Making of: Iron Maiden, The Number of the Beast

16. Februar 2020

666 - for now and forever

Als 85er Jahrgang war meine erste Begegnung mit Eddie eine, die wahrscheinlich Ähnlichkeit mit der Erfahrung vieler Jungs meines Alters hatte: Das Number of the Beast-Poster hing im Zimmer des Cousins oder großen Bruders – der Teufel an der Strippe, grinsend, lockend und Eddie dahinter, größer als der Leibhaftige selbst, als der grimmige Strippenzieher. Mein Interesse hatte das Bild damals nicht unbedingt geweckt – im Gegensatz zum Reign in Blood Cover, das etwas wahrhaftig Düsteres, wenn nicht sogar Bösartiges ausstrahlte, erschien mir dieses riesige, grinsende Skelett ein bisschen … nun ja, albern.

Boy, was I wrong.

15 Millionen Exemplare sind inzwischen verkauft worden – es handelt sich um eine der bestverkauften Metal-Platten aller Zeiten – for the devil sends the beast with wrath. Die Lyrics des Albums sind tief in das kollektive Metal-Gedächtnis eingebrannt und die Goldkehle, die sie gesungen hat, tat dies im Rahmen einer zeitlosen Performance. Wie kam es zur Number of the Beast, was ging Bruce, Steve und den anderen durch den Kopf? Eingefangener Spontanblitz oder wohl kalkuliertes Metal-Monster? The Number of the Beast ist ein Referenzwerk, das für viele den Metal definierte. Wer glaubt, dass da à la Reign in Blood oder Master of Puppets lediglich Bandenergie aufs Band gebrannt wurde, der irrt – das Album war ein durchstrukturiertes, durchkomponiertes Unterfangen.

Making of Iron Maiden, The Number of the Beast – bye, Paul!

10. September 1981 – Paul Di’Anno, damaliger Sänger und Frontmann von Iron Maiden, spielte seine letzte Show mit der Band in Dänemark (Fun Fact – Metallica Drummer Lars Ulrich war in jener Nacht ebenfalls im Publikum). Es rumorte in der Band – Paul, der die neuen Songs aus Steve Harris‘ Feder als leblos und pathetisch empfand, ging zugleich immer mehr in seiner Rolle als Rockstar auf – mit all ihren Negativkonsequenzen. Iron Maiden wurden größer und Pauls Brandy- und Koks-Konsum ebenfalls. Als ihm die Tür gezeigt wurde, war der Sänger selbst alles andere als überrascht – er hatte Gigs verpasst, seine Live-Performance immer öfter in den Sand gesetzt und konnte sich auch nicht mehr hinter der Behauptung verstecken, die neuen Songs bringen’s irgendwie einfach nicht. Die Luft mit Paul Di’Anno war raus – und das, obwohl die Band 1980 gerade in den Startlöchern war.

Paul raus, Bruce rein? So ähnlich lief das ab – Steve Harris, Bassist und seit jeher Chefkomponist und Metal-Visionär bei Iron Maiden, kannte den flamboyanten und exzentrischen Frontmann von Samson bereits persönlich – und mochte den damals 23-jährigen Bruce. Das Gleiche konnte Rod Smallwood, Manager der Band, nicht sagen – dieser empfand Bruces Aussehen auf der Bühne als lächerlich. Erst als sie sich auf dem Reading Festival das erste Mal tiefer unterhielten, schaffte Bruce es irgendwie, Rod zu überzeugen, dass er der richtige Mann war. Am 26. Oktober 1981 wurde Bruce dann in Italien als neuer Frontmann der Band vorgestellt. Was folgte, war Bruce Dickinsons Feuerprobe: Er spielte im nächsten Monat im Rainbow Theatre in London vor Tausenden Metalfans, die Pauls röhrendem und rauem Gesang die eine oder andere Träne nachweinten. Bruce‘ Gesang war da anders – er traute sich an Höhen heran wie Rob Halford, versuchte sich am Falsett und kam dabei überraschend glaubwürdig rüber. Der Gig war ein Erfolg, die letzten Zweifel von Rod waren beiseite gewischt und Steve Harris setzte sich an das Komponieren und Schreiben der dritten Scheibe – wohl wissend, dass er mit Bruce eine Koryphäe in seinen Reihen hatte.

