Legendäre Keyboarder: Jon Lord von Deep Purple

21. Juli 2019

Rock meets Classic

Milan Italy 23 October 2000 Jon Lord im Live Konzert mit Deep Purple (c by Shutterstock)

Wenn es um Rock-Orgel geht, assoziiert so mancher Keyboarder als Erstes damit einen ganz bestimmten Mann: Jon Lord.

Seine Spielweise und ebenso der Sound seiner Hammond prägten vor allem den Stil der Band Deep Purple. Child in Time und Smoke on the Water etwa sind nicht zuletzt durch seinen musikalischen Einfluss Songklassiker der Rockszene. Deep Purple wurde 1968 gegründet und in der Folgezeit zu einem der wichtigsten Vertreter des Hard Rock. Ihre Live-Gigs waren legendär und auch laut. Eine Wand Marshall Amps und Lautsprecherboxen allein für die Gitarre sorgte schon für entsprechenden Bühnenpegel. Und als Keyboarder lag es an Gründungsmitglied Jon Lord, dem was entgegenzusetzen.

Die Musik wurde ihm wohl schon in die Wiege gelegt, sein Vater war Performance Artist und weil es ein Piano im Haus der Familie gab, bekam Jon bereits als Fünfjähriger Klavierunterricht. Als Teenager interessierte er sich für den Jazzsound des Organisten Jimmy Smith, beim Rock ’n‘ Roll fand er die Klavierparts etwa von Jerry Lee Lewis besonders toll. Keine Überraschung also, dass es ihn bald in die britische Hauptstadt zog, die in den 60er Jahren als Swinging Londonbezeichnet wurde und fortan spielte er in verschiedenen Rhythm & Blues Bands. Kleinere Gigs in Kneipen und Clubs vor allem in der Region, doch der Aktionsradius sollte sich bald erweitern. Während mehrerer Engagements reifte Jon als Twen allmählich zum Profi und spätestens ab 1968 sollte der weltweite Durchbruch nicht mehr auf sich warten lassen.

Deep Purple in Rock – Wendepunkt in der Musikgeschichte des Rocks

Deep Purple war in Sachen Rock seine musikalische Heimat. Gemeinsam mit dem anderen Gründungsmitglied, Gitarrist Richie Blackmore, sorgte er für einen satten Ensemblesound, basierend auf mit Effekten angereicherter Hammondorgel plus Stratocaster, die von einer Batterie Marshall Türmen verstärkt wurde. Den Rest erledigten die charismatischen Vocalparts von Ian Gillan sowie das bodenständige Groove-Brett von Drummer Ian Paice und Bassist Roger Glover. Dieses Quintett brachte in ihrer Frühzeit, trotz kleinerer Umbesetzungen, innerhalb von sieben Jahren auf neun Longplay Alben und darunter waren nicht wenige Meilensteine der Rocksonggeschichte. Child in Time, Strange Kind of Woman, Black Night, Speed King, Smoke on the Water, Highway Star, Lazy, Woman from Tokyo – die Liste ist lang und eindrucksvoll. Und John Lords dominanter Orgelsound in jedem dieser Titel unüberhörbar, alleine das Drawbar-Setting von Child in Time ist heute in nahezu allen Hammond Clones zu finden. Die erste Live-Performance dieses Titels ist auf den 24.8.1969 datiert und fand im Amsterdamer Paradiso statt. Obwohl eher simpel gestrickt, der Song basiert auf gerade mal zwei Akkorden G/Am und F/G, ist es neben der emotional vorgetragenen Vocalline besonders Lords Orgelintro und -part, die den Charme ausmachen. Sogar in verschiedenen Filmen fanden die prägnanten Riffs Verwendung, darunter Der Baader Meinhof Komplex, 23 – Nichts ist so wie es scheint sowie Twister.

