Test: Ableton Live 10.1, Digital Audio Workstation

22. Februar 2019

Endlich scharfe Kurven

ableton live 10.1

Ableton Live 10.1

Das Update auf Ableton Live 10.1 steht kurz bevor, die Betatestphase ist bald zu Ende. Was für Neuerungen bringt das kostenlose Update für alle Ableton Live 10 Besitzer? Die wichtigsten Neuerungen betreffen Workflow und Automation, beginnen wir aber zunächst mit dem Offensichtlichen.

VST 3

Mit der Version 10.1 gibt es jetzt auch VST3-Support. Ableton Live 10.1 arbeitet dabei ausschließlich mit 64 Bit Plugins.

Wavetables Synth in Ableton Live 10.1

Im Wavetable Synthesizer gibt es nun eine neue Wellenformkategorie namens User. Wählt man diese aus, so kann man einfach per Drag‘n‘Drop eigene Samples als Basis des Wavetable-Synths benutzen. Ein Algorithmus sorgt dafür, dass die Enden des Samples auch zu einer sinnvollen Wavetable führen. Über den Raw-Schalter kann man das importierte Sample auch im Original benutzen.

ableton live 10.1

Einfach per Drag’n’Drop die Wave-Datei reinziehen…

... und man hat eine Custom-Wavetable

… und man hat eine Custom-Wavetable

Channel EQ

Es gibt einen neuen EQ in Ableton Live 10.1 – den Channel EQ. Dieser ist eine Mischung aus dem simplen EQ-Three und einem Band des EQ-Eight. Er besitzt drei Bänder, wobei sich die Mittenfrequenz selber wählen lässt. Zusätzlich besitzt er ein Highpass-Filter bei 80 Hz. Er ist einfach zu bedienen und liefert schnell brauchbare Ergebnisse und ist dabei intuitiver als EQ-Three und EQ-Eight. Vom Klang her orientiert er sich auch eher am EQ-Eight.

ableton live 10.1

Der neue Channel-EQ von Ableton Live 10.1

Bye bye Simple Delay and Ping Pong – hello Delay

Zwei der ältesten Delays quittieren ihren Dienst: Simple Delay und Ping Pong gibt es nicht mehr. Sie werden ersetzt durch Delay, das die Eigenschaften beider Plugins miteinander vereint. Hinzugekommen ist die Einstellung des Verhaltens bei Veränderung der Delay-Zeit: Repitch (wie ein Bandecho), Fade (die Delays werden ineinander geblendet) und Jump (es wird einfach direkt auf die neue Delay-Zeit gesprungen).

Das neue Delay von Ableton Live 10.1 heißt „Delay“

Das neue Delay von Ableton Live 10.1 heißt „Delay“ und bietet zusätzliche Parameter

Dabei muss man sich zunächst keine Sorgen um die Kompatibilität mit früheren Projekten machen. Lädt man ein Projekt mit den ausgedienten Delays, so werden deren Einstellungen automatisch in das neue Delay konvertiert und es klingt dann auch genau wie vorher, das konnte ich in einem Test bestätigen. Wird der Delay-Parameter Free Time allerdings von einem Macro oder einer Max4Live-Device gesteuert, so wird diese Funktionalität nicht kopiert – eine 100-prozentige Kompatibilität besteht also nicht.

Ableton Live 10.1 Automation endlich auf der Höhe

Endlich gibt es die Möglichkeit, periodische Schwingungsformen in der Automation zu nutzen; diese befinden sich im Kontextmenü und können durch Selektieren eines Zeitabschnitts eingefügt werden. Auch ist es nun endlich möglich, Werte von bestehenden Automationspunkten über die Tastatur  einzugeben. Mit einem Rechtsklick kann man nun manuell Werte für neue Automationspunkte eingeben.

Die gesamte Automationskurve lässt sich nun intuitiv verschieben und versteht sogar, ob man kurvenähnliche Verläufe benutzt. Diese können dann wie S-Splines verstellt werden. Endlich keine blockigen Automationen mehr.

Nimmt man ohne Quantisierung auf, z. B. über einen externen Controller, oder zeichnet man diese manuell ein, werden die Eingabewerte nun endlich geglättet, so dass keine Parametersprünge entstehen. Wo es geht, werden aus vielen Punkten, wenn möglich Kurven erzeugt, die sich dann leichter bearbeiten lassen.

Um nicht mit Automation und Modulation innerhalb eines Clips durcheinander zu kommen, kann man nun in der Envelopes Info-Box zwischen beiden umschalten.

Automation und Modulation sind nun deutlich abgrenzbar

Automation und Modulation sind nun deutlich abgrenzbar

Das Ende der Scrollerei in Ableton Live 10.1

Eine winzige Änderung nimmt einem viel Arbeit ab: Die Arrangement-Ansicht kann nun mit den Buttons bzw. den Tasten H und W umgeschaltet werden. Ein Klick auf H und die Ansicht zeigt alle Spuren an. Ein Klick auf W und man hat das Arrangement von Anfang bis Ende in der Ansicht. Hinzu kommt, dass man die vertikale Darstellung der Übersicht nun deutlich vergrößern kann. Bei der vertikalen Übersicht werden auch alle Spuren ausgeklappt, so dass man deren Inhalt sehen kann.