Doch insgesamt war das leichter gesagt als getan – denn die Band hatte nichts. Das viele Touren und das Drama rund um Paul hatten nicht zugelassen, dass Steve dazu kam, Material und Riffs zu sammeln, während die Band auf Achse war. Doch wie gesagt: Er hatte ein Ass im Ärmel. Bruce war in der Lage, Dinge zu singen, die für Paul niemals in Frage gekommen wären. Also traute sich auch Steve an Riffs und Melodien, die etwas völlig Neues darstellen sollten.

Das Material sammelte sich – Adrian Smith hatte ein paar Killer-Riffs parat, die er nervös dem stets sehr kritischen und auf Qualitätsprüfung bedachten Steve Harris präsentierte. Dieser nickte das Riffkonstrukt ab, welches das Fundament für The Prisoner bilden sollte. Darüber hinaus war Adrian Smith maßgeblich für die Songs Gangland und 22 Acacia Avenue verantwortlich, doch es war Steve, der erneut den Rest der Lieder nahezu alleine trug – angefangen vom Run to the Hills bis zum Titeltrack war es seine Inspiration, die das Album zur Form verhalf. Martin Birch würde produzieren – und wenn Martin für eins bekannt war, dann seine rigorose … nun ja, nennen wir es Geduld. Der gute Mann kannte keine Gnade. Es spielte keine Rolle, wie gut einem selbst die eigene Performance vorkam – Bruce Dickinson erinnert sich immer noch mit einem Schauer daran, wie ungnädig Martin sein konnte – es wurde erst auf Stop gedrückt, wenn Birch zufrieden war. Und das konnte unzählige Takes dauern. Bruce schmiss mit Stühlen um sich, trat Türen ein, brach die Aufnahmen mehrmals ab und verschwand dröhnenden Kopfes nach Hause, sodass Steve, Adrian und Rod fürchten mussten, dass Martin ihren neugewonnenen Sänger brechen könnte. Stattdessen gipfelte dieses kreativ-zerstörerische Verhältnis im vielleicht wichtigsten Metal-Schrei aller Zeiten – dem Number of the Beast Scream bei der 1:15 Marke. Im Nachhinein dankte Bruce Martin seine Gnadenlosigkeit, doch damals war der Clash der beiden der Stoff, aus dem Legenden werden.

Für Martin Birch selbst zeichnete sich allmählich ab, dass er in der Entstehung eines ähnlich kultigen Albums involviert war wie Black Sabbaths Machine Head. Als der Produzent nach einem minder schweren Autounfall eine Rechnung von 666 Pfund im Briefkasten hatte, sah er es als Zeichen – und die Band ackerte und ackerte, konstruierte und nahm mit soviel Bedacht auf, dass nur noch wenig Zeit fürs Mixing blieb. Das recht spontan im Übungsraum entstandene Run to the Hills wurde die erste Single und erklomm die UK-Charts auf Anhieb. Das Gleiche galt für das Album selbst. Die Tour folgte – und die ersten Probleme gleich mit.