Der Deep Purple Orgelsound

Für Besitzer einer Hammond oder eines solchen Clones, hier die Drawbar-Settings: Upper 860 080 000 oder als Variante 800 600 000, Lower 646 000 000, 2nd Percussion Fast, Slow Speed oder Stop Rotary Speaker und ein wenig Reverb. In der Strophe wird die Percussion weggenommen, die Drawbars etwa in diese Position gebracht: Upper 868 888 888, Slow/Fast Rotary Speaker. Und während des Gitarrensolos: Upper 868 888 765, Slow Rotary Speaker.

Und wenn wir gerade bei den Einstellungen der Zugriegel sind, typischer Lord Sound für Songs wie Highway Star und Speed King ist Upper 888 833 100, dazu ordentlich Overdrive und kein Rotary-Speaker-Effekt. Bei Solo-Parts kann durchaus Slow/Fast-Rotary-Speaker funktionieren sowie bei Staccato Passagen 2nd Percussion. Wer einen Marshall Amp hat, ist im Vorteil. Und verstehen Sie das am besten als Ansatz, Feinabstimmung je nach Hammond Clone empfohlen. Gewöhnlich werden solche Drawbar-Setting Diskussionen in einschlägigen Orgelforen geführt.

Ebenso Musikgeschichte geschrieben hat das Quartriff für Orgel und Gitarre im Intro bei Smoke on the Water, wobei die Abfolge auch der nachfolgenden Instrumenteneinsätze ein Klassiker des Spannungsaufbaus für einen Rocksong darstellt. Auf dem Album Made in Japan gibt’s übrigens eine Fassung mit Soloduell Orgel und Gitarre.

Bei dieser Gelegenheit ein kurzer Ausflug zu seinem Equipment: Gelistet sind neben Grand Piano die Hammond Modelle B3, C3, A100 und XB-2, dazu die Synthesizer ARP Odyssey Mark 1 und ProSoloist, Moog Memorymoog und Yamaha DX7. Außerdem Hohner Clavinet D6, Fender Rhodes Suitcase 73 Mk1, Solina String Ensemble. Ebenso ein RMI Electra Piano, das via Tastaturkontakte mit einer C3 verbunden war. Zusätzlich konnte dank John „Dawk“ Stillwell von den untersten beiden Oktaven des Lower Manuals ein Moog Minimoog getriggert werden. Dawk war Richie Blackmores Guitar Tech. Jon Lord äußert sich gelegentlich in Interviews zu seinen Sounds, siehe YouTube-Clip unten. Seine Amp/Speaker-Systeme waren meistens von Marshall, dazu natürlich verschiedene Leslie-Rotary-Speaker-Cabinets. In der Abteilung Effektgeräte wurden unter anderem gesichtet Schulte Compact Phasing A und WEM Copycat Tape-Echo.

Jon Lords geniales Soloalbum Sarabande von 1975

Jons Neigung zur Klassik hält schon früh auch bei Deep Purple Einzug. April aus dem Jahr 1969 ist eine dreiteilige Crossover-Suite für Rockband und Orchester und hat er gemeinsam mit Blackmore geschrieben. Dieser Titel war nicht der erste Ansatz in Sachen Progressive Rock, bereits Anthem vom vorherigen Album The Book of Taliesyn (1968) ging in diese Richtung. Von Jon Lords Klassikambitionen sollte man anschließend noch viele Jahre hören.

Live galt die Band damals als eine der Lautesten und der Gig am 30.6.1972 im Rainbow Theatre schaffte es mit 117 dB sogar ins Guiness Buch der Rekorde. Bei Auftritten wurden die Songs oft in unterschiedlichen Versionen gespielt und – zur Freude des Publikums – um teils ellenlange Soloparts ergänzt. Trotz dieser unglaublichen Banderfolge war 1976 erstmal Schluss mit Deep Purple. Während dieser Jahre war Jon zusätzlich auch immer wieder auf Solopfaden unterwegs: Sarabande, Windows, Gemini Suite, dazu gemeinsam mit Tony Ashton die Filmmusik zu The Last Rebel. In Sachen Klassik war damit erstmal alles gesagt, es folgte eine längere Pause. Erst mit Boom of the Tingling Strings im Jahre 2002 und Disguises (2003) ging es wieder weiter.

