu aufwändig. Sie wird ein Einzelstück bleiben, aber ich habe viel dabei gelernt und viel von dem Know-how steckt auch im MD900. Im Endeffekt hat aber mein Sohn mich dazu animiert, einen Synthesizer zu entwickeln. Er produziert seine Musik am Rechner mit Plug-ins. Er hat mir den Umfang und die Funktionsweise von VSTs näher gebracht, so habe ich mich wieder mehr mit Synthesizern beschäftigt und wieder an meinen Nord Lead gedacht. Im Endeffekt hat mein Sohn gesagt: Du wolltest ja immer einen Synthesizer bauen, dann mach es doch!

Horst Mayers Synthesizer-Baby, der MD900

Alexander:
Wie ist die Entwicklung dann verlaufen?

Horst:
Ich habe zunächst einmal die Sound-Engine mit den VA- und Wavetable-Algorithmen entwickelt. Diese habe als Modular-System-Modul M800 2019 auf der Superbooth vorgestellt. Der Touchscreen war damals schon zentrales Bedienelement. Die Engine wurde gelobt und gut aufgenommen, allein die Einbindung eines polyphonen VA-Synthesizers in ein Modularsystem war für viele ein Problem. Mit dem Feedback der Superbooth habe ich im Corona Lockdown das Konzept für ein Desktop-Gerät, basierend auf der Engine des M800 – eben den MD900 – entwickelt. Problematisch war in dieser Zeit natürlich, dass durch Corona die Möglichkeit, Feedback für die verschiedenen Entwicklungsstadien zu bekommen, extrem eingeschränkt war.

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Alexander:
Trotzdem ist es dir gelungen, einen Prototypen des MD900 bei der Superbooth 2021 vorzustellen

Horst:
Eigentlich sollten die Modularsystem-Module im Vordergrund stehen. Beim MD900 war angedacht, im Rahmen der Superbooth Feedback einzuholen und Vermarktungsmöglichkeiten abzutasten. Im Endeffekt war das Interesse aber so groß, dass ich mit konkreten Vertriebszusagen nach Hause gefahren bin und den MD900 zur heutigen Form fertig entwickelt habe. Dass das trotz der beginnenden Bauteilkrise gelungen ist, war eine große Herausforderung. Für einen kleinen Hersteller wie Mayer EMI ist es essentiell, gesicherte Stückzahlen von systemrelevanten Bauteilen wie z. B. den Displays und den Prozessoren zu haben, da ein Modellwechsel keine triviale Geschichte ist, sondern durchaus Platinen-Redesigns zur Folge haben kann, etwas, das bei einer Kleinserie nicht zu stemmen ist.

Alexander:
Nun ist das Baby ja erfreulicher weise auf der Welt und steht in den Läden. Du stehst ja in sehr engem Kontakt mit den Usern, wie war das erste Feedback und was sind die nächsten angedachten Entwicklungen?

Horst Mayer in seinem Refugium – hier wurde der Synthesizer MD900 zum Leben erweckt

Horst:
Ein Wunsch der User war, jeden Part und das Drum-Modul über Einzelausgänge aus dem Gerät auspielen zu können. Also haben wir reagiert und ein USB-Audiointerface mit 8 Ausgängen Klinke 6,3 mm entwickelt, das class-compliant ist und an den MD900 angeschlossen und im MD900 adressiert werden kann. Das Interface ist fertig entwickelt und sollte, wenn alles passt, Ende 2022 auf den Markt kommen. Weiterhin haben wir einen Standalone-Editor in Entwicklung, der in weiterer Folge auch als VST3 in die DAW implementiert werden kann.

Alexander:
Sind noch weitere Syntheseformen in Planung, wie siehst du die Entwicklung der elektronischen Musikinstrumente im Allgemeinen?

Horst:
Mit der Einführung von 8-fachem Multisampling im Noise-Oszillator wird der MD900 eine weitere Erweiterung des Soundspektrums erfahren. Die Entwicklung von Syntheseformen im allgemeinen sehe ich aber mehr oder minder als ausgereizt an. Meine Vision für die Zukunft wäre eine Kommunikationsschnittstelle für Studio- und Live-Umgebungen, ähnlich dem DANTE-Protokoll, in dem Klangerzeuger, Controller, Mischpulte, Audiointerfaces, Effektgeräte über Ethernet miteinander kommunizieren und zwar sowohl auf Audio- als auch auf Controller-Ebene. Ethernet als Verbindung hätte zudem den Vorteil der galvanischen Trennung, Brummprobleme und Einstreuungen würden da der Vergangenheit angehören.

Alexander:
Horst, vielen Dank für das ausführliche Gespräch und viel Erfolg mit dem MD900.

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Forum
  1. Profilbild
    Tyrell RED

    Übrigens ein sehr sympathischer Mensch der Horst. Und seine ganze Leidenschaft gilt wirklich seinem wunderbaren Synthesizer MD900.

  2. Profilbild
    Svenson73

    Schaut aus, wie eine Mischung aus Iridium und Novation Peak, für meinen Geschmack also ein sehr ansprechendes Design. Leider für mich unerschwinglich, wünsche aber viel Erfolg!

  3. Profilbild
    Schallplan

    Lieber Horst ich finde dein Synth Projekt sehr spannend. Ich bin Softwareentwickler und interessiere mich privat auch für Audioprojekte. Magst du etwas darüber schreiben, wie du dir das Know How angeeignet hast, um die Synth Algorithmen implementieren zu können? Ich kenne nur die Bücher von Will Pirkle über FX und Synth Plugins und ein paar sehr spezielle Papers über Sinusoidal Analysis und Signal Modeling.

    • Profilbild
      Horst Mayer

      Hallo Schallplan,
      Die Bücher von Will Pirkle liegen unter meinem Kopfkissen :-) wie EearLevel Engineering von Nigel Redmond, natürlich diverse papers, viel experimentieren und vielleicht das wichtigste meine beiden unermüdlichen Helfer Gernot (Betriebssystem) und Ricardo ( Mathe Sachen). Themen wie Mechanik Elektronik, Realtime und Programming, dieses „know how“ hat sich mehr aus dem Beruf gebildet.
      Aber dennoch immer das Gefühl zu wenig zu wissen :-) und dauernd am lernen.
      Melde dich einfach mal (Kontaktdaten findest du auf der Webseite)

  4. Profilbild
    Horst Mayer

    Danke Alexander für das sehr angenehme Interview und danke an die Redaktion für die Möglichkeit mich hier vorzustellen.

    • Profilbild
      toneup RED

      Hallo Horst, gerne , war mir ein Vergnügen. Ich hoffe ich habe es halbwegs zusammengefasst, es gäbe noch viel zu schreiben…

  5. Profilbild
    mfk AHU

    @Horst Mayer:

    „Also haben wir reagiert und ein USB-Audiointerface mit 8 Ausgängen Klinke 6,3 mm entwickelt, das class-compliant ist und an den MD900 angeschlossen…“

    Das wäre geräteunabhängig ein großer Fortschritt!
    Wie sieht es mit der Latenz aus?

    • Profilbild
      Horst Mayer

      Das Interface ist USB 2.0 FS
      USB audio device class spec. 1.0 und USB HID class spec. 1.1 compliant
      Die Latenz durch USB wird bei ~2ms liegen, hängt aber im wesentlichen vom Host bzw. der Audio- Konfiguration ab. Zum Thema geräteunabhängig, sollte nichts dagegen sprechen.

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