Making of Iron Maiden, The Number of the Beast – A clash of egos

Intern zeichneten sich Probleme ab, aber das war fast zunächst nebensächlich. Man muss sich klarmachen, wann diese Band zusammengekommen war und in welchem Klima sie es wagte, ein Album mit dem Namen Number of the Beast zu veröffentlichen – die frühen 80er. Konservative Kräfte waren der Mainstream und die Band wurde sofort als satanistische Gruppierung an den Pranger gestellt. In England standen ein paar fromme Geister vor ausverkauften Hallen und hielten bibbernd und geifernd Schilder hoch – in den Staaten lief das Ganze noch mal ein bisschen anders ab. Will heißen: Die CDs der Bands wurden in aller Öffentlichkeit verbrannt, metergroße Kreuze wurden vor den Hallen aufgerichtet – im Namen des Herren wurde diese Band auf ihrer Beast on the Road – Tour belagert. Für Steve Harris und den Rest der Band war das absurd – die Lyrics waren doppelbödig und keine plumpe Gotteslästerung, sondern behandelten biblische Themen auf vergleichsweise anspruchsvollem Niveau. Und während die Kritiker die Platte als Eckstein des Metals feierten und die komplexen Arrangements lobten, drehten die religiösen Gruppen zunehmend durch. Die Beast on the Road-Tour ist vielleicht die Blaupause des Clashs und Zusammenstoßes von konservativen Kräften und dem Metal und erreichte ihren Zenit während den Stationen in den Südstaaten, wo es zur Regel wurde, dass die Jungs über den Hintereingang ins Venue kamen.

Doch das war nicht alles. Gleichzeitig rumorte es in der Band. Bruce Dickinson hatte ein Ego. Steve Harris hatte ein Ego – Ego plus Ego ergibt Chaos. Der Rest der Band, der sich mehr oder minder zurückhaltend verhielt, wurde Zeuge, wie Bruce auf der Bühne während Live-Situationen immer wieder bewusst mit Steve zusammenstieß – im wahrsten Sinne des Wortes. Steve erwiderte das mit passiv-aggressiven Schulterstößen und allmählich entwickelte sich eine Dynamik zwischen beiden Männern, die zu durchaus absurden Szenen auf der Bühne führte. 100 Shows nahm die US-Tour in Anspruch – man spielte übermüdet in stillgelegten Bahnhöfen, südstaatlichen Remisen und echten Biker-Clubs, flog von Texas zum Reading Festival und von dort wieder nach Kalifornien – es grenzte an Irrsinn. Und während all dem war niemand in der Band ein Heiliger – es wurde getrunken, gefeiert und miteinander gerungen, aber diese Tour war es auch, die die Band endgültig zur Einheit werden ließ.

Making of Iron Maiden, The Number of the Beast – eine Blaupause der Equipment Frage

Adrian Smith und Dave Murray eins der ikonischsten Gitarren-Duos überhaupt. Punkt. Beide Männer hatten, genau wie Steve Harris, einen definierenden Sound, der durch bestimmte Vorlieben und Schwerpunkte beim Equipment zustande kam. Für Steve Harris gibt es seit jeher vor allem ein Instrument, das Einfluss hatte: Der Precision Bass von Fender. Dieser durchlief mehrere Iterationen, bishin zum Signature-Modell mit Signatur- Pickups von Seymour Duncan. Seine Amps wechseln, aber vor allem in der Anfangszeit und auch im Studio bei Martin Birch verwendete Steve in erster Linie Trace Elliott und Hiwatt Preamps – der mittige, treibende Bass ist im Endmix der Platte gut wahrnehmbar, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen.