Jon gründete unmittelbar danach Paice Ashton Lord und bereits 1976 wurde das Debutalbum Malice in Wonderlandveröffentlicht. Das war es dann auch schon mit dieser Band, weitergehen sollte es für ihn dann direkt bei Whitesnake. Im Nebenjob wurde er während dieser Zeit auch von Cozy Powell, Graham Bonnet und einigen anderen Musikern für die Keyboards engagiert. Und als ob er damit nicht schon genügend beschäftigt gewesen wäre, fand er noch Zeit für ein weiteres Soloalbum: Before I forget.

Als eine Neuauflage Deep Purple in Betracht kam, beendete Jon seine Mitwirkung bei Whitesnake. Von 1984 ging es also weiter damit, nicht zuletzt war es die Plattenfirma, die großes Interesse daran hatte. Im selben Jahr gab er für die Radio-Show BFBS Monday Rock Show mit Jon Bennett ein 55 Minuten Interview, anhören können Sie das hier. Trotz mehr oder weniger ständiger Wechsel der Besetzung wurden neben der Arbeit an sechs neuen Albumproduktionen zahllose Live-Konzerte gegeben. Während der 2001 Tour erkrankte Jon und musste kurzfristig ersetzt werden, knapp zwei Jahre später stieg er dann ganz aus.

Anschließend konzentrierte er sich hauptsächlich auf seine Soloprojekte, darunter auch klassische Werke. Sein Durham Concerto führte er 2007 zusammen mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra in der Durham Cathedral auf, Boom of the Tingling Strings ein Jahr darauf mit dem Queensland Orchestra in Australien. Sam Dunn führte 2010 für die TV-Serie Metal Evolution ein längeres Interview mit Jon und er äußert sich darin ausführlich über Klassik, Jazz und Metal. Den Clip sehen Sie hier.

Leider sollte das wohl nicht so weitergehen, denn im Sommer 2011 gab er öffentlich bekannt, an Bauchspeichelkrebs zu leiden. Dennoch schaffte er es, weiterhin an seinem letzten Album zu arbeiten, das er wenige Tage vor seinem Ableben fertigstellte. Dabei handelt es sich um Concerto for Group and Orchestra. Einige Zitate von ihm dazu hier. Drei Monate später begannen die Aufnahmen, wofür er das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra engagierte. Das Konzert besteht aus den Sätzen Moderato – Allegro, Andante und Vivace – Presto. Er selbst spielt seine Hammond Orgel, an den Gitarren sind Joe Bonamassa, Steve Morse und Darin Vasilev, die Vocal-Parts übernahmen Bruce Dickinson, Steve Balsamo und Kasia Laska. Mit dabei sind Guy Pratt am Bass sowie Brett Morgan an den Drums. Diese CD und auch andere sind via jonlordshop.org Website zu erwerben.

Am 16.7.2012 verstarb Jon Lord im Alter von 71 Jahren und hinterlässt ein äußerst umfangreiches musikalisches Vermächtnis der besonderen Art, das sich durch Charakter, Vielfalt und Produktivität auszeichnet. Alleine mit Deep Purple kam er auf 27 Alben und seine Soloarbeit listet 14 Alben und DVDs. Dazu kommen mit anderen Bands weitere 14 Alben. Wer sich für Details zu einzelnen Titeln und Kommentaren dazu interessiert, findet auf der Website jonlord.org eine Menge Informationen. Eine Hommage über ihn brachte die BBC 2013 unter dem Titel Jon Lord – It’s all Music, eine der besten Dokumentationen über sein Lebenswerk, sehen können Sie die hier.

Interview mit Thilo Eiff

Die Deep Purple Orgelsounds sind immer wieder Gesprächsthema für Keyboarder mit Neigung zu rockigen und aggressiven Hammond-Klängen. Ja, auch einer Hammond oder einem entsprechenden Clone muss man ein bisschen gut zureden, bis sie so richtig fetzig und breitbeinig rüberkommt. Also habe ich jemanden gefragt, der sich damit auskennt. Es ist Thilo Eiff, Keyboarder einer Deep Purple Coverband und ich kenne ihn schon lange. Während meiner früheren Tätigkeit im Musikalienhandel war er Außendienstmann eines großen Herstellers und kam eines Tages mit einem neuen Keyboard an. Kaum angeschlossen, klang es umgehend sehr nach B3 und Thilo, selber ziemlich beeindruckt von diesem Orgelsound, war gehörig am Abrocken. Ihm gefiel’s und mir auch. Ab dem Moment wusste ich, wo der Mann zuhause ist.