Endlich Übersicht in der Übersicht

Endlich Übersicht in der Übersicht

Sidechain, Freeze und Co.

Tracks die Sidechain-Routing nutzen, also beispielsweise Kompressoren, können nun eingefroren werden. Zusätzlich dazu bieten eingefrorene Spuren nun einen Post-FX-Ausgang, so dass diese auch im eingefrorenen Zustand als Sidechain-Quelle dienen können.

Was nicht geht, ist das Einfrieren eines Send-Tracks aus einem Instrument, wie z. B. Impulse heraus. Versucht man das, bekommt man (in der Beta-Version 10.1.b12) eine Fehlermeldung.

Das einfrieren von Send-Tracks funktioniert nicht

Das Einfrieren von Send-Tracks funktioniert nicht

Passend dazu gibt es eine neue Rendering-Option: Include return and master effects, die die Ausgabe aller Return-Spuren (inklusive Master) als einzelne Dateien speichert.

Andere Neuerungen betreffen den Umgang mit Trackpad/Touchscreen-Eingaben. Alle Details zum Update findet man hier: Live 10 Beta Release Notes.

Fazit

Alles in allem ein sehr gelungenes Update, bei dem vor allem der Umgang mit Automationsdaten endlich auf Augenhöhe mit anderen DAWs ist. Die eigenen Wavetables, der neue EQ und das zusammengelegte Delay sind nett, für mich aber nicht die Hauptattraktion. Vielmehr sind es die kleinen Änderungen, die vor allem das Arbeiten in der Arrangement-Sicht enorm erleichtern. Natürlich ist der Support von VST3 großartig, wenn auch überfällig.

Gut, dass man nun Plugins mit Sidechain-Funktion einfrieren kann, da gerade hier gerne CPU-hungrige Component-Modeling-Kompressoren sitzen. Ein Einfrieren für Sends aus Instrumenten heraus wäre aber auch wünschenswert gewesen.

Ob die Idee, die beiden Delays zusammenzufassen, durchdacht war, wird sich zeigen. Denn das neue Delay kopiert zwar die Einstellungen und den Klang der beiden alten Herren exakt, hat man aber mit Makros und Max4Live gebastelt und dabei den Free-Time-Parameter moduliert, muss man das manuell wieder nachbessern.

Ein gelungenes Update, das das Handling verbessert, die Performance steigert und vor allem die Automation auf die Höhe der Zeit bringt.

Plus

  • Wave-Import in Wavetable-Synth
  • praktischer Channel-EQ
  • umfangreiche Verbesserung der Automationsbearbeitung
  • bessere Übersicht in der Arrangement-Ansicht
  • schnelleres Handling

Minus

  • kein Einfrieren von Send-Spuren
  • keine 100%-Kompatibilität des neuen „Delay“ mit „Simple Delay“ und „Ping Pong“

Preis

  • kostenlos für Live 10-Besitzer
Forum
  1. Profilbild
    PLan9  

    Send Effekte einfrieren?. Geht das überhaupt?. Ich habe gegoogelt aber
    nichts gefunden.

      • Profilbild
        PLan9  

        Ich mein so rein von der Überlegung her kann
        es eigentlich nicht gehen.
        Postfader Inserts werden schon nicht gefreezed.
        Effeckt spuren können ja mehere Sends haben.
        Und wenn es wirklich so wäre das der send effeckt
        mitgefrezed würde dann würde das gefreezte beim
        abspielen nochmal durch den send gehen. Und
        Postfader sends geht schon mal garnicht.
        Aber ich harre der Erleuchtung.

  2. Profilbild
    #n3rd4l3r7  AHU

    Kritikpunkt:

    “ keine 100%-Kompatibilität des neuen „Delay“ mit „Simple Delay“ und „Ping Pong“ “

    Halte ich für einen konstruierten Minus Punkt. Denn das Delay kann beide sehr wohl zu 100% ersetzen. Schreibt der Autor ja selbst. Ich habe bei meinen alten Sessions bisher auch keinerlei Probleme diesbezüglich wahrnehmen können.

    Wenn man dann zusätzlich noch andere Modulationen mit Dritthersteller Software einbaut hat das mit dem Plug-in an sich erstmal nichts zu tun.

  3. Profilbild
    TimeActor  AHU

    Nach immer mal wieder Demo installieren, deinstallieren weil ich mit der linearen Arbeitsweise/Darstellung irgendwie nicht zurecht kam habe ich mich jetzt noch mal intensiver mit der 10.1 beschäftigt und siehe da…ich komme nun aufeinmal zurecht was soweit geht das ich mir Live zulegen werde.
    Ob dies jetzt am Update liegt kann ich gar nicht sagen, auf jedem Fall ist der „Schleiher“ der Bedienung etc. der mich in den letzten Jahren immer einen Bogen um Live hat machen lassen komplett verschwunden! Jetzt macht es mir sogar Spaß damit loszulegen.
    Mir selbst ein Rätsel – aber die vielen begeisterten User und Profis können ja nicht irren ;-) dachte ich mir.

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