Adrian Smith ist da schon eine etwas weitläufiger interessierter Gitarrist: Obwohl ihn die meisten wahrscheinlich mit Jackson Guitars assoziieren und der Mann seine Dinky Signature bis heute auf jeder Tour parat hat, kam bei der The Number of the Beast eine ganze Reihe von Gitarren zum Einsatz. Seine Gibson Deluxe Golden Top, die der Mann seit Anfang der 70er besitzt, ist ebenso stark mit dem Namen Adrian Smith verknüpft wie seine offenkundige Vorliebe für Blackstar Amps. Auf der Number of the Beast hatte jedoch eine andere Gitarre den definitiven Vorzug: Die Ibanez Destroyer, die vor allem für die Rhythmus-Sektionen zum Einsatz kam, während die Gibson SG bei einigen Lead-Passagen von Adrian genutzt wurde. Seine Liebe zu Jackson Guitars lebte erst so richtig auf, als er Iron Maiden in den 90ern für ein paar Jahre verließ – da sah man Adrian Smith eigentlich hauptsächlich mit der Jackson King V in den Händen. Doch auf der The Number of the Beast lautete das Motto: Ibanez für Rhythmus, Gibson für Leads und Marshall JCM 800 mit 1960B Cabinets für den Gesamtsound. Auch für Dave Murray war die Ibanez Destroyer eine wichtige Gitarre für die Sessions und die darauffolgende Tour, doch so richtig geöffnet haben die beiden den Sound vor allem in der Folgezeit: Sowohl Adrian als auch Dave griffen verstärkt zu Fender Custom und Fender American Standard Gitarren. Doch den vollen, saturierten Rhythmus-Sound auf der Platte erzeugten Iron Maiden an vielen Stellen eben durch die charakteristische Gibson/Marshall-Kombination. Speziell Dave setzte dabei in erster Linie auf die Kombination Marshall Plexi und Tubescreamer – beide Männer fuhren live jedoch ein nahezu identisches Setup, was ihren als Nimbus als ikonisches Metal-Duo unterstrich.

 

 

 

Fazit

The Number of the Beast markierte eine Kehrtwende im Metal: Anspruchsvolle Arrangements sollten dem Pathos gerecht werden, der transportiert wurde. Mit Bruce Dickinson fand Steve Harris einen Sänger, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger Paul Di’Anno Kapriolen und Falsett mühelos meisterte. Adrian und Dave verschmolzen zu einer Einheit und die Band war mit Judas Priest eine der ersten, die dem Satanismus-Klischee ausgeliefert wurde. The Number of the Beast definierte das Bild vom Metal und prägt es bis heute – großen Songs und großem Mix sei Dank.

Forum
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      Dimi Kasprzyk  RED

      Hallo Joerg

      Du hast völlig recht – das war selbstredend die Marshall JCM-Reihe, die zum Einsatz kam, nicht die JVM. Danke für den Hinweis.

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        Joerg  

        OK
        …hab ich mir schon gedacht, das es der altehrwürdige JCM war.
        „mehr“ hatte ich damals auch nicht zur Verfügung ;-)

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    Joerg  

    Eines meiner Favoriten von Iron Maiden !
    Bei „The number of the beast“ sind selbst die dunkelsten Grufties und Waver, die Metal an sich eigentlich gehasst haben, in meinem Bekanntenkreis damals abgegangen wie die Wildkatzen :-)

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      Dimi Kasprzyk  RED

      Ja – es ist definitiv so etwas wie der eine große gemeinsame Nenner über sämtliche Metal-Nischen hinweg, keine Frage.

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    wolftarkin  AHU

    Ha, was ist denn das fuer eine Ueberschrift?
    Es haette heissen muessen: 666 – the one for you and me!

    Den Rest lese ich nachher in Ruhe durch, ;-)

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    Stephan Güte  RED

    Finde das Album eher eines der schlechteren von IM … der Höhepunkt war IMHO „7th son of a 7th son“: Nicht mehr so gepresster Sound, coole Arrangements, klingt um vieles reifer, als die NOTB.

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    El Pony

    Lese die Making of Reihe wirklich gerne. Und auch wenn es nicht immer Musik ist, die ich mag, so kann ich mich den Alben noch einmal von einem anderen Blickwinkel nähern.

    Habe eine Frage… „Die CDs der Bands wurden in aller Öffentlichkeit verbrannt“.
    Tatsächlich verbrannt? Tatsächlich CDs? Oder literally verbrannt? Oder wurden LPs verbrannt?

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    Tharkun

    Sehr interessanter und guter Artikel.
    Nur das Album Machine Head von Black Sabbaths kenne ich nur von Deep Purple, oder habe ich da was verpasst ?

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