Klaus:
Wie kam es zur Deep Purple Coverband Peep Durple, ist ja schon eine Weile her?

Thilo:
Wir hatten als Studenten eine Coverband, um damit Geld zu verdienen. Wenn wir Purple Songs gespielt haben, kam das meistens richtig gut an. Uns hat es auch sehr viel Spaß gemacht, weil man Solos spielen konnte und doch relativ viel Freiraum war. Und unser Sänger kann das auch richtig gut!

Klaus:
Kommen wir gleich zu den Keyboards. Jon Lords Sound speziell der Hammond ist schon recht individuell. Was macht deiner Ansicht nach die Sache aus?

Thilo:
Er hat die Rock-Orgel erfunden. Jeder möchte so spielen wie er. Dabei ist er jazzy und hat wohl viel Jimmy Smith etc. gehört. Er ist einzigartig und hat Körperlichkeit, Virtuosität und Klassik gut gemischt. Wie er die Töne einblendet und das Leslie einsetzt, ist einfach genial.

Klaus:
Siehst du Chancen, seinen Hammond-Sound mit aktuellen Methoden so halbwegs hinzukriegen?

Thilo:
Das geht ganz gut. Leslie und Röhrenamp sind Grundausstattung für die Bühne. Im Studio geht das auch einfacher. Auf der Bühne musst du den Doppler-Effekt einfach von einem Leslie haben. Die Nord und Hammond Clones, die es auf dem Markt gibt, sind eigentlich alle super einsetzbar. Violator als Leslie-Ersatz ist ebenfalls genial. Eine originale B3 mit zwei 147er Leslies, mit umgebauten 100 Watt, ist jedoch durch nichts zu ersetzen.

Klaus:
Wie sind deine eigenen musikalischen Wurzeln und wohin geht denn die Reise derzeit?

Thilo:
Meine Wurzeln liegen in der Rockmusik der 70er Jahre. Hendrix, Purple, Zeppelin, Steely Dan, Jan Hammer, Allman Brothers etc., das ganze Zeug von damals aus meiner Jugend. Weiterhin bin ich mit Peep Durple unterwegs, habe noch eine Bluesband, wo ich Gitarre spiele. Und leite eine Band mit Menschen, die psychisch erkrankt sind.

Klaus:
Besten Dank für die Einblicke in dein musikalisches Schaffen und die Detailinfos zu coolen Hammond-Sounds der Kategorie Jon Lord Style!

Forum
  1. Profilbild
    MidiDino  AHU

    Als KInd / Jugendlicher habe ich ‚Deep Purple‘ geliebt, doch eine Kombination von Pop/Rock / Klassik ist nach meinem Ermessen niemals gelungen. Dies lag an der relativ einfachen Struktur von Songs/Liedern in sich musikalisch wiederholenden Strophen und jeweiligem, ebenfalls sich wiederholendem Refrain. Klassische Instrumente, besonders die Streicher, lediglich als Soundbegleitung zum Pop/Rock zu benutzen, lässt alle Möglichkeiten außer Acht, die Klassik bietet. – Zappa hatte dies begriffen!

  2. Profilbild
    costello  RED

    „Violator als Leslie-Ersatz“ – schätze mal, Thilo meint den „Ventilator“ von Neo Instruments. Sehr schöner Bericht. Bin auch großer Jon Lord-Fan :-)

  3. Profilbild
    Kraut Control  

    Die in Zusammenarbeit mit Eberhard Schoener entstandene „Sarabande“ ist ebenfalls ein wunderbares und in meinen Augen eher unterschätzes Album von Jon Lord